| Bestandsaufnahme
zum Kinderfernsehen 2000 |
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| Judith Seipold |
Eine kritische Debatte tut Not! Was ARTE den Frühsehern
des Kinderkanals beschert
Bei Kinderflächen und beim Kinderkanal dürfen sich Eltern wie Kinder, wenn
nicht sogar auf qualitativ hochwertiges, so denn doch zumindest auf akzeptables
Fernsehen verlassen. Warten Kinder auf solches Kinderprogramm, vermuten sie
auch nichts Schlimmes. Hoffentlich haben am Samstag, 27.05.2000, ca. 20 Minuten
vor 6.00 Uhr, keine Kinder bei dem Sender ARTE gewartet, der ja auf dem gleichen
Kanal wie der KiKa sendet (ARTE vor 6.00 Uhr, der KiKa ab 6.00 Uhr). Die Frage,
ob und gegebenenfalls welche Gedanken sich der Redakteur von ARTE über sein
Publikum gemacht hat, beunruhigt Medienpädagogen zumindest ob der Fahrlässigkeit,
die dabei zum Vorschein tritt. Eltern ist der Rat mitzugeben: Vorsicht ist geboten
beim Programmwechsel von ARTE zum Kinderkanal. ARTE strahlte über 20 Minuten
folgende Programmvorschau aus, die sich in 6 Teile gliedert:
1. Dracula
Die Vorschau zum Film Dracula zeigt einen Filmausschnitt ohne Kommentar,
Sprache oder Musik. Die Geräuschkulisse besteht aus erregtem Atmen einer jungen,
weiß gekleideten und auf einem Bett liegenden Frau. Der Vampir beugt sich über
die Frau, streicht mit der Hand über ihren Körper und beißt ihr am Ende der
knapp einminütigen Szene in den Hals. Der Vorschau zu Dracula, einer
hoch erotischen und tödlich endenden Szene, fehlt zumindest die sprachliche
Einordnung oder Auflösung.
2. Die Strausskiste
Als zweites läuft ein knapp siebenminütiger Kurzfilm über eine Aufführung
eines Werkes von Johann Strauss. Die Vorbereitungen einer Theateraufführung
in der Garderobe ist zu sehen. Diesen selbstverständlich unproblematischen Bildern
folgt eine Chirurgie-Szene, die Kinder nicht so einfach einordnen können, insbesondere
wenn der Handoperation etwas folgt, das nach einer Handprothese aussieht.
3. Die Juni-Vorschau
Die Programmvorschau für den Monat Juni 2000 schließt mit den Worten „Zeichentrick
und Wissenschaft aus erster Hand.“ Zum Stichwort „Wissenschaft“ sieht ein Zuschauer
die kurze Detailaufnahme einer Handoperation. Es folgt eine kurze Sequenz mit
einer Art Handschuh und einer Handprothese auf einem Holztisch. Sie erscheint
zum Stichwort „...aus erster Hand“. Für Erwachsene mag diese Wort-Bild-Kombination
amüsant sein. Aber Kinder mit den Bildern einer Handoperation und einer Handprothese
zu konfrontieren und diese Bilder nicht zu kommentieren, ist sicher nicht angemessen.
4. Tracks
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"...und kleine Bedürfnisse."
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Die Ankündigung des Musikmagazins Tracks ist nur 30 Sekunden lang, dafür
aber beladen mit skurrilen Bildern von kreischenden Menschen, Sexspielen und
einem sein Bedürfnis verrichtenden Hund.
5. Dem Täter auf der Spur
Die nächste, knapp eine Minute lange Vorschau zeigt eine verweste Leiche im
Wald. Die Leiche besteht nur noch aus Überresten von Haut, Fleisch und Skelett.
Dies machen Detailaufnahmen deutlich sichtbar. Unheimliche Musik untermalt die
Bilder, gesprochen wird nicht.
6. Scénarios sur la drogue
Schauplatz dieser Szene ist ein Markplatz, wahrscheinlich in Frankreich. Man
sieht zwei Minuten lang, wie ein Mann von Leuten Geld bekommt und ihnen dafür
etwas gibt. Die Laufkundschaft setzt sich aus erwachsenen Menschen jeden Alters,
Geschlechts und Milieus zusammen. Das Gesprochene beschränkt sich auf den Satz
„Hast du was?“. Der Mann überreicht daraufhin - jedes Mal wortlos - seinem Kunden
ein kleines Tütchen und erhält dafür Geld. Der Programmstart des Kinderkanals
beendet den Film Scénarios sur la drogue. Zuschauer, die den französischen
Filmtitel nicht lesen können, erfahren auch nicht, was es mit dem Filmchen auf
sich hat. Die Handlung bestätigt zwar nicht die Vermutung, es handele sich um
einen Drogendealer, der auf dem Marktplatz seine Kunden bedient, sie liegt jedoch
nahe. Der Schluss bleibt offen. Kinder sind vermutlich nicht in der Lage, das
Gezeigte einzuordnen.
Wer will bei diesen Bildern des öffentlich-rechtlichen Senders ARTE an einem
Samstag Morgen hoffen, die auf den KiKa wartenden Kinder bekämen keine Angst
oder blieben ohne Verwirrung. Kinder haben doch noch keine Einordnungsmöglichkeiten,
keine entsprechende Genre- und Medienkompetenz oder Lebenserfahrung, um solche
kontextlosen Bilder von Vampiren, Operationen, Leichen und Drogendeals zu verarbeiten.
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