Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen
 
 
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Soziale Orientierung - 2000
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08. November 2008


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Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen 2000
Judith Seipold

Eine kritische Debatte tut Not! Was ARTE den Frühsehern des Kinderkanals beschert

Bei Kinderflächen und beim Kinderkanal dürfen sich Eltern wie Kinder, wenn nicht sogar auf qualitativ hochwertiges, so denn doch zumindest auf akzeptables Fernsehen verlassen. Warten Kinder auf solches Kinderprogramm, vermuten sie auch nichts Schlimmes. Hoffentlich haben am Samstag, 27.05.2000, ca. 20 Minuten vor 6.00 Uhr, keine Kinder bei dem Sender ARTE gewartet, der ja auf dem gleichen Kanal wie der KiKa sendet (ARTE vor 6.00 Uhr, der KiKa ab 6.00 Uhr). Die Frage, ob und gegebenenfalls welche Gedanken sich der Redakteur von ARTE über sein Publikum gemacht hat, beunruhigt Medienpädagogen zumindest ob der Fahrlässigkeit, die dabei zum Vorschein tritt. Eltern ist der Rat mitzugeben: Vorsicht ist geboten beim Programmwechsel von ARTE zum Kinderkanal. ARTE strahlte über 20 Minuten folgende Programmvorschau aus, die sich in 6 Teile gliedert:


1. Dracula

Die Vorschau zum Film Dracula zeigt einen Filmausschnitt ohne Kommentar, Sprache oder Musik. Die Geräuschkulisse besteht aus erregtem Atmen einer jungen, weiß gekleideten und auf einem Bett liegenden Frau. Der Vampir beugt sich über die Frau, streicht mit der Hand über ihren Körper und beißt ihr am Ende der knapp einminütigen Szene in den Hals. Der Vorschau zu Dracula, einer hoch erotischen und tödlich endenden Szene, fehlt zumindest die sprachliche Einordnung oder Auflösung.


2. Die Strausskiste

Als zweites läuft ein knapp siebenminütiger Kurzfilm über eine Aufführung eines Werkes von Johann Strauss. Die Vorbereitungen einer Theateraufführung in der Garderobe ist zu sehen. Diesen selbstverständlich unproblematischen Bildern folgt eine Chirurgie-Szene, die Kinder nicht so einfach einordnen können, insbesondere wenn der Handoperation etwas folgt, das nach einer Handprothese aussieht.


3. Die Juni-Vorschau

"Zeichentrick..."

"...und Wissenschaft..."

"...aus erster Hand."

Die Programmvorschau für den Monat Juni 2000 schließt mit den Worten „Zeichentrick und Wissenschaft aus erster Hand.“ Zum Stichwort „Wissenschaft“ sieht ein Zuschauer die kurze Detailaufnahme einer Handoperation. Es folgt eine kurze Sequenz mit einer Art Handschuh und einer Handprothese auf einem Holztisch. Sie erscheint zum Stichwort „...aus erster Hand“. Für Erwachsene mag diese Wort-Bild-Kombination amüsant sein. Aber Kinder mit den Bildern einer Handoperation und einer Handprothese zu konfrontieren und diese Bilder nicht zu kommentieren, ist sicher nicht angemessen.


4. Tracks


"Für große..."

"...und kleine Bedürfnisse."

 

Die Ankündigung des Musikmagazins Tracks ist nur 30 Sekunden lang, dafür aber beladen mit skurrilen Bildern von kreischenden Menschen, Sexspielen und einem sein Bedürfnis verrichtenden Hund.


5. Dem Täter auf der Spur

Die nächste, knapp eine Minute lange Vorschau zeigt eine verweste Leiche im Wald. Die Leiche besteht nur noch aus Überresten von Haut, Fleisch und Skelett. Dies machen Detailaufnahmen deutlich sichtbar. Unheimliche Musik untermalt die Bilder, gesprochen wird nicht.


6. Scénarios sur la drogue

Schauplatz dieser Szene ist ein Markplatz, wahrscheinlich in Frankreich. Man sieht zwei Minuten lang, wie ein Mann von Leuten Geld bekommt und ihnen dafür etwas gibt. Die Laufkundschaft setzt sich aus erwachsenen Menschen jeden Alters, Geschlechts und Milieus zusammen. Das Gesprochene beschränkt sich auf den Satz „Hast du was?“. Der Mann überreicht daraufhin - jedes Mal wortlos - seinem Kunden ein kleines Tütchen und erhält dafür Geld. Der Programmstart des Kinderkanals beendet den Film Scénarios sur la drogue. Zuschauer, die den französischen Filmtitel nicht lesen können, erfahren auch nicht, was es mit dem Filmchen auf sich hat. Die Handlung bestätigt zwar nicht die Vermutung, es handele sich um einen Drogendealer, der auf dem Marktplatz seine Kunden bedient, sie liegt jedoch nahe. Der Schluss bleibt offen. Kinder sind vermutlich nicht in der Lage, das Gezeigte einzuordnen.


Wer will bei diesen Bildern des öffentlich-rechtlichen Senders ARTE an einem Samstag Morgen hoffen, die auf den KiKa wartenden Kinder bekämen keine Angst oder blieben ohne Verwirrung. Kinder haben doch noch keine Einordnungsmöglichkeiten, keine entsprechende Genre- und Medienkompetenz oder Lebenserfahrung, um solche kontextlosen Bilder von Vampiren, Operationen, Leichen und Drogendeals zu verarbeiten.

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