| Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen
2000, 2001 |
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| Ben Bachmair, Clemens Lambrecht, Judith
Seipold |
Dieser Text wurde teilweise in "tv
diskurs" abgedruckt:
Ben Bachmair, Clemens Lambrecht, Judith Seipold:
Was Kinder Überfordert - Beobachtungen zum Fernsehprogramm.
In: FSF (Hrsg.):
tv diskurs, Heft 18, Oktober 2001, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden,
S. 68-73. (ISSN: 1433-9439).
Was Kinder überfordert - Beobachtungen zum Fernsehprogramm
Welche Medienangebote für Kinder angemessen sind, was gut oder schädlich
für sie ist, ist Ergebnis eines ständigen, wenn auch nicht kontinuierlichen
Diskurses, der sich heute an Kindern orientiert und der ihr Wohlergehen
als einen seiner akzeptierten Kernpunkte hat. Dabei geht es organisatorisch,
wie bekannt, um eine zeitliche Begrenzung der Ausstrahlung von Programmen,
deren Ziel es ist Hemmungen, Störungen und Schädigung der Kinder als Mediennutzer
zu verhindern. Mit den Begriffen der Medien- und Genrekompetenz kam ein
weiterer Diskussionspunkt auf, der auf unterstützte und altersangemessene
Medienerfahrungen, also auf Medienerziehung setzt. Dieses Konzept der
Medienerziehung soll Kindern beispielsweise eine Art Distanz zu Bildern
und Geschichte oder eine bewertende und kritische Einordnung ermöglichen.
Dies ist beispielsweise in Sachen Werbung einer der medienpädagogischen
Zugangswege. Für die Alltagsmedienpädagogik ist neben dem Barriere- und
Schutzgedanken beim Fernsehen vor allem wichtig, die Familie zu verpflichten,
den Rezeptionskontext zu bilden: Mit den Kindern auszuwählen, zu schauen
und darüber zu reden, erscheint als der selbstverständliche Königsweg.
Dass dieser Weg mit der Aufgabe von Eltern, ihre Kinder rechtzeitig ins
Bett zu bringen, also mit der Alltagsorganisation kollidiert, fällt dabei
aus der erzieherischen Wahrnehmung. Die Nutzungsdaten bei großen Filmerzählungen
im Fernsehen legen nahe, neu nachzudenken. Dazu das Beispiel Waterworld.
Die Ausdifferenzierung des Fernsehprogramms der letzten Jahre hat auch
Sicherheit für Kinder gebracht. Explizites Kinderfernsehen, gebündelt
in Kinderflächen und einem eigenen Kanal, bietet Kindern, Eltern und der
Öffentlichkeit Verlässlichkeit und Sicherheit. Denken auch alle Programmverantwortlichen
außerhalb des Kinderfernsehens darüber nach, welche Verantwortung sie
haben, wenn es aus dem Erwachsenenprogramm direkt ins Kinderprogramm geht?
Was beispielsweise ARTE Kindern kurz vor Sendebeginn des Kinderkanals
Ki.Ka auf den Bildschirm bringt, lässt einen schon an der Nachdenklichkeit
von Redakteuren eines öffentlich-rechtlichen Senders in Partagierung mit
dem Ki.Ka. zweifeln.
Die folgenden Beispiele stammen aus dem Projekt "Bestandsaufnahme
Kinderfernsehen" und sind Teil einer Stichprobe von drei Programmtagen
von 15 Sendern und ca. 500 Sendestunden.
[1]
1. Für den spannenden Film am Abend ist die Familie kein guter Rahmen
Während sich Kinder tagsüber und besonders am Nachmittag ihr Programm
weitgehend alleine, also ohne ihre Eltern zusammenstellen und ansehen,
übernehmen abends die Erwachsenen die Führung durchs Programm. Um diese
Zeit kommt zwar kein Kinderprogramm, jedoch Familienprogramm, das von
Wer wird Millionär bis zu aufwändigen Kinofilmen reicht. Beim Kinofilm
mit viel "Thrill" ist die Einordnung durch Mama und Papa, sind
abfedernden Erklärungen und Bewertungen hilfreich. Das sollte jedoch nicht
nur für einzelne Szenen gelten, sondern für den ganzen dramatischen Spannungsbogen,
der ja zur spannenden Filmerzählung unbedingt gehört. Aber dazu eignet
sich die Familiensituation nicht, denn dabei kollidieren Alltagsroutinen,
wie Kinder rechtzeitig ins Bett zu bringen, mit der typischen Erzähldramaturgie
des langen Kinofilms. Dazu ein Blick auf die Sehbeteiligung von Waterworld,
bei der eine deutliche Abnahme der Sehbeteiligung der Kinder während
des Films erkennbar ist. (Die tiefen "Einschnitte" liegen in
den Werbepausen).
Nach dem Familienhit Wer wird Millionär am Sonntag Abend bleibt
noch die Hälfte der Kinder beim Programm von RTL und schaut sich (zusammen
mit den Eltern) den Endzeit-Film Waterworld an. In Form einer Dokumentation
wird in die Weltuntergangs-Situation des Films eingeführt. Die Kontinente
sind abgetaucht und die wenigen Überlebenden der Katastrophe leben nun
auf künstlichen Inseln und träumen vom letzten Fleck fester Erde, dem
"Dry-Land". Die guten Protagonisten versuchen dieses "Dry-Land"
zu finden, während die bösen "Smoker" und "Slaver"
wie Piraten auf einem großen eisernen Schiff herumfahren und die Guten
berauben und terrorisieren. Nur ein Mutant (ein Mensch mit versteckten
Kiemen), der als Eremit über das riesige Meer segelt und nur für Tauschgeschäfte
an den künstlichen Inseln andockt, stellt sich den Bösen in den Weg. Von
einer Frau aus einem Käfig befreit, in den ihn die Menschen aus Angst
vor Mutanten gesteckt hatten, rettet er sie und ein kleines Mädchen vor
dem Angriff der "Smoker". Das Mädchen hat eine Landkarte, die
den Weg nach "Dry-Land" zeigt, als Tattoo auf den Rücken gezeichnet,
weshalb sie von den "Smokern" verfolgt wird. Durch die Isolation
auf dem Wasser und der ständigen Bedrohung durch die "Smoker"
wächst aus den Dreien eine Art von Familie zusammen. Dabei ergeben sich
heftige Konflikte, beispielsweise als das Mädchen beginnt, mit Farben,
die sie unter Deck gefunden hat, den Katamaran des Mutanten zu bemalen.
Er beschimpft sie dafür. Kurze Zeit später, bei einem ähnlichen Konflikt,
wirft er sie einfach über Bord ins Meer und nimmt dabei den Tod des Mädchens
in Kauf. Die Ziehmutter springt hinterher, da das Mädchen nicht schwimmen
kann, und rettet sie. Der Mutant segelt erst weiter, dreht dann jedoch
bei und nimmt die beiden wieder auf. Die Frau versucht ihm zu erklären,
dass ein Kind seine Regeln noch nicht verstehen kann. Doch er lässt sich
auf keine Diskussion ein und befiehlt ihr, dem Mädchen die Regeln beizubringen,
wenn sie weiter mitfahren wollen. Diese Art erst extrem spannender, ja
bedrohlicher, dann abgemilderter Szenen zeigt, wie Mann, Frau und Kind
langsam zu einer Art von Familie zusammenfinden. Nach der Überwindung
der inneren Bedrohung zeigt die Filmgeschichte eine äußere: Die Smoker
legen einen Hinterhalt, sie entern den Katamaran und entführen das Mädchen.
Sie drohen ihm die Haut mit der Landkarte abzuziehen und auf einen Rahmen
zu spannen. Doch das Mädchen ist sich ihrer Rettung durch den Mutanten
sicher und schweigt. Der Mutant rettet das Mädchen und zerstört das Schiff
der Smoker. Er bringt danach die Frau, das Mädchen und einige andere Bewohner
einer künstlichen Insel, auf der die Frau lebte, nach Dry-Land. Er selbst
entscheidet sich aber dann gegen die Familienidylle und segelt davon.
Das Mädchen ist erst traurig, versteht dann aber seinen Entschluss.
Von den rund 230.000 Kindern, welche die ersten beiden Teile des Films
sehen (unter anderem die lebensbedrohliche Situation, als das Mädchen
von ihrem "Vater" verstoßen unter existenziellen Ängsten im
riesigen Ozean paddelt und der "Vater" sie einfach ihrem Schicksal
überlassen will), bekommen weniger als die Hälfte die Auflösung der bedrohlichen
Situation im Laufe der Filmgeschichte hin zum Happy End mit. Sie gehen
ohne die Entlastung der Dramaturgie des kompletten Films ins Bett, nehmen
dagegen die hoch dramatischen Bildern einer zerstörten und von Brutalität
und Verständnislosigkeit geprägten Familie mit. Möglicherweise kommt der
reale Familienkonflikt hinzu, wenn Papa oder Mama sie aus der spannenden
Filmgeschichte "herausreißen" und zu Bett schicken, obwohl Eltern
und eventuell auch ältere Geschwister den Film noch weiter- und zu Ende
sehen. Mit den unverarbeiteten Film-Bildern müssen sie allein einschlafen.
Die Verarbeitung kann jetzt nur in einer ausschließlich fiktionalen Welt
der Träume mit ihren überzogenen Bildern ablaufen, die die überfordernden
fiktionalen Episoden des Films möglicherweise verstärken. Angst im Traum
wird vermutlich das Resultat sein.
2. Die Interpretationsfolie nach dem Film: Deep Impact und
Focus TV
Ein anderes Beispiel für eine mögliche Überforderung der Kinder zeigt
sich beim Film Deep Impact.
Von den knapp über 300.000 Kindern, die Deep Impact schauen, bleiben
noch über 70.000 der 10-13 Jährige bei dem Programm von Pro7 und sehen
den Trailer für Focus TV, vielleicht auch noch dessen ersten Beitrag.
Auch in Deep Impact geht es um eine Familiengeschichte. In die Hauptlinie
der Filmgeschichte (der Einschlag eines Kometen und die Vernichtung fast allen
Lebens in den USA steht bevor und verschiedene Rettungsaktionen laufen) sind
verschiedene Familienepisoden eingeflochten. In einem Nebenstrang der Geschichte
geht es um eine Reporterin, die über die Abwehraktionen der NASA berichtet.
Sie wird angesichts ihres Vaters, der ihre Mutter wegen einer jüngeren Frau
verlassen hat, wieder zum Kind. Trotzig wie ein Kind überwirft sie sich mit
ihrem Vater, weil dieser ihrer Bitte, wieder zur Mutter zurückzukehren, nicht
nachkommt. Erst im Anblick des "jüngsten Gerichtes" am Ende des Films,
einer gigantischen Flutwelle, die beide überrollt und tötet, finden Vater und
Tochter, in der Gewissheit ihres Todes, wieder zueinander.
Eine zweite Familie konstituiert sich um den Jungen, der den Kometen als erster
entdeckt und die NASA darauf aufmerksam gemacht hat. An ihm zeigt sich wie schon
bei der Reporterin die Ambivalenz des Themas "Erwachsen sein". In
seiner eigenen Familie agiert er als Kind, rettet jedoch seine Familie vor dem
Untergang, weil er als Entdecker des Kometen (hier agiert er als Experte) mit
seiner Familie in die Bunkersysteme der Regierung darf. In der Familie seiner
Freundin agiert er als Erwachsener, der seine Freundin kurzentschlossen heiratet,
damit auch sie in die Bunker eingelassen wird. Diese neu entstehende Familie
wird komplettiert durch die "Adoption" des neugeborenen Geschwisterchens
des Mädchens, das ihre Mutter den beiden im Bewusstsein der Ausweglosigkeit
ihrer Situation zur Rettung anvertraut. Das Mädchen muss sich angesichts der
aufkommenden Katastrophe in aller Eile und endgültig von ihren Eltern verabschieden
und mit "ihrem" Baby sowie mit ihrem Mann zum Bunker fliehen.
Diese Szene ist schon für sich betrachtet für Kinder schwierig einzuordnen.
In der Kombination mit den vielen für Kinder wichtigen Themen ("Familie",
"Experte sein", "Erwachsen werden", "Freundschaft",
"erste Liebe", "Trennung" usw.) gewinnt der Film für
sie zudem eine viel weitreichendere Relevanz als die Hauptlinie der Filmerzählung
nahe legt, weil die Nebenlinien eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten an
handlungsleitende Themen von Kindern bieten.
Direkt im Anschluss an Deep Impact läuft ein Trailer, der auf
die nächste Sendung, Focus TV, verweist. Schon dieser Trailer,
noch stärker die Sendung selber, verweist mit einer Kollage aus Archivbildern
von Atombombentests, Ausschnitten aus Deep Impact, realen Interviews
und Computersimulationen im Stil einer Dokumentation auf die realen Gefahren
durch Kometen aus dem All. Es sind Gegenden in Deutschland zu sehen, in
denen gerade noch (vor vielen tausend Jahren) Kometen eingeschlagen sind.
Offen bleibt, ob Kinder, eventuell auch ein Teil des erwachsenen Publikums,
ihre Genrekompetenz einsetzen können, um den Genre-Mix zu durchschauen
und sich von Bedrohungsphantasien oder -ängsten zu distanzieren. Diese
auf Wirklichkeitsnähe angelegte Dramaturgie von Trailer und Beitrag in
Focus TV liefert für die Verarbeitung der Filmgeschichte von Deep
Impact möglicherweise eine Interpretationsfolie. Realitätsnähe und
Gegenwärtigkeit setzen Genrekompetenz in Sachen der dramatischen Filmerzählung
außer Kraft.
3. Auch Arte-Redakteure sind für das Publikum des Ki.Ka verantwortlich
Die Vorschau, die ARTE im Jahr 2000 an einem Samstag im Mai (während
des Stichprobenzeitraums) kurz vor 6 Uhr morgens ausgestrahlt hat, ist
sicherlich nicht typisch für den Sender. Da die Sendungen aber in einer
zufälligen Stichprobe doch vorhanden sind, machen sie nachdenklich. Im
Stichprobenzeitraum 2001 findet sich bei ARTE keine derartige Ansammlung
von Kinder überfordernden Darstellungen. Vielmehr fallen dem Betrachter
die zahlreichen Image-Trailer mit gelingendem Kinderleben ins Auge.
Samstag, 27. Mai 2000: ARTE Programmvorschau
Bei Kinderflächen und beim Kinderkanal dürfen sich Eltern wie Kinder,
wenn nicht sogar auf qualitativ hochwertiges, so denn doch zumindest auf
akzeptables Fernsehen verlassen. Warten Kinder auf solches Kinderprogramm,
vermuten sie auch nichts Schlimmes. Hoffentlich haben am Samstag, 27.05.2000,
ca. 20 Minuten vor 6.00 Uhr, keine Kinder bei ARTE gewartet, der ja auf
dem gleichen Kanal wie der Kinderkanal von ARD und ZDF Ki.Ka sendet (ARTE
vor 6.00 Uhr, der Ki.Ka ab 6.00 Uhr). Die Frage, ob und gegebenenfalls
welche Gedanken sich der Redakteur von ARTE über sein Publikum gemacht
hat, beunruhigt Medienpädagogen zumindest ob der Fahrlässigkeit, die dabei
zum Vorschein kommt. Eltern ist der Rat mitzugeben: Vorsicht ist geboten
beim Programmwechsel von ARTE zum Kinderkanal. ARTE strahlte über 20 Minuten
folgende Programmvorschau aus, die sich in sechs Teile gliedert:
Dracula
Die Vorschau zum Film Dracula zeigt einen Filmausschnitt ohne
Kommentar, Sprache oder Musik. Die Geräuschkulisse besteht aus erregtem
Atmen einer jungen, weiß gekleideten und auf einem Bett liegenden Frau.
Der Vampir beugt sich über die Frau, streicht mit der Hand über ihren
Körper und beißt ihr am Ende der knapp einminütigen Szene in den Hals.
Der Vorschau zu Dracula, eine hoch erotischen und tödlich endenden
Szene, fehlt zumindest die sprachliche Einordnung oder eine Auflösung
der Bedrohungssituation.
Die Strausskiste
Als zweites läuft ein knapp siebenminütiger Kurzfilm über eine Aufführung
eines Werkes von Johann Strauss. Die Vorbereitungen einer Theateraufführung
in der Garderobe ist zu sehen.
Die Juni-Vorschau
Diesen selbstverständlich unproblematischen Bildern folgt eine Chirurgie-Szene,
die Kinder nicht so einfach einordnen können, insbesondere wenn der Handoperation
etwas folgt, das nach einer Handprothese aussieht.
Die Programmvorschau für den Monat Juni 2000 schließt mit den Worten
"Zeichentrick und Wissenschaft aus erster Hand." Zum Stichwort
"Wissenschaft" sieht ein Zuschauer die kurze Detailaufnahme
einer Handoperation. Es folgt eine kurze Sequenz mit einer Art Handschuh
und einer Handprothese auf einem Holztisch. Sie erscheint zum Stichwort
"...aus erster Hand". Für Erwachsene mag diese Wort-Bild-Kombination
amüsant sein. Aber Kinder mit den Bildern einer Handoperation und einer
Handprothese zu konfrontieren und diese Bilder nicht zu kommentieren,
ist sicher nicht angemessen.
Tracks
Die Ankündigung des Musikmagazins Tracks ist nur 30 Sekunden lang,
dafür aber beladen mit skurrilen Bildern von kreischenden Menschen, Sexspielen
und einem sein Bedürfnis verrichtenden Hund.
Dem Täter auf der Spur
Die nächste, knapp eine Minute lange Vorschau zeigt eine verweste Leiche
im Wald. Die Leiche besteht nur noch aus Überresten von Haut, Fleisch
und Skelett. Dies machen Detailaufnahmen deutlich sichtbar. Unheimliche
Musik untermalt die Bilder. Gesprochen wird nicht.
Scénarios sur la drogue " T"en as?
Schauplatz dieser Szene ist ein Markplatz, wahrscheinlich in Frankreich.
Man sieht zwei Minuten lang, wie ein Mann von Leuten Geld bekommt und
ihnen dafür etwas gibt. Die Laufkundschaft setzt sich aus erwachsenen
Menschen jeden Alters, Geschlechts und Milieus zusammen. Das Gesprochene
beschränkt sich auf den Satz "Hast du was?". Der Mann überreicht
daraufhin - jedes Mal wortlos - seinem Kunden ein kleines Tütchen und
erhält dafür Geld. Der Programmstart des Kinderkanals beendet dann den
Film Scénarios sur la drogue " T"en as?. Zuschauer, die
den französischen Filmtitel nicht lesen können, erfahren auch nicht, was
es mit dem Filmchen auf sich hat. Die Handlung bestätigt zwar nicht die
Vermutung, es handele sich um einen Drogendealer, der auf dem Marktplatz
seine Kunden bedient, legt sie jedoch nahe. Der Schluss bleibt offen.
Kinder sind vermutlich nicht in der Lage, das Gezeigte einzuordnen.
Kindern dürfte es schwer fallen, diese Beiträge des öffentlich-rechtlichen
Senders ARTE zu verarbeiten. Möglicherweise ängstigen sich zuschauende
Kinder angesichts dieser Bilder oder das Gesehene verwirrt sie. Viele
Kinder haben noch keine Einordnungsmöglichkeiten, besitzen keine entsprechende
Genre- und Medienkompetenz oder Lebenserfahrung, um solche kontextlosen
Bilder von Vampiren, Operationen, Leichen und Drogendeals zu verarbeiten.
Donnerstag, 5. April 2001: Scénarios sur la drogue " Lucie
Der etwa vier Minuten lange Film Scénarios sur la drogue " Lucie
(ca. 5.27 Uhr) erzählt von der jungen Frau Lucie, die abends auf eine
Party geht. Man sieht Flaschen mit Alkohol, Zigaretten rauchende Menschen,
einen Mann, der einen Joint dreht, und Lucie, die in einem separaten Raum,
abseits vom eigentlichen Partygeschehen, von einem jungen Mann Heroin
gespritzt bekommt.
Die Filme der Reihe Scénarios sur la drogue selbst sind für Kinder
unbedenklich. Es steckt nichts darin, was Kinder nicht einordnen könnten.
Kinder ohne Französischkenntnisse werden nicht einmal aus der Überschrift
darauf schließen können, dass es um Drogen geht. Die Filme sind eher so
angelegt, dass nur Leute mit entsprechendem Kontextwissen Aussagen und
Bilder dem Thema Drogen zuordnen.
Samstag, 7. April 2001: Pas Moi! Nicht mit mir!
Trotz dieser scheinbar wenig überlegten Programmauswahl und "platzierung
besteht kein Zweifel: Die Redakteure bei ARTE sind darauf bedacht, Kindern,
die Probleme haben, Hilfe anzubieten. Dazu folgendes Beispiel:
Am Samstag, 7. April 2001, ca. um 5.05 Uhr werden Kinder und Jugendliche
in einem 38 Sekunden langen Spot für das "Kinder- und Jugendtelefon"
mit dem Titel Pas Moi! Nicht mit mir!, der sich explizit an sie
richtet, direkt angesprochen. Eine Frauenstimme spricht zu den Bildern:
"Dieser Junge ist vor kurzem sexuell missbraucht worden. Das Schwerste
für ihn ist nun, darüber zu sprechen. Ruf das Kinder- und Jugendtelefon
an. Dort ist immer jemand da, mit dem du reden kannst über diese und andere
Probleme. Wir sind da, um dir zu helfen. 0800 " 1110333."
Sonntag, 8.04.2001: Gegen das Vergessen
Um ca. 5.30 Uhr ist ein 2:57 Minuten langer Bericht über Menschenrechtsverletzungen
zu sehen, in den neun Sekunden lang das Bilder zweier abgehackter und
an einem Seil hängender Hände eingeblendet sind.
"In Mauretanien werden Dieben heutzutage nicht mehr die Hände abgehackt.
Das ist das Ergebnis eines erfolgreichen Kampfes für einen toleranten
Islam."
Ob und wie Kinder dies Bild der zwei abgeschnittener Händen einordnen,
ist ungewiss.
Weil ARTE scheinbar mit Kindern und Jugendlichen als Zuschauer rechnet,
ist es um so bedenklicher, dass der Programmablauf so unbedacht gestaltet
ist. Vielleicht ist es sinnvoller, Kurzfilme der französischen Drogenaufklärung
(Scénarios sur la drogue) oder Berichte über Menschenrechtsverletzungen
(Gegen das Vergessen) so zu platzieren, dass Kinder, die auf den
Ki.Ka wartend vor dem Fernseher sitzen, möglichst nicht mit solchen Sendungen
konfrontiert werden. Mit Sendungen also, die die dunklen Seiten des menschlichen
Lebens thematisieren und diese teils auch mit unappetitlichen Bildern
dokumentieren, entziehen sich dem Bewertungs- und Ordnungskontext von
Kindern. Spots wie Pas Moi! Nicht mit mir!, die Kinder und Jugendliche
direkt ansprechen und ihnen Hilfe in Problemsituationen anbieten, wären
vielleicht sinnvoller vor Beginn des Ki.Ka. Zudem sollten Kinder beim
Programmwechsel von ARTE zum Ki.Ka keinen abrupten Brüchen ausgesetzt
werden. Für Kinder möglicherweise problematische Darstellungen sollten
nicht willkürlich abgebrochen, sondern vollständig zu sehen sein. Eine
Auflösung (auch wenn sie für Kinder noch nicht verständlich sein sollte)
ist wichtig, um Kindern keinen Raum für wilde Spekulationen aufzuzwingen,
um so Angst oder Verwirrung zu vermeiden. Verwirrt wurden einige Kinder
sicherlich bei dem Kurzfilm Scénarios sur la drogue " T"en
as?, der in 2000 (wie oben beschrieben) durch den Programmstart des
Ki.Ka unterbrochen wurde. Das Ende des Films blieb offen. In der Stichprobe
2001 findet sich eben dieser Film wieder, diesmal komplett (So, 08.04.01,
ca. 5.45 Uhr, Länge ca. 4 Minuten). Wie sich jetzt herausstellte, ist
das Ende völlig unbedenklich, ohne dass dies die Zuschauer schon bei der
ersten Mal per Augenschein hätten beurteilen könnten.
[1] "Bestandsaufnahme
Kinderfernsehen" ist ein Forschungsprojekt der Medienpädagogik
der Universität Kassel in Kooperation mit dem Internationalen Zentralinstitut
für das Jugend- und Kinderfernsehen (IZI) des Bayerischen Rundfunks
untersucht die Schnitt- bzw. Verbindungslinie der Massenkommunikation
zwischen den Angeboten der Sender und der Nutzung der Rezipienten am
Beispiel des Fernsehens. Dazu wird jährlich eine Stichprobe des Programms
im Umfang von je drei Tagen einer Kalenderwoche der für Kinder relevanten
Fernsehsender erhoben und mit den standardisierten Fernsehnutzungsdaten
("Einschaltquoten") der GfK in einer Datenbank verbunden.
Die Programmstichprobe von ca. 500 Stunden im Jahr 2001 (in 2000 ca.
400 Stunden) enthält alle deutschen Fernsehsender des sog. "Free-TV",
die explizites Kinderprogramm anbieten. Das ist das für Kinder relevante
Tagesprogramm der großen Anbietern ARD, ZDF, RTL, SAT.1, PRO7, RTL2
und SuperRTL in der Zeit von 6.00 bis 23.00 Uhr, das gesamte Programm
des Kinderkanals Ki.Ka (6.00 bis 19.00 Uhr) und das explizite Kinderprogramm
der Dritten Programme der ARD. Um die Entwicklung des sog. "Pay-TV"
exemplarisch zu verfolgen, wurde 2001 der Sender Fox-Kids in die Stichprobe
aufgenommen, obwohl für diese Sender keine GfK-Nutzungsdaten verfügbar
sind.
Die Auswertung ist in vier Arbeitsbereiche gegliedert:
- Beitrag des Programmangebotes für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern,
- Darstellung der kindlichen Lebenswelt und die Formen sozialer Orientierung,
- Darstellung der Welt der Dinge und Ereignisse,
- Darstellung der Welt der Kultur und der Medien.
Hinzu kommt die quantitative Bestandsaufnahme des Programmangebots und seiner
Ausdifferenzierung (u.a. explizites Kinderprogramm) und die ebenfalls quantitative
Auswertung der Programmpräferenzen der Kinder. Weitere Informationen und Ergebnisse
des Forschungsprojektes finden Sie unter www.kinderfernsehforschung.de
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