| Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen 2002 |
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| Ben Bachmair |
Dieser Text wurde teilweise in "Medienpraktisch"
abgedruckt:
TEXTE Nr. 5. Sonderheft der Zeitschrift medien praktisch
"Medien & Politik". Frankfurt (gep) Juli 2002, S. 3 - 12
(ISSN 0171-3957)
Jugendschutz und Medienmacht - James Bond medienpädagogisch betrachtet
Vom Jugendschutz und seiner pädagogischen Basis bis zu Medien ohne vertrauten
kulturellen Rahmen
Medienpädagogen, auch die älteren, wuchsen mit Filmserien wie die von James
Bond auf oder gingen damit durchs Jugendalter. Deren Schlüsselbilder sind
vermutlich in den kollektiven Bilderschatz unserer Kultur eingegangen. Es ließe
sich kulturhistorisch die Frage stellen, welche allgemeinen Themen denn in einer
Serie wie James Bond erscheinen und ob bzw. wie diese Themen auf die für J.B.
typischen Repräsentationsweise in die zivilisatorische Dynamik von Subjektivität,
Kultur und Gesellschaft eingingen. Ich will die Frage etwas weniger abstakt
formulieren. Ist das Männerbild von J.B., also das Verhältnis zu Kampfritualen,
zu Frauen, zu Technik oder zu Liebe, zu Tod usw., Teil der Mediensozialisation?
Mediensozialisation zielt auf das Verhältnis der Menschen zu ihrer inneren Bilder-
und Themen-Welt sowie zu ihrer sozialen, kulturellen und dinglichen Umwelt,
die auch über vorrangige und typischen Medienangebote vermittelt ist. Dabei
geht es um das Verhältnis der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen als Subjekte
zu sich selber und zu ihrer Umwelt. Klaus Hurrelmann betont mit seinem Kernsatz
eines Sozialisationsmodells die Rolle der Menschen als Subjekte, die als Instanz
die innere und die äußere Realität produktiv verarbeiten.[1]
Sind die Bilder und Themen, für die J.B. u.a. mit „Der Morgen stirbt nie“
steht, in einer von den Subjekten zu ertragenden, gesuchten oder zu verarbeitenden
Spannung von innerer und äußerer Wirklichkeit wichtig?
In einem ersten Teil der Argumentation will ich nahe am Video bzw. am TV-Film
„Der Morgen stirbt nie“ bleiben und versuchen, in der Perspektive
von Kindern nach relevanten Zusammenhängen Ausschau zu halten. In einem zweiten
Teil geht es unabhängig von J.B. um das Thema „Medienmacht“ und
„Globalisierung“, da der in „Der Morgen stirbt nie“
geführte Diskurs zu Macht, Globalisierung und Moral doch genretypisch plakativ
bleibt und eine pädagogische Untersuchung doch anders ansetzen sollte.
1. Teil: Anmerkungen eines Medienpädagogen zu „James Bond“
Auch beim dritten Mal sehen, empfand ich die Gewaltdarstellungen und das
Männerbild des J.B. als dominierend, auch in der von Pro 7 am 17.3.02 ab 20.15
gesendeten Fernsehfassung. Die Gewalttat von Erfurt, bei der sicherlich auch
unsere kollektive Bilderbildwelt der Massenkommunikation eine Funktion hatte,
lässt, zumindest für den historischen Augenblick, den vertrauten argumentativen
Bezugsrahmen zu ritualisierten Form der Gewaltdarstellungen brüchig werden.
Nun entspricht das Handlungsmuster der Amok-Tat von Erfurt, soweit ich das als
Zeitungsleser einschätzen kann, nicht dem von J.B., sondern eher den subjektiv
aufgebauten sog. Ego-Shooter-Kampfabläufen auf CD-Rom. Die Frage nach medialen
Mustern und Themen des Alltags, nach medialer Fiktionalität und der Wirklichkeit
der Alltagswelt im Kontext von Gewaltdarstellungen lässt sich dennoch nicht
wegschieben, aber auch nicht mit Ursache-Wirkungsmodelle bearbeiten. Die Medienpädagogik
darf und sollte in diesen Diskurs als vorrangigen Perspektive die Kinder und
Jugendlichen als verletzliche Subjekte einbringen. Auch in dieser Perspektive
der Verletzlichkeit hat unsere Gesellschaft den Jungendschutz entwickelt.
1.1. Jugendmedienschutz
Die öffentliche Seite des Jugendschutzes: Zugangskontrolle nach Alter
und über die Sendezeit
Der Jugendmedienschutz ist wohl das wesentliche öffentliche und medienpädagogisch
praktische Instrument, das im Kern aus der Zugangskontrolle zu Medieninhalten
je nach Alter der Zuschauer und über die Sendezeit besteht. Die Videokassette
von „Der Morgen stirbt nie“ hat eine Alterfreigabe ab 16 Jahren.
Auf Pro 7 lief eine für die Altersgruppe der 12- bis 16-Jährigen bearbeitete
Fassung, denn in der Zeit von 20 Uhr bis 22 Uhr sind bei einer Sendungen die
„Voraussetzungen“ „jüngerer Jugendlicher (12 bis 16 Jahr)
für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Fernseheinhalten“ zu berücksichtigen.[2] Pro 7 hat deshalb die Videoversion geschnitten.
Ein Beispiel: Am Ende einer dramatischen Jagd im Verlagsgebäude und am Ende
eines riskanten Zweikampfs stößt J.B. einen seiner Verfolger von einem Gerüst.
Dieser stürzt in eine Druckmaschine, die ihn zermalmt. Als sich in der Video-Fassung
das Zeitungspapier blutig färbt, meint J.B. lapidar, heute würde doch alles
gedruckt. Dies blutige Ende der Kampfsequenz unterstreicht realistisch die Auswirkung
auf das Opfer. Bei der Fernsehfassung fehlt das blutig realistische Ende von
Verfolgungsjagd und Männerkampf, bei dem mal der eine mal der andere überlegen,
mal unterlegen ist. Es fehlt auch der zynische Kommentar des J.B..
Im Vordergrund von FSK und FSF steht die Zugangskontrolle, der die Hoffnung
zugrunde liegt, Kinder vor überfordernden Gewaltdarstellungen oder vor Gewaltverherrlichung
zu schützen. Dieser Schutzgedanke führt dazu, den Film zu schneiden. Der rote
Fleck auf der Zeitung in der Druckerpresse verschwindet, ebenso der zynische
Kommentar. Die Verfolgungsjagd bleibt jedoch, weil, so ist zu vermuten, die
Fiktionalität der Kampfaktionen für 12- bis 16-Jährigen mit Filmerfahrungen
durchschaubar sei. Die Kampfdarstellungen sind so ritualisiert, dass filmerfahrene
Kinder sie nicht mit ihrer Alltagswirklichkeit vermischen, weder im Sinne von
Tätern, noch von Opfern. Die Interpunktionsfunktion des roten Flecks am Ende
einer ritualisierten Männer-Kampfszene bleibt Kindern bzw. Jugendlichen unter
16 Jahren mit Sicherheit verschlossen. Blut als Indikator für die Folgen einer
wirklichen Gewaltaktion, als realistischer Ausweis für den Sieger aber
auch als Indikator für einen zermanschten Menschen liegt für Kinder dagegen
nahe und entfällt deswegen in der Fernsehfassung. Die Zeichenfunktion des roten
Flecks, die einmal das genretypische Kampfritual sowohl abschließt, als auch
in seiner Eigenschaft als inszenierter Sequenz unterstreicht, öffnet zugleich
den Interpretationshorizont zu den Darstellungsweisen der Boulevard-Zeitung
vom Typ SUN. Sie entfällt bei der 20Uhr-Fassung. Dieser semiotische
Witz über reißerische Themen der SUN und deren Darstellungsweise macht
aus menschenverachtenden Aussage des J.B., die beim ersten Hören vorrangig ist,
einen Kommentar auf die Boulevardisierung von Zeitung und greift dazu auf das
Genre des Schwarzen Humors zurück. Für Kinder bekäme der rote Blutfleck dagegen
vor allem die Funktion, den Wirklichkeitscharakter der Gewalthandlung gegenüber
dem Kampfritual zu betonen. Zudem ist es nicht abwegig zu vermuten, Kinder griffen
sogar diesen semiotischen Anker des Realitätsbezuges auf und entwickelten in
der eigenen Phantasie die dem Original aus Genregründen selbstverständlich fehlende
Szene der Zerstörung eines Menschen in der Druckerpresse. Deswegen hat der Jugendschutz
Vorrang; der Schnitt ist nicht nur berechtigt, sondern geboten.
Im Fernsehen gelten Zeitgrenzen für Filme, die Kinder mit Gewaltdarstellungen
überfordern oder gefährden könnten. Das ist ein gewisser Schutz vor zufällig
entstehenden Missverständnissen oder Überforderung der Kinder. Filme, die im
Kino ab 12 Jahren freigegeben sind, dürfen Sender nach eigener Prüfung schon
vor 20 Uhr, also für die unter 12 Jahre alten Mädchen und Jungen ausstrahlen.
Was eindeutig nur für mindestens 12Jährige geeignet ist, d.h. was die Entwicklung
jüngerer Kinder beeinträchtigen könnte, darf nicht vor 20 Uhr auf den Bildschirm.
Filme, die im Kino für die 16Jährige freigegeben sind, dürfen im Fernsehen nur
nachts zwischen 22 Uhr und 6 Uhr laufen, Filme, freigegeben ab 18 Jahren, erst
ab 23 Uhr bis 6 Uhr früh. Maßgeblich für diese Zeitregelung ist das „körperliche,
geistige und seelische Wohl von Kindern bzw. von Jugendlichen“.
Kindeswohl
Jugendmedienschutz steht in einer wichtigen pädagogischen Tradition, nach
der Kinder sich in einem Schonraum im Sinne ihrer kindlichen Gesetzmäßigkeit
entwickeln dürfen und sollen. Jean-Jacques Rousseau hat dazu das Bild des Wachsen
Lassens und des Pädagogen als Gärtner formuliert. Es ist eine wichtige pädagogische
Idee, denn sie stellt ein Kind als Subjekt ins Zentrum aller Erziehungsbemühungen
und verpflichtet Erziehung, die Verdinglichung von Kindern abzuwehren und die
Funktionalisierung von Erziehung aufzudecken. Praktisch wird diese pädagogische
Aufgabe mit dem Begriff des Kindeswohls, dem z.B. Kinobetreiber oder Fernsehsender
ihre Verwertungsinteressen nachordnen müssen. Über diesen argumentativen Weg
führte der Gedanke des Schonraums und der kindlichen Selbstentfaltung zum Jugendschutz.
„Kinder- und Jugendschutz“ ist in der öffentlichen Vorstellung das
vorrangige Mittel der Medienpädagogik. In einer Befragung des Medienpädagogischen
Forschungsverbundes Südwest von 1997[3]
halten 28% der Befragten Kinder- und Jugendschutz für das wichtigste gesellschaftliche
Thema, noch vor Arbeitslosigkeit, Erhaltung der Umwelt, Sicherung der Renten,
Kriminalität und Gesundheitsvorsorge (S. 3). Auch wenn dies Ergebnis stark mit
der Erwartungshaltung in der Befragungssituation zusammenhängen dürfte, zeigt
es doch die Relevanz dieser Vorstellung zur Beziehung von Kinder, Jugendlichen
zu Medien und den damit zusammenhängenden praktischen Konsequenzen im Sinne
der Medienpädagogik. Dabei unterscheiden sich die Befragten, die Kinder haben,
von denen mit Kindern. Kinderlose Befragte stuften das Thema Arbeitslosigkeit
und Umwelt höher ein als den Jugendschutz, jedoch wichtiger als Renten, Kriminalität
und Gesundheitsvorsorge (S. 4). Bemerkenswert ist, dass von den 734 Befragten
nur 6% die gesetzlichen Regelungen des Jugendmedienschutzes kennen (S. 5).
Jugendschutz und medienpädagogische Vorstellungen in Familie und Kindergarten
Der pädagogisch notwendige und bedeutsam der Gedanke des Schutzes mit dem
Ziel, die Eigengesetzlichkeit der kindlichen Entwicklung zu garantieren, verbindet
sich auch mit einer Art von bewahrpädagogisch gewendeter Kulturkritik, die in
Gefahr ist, das berechtigte Schutz- und Entwicklungsinteresse der Kinder zu
funktionalisieren. Daraus ergibt sich eine schwierig Gemengelage: Pädagogischer
Schonraum für die eigengesetzliche kindliche Entwicklung / die Aufgabe von Pädagogen,
die in Dienstnahme von Kindern aufzudecken und sich ihr entgegenzustellen/ die
Funktionalisierung des Gedankens des Schonraums und Kinderschutzes zur Legitimation
eigener Kultur- und Wertvorstellungen.
Es ist eine Gemengelage, die Medienerziehung in Kindergarten und Grundschule,
aber auch in Familien prägt. Zugangskontrolle ist, wie das Bettina Hurrelmann[4] in ihrer Untersuchung „Familienmitglied
Fernsehen“ bestätig hat, doch die wesentliche medienpädagogische Maßnahme
von Familien. Bettina Hurrelmann u.a. (S. 72 ff.) fragte in einer breit angelegten
empirischen Studie nach der Problemwahrnehmung von Eltern in Sachen Fernsehen.
Im Vordergrund der Erziehungsaktivitäten der Eltern steht dabei, den Zugang
der Kinder zum Fernsehen zu regulieren. Dabei sind zwei Gesichtspunkte maßgeblich.
Zum einen wollen Eltern, dass ihre Kinder nicht zu spät fernsehen. Werktags
sollen Kinder eher nicht nach 19 oder 20 Uhr fernsehen, keinesfalls nach 21
Uhr. Am Sonntag Abend möchten Eltern ihre Kinder lieber schon viel früher ohne
Fernsehen in der Familie haben. Der zweite Gesichtspunkt für die Beschränkung
des Fernsehens richtet sich auf die Programminhalte. In Sachen Programminhalte
vertrauen Mütter eher den öffentlich-rechtlichen Sendern, weniger den Privaten.
Väter haben diese Präferenzen dagegen eher nicht. Die Einschätzung, welche Sender
für Kinder eher geeignet sind, hängt dabei deutlich von der sozialökonomischen
Schicht ab, der die Familie zugehört. Eltern der Unterschicht haben wenig dagegen,
dass ihre Kinder private Sender anschalten, Eltern der Mittel- und Oberschicht
bevorzugen für ihre Kinder die öffentlich-rechtlichen Programme. (S. 59) In
der Mittel- und Oberschicht mit einem traditionellen Kindheitskonzept, das Basis
für Genre- und Format-Vorlieben der öffentlich-rechtliche Sender abgibt, führt
das jedoch zu einer Diskrepanz zwischen „Handlungsroutinen und pädagogischen
Einstellungen“ (S. 62), da die Kinder eine größere Nähe zu den Genres
und Formaten der privaten Sender entwickelt haben. Diese Diskrepanz ergibt sich
auch aus der Vorstellung von Eltern, welche positive Funktion Fernsehen für
ihre Kinder haben kann. Wenn sich Eltern überhaupt positiv auf Fernsehen einlassen,
dann auf Fernsehen in einer Bildungsfunktion für Kinder: Wissen erweitern, nützlich
für die Schule, kritisches Denken und Phantasie der Kinder anregen (S. 77).
Eltern mit Kindern im Grundschulalter vergeben nahezu nie die Note „sehr
gut“ bezüglich der Eignung des Fernsehens für ihre Kinder, die Note „gut“
vergeben nur 6% der Mütter und 4% der Väter. Es überwiegen die Bewertungen „befriedigend“
(27 % Mütter, 31% Väter) und „ausreichend“ (34 % Mütter, 29% Väter).
Zu dieser Bewertung trägt sicher auch die Annahme von Eltern bei, Fernsehen
konfrontiere Kinder oft oder auch sehr oft mit Gewalt (29 % Mütter, 26% Väter).
Nur etwa ein Fünftel der Eltern sind der Meinung, Fernseh-Gewalt sei kein relevantes
Problem (S. 83). Ein untergeordnetes Problem, so die Untersuchung (S. 83), ist
für Eltern die Konfrontation ihrer Kinder mit Sexualität im Fernsehen. Vergleicht
man die Beurteilung der Eltern mit Fernsehen als Problemfaktor in der Erziehung,
was insbesondere am Thema Gewalt festzumachen ist, mit dem gesamten Feld der
Erziehung und Fernsehnutzung in einer Familie, dann sehen Eltern negative Folgen
eher für Jungen, wenn die Kinder Action-Filme und private Kanäle bevorzugen,
wenn sie zugleich häufig fernsehen, die Kinder zugleich abends lange fernsehen
dürfen und die Eltern inkonsequent mit ihren Erziehungsregeln umgehen.
Die Mehrzahl der Erzieherinnen in Kindergärten sehen in den modernen technischen
Medien einen mächtigen und einflussreichen Gegner ihrer Erziehungsbemühungen,
von dem in erster Linie schädliche Einflüsse auf die Kinder ausgehen, so die
Untersuchung von Six u.a.[5]Diese
Bewertung basiert jedoch nicht auf einem Wissen, wie viel und was die Kinder
sehen, welche Motive denn die Kinder leiten, wenn sie fernsehen. Gleichzeitig
sehen sich die Erzieherinnen selber als kompetente Fernsehnutzerinnen, die eher
weniger und aufgrund akzeptabler Motive fernsehen. Sie meinen jedoch die Eltern
seien ihren Kindern ein schlechtes Vorbild. Dieser Bewertungskomplex hat deutlich
die Form eines Vorurteils, weil Fakten ausgeschlossen bleiben und die Urteilenden
selber auf der positiven Seite stehen.
Erzieherinnen überschätzen das Fernsehquantum der Kindergartenkinder (Alter
3 bis 6 Jahre) in der Regel erheblich. Nur etwa ein Viertel der Erzieherinnen
kommt der tatsächlichen Fernsehmenge von 76 Minuten täglich (1997) mit ihrer
Schätzung von weniger als zwei Stunden nahe. 40% der Erzieherinnen vermuten
die Kinder täglich drei Stunden vor dem Bildschirm und etwa ein Sechstel rechnet
sogar mit dreieinhalb Stunden. (S. 254 f.) Ähnlichen Fehleinschätzungen unterliegen
auch Grundschullehrer.[6] Bei der Einschätzung der Nutzungsmenge folgen Erzieherinnen dem,
was die Kinder im Kindergarten von zu Hause und von Fernseherlebnissen erzählen.
Die Erfahrungen von Erzieherinnen als Mütter mit eigenen Kindern liefern keine
bessere Basis, um den Fernsehkonsum der Kindergartenkinder zu beurteilen. Ein
Erfahrungsdefizit prägt auch die Einstellung der Erzieherinnen in Sachen Lieblingssendungen
der Kinder. (Six u.a. 1998, S. 259 ff.) Auch hier lassen sich die Erzieherinnen
von Vermutungen leiten, obwohl sie die von Kindern bevorzugten Sendungen kaum
kennen. Sendungen, die sie für problematisch bewerten, z.B. He-Man, Turtles,
Power Rangers, kennen sie nicht aus eigener Anschauung, sondern nur aus Sekundärquellen,
die von Gesprächen mit Eltern, Kollegen, Freunden, Mitteilungen der Kinder bis
zu Zeitungsberichten und Fachbüchern reichen. Auch die Mütter unter den Erzieherinnen
sind nicht besser über das von den Kindern bevorzugte Fernsehprogramm informiert,
was dem allgemeinen Trend unter Eltern entspricht, wenig vom Fernsehkonsum ihrer
Kinder zu wissen. (Frey, Six, 1997). Als Motiv fernzusehen, vermuten Erzieherinnen
ein Konglomerat von Langeweile, den Umstand, dass zu Hause der Fernseher immer
läuft und die Kinder nichts zu tun haben, was Erzieherinnen als Motive negativ
bewerten. Daneben vermuten sie noch weitere Motive, jedoch mit geringerer Relevanz:
Eine sozial-emotionale Begründung wie, nicht allein zu sein, mitreden zu können,
ein Unterhaltungsmotiv (lustig, interessant, spannend) und ein Informationsmotiv,
das die Erzieherinnen jedoch am wenigsten relevant für den Fernsehkonsum der
Kinder halten.[7]
Wo bleibt der Gedanke des Alltagslebens als Bildungsaufgabe und Bildungschance?
Reicht der Gedanke des Schonraums, auch ohne Fehleinschätzung der Fakten,
ohne ideologische Belastung? Ist diese Idee ein Garant, damit Kinder nicht zu
Objekten des Konsums und des Medienmarktes werden? Dazu eine Gedankenlinie,
die bei den Kindern und ihren Konsumwünschen ansetzt. Wer den Lebensalltag mit
Kindern teilt, kann mit einer Zahl von Beispielen aufwarten, in denen Kinder
den Schonraum ganz und gar nicht wollen, wo er sie einengt, ja, sie um Erfahrungen
bringt. Schonraum, Erfahrungsraum, Gestaltungsraum werden nicht allein schon
wegen der guten Absicht Erwachsener deckungsgleich. Um die Eigenständigkeit
und Selbstständigkeit herauszustellen, zu erproben oder zu behaupten, wollen
Kinder neben der Zuwendung der Erwachsenen, neben eigener Zeit und eigenem Raum,
all die Konsumartikel, die alle anderen auch haben. Sie wollen Grenzen mittels
Mediengenres testen, wollen sich auch abgrenzen und vieles mehr. Sie wollen
die Angebote, die im Trend sind, wozu James Bond nicht gehört, jedoch zur Zeit
Dragonball Z, das z.B. am 11.4.02 nach 19 Uhr ca. 733 Tausend Kinder
als Zuschauer hat, davon ca. 552 Tausend Jungen und 181 Tausend Mädchen. Auch
Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei hat am selben Tag ca. 494 Tausend
Kinder als Zuschauer (Marktanteil: ca. 33%, etwa gleich viele Jungen und Mädchen).
Aber auch Die Sendung mit der Maus kam mit einem Marktanteil von fast
31% und ein Kinderpublikum von ca. 450 Tausend (etwa gleich viele Jungen und
Mädchen) gut an.
Auch Fernsehen ist Teil einer Bildungsdynamik, die im Spannungsfeld von Konsum
und Lebensgestaltung liegt. Im 20. Jahrhundert wurde das Alltagsleben der Menschen,
wie das Alfred Schütz vor 60 Jahren formulierte, zur vorrangigen Wirklichkeit.
In dieser Alltagswelt realisiert sich unser Leben, indem wir Alltag als Lebenswelt
gestaltend uns zu eigen machen. Bis vor nicht allzu langer Zeit dominierten
Arbeit und Armut die Alltagwelt und verstellte der Mehrzahl der Menschen den
Weg, die eigenen Lebenswelt zu gestalten. Heute sind mehr und auch lustvollerer
Formen als die der Arbeit wichtig, um sich die Welt anzueignen und als
Lebenswelt zu gestalten.
Was heißt Gestalten, wenn die individuelle Aneignung massenhaft verfügbarer,
standardisierter Produkte, und das ist Konsum, eine der vorrangigen Handlungsformen
ist? Was heißt Gestaltung mit der Spiele-Software zur TV-Serie, mit den Merchandising-Produkten?
Warum sollte dies nicht mit dem interessierten Zuschauen und Zuhören der Erwachsenen
beginnen, die entdecken, wie Kinder die Konsumprodukte in ihre Spiele einbauen,
wie sie sie nutzen, um ihre Wünsche und Themen anzeigen? Entsteht nicht so eine
empathische Form der Interaktion zwischen den Generationen, wobei sich die Elterngeneration
schon ihrer Ausdrucks- und Gestaltungsformen versichert hat und deshalb der
Kindergeneration den Freiraum lassen kann, sich auch Konsumobjekte dienstbar
zu machen? Erwachsenen, insbesondere Pädagogen bleibt die Aufgabe, auf der Metaebene
bewusst darüber zu wachen, ob und wie medialer Konsum Kinder zu Objekten macht,
ohne dabei die Perspektive des interessierten und engagierten Gesprächspartners
aufzugeben. Hier ist auch die Auseinandersetzung um Grenzen angesagt. Sie findet
statt als Auseinandersetzung um die Grenzen eines kindlichen Freiraums und Schonraumes,
eines Raumes, der nicht nur Schutz bietet vor medialen Übergriffen, sondern
auch vor den selbstsicheren Machtansprüchen der Grenzsetzer und Grenzschützer.
1.2 Anmerkungen zur Frage der Vermischung
Erziehung findet statt im Kräftefeld von Wirklichkeitsbezug, empathischem
Verständnis für die Eigenart und prinzipielle Eigenständigkeit eines Kindes
sowie der Pflege der Persönlichkeit eines Kindes als dessen strukturierenden
Handlungskern. In diesem Kräftefeld haben Grenzen auch die des Jugendmedienschutzes
z.B. als Wirklichkeitsmarkierung eine wichtige Funktion, die dann dem Kindeswohl
dienen, wenn sie zugleich empathisch eingebunden sind und eine pflegliche Persönlichkeitsentwicklung
im Auge haben. Die Wirklichkeit der Medien, die ja auf deren dramaturgischer
und inhaltlicher Fiktionalität basieren, intervenieren in das erzieherische
Kräftefeld von Wirklichkeit, Empathie und Persönlichkeitsentwicklung. Dazu gehört
als ein Problempunkt orientierende Muster wie Welt- und Menschenbilder.
Fiktion und gesellschaftlicher Wirklichkeit
Ältere Kinder entwickeln Erfahrungen zum Wirklichkeitsbezug von Genres.
So können sie mit der Wunschwelt der Werbung und der Begrenztheit ihres Taschengeldes
umgehen, auch wenn sie erst recht spät Werbung in ihrem Charakter als Zwecktext
durchschauen. Erfahrungen mit Gewaltinszenierungen der Cartoons bieten auch
die Hilfestellung, um die unendlich lange Filmpassagen in der J.B. mit seiner
chinesischen Partnerin auf dem Motorrad die wild schießenden Verfolger narren,
als inszeniert zu erahnen oder einzuordnen. Für Subjektkonstitution gibt es,
wie Norbert Elias[8] entwickelt hat, gesellschaftliche Prägungen,
die mit unserem Typ von Massenkommunikation und Individualisierung in Bewegung
geraten sein dürften. Die Figur des J.B. mit seinem narzisstischen Kampfperfektionismus
scheint ebenso wie die seines größenwahnsinnigen und machbesessenen Gegenspielers
doch eher altmodisch zu sein. Was ist, wenn die narzisstische Phantasie sich
nicht mehr im sozialen Spiel des Alltagslebens entfalten kann, wenn sie sich
nicht mehr an der Wirklichkeit der sozialen Umwelt realistisch einpegelt, sondern
im Gegensatz zur nazistisch genüssliche Show auf der Bühne des Alltagslebens
in die nach außen abgeschottete Innenwelt zurückzieht und dort die fehlende
Sinnlichkeit des sozialen Zusammenpralls mit umso heftigeren, jedoch internalisierter
und individualisierten Medieninszenierungen ersetzt?
Im öffentlichen Diskurs zur Amok-Tat in der Erfurter Schule beschäftigt sich
der Gefängnispsychologe Götz Eisenberg in der Frankfurter Randschau,
mit dem Zusammenhang aktueller Subjektkonstitution, dem alltäglich Banalen und
der monströsen Gewalttat. Eisenberg versucht die psychische und soziale Situation
eines von der Schule gewiesen jungen Mannes nachzuzeichnen. (FR 3.5.02 und 11.05.02)
„In der Regel erfahren narzisstische Größenfantasien im Zuge von Ausbildung,
Studium und mit ihnen einhergehenden Prozessen der Nachreifung eine Mäßigung
und werden bescheiden-realistischer. So aber erscheint ihm [dem Täter
von Erfurt] alles verriegelt und er bleibt auf seinen Allmachts- und Größenfantasien
sitzen, die nichts von ihrer Wucht verlieren und von denen er quälend heimgesucht
wird. Ist er nicht im Begriff, das zu werden, was man im heute dominant gewordenen
zynischen Jargon ohnmächtig und ohne jede Perspektive ist?
Er zieht sich in seine Tagtraumwelt zurück, die von dubiosen Videospielfiguren
und allerhand malignen Helden bevölkert ist. Die Rachegelüste rutschen zunächst
nach innen, in die Fantasie. Mitunter haben innere Rachegestalten die Funktion
eines "seelischen Schadenschnelldienstes" (Silvia Bovenschen), der
... Blessuren beheben kann. In unserem Fall scheint aber die im Innern gestaute
narzisstische Wut zu groß, als dass sie sich auf diese Weise entspannen könnte.
Sie büßt jede Sublimierungsfähigkeit ein und drängt Robert S. sukzessive über
den Bereich des Virtuellen hinaus zur Verwirklichung seiner Schreckensfantasien.
"Wenn du nicht in und mit dieser Gesellschaft bekannt und berühmt werden
kannst, dann eben gegen sie", flüstern ihm seine inneren Helden immer
drängender ein. Die Größenfantasien geraten mehr und mehr in den Sog einer
Regression und damit in den Bann einer durch die erfahrene Zurückweisung freigesetzten
Wut. Der Narzissmus geht eine Legierung mit dem Hass ein und wird bösartig.“
J.B. ist ob seiner Thematik, die Welt zu retten, und ob seines in den Bild-Text
wie in die Dialoge eingebauten Witzes, ob seiner Satire männlichen Narzissmus
ganz und gar ungeeignet, um in den Sog narzisstischer Wahnwelt und schizophrener
Realitätsabspaltung zu gelangen. Wie steht es dagegen mit der radikal entgegen
gesetzten Dramaturgie der Kampfinszenierung auf CD-Rom, wenn der Ego-Shooter
Gewehr, Phallus und Kamera zum subjektiven Blick verschmelzen lässt?
Die Trias von Wirklichkeitsbezug, Ichstärke und sozialer Empathie wird damit
auch zu ästhetisch kulturellen Aufgabe und auch in dieser ästhetisch kulturellen
Perspektive zur Aufgabe der Medienpädagogik. So gesehen ist das über viele Jahre
entwickelte Repertoire an didaktischen Methoden und pädagogischer Ziele nur
dann noch hinreichend, wenn es sich auf eine neue Dynamik (scheinbar) egozentrischer
Subjektivität und deren Ästhetik einpegelt. Ein wichtiges Muster der Aneignung
der Welt scheint die von Gerhard Schulze formulierte Erlebnisrationalität
zu werden: Nur das, was ich in meinen Erlebnishorizont hineinnehme oder hineingelangt,
ist wirklich, weil ich es erlebt habe. Dabei bleibt die Rationalität der Welt,
der die Mensch in Distanz gegenüberstehen, um sie sich sachangemessen anzueignen,
auf der Strecke. Traditionelle Hilfsmittel, um zwischen Fiktion und Realität
zu unterscheiden, werden obsolet, weil meine individuelle Form der Aneignung
und des Handelns eine vor- oder nachgeordnete Inszenierung in kompliziert verschlungenen
Inszenierungen ist. Big Brother ist dazu eine recht anschauliche Erläuterung.
Ist es denn wesentlich, ob Amateure Schauspieler spielen oder Schauspieler Amateure,
wenn mein Blick, die Perspektive meiner Aneignung die prägende Logik ist? Wie
rührend altmodisch ist da der egozentrische Narzissmus des J.B. und seiner Antagonisten,
die die Welt beherrschen wollen, wenn der kulturelle Boden dieser Logik zu beben
beginnt. Für Kritiker, die solche grundsätzlichen Argumente kultureller Veränderungen
für akademische Überspanntheit halten, mögen sich den radikalen Wandel der gotischen
Bilderwelt zur der der Renaissance in Italien, am besten in Florenz, ansehen.
Zurück zu den Aufgaben der Medienpädagogik. Eine ihre Schwierigkeit liegt in
einer merkwürdigen Ungleichzeitigkeit: Da bewegt sich das didaktische Repertoire
der Medienpädagogik langsam in den Aufmerksamkeitshorizont unserer Gesellschaft,
gleichzeitig muss sich Medienpädagogik angesichts neuer Erlebnisweisen und einer
sich ändernden Verfassung von Subjektivität[9]
neu bedenken und entwickeln.
Welt- und Menschenbilder
Pragmatisch ließe sich mit der Frage nach den angebotenen Welt- und Menschenbildern
beginnen. Was vermittelt oder verfestigt der Film „Der Morgen stirbt nie“?
J.B. spielt mit dem narzisstisch Männer-Ego, das sich im Kampfritual, Ken-
und Barbie-Erotik und viel phallischem Waffenspiel ausagiert, wobei die
Großvater-/ Vater-Figur des Geheimdiensttechnikers auch verbal die kindlich
narzisstische Sublimierung herausstellt, zum Beispiel als J.B. mit dem Hightech-BMW
Erwachsene-Männer-Welt spielt. Die Fiktionalität der Abenteuer- und Actiongeschichte
dürfte filmerfahrene Kinder vermutlich schon ab der Grundschule nicht in ihren
realitätsbezogenen Menschen- und Weltbildern irritieren. Die Protagonisten,
vom Schurken und seinen Helfer aus der deutschen SS-Nachfolgerschaft, die Schablonen
von den Guten, von Europäern und Asiaten bis zu den Reichen und Mächtigen sind
genretypisch. Männerbilder als gesellschaftlich relevantes Thema werden heute
und bei uns nicht mittels James Bond, sondern bei Stefan Raab und Günter Jauch
abgehandelt. Der Barbie-Puppen-Mann James Bond ist richtig niedlich im Vergleich
zu den alltagsbezogenen Sado-Aktivitäten eines Stefan Raab gegenüber seinem
Praktikanten Elton, die wie man Mitte Mai 02 in der Zeitungsberichterstattung
lesen konnte, sich justiziabel mit dem Alltagleben vermischt, wenn Stefan Raab
in seiner Show den Namen einer jungen Frau mit Bildern so einrahmt, dass provokativer
Sexismus daraus wird.
2. Teil: Versuch eines Pädagogen, das Thema Medienmacht und Globalisierung
zu umkreisen
Das bisher gesagte hat wenig mit dem Leitthema Macht und Globalisierung
zu tun. Ich will deshalb versuchen, die pädagogische Version der Frage nach
den politischen und kulturellen Veränderungen zu formulieren, die der Film "Der
Morgen stirbt nie“ aufwirft. Es ist die nach der Herrschaft, die sich
von der militärischen Machtausübung zur medialen verschiebt. Zwar löst sich
der Film nicht von seinem Muster der physischen in Militärmechanismen eingekleideten
Machtausübung. So beginnt der Film mit Waffenhandel und miniaturisierten Kriegsszenen,
die J.B. die Bühne für den perfekten Kampfauftritt liefert. Er endet mit einem
Actioneinsatz, der an Stelle eines Polizeieinsatzes den großen Krieg verhindert.
Dazwischen zeigt die Story, wie Medienmacht zur politisch entscheidenden Größe
wird. Manual Castells[10] verweist auf dies Thema, indem er von der „informationellen
Entwicklungsweise“ (S. 17) spricht, in der informationelle Netze dominant
und prägend werden. Die pädagogische Seite der „informationellen Entwicklungsweise“
zeigt sich in der Mensch-Medienbeziehung, die sich mit Veränderungen bei den
Medien und bei den Erlebnisweisen einstellt. Die medialen Veränderungen ergeben
sich zum einen aus der systemischen Verknüpfung diverser Medien mit vielen Handlungsbereichen,
für die im Film Machtausübung und Herrschaftsabwehr stehen. Das sind zum anderen
kulturelle, politische Veränderungen, für die das Etikett „Globalisierung“
gängig ist. Bei J.B. gibt es noch das präzis definierte Einzelmedium vom Typ
SUN oder BILD. Für unsere kulturelle Situation verlieren solche
Einzelmedium ihre Prägekraft. Statt von Medien empfiehlt sich an diesem Punkt
der Argumentation von medialen Alltagsobjektivationen zu sprechen, die Produzenten
oder Rezipienten zu Arrangement zusammenstellen, sozusagen zu Medien- und Ereignisarrangement
mit Event-Charakter. Fernsehsendungen, Spielsoftware oder Konsumartikel wie
Tauschkarten oder Jeans beginnen funktional zusammenzugehören. Diese sich heute
in den kulturellen Vordergrund drängenden „medialen Repräsentationsformen“
korrelieren zudem mit Handlungs- und Erlebnisweisen, zu deren Verständnis Gerhard
Schulze den hilfreichen Begriff der „Erlebnisrationalität“ geprägt
hat.
2.1 Mediale Alltagsobjektivationen in den Repräsentationsformen aktueller
Medien- und Ereignisarrangements
Will man Medien in ihren verschiedenen Erscheinungsformen bezogen auf Kommunikation,
Alltag und Kultur diskutieren und bewertend einordnen, braucht es ein theoretisches
Verbindungsmittel. Dazu eignet sich der Gedanke der kulturellen Objektivationen,
die, formal gesehen, Sedimente von Handlungen sind. Programmangebote im Fernsehen
oder im Internet sind ebenso wie deren technologisches Instrumentarium Sedimente
komplexer individueller und institutioneller Handlungen, die nur mit Hilfe eine
Fülle vorausgehender und aktueller medialer Repräsentationen möglich werden.
Repräsentationen sind beispielsweise all das, was auf dem Bildschirm von Fernsehen
oder Internet sichtbar wird.
„Möglich werden“ schließt als Aktivität nicht nur das Herstellen, sondern auch
die aneignende Verwendung der Repräsentationen, die vom Denkansatz her immer
symbolischer Natur ist, ein. In diesem Modell des Herstellens und des Aneignens,
Thomas Berger und Peter Luckmann[11]
haben dies Modell bezug nehmend auf Alfred Schütz[12],
in seinen Facetten dargestellt, sind Repräsentationen Objektivationen, die sich
zwar in ihren Erscheinungsformen gewaltig unterscheiden, in ihrer grundlegenden
Funktion im Kontext des Handelns und der Alltagswelt jedoch entsprechen. Ob
Bild oder anfassbarer Gegenstand, sie sind individuelle oder institutionelle
Handlungsergebnisse, in denen sich neben den Intentionen noch vieles andere
verdichtet, was diejenigen, die sich diese Objektivationen aneignen, vielleicht
aufgreifen oder auch nicht. Im Aneignungsprozess verändern sich die Objektivationen
immer.
Dieser formale definitorische Exkurs ist notwendig, will man sich die aktuellen
Veränderungen in Sachen Medien klar machen. Weder Big Brother noch Pokémon
oder Fußballübertragungen beispielsweise sind noch traditionelles Fernsehen.
So lässt sich Repräsentation keinesfalls mehr als Abbildung eines eigenständigen
Ereignisses verstehen. In den 90er Jahren kam deshalb die erklärende Metapher
der Inszenierung auf: [13] Fußball als Inszenierung, deren Rechte in den Händen von Fernsehunternehmern
liegen. Big Brother als Inszenierung, zu der sich Amateure casten
lassen, um als private Menschen öffentlich zu werden. Damit solch eine Inszenierung
auch sinnlich genug wird, braucht es viele Kameras und zeitgenaue Bilder liefernde
Webcams. Ohne wöchentlichen Event, zu dem Tausende hingehen, um sich selber
auch von der Faktizität der Inszenierung zu überzeugen, auch um realistisch
mitzuspielen, löst kaum eine Fernsehsendung ihren Aktualitätsanspruch mehr ein.
Zudem liefert Mechandising die notwendigen Utensilien einer erfolgreichen Inszenierung.
Wer will da noch funktional unterscheiden zwischen T-Shirt, Website, Magazinen,
Fernsehsendungen, Fanclubs oder Orten, wo sich das Publikum mit anderen Akteuren
triff? Die auf der Oberfläche deutlich erkennbaren Änderungen in Sachen Medien
weisen u.a. auf das Ende des Einzelmediums, das in mehr oder weniger komplexen
Arrangements eine spezielle Aufgabe erhält. Medien wie Fernsehen werden zu symbolischen
Ressourcen neben vielen anderen. Dabei bekommen die Formen der Repräsentation,
z.B. sich mit Fans an einem Ort zu treffen, die opulent erzählte Hollywood-Geschichte
auf dem Bildschirm oder Kaufartikel zu tauschen, eine neue und erst in seinen
Konsequenzen zu erahnende kulturelle Bedeutung. Was aktuell hierbei beunruhigt
ist die Erosion der vertrauten Beziehungen medialer Repräsentation. So verliert
das angestammte Verhältnis von Zeichen, Bezeichnetem und Bezeichnenden seine
alltägliche Vertrauenswürdigkeit und soziale Zuverlässigkeit. Die Geschichten
bei Pokémon haben wenig mit denen von Cartoons zu tun, weil sie doch
eine Computer- und Sammelaktion bebildern.
Die neunjährige Lara beschreibt eines der Schemata, in das die Fernsehbilder
gehören und die für Nichteingeweihte unverständlich sind:
„Wir haben die immer dabei und dann, wenn die durchs tiefe Gras laufen,
und dann, dann kommt plötzlich nen Pokémon und dann müssen wir uns mit diesem
blöden Pokémon messen und wenn’s dann noch so wenig Power ist, dann
kann man’s einfangen. Aber wir haben schon Meisterbälle gekriegt, so
können wir’s uns gleich einfangen und dann muss nämlich keine Power
abgezogen, Energie abgezogen werden. Weil das ist so, es gibt Pokébälle, die
kriegt man ganz am Anfang. Da brauchts ganz wenig Energie.“
Lehrer erwarten jedoch eine typische Cartoon-Geschichte, zu deren Bewertung
sie auf unsere kulturelle Tradition zu Erzählung und Cartoons zurückgreifen
können. Kinder sind sich dagegen sicher, dass und wie die nachmittägliche Fernsehserie
die Bilder zu ihren Spiel- und Tauschaktionen liefert. Solange diese Aktionen
„mega in“ sind, schaltete dann auch bis zur Hälfte aller Kinder,
die fernsehen, das ergänzende Fernsehangebot ein.
Big Brother präsentiert Alltagswirklichkeit junger Leute und löst gleichzeitig
Peinlichkeitsschwellen auf. Unklar ist das Verhältnis von sozialer und medialer
Inszenierung, was jedoch einen Teil der Inszenierung ausmacht. Ambivalenz öffnet
Inszenierungen in hohem Maß für eine mitfühlende und mitdenken Aneignung. Neben
der Ambivalenz bedienen sich Medien- und Ereignisarrangements anfassbarer, also
durch den eigenen Körper der Teilnehmenden bestimmte soziale Situationen, um
ihre medial „transportierten“ Geschichten, Bildern usw. mit unmittelbar
erfahrbarer Eindeutigkeit des subjektiven Erlebens zu verbinden. Von den Arrangements
her gesehen sind Körperlich Konkretes und Medial Symbolisches nur noch unterschiedliche
Repräsentationsmodi, deren Zeichenhaftigkeit noch keinen klaren Bezugsrahmen
hat, zumindest nicht den einer kodifizierbaren und somit verlässlich eindeutigen
Zuordnung.[14] An dieser Stelle der Medienentwicklung hilft
auch nicht wesentlich weiter, von einem Medien- und Ereignisarrangement von
einem komplexen Text zu sprechen, weil sich im Moment z.B. Repräsentationsmodi
nicht so einfach identifizieren und in ihrer Rolle erklären lassen. Es ist also
unbestimmt, ob und wie der Körper eines Publikummitglieds zu lesen ist,
ob ein Mensch im Publikum einer Show denn überhaupt ein Element im Sinne eines
Morphems ist oder etwas, was sich nur in Kategorien einer Inszenierung, also
als Publikum, oder mit den Kategorien eines Rezeptionsprozesses, also als Leser,
einordnen lässt.
Im gleichen Maße wie manchmal die Gegenüberstellung von Autor, Medium und Publikum
zwar hilfreich ist, doch zunehmend unwichtig wird, weil die Nutzer auch Akteure
und Regisseure, vielleicht aber auch nur Repräsentationsmodi für Bedeutsamkeit,
Alltäglichkeitsrelevanz oder ähnliches sind, entstehen neue Erlebnis- und Umgangsweisen
mit medialen Angeboten. Selbstverständlich bleibt die werkadäquate Aneignung
möglich, jedoch nur als eines der Handlungs- und Aneignungsmuster, das sowohl
in Struktur und Dynamik eines spezifischen Medien- und Ereignisarrangements,
als auch in generelle und aktuell vorrangige Muster passen muss. Zur Zeit ist
Spielen genau so gefragt wie Lernen oder sich öffentlich vor einem Massenpublikum
präsentieren. Das macht u.a. den Reiz von Wer wird Millionär aus. Pokémon
ist Lernarrangement, Interaktionsspiel und fiktionaler Ordnungsraum, in dem
sich eine Welt in der subjektiven Erlebnisperspektive als eigene auftut. Weil
Kinder bei/ in/ mit Pokémon als Experten agieren können, lernen sie auch
präzise das dafür notwendige Vokabular von 150 Termini und erörtern es miteinander.
Erlebnisrationalität und Bedeutungskonstitution
Das vorrangige Handlungs- und Aneignungsmuster hat Gerhard Schulze[15],
wie gesagt, als Erlebnisrationalität beschrieben. Menschen eignen sich Welt
in ihrer jeweiligen Sinnperspektive des subjektiven Erlebens an. Es ist im doppelten
Sinne postmodern, einmal, weil sich die Subjekt-Objektbeziehung nicht mehr in
der vertrauten und dominierenden Sachlogik der Objekte bewegt. Zum anderen,
weil der kulturelle Rahmen für Subjekt-Objektbeziehungen verschwimmt, indem
unterschiedlichen Varianten in unterschiedlichen Alltagskontexten unterschiedlich
gültig bis unwichtig oder störend wird. Gleichzeitig legt die aktuelle kulturelle
Dynamik (Stichwort: Individualisierung) die Subjekt-Objektbeziehung in den Aktionsbereich
der Subjekte. Wie die Menschen mit Medien- und Ereignisangeboten umgehen
ist mehr, also der bisher verwandte Rezeptionsbegriff beschreibt. Die Mensch-Medienbeziehung
wandelt sich auch in dem Maße, indem sich das Verhältnis von Autor und Rezipient
neu mischt. Ein Gefüge von Elementen und deren Gewichtung, also zu einem Event
zu gehen oder nicht, das Spiel zur Sendung auch zu spielen, im Fanclub oder
im Chatroom des Internets zum Experten einer Sendung zu werden, all das ist
ein Schaffensprozess, der den Charakter der Bedeutungskonstitution hat.
In der kulturellen Gemengelage sich ändernder Erlebnisweisen, Aneignungsmuster
und Repräsentionsformen wachsen Kinder auf, deren Entwicklung in ihrer Beziehung
zu sich und zu ihrer sozialen, dinglichen, kulturellen Umwelt geschieht, eine
Beziehung, die über die kulturell vorrangige oder typische symbolische Objektivationen
vermittelt ist. Dabei spielen die Handlungs- und Aneignungsmuster, in die Medien
als symbolische Objektivationen eingebettet sind, eine bestimmende Rolle. Schulisches
Lernen beispielsweise kann in dieses Setting nun passen oder auch nicht.
Gleiches gilt auch für andere wichtige Handlungs- und Aneignungsformen, beispielsweise
sich auf andere Menschen verstehen einzulassen. Diese für eine kulturelle Veränderungssituation
typische Ambivalenz und Unklarheit, zwingt jedoch nicht zur Schlussfolgerung,
eine Auseinandersetzung auch um Medien und Programmangebote als wichtiger Teil
der Alltagswelt von Kindern lohne sich nicht. Sie gelingt jedoch nur, wenn die
Suche nach einem Ersatz für lieb gewordene Maßstäbe in Gang kommt. Dazu braucht
es sowohl die allgemeine Auseinandersetzung um Medien-Kultur als auch
deren Konkretisierung für die Generation der Kinder.
2.2 Von der Analyse zum pädagogischen Bezugsrahmen
Wie gelangt man von der distanzierten Analyse der Medienkultur zu einer
pädagogischen Bewertung. Der Film legt auch dem Pädagogen nahe, sich über Macht
und Herrschaft, eines der offensichtlichen Themen des Films, Gedanken zu machen.
Wie verbinden sich Macht und Herrschaft mit den neuen medialen Repräsentationsformen?
In die Dimension von Macht und Herrschaft gehört zum einen die Frage nach der
Legitimation. In einem anderen und zwar parteiischen Zugriff auf das Thema der
Macht geht es um die Menschen als gefährdete Subjekte. Das ist ein praktisch
moralischer Zugang, der heute sehr wohl eine zentrale kulturelle Frage ist.
Es schließt sich die medienkulturelle Frage an, die der Film meiner Wahrnehmung
nach nicht stellt. Es geht um unsere Interpretationsweisen und Diskurse, die
mit den neuen medialen Repräsentationsformen verknüpft sind. In der Blickrichtung
auf die Menschen als gefährdete Subjekte und die medial vorgegeben Interpretationsweisen
und Diskurse kommt man kaum umhin nach den Bildungsaufgaben Ausschau zu halten,
die sich Medienpädagogik stellen. Dazu die Metapher, den Eigensinn sowohl
der Kinder wie der Sachverhalte und Ereignisse in einer fließenden Welt der
Zeichen zum Ausgangpunkt zu nehmen, um die pädagogische Aufgabe der Bildung
zeitgerecht zu bedenken.
Interpretationsweisen und Diskurse
Die aktuelle Umgestaltung der Massenkommunikation läuft auch auf eine neue
Mensch-Medienbeziehung hinaus, bei der sich Medien in komplexe Arrangements
mischen und in denen sie die Funktion von Providern symbolischer Angebote bekommen.
Wichtig für die Aneignung solcher komplexen Arrangements ist in Zeiten kulturellen
Unklarheiten, in denen kulturelle Erfahrungs- und Bewertungskontexte fehlen,
welche Interpretations-Folie die Produktion und welche Diskurs-Flächen (-zeiten)
die Sender anbieten. Nicht mehr was angeboten wird, ist die vorrangige kulturelle
und pädagogische Frage, sondern das Wie. McLuhans das „Medium ist die
Botschaft“ diesen Umstand recht gut. Die einordnende Interpretation neuer
Programmangebote sollte nicht in der Dynamik der Individualisierung als kulturelles
Risiko ausschließlich an die Mediennutzer delegiert werden. In den Programmangeboten
stecken Potentiale einer Reflexivität, in denen die Eigenart des Angebots fragwürdig,
vielleicht auch durchschaubar und diskutierbar wird. Beispiel ist hierzu bei
Big Brother die Unklarheit, welche Zeichenfunktion die Akteure im Container
haben, z.B. als ge-castete Typen. Was ist Zeichen, was ist Thema? Falls das
Programm in den Interessenhorizont von Kindern kommt, zum Beispiel, weil sie
per Telefon Leute aus dem Container/ Programm wählen können, suchen sie sich
in ihrer Umgebung Situationen, in denen sie ihre Interpretation entwickeln.
Je mehr Medien- und Ereignisarrangement und zudem meist auch nur recht kurzfristig
erscheinen, um so schwieriger ist es, einen kulturellen Bezugs- und Bewertungsrahmen
zu entdecken, um so aufwändiger ist es, zum eigenen Interpretationsrahmen zu
gelangen.
Bei Big Brother gab es heftige Diskurse in verschiedenen kulturellen Felder,
u.a. bei der Politik, in der Presse, in der Wissenschaft, was denn da zu sehen
sei, z.B. eine Real-Life-Soap. Aber schon bei „Big Diet“ reduziert
sich der Diskurs auf den Typ der Moderatorin und auf die Ein- bzw. Ausschaltaktivität
des Publikums. Die Frage bleibt jedoch weiterhin offen, welche Themen mit dieser
Art von Repräsentation „abgehandelt“ werden. Offen ist, ob und welche
Zeichenfunktion die verwendeten Repräsentationsmodi bekommen. Hier kommt auch
und gerade den Programmanbietern die Aufgabe zu, in von ihnen zu verantworteten
Programmangebote in Reflexionsmöglichkeiten einzubinden, z.B. mit Hilfe der
zur Sendung gehörigen Website.[16]
Selbstverständlich haben auch Bildungseinrichtungen wie die Schule die kulturelle
Aufgabe, mit den Kindern zusammen die „Lesbarkeit“ der Programmangebote
zu entdecken. [17]
Herrschaft und Legitimation
Die theoretisch rührend hilflose und praktisch folgenlose Frage nach der
Herrschaftsausübung im Zusammenhang mit einem neuen Genre wie Big Brother oder
der Ruf nach dem Jugendschutz als Talkshows mit der Funktionalisierung von Alltagsakteuren
aus dem Ruder liefen, sind Indiz, wie wenig die politische Frage in Sachen Massenkommunikation
trotz demokratischer Grundordnung auf der öffentlichen Agenda steht. Gäbe es
nicht Wirtschaftsstaatsanwälte, reduzierte sich öffentliche Kontrolle und Legitimation
der Akteure im Mediengeschäft auf die Aufsichtsräte der GmbHs, denen jede demokratische
Legitimation fehlt.
Neben den offensichtlichen Machtzusammenhängen im Mediengeschäft gibt es weniger
leicht zu durchschauende Machtkonstellationen, die der Legitimation bedürfen.
Auf die Texten und ihrer Rezeption inhärenten Formen von Macht und Herrschaft
haben schon vor geraumer Zeit Pierre Bourdieu und Stuart Hall hingewiesen. So
steht für Bourdieu[18] „die
Art der Beziehung, die jedes einzelne Individuum mit der gesamten Sphäre der
kulturellen Produkte verbindet“ „in engstem Konnex mit seiner Stellung in diesem
Felde“ (S. 107). Konkret geht es um die „feinen Unterschiede“[19]
die mit der Verwendung kultureller Produkte vom Buch bis zum Hobby einhergehen.
Die Felder und ihre Produkte unterliegen recht unterschiedlichen Legitimitätsansprüchen,
die für die modernen, dennoch etablierten Medien wie den Film anders laufen
als für Alltagsutensilien wie Wohnungseinrichtung oder Kleidung. Mit der Mischung
einzelner Medien und Programme in Medien- und Ereignisarrangements bleibt die
gesellschaftliche wie individuelle Auseinandersetzung um Legitimität bzw. um
entsprechende Ansprüche unvermeidlich. Gerhart Schulze hat gezeigt, wie Menschen
sich in und mit alltagsästhetisch konstituierte Milieus und Handlungsschemata
grundlegend in der Welt verankern, einer alltagsästhetisch verfassten Welt,
die wählbar ist, die in Konkurrenz zu anderen steht und deren Legitimität mit
den alltagsästhetischen Repräsentationsformen verbunden ist. Dabei kommt die
von Stuart Hall formulierte Dynamik des Herstellens und Rezipierens von Medien,
er beschreibt sie als „Encoding“ und „Decoding“,[20] ihr politisches Gewicht. In der Auseinandersetzung über Deutungsmacht,
Autonomieerfahrungen, Widerstandpotentiale oder Unterwerfungsprozeduren bei
der Aneignung von Themen oder Darstellungsweisen definieren sich Macht- und
Herrschaftsverhältnisse in ihrer kulturellen Erscheinungsform.[21]
An diesem Punkt läuft im Bildungsbereich eine Art verdeckter
Kampf um die Legitimität von Aneignungsformen. Es ist ein Kampf, den beispielsweise
ganze Lehrerkollegien mit dem expliziten Verbot von Pokémon aufnahmen.
Ihnen stand, von den Fernsehnutzungsdaten her geschätzt, über Monate die Hälfte
ihrer Schüler im Alter von ca. 8 bis 14 Jahren gegenüber. Wenn beispielsweise
Lehrer Eltern in die Schule zitieren, um Medienvorlieben von Kindern zu besprechen,
dann prallen nicht selten divergente Wertvorstellungen nicht nur traditioneller
Sozialschichten aufeinander, sondern auch die unterschiedliche Bewertung spezieller
medialer Repräsentationsformen alltagsästhetisch organisierter Milieus. Maja
Götz[22] hat dazu den Fall eines zehnjährigen
Jungen beschrieben, der zusammen mit seinen Eltern Fan von WWF-Wrestling war,
dessen Lehrerin dies jedoch schrecklich fand. Die Mutter war sich sicher, dass
eine gebildete Frau wie eine Lehrerin in Sachen WWF-Wrestling keine solche Lücken
haben dürfte. Die Lehrerin hatte jedoch keine Idee davon, dass ihre Interpretation
des Medien- und Ereignisarrangements WWF-Wrestling etwas mit Machtausübung zu
tun hat.
Die Verletzlichkeit der Menschen und die empathische Parteinahme für die
Unerfahrenen
Die Idee der Humanität mit ihren Formen der Fürsorge, Anteilnahme und Solidarität
ist in einer sich kulturell und hierbei wiederum sich medial definierenden Gesellschaft
mit zwar standardisierten dennoch unklaren Repräsentionsformen neu zu deuten.
Die Basis dafür ist eine Alltagshermeneutik, bei der die Menschen in der Spannung
von Ichstärke, Alltagsgestaltung und Wirklichkeitsbezug sowohl auf Empathie
vertrauen, als auch Empathie aufgrund ihrer entwickelten Interpretationsweise
einbringen können.[23]
Anthony Giddens[24] verbindet mit der von ihm vorgetragenen
der Idee der Verletzlichkeit (vulnerability) eine lange kulturhistorische Tradition
der Anteilnahme mit der aktuellen Aufgabe eines jeden einzelnen, sich seiner
Identität zu versichern. Dies ist eine kulturelle Aufgabe, die sich in der Spannung
von sozialer Sicherheit einer objektiv vorfindlichen Welt (ontological security,
S. 37), der eigenen Lebensentwicklung, der sich selber „erzählten“
eigenen Geschichte („narrative“, S. 54) sowie der alltäglichen Bedrohungen,
Absonderlichkeiten und Zwängen (Sequestration of the experiences of day-to-day
social life, S. 168) einer von den Menschen individuell zu gestaltenden Lebenswelt.
Ein anschauliches Beispiel, die Verletzlichkeit von Menschen im Kontext eines
Diskurses zu einem neuen Genre zu zeigen, liefern die Fotos des Jugendmagazins
„jetzt“ der „Süddeutschen Zeitung“ vom Herbst 2000 (Nr.
48), die „Manu“ aus der ersten Staffel von Big Brother zeigen. Das
Publikum sowohl das der Events um den Container der Big-Brother-Show als auch
das des Internets hatte sie zum Aggressionsobjekt gemacht, sicherlich nicht
zuletzt, weil sie als die blonde Nordische in einer der Begleitsendungen mit
ihrem farbigen Freund zu sehen war. Ein halbes Jahr danach erschien diese „Schlampe
Manu“ ganz und gar nicht mehr zur Schau gestellt. Jetzt war sie völlig
anders arrangiert, und zwar auf Fotos als integrierter Teil einer Herbstlandschaft.
Im Gegensatz zur detailgenauen Präsentation von „Big Brother“ geht
es diesen Fotos um eine beschützende Darstellung, die Wesenszüge einer jungen
Frau zeigen will, die jedoch nicht die Kamera präsentiert, die sich vielmehr
Leser im Kontext einer Gold gefärbten Herbstlandschaft sentimental erschließen.
Solch eine Kommentierung der Menschen von „Big Brother“ hatte jedoch
Seltenheitswert.
In der Spannung einer zuverlässigen, weil vorfindlichen Welt
mit den bedrohlichen Ansprüchen, die eigene Lebenswelt im Entwurf der eigenen
Lebensgeschichte zu gestalten, entstehen die vielfältigen Medien- und Ereignisarrangements
als objektive kulturelle Basis und als subjektive „Lebensweltbausteine“.
In dieser Komplexität kann die eigene Lebensgeschichte gelingen oder auch nicht.
Die Aufmerksamkeit müsste sich auf die in diesem Spannungsfeld Unerfahrenen
und Verletzlichen richten und dabei deren Ausdrucks- bzw. Repräsentationsformen
reflektierend aufgreifen. In der eignen Bildungsgeschichte von Lehrerinnen und
Lehrern sowie in der institutionellen Sicherheit überlieferter Repräsentationsformen
der Schule muss dies beileibe nicht zu einer unterstützenden Beziehung der Lehrer
zu den Schülern in didaktischen Situationen und in der Institution Schule kommen.
Eine schützende Beziehung der Produzenten, Provider und Programmverantwortlichen
für ihr Publikum, das zunehmend in den von ihnen inszenierten Arrangements handelt,
geht selten über den gesetzlich vorgeschriebenen Jungendschutz hinaus.
Vom Eigensinn der Kinder und Sachen bis zum Anker in einer fließenden Welt
der Zeichen
Im Gemenge der Medien und Ereignisse sowie in der Sicherheit aber auch in
der individuell riskanten, alltäglichen Lebensgestaltung entwickelt sich die
pädagogische Frage- und Aufgabenstellung. Dabei geht es im ersten Schritt um
Handlungs- und Aneignungsmuster, also nicht mehr vorrangig um die Medienerlebnisse
oder gar um die Medien selber.
Die neue und eher konsumierende, mediengerechte Form der Aneignung hat eine
postmoderne Dynamik, die nichts mehr mit Pauken zu tun hat. Kinder eignen sich
die Welt in einer spezifischen Erlebnisweise an. Diese Erlebnisweise hat sich
mit Konsumorientierung und Individualisierung entwickelt, bei der Medien, insbesondere
Fernsehen, einen nicht zu unterschätzenden Anteil beitrugen. Die heutige Kindergeneration
ist im Trend zur Individualisierung und mit der Notwendigkeit aufgewachsen,
individuelle Lebenswelten gerade auch mit den symbolischen Materialien der Medien
aufzubauen. Damit beginnen Kinder und Jugendlichen ihre Erlebnisweisen zu verändern.
So stehen sie tendenziell im Mittelpunkt einer eigenen, subjektiven Welt, die
sich anders aufbaut als die Lern- und Sachwelt der Schule.
Diese postmoderne Welt entsteht um das eigene Ego in Prozessen der Bedeutungskonstitution.
Bedeutungskonstitution ist das Gegenmodell zur passiven Medienrezeption. Kinder
eignen sich das symbolische Material von Konsumobjekten, Medien und Ereignissen
individuell an, indem sie ihnen perspektivisch und innerhalb von Relevanzrahmen
subjektive Bedeutung verleihen. Die jeweilige Medienwelt ist einer dieser Relevanzrahmen.
Sich vergewissern: Reflexivität für Bastler in Kulturinszenierungen
Medienkompetenz ist sicher eine Form, wie Kinder eine reflexive Beziehung
zu Medien als Teil von Kulturinszenierungen entwickeln. Auf Seiten des Fernsehprogramms
findet sich dazu nicht viel, das sich deutlich auf Medienkompetenz und eine
reflexive Beziehung von Kindern zu Medien einlässt. In der Cartoon-Serie „Pepper
Ann“ (RTL, Sendezeit: Samstag Morgen) gibt es dazu ein amüsantes Beispiel.[25]
Pepper Ann ist eine alltägliche und jugendliche amerikanische Schwester von
Pippi Langstrumpf, die mit Pfiffigkeit Erwachsenen einen kritischen Spiegel
vorhält, sich dabei mit Genuss einer überzogenen Sprache bedient. Pepper Anns
Tante Janie möchte eine Studie über Gewalt in Videospielen machen, um „die
Jugend von heute zu retten.“ Zu diesem Zweck besorgt sie sich eine Spielkonsole.
Pepper Ann ist begeistert, da sie nun „128 Megabytes knallharte, hirnzellenfressende
Action“ zu Hause stehen hat. Der Konflikt ist klar: friedensbewegte und
besser wisserige Erwachsene gegen das Experten-Mädchen in Sachen Medien, Fun
und Action. Die beiden Protagonistinnen stehen zudem für gegensätzliche Vorstellungen
von Medienwirkung. Pepper Ann beschwichtigt: „Reg dich ab, Tante Janie,
das sind doch alles nur Spiele. Es passiert nicht wirklich.“ Doch die
Tante ist sich sicher, welchen „schlechten Einfluss“ Medien „zwangsläufig
auf die Jugend von heute ausüben“. Pepper Ann zeigt sich mit dieser Vermutung
nicht einverstanden: „Ich weiß nur, dass ich mir schon seit meiner Geburt
solche Videospiele reinziehe. Und findest du etwa nicht, dass ich eine normale,
wohlgeratene Jugendliche bin?“ Das starke Mädchen ist sich ihrer Mediennutzung
sicher. Die spielunerfahrene Tante beginnt dann jedoch in den fiktionalen Computer-Kampfspielen
aufzugehen, überträgt sogar Militärgehabe auf die Menschen ihrer Umgebung. Pepper
Ann gelingt es, ihre Tante wieder auf den Boden der Wirklichkeit zu stellen,
was Tante Janie dann auch zu folgendem Statement bringt: „Gewalt in Videospielen
mag fiktiv sein. Es sind nur Piepser und Punkte auf dem Bildschirm. Aber wenn
wir uns in diese Gewalt zu sehr hineinsteigern, kann sie auf unser Alltagsleben
übergreifen und darin zur Realität werden.“
Neben solchen amüsanten Geschichten des Fernsehens gibt es für Medien ebenso
wie für Schule vermutlich eine Fülle von Möglichkeiten, Kindern emotionale,
soziale und rationale Distanz und Auseinandersetzung anbieten. Auf einer weiteren
Stufe von Reflexivität sind Angebote wichtig, die dazu beitragen, Lebenswelten
selber zu ordnen und zu gestalten. In diesem Kontext sind rhythmische Ordnungsversuche
hilfreich. Rhythmus bietet nicht nur einen Beitrag zur Ordnung einer komplexen
Welt, sondern integriert auch mit der gängigen Repräsentationsweise der Musik
auch das Ohr als Sinnesorgan. Reflexivität ermöglichen zudem Zwecktexte wie
die der Werbung, wenn sie die simple Funktion von Werbung als Kaufanreiz oder
Produktbotschaft durchbrechen und die Werbeelemente als Spiel- und Ästhetikmaterial
anbietet. Die Spots, in denen es um gelingendes Kinder- und Familienleben geht,
sind dafür ein schönes Beispiel.[26]
Eigensinn von Kindern, Dingen und Ereignissen
In ihrem Verhältnis zu Medien sind Kinder sehr wohl kreative Schöpfer, wobei
Schöpfung ein Prozess der Bedeutungskonstitution ist. Kinder schaffen Bedeutung
in ihrer eigenen Sinnperspektive. Die Kinder-Medien-Beziehung ist selbstverständlich
auch eine medienpolitisch und ökonomisch bestimmte Beziehung, in denen Kinder
nur vom Marketing auskalkulierte Abnehmer sind, die letztlich nur als Quoten
fungieren. Kinder sollen dagegen eben nicht zu Objekten von Zwecktexten oder
Einschaltquotenkalkül werden. Ihr Eigensinn in der Doppelbedeutung von Widerständig
und Sinnschaffen ist deshalb eine wichtige Bewertungsdimension für Fernsehangebote.
Bewerkenswerte Beispiel finden sich in der Werbung, u.a. im schon genannten
Typ des gelingenden Kinder- und Familienlebens. In einem Spot von Langnese tanzt
eine Familie wild herum, weil es Eis gibt. Der Kommentar aus dem Off macht sich
darüber lustig: „Diese Familie hat Spaß. Liegt es an den neuen Family-Fun-Packungen
von Langnese? Den vielen verschiedenen Langnese Minis? Nein, die haben so viel
Spaß, weil sie Schauspieler sind, die für diesen Werbspot bezahlt werden. Aber
ihre Familie wird viel Spaß mit den Family-Fun-Packungen von Langnese haben.
Nur wird sie dabei nicht so bescheuert aussehen.“ Dann sind kurz die verschiedenen
Eispackungen zu sehen. Die „bescheuerte“ Schauspieler-Familie tanzt
weiter, während der Off-Kommentar, betont: “Die neuen Familiy-Fan-Packungen
von Langnese, die machen wirklich Spaß.“
Ein anderer Werbespot von Langnese adressiert Kinder als kompetent in alltagsästhetischen
Spielchen, die alles andere als dem Gewinninteresse der werbenden Firma nachgeordnet
sind. Dabei steht das wilde Spiel mit grafischen Elementen im Vordergrund, was
ein Gespür für Lifestyle als eines der Puzzle-Elemente des komplizierten modernen
Lebens zeigt. Ein beworbenes und zu kaufendes Objekt, vom Eis bis zu den Klamotten,
liefert die verbindende Farbe, den Kleister des Alltagslebens in der Lebensvielfalt.
So hat der Werbespot von Langnese für „Tricky Licky“ recht wenig
mit Eisschlecken zu tun. In einer wilden Computeranimation wirbelt und fliegt
ein Junge in Sekundenbruchteilen durch grell bunte und eckige graphischen Elemente,
taucht ebenso nach einem Eis wie nach anderen grafischen Spielelementen. Schräges,
wildes Spiel von Figuren und Zeichen machen den Spot attraktiv. Vor dem Hintergrund
eines abstakten Bildes taucht ein Junge auf, der mit den Zeichen des abstakten
Bildes spielt und der dann selber zum Spielelement wird, indem sein Gesicht
sich dem eckigen Basismuster anpasst. Sein Kopf erscheint losgelöst vom Körper
in mehreren Spiegelebenen. Das geht alles so schnell, dass die Einzelheiten
erst richtig nur im Standbild zu erkennen sind.
Wichtig ist, ob und wie Sender, Warenproduzenten, Entertainment-Unternehmen
aber auch Schule die Kinder als Subjekte adressieren, welches implizite Kinder-
und Konsumentenbild sie unterstellen. Gleichzeitig existiert auch in der erlebnisorientierten
Gesellschaft die Welt der Sachverhalte und Ereignisse als etwas Eigenständiges
mit eigenem Wert und Sinn, das über das individuelle Verfügen hinaus reicht.
Es geht in dieser Bewertungsdimension also um die Funktion von Medien für die
Realitätserklärung, deren konsequente Form das Lehren und Lernen ist.
Kontexte herstellen in der Welt als Supermarkt
Die Aufgabe, sich in einer vielschichtigen und auch brüchigen Welt die eigene
Lebenswelt aufzubauen, ist nicht nur für Kinder eine kräftezehrende und riskante
Aufgabe, zu deren Bewältigung sie Hilfe brauchen. Nicht erst mit der Globalisierung
liefert Fernsehen bzw. andere elektronische Medien eine Fülle von Formaten und
Genres, die sich nicht allein auf der Basis kultureller Tradition erklären.
Gängig ist in diesem Zusammenhang die Vorstellung, Kinder sollten beim Fernsehen
natürlich nicht allein gelassen werden; zuhörende, erklärende oder auch beruhigenden
Eltern bzw. Bezugspersonen sollten sie dabei begleiten. Dies nicht allein der
Familie zu überlassen, ist auch Aufgabe der Medienanbieter. Es gilt insbesondere,
wenn Programme den angestammten Kulturkontext verlassen und Kinder sie ohne
tradierten oder vertrauten Bezugsrahmen, also ohne eigene Genrekompetenz, rezipieren.
Dazu gehört sicherlich etwas, das Kinderfernsehen, z.B. die „Sendung mit
der Maus“, immer schon macht, nämlich die Welt zu erklären. Neu ist dagegen
der Weg, Bezüge zu Lebensstilen anbieten und mit typischer Alltagsästhetik eine
symbolische Brücke zu neuen sozialen Gefüge wie Fan-Gruppen, Szenen, Milieus
zu bauen. Das ist wichtig, weil diese Bezüge zu Stilen und Milieus soziale Verortung
ermöglichen. Warum sollte nicht auch die Schule ihre ästhetische Domäne öffnen
und Kindern bzw. Jugendlichen Ordnung, Orientierung mit Hilfe der aktuellen
Alltagsästhetik bieten?
Noch ein kurzer Gedankensprung zu einer anderen Veränderung. Nachdem sich die
Altersgrenze, von wann ab Kinder fernsehen können, verschoben hat, stellen sich
Produzenten und Sender die Aufgabe, was denn für Kinder ab zwei Jahren altergerechtes
Fernsehprogramm sei. Die BBC und in Deutschland der „Kinderkanal“
griffen mit den „Teletubbies“ auf eine rhythmische Struktur zurück,
sicher nicht nur weil bei Kleinkinderfernsehen die alten Kinderreime nahe liegen.
Sicher sind auch die Videoclips prägend, die Rhythmisierung als Ordnungsmöglichkeit
ins Zentrum für Handeln und Aneignung stellen. Die Teletubbies führen diese
Idee weiter und machen den Bildschirm zum rhythmischen Spielraum, der sich aus
der Abfolge der Programmelemente und aus der die Choreografie der Hauptfiguren
bildet.
Ein prägnantes Beispiel findet sich in TV Total bei Pro7, wo sich
Stefan Raab für einen Moment aus seiner Rolle als Trash-Moderator herausnimmt
und den integrativen Musiker und Musiklehrers aufscheinen und spielen lässt.
Dazu nimmt er nimmt aus einem Wetterbericht Sprach- und Bildelemente und macht
daraus den Maxi Beaver Rapp. Üblicherweise bietet „TV Total“
ein medienreflexives Moment, indem es regelmäßig andere Sendungen und Sender
zitiert und satirisch provokativ zerlegt. In diesem Kontext zeigt Stefan Raab
den Wetterbericht mit Maxi Beaver, aus dem er einen Rap macht. Dabei gelingt
ihm ein erstklassiges Beispiel, wie mit dem Sprech- und Musikrhythmus als Gestaltungsmittel
des Rap sich etwas Neues gestalten lässt, wie ein beliebiges mediales Versatzstück
zum integrierenden Kern subjektiven Erlebens wird, indem es einen Rhythmus bekommt.
Die moderne Welt mit den vielen zerstückelten Erlebnisangeboten braucht eine
neue Qualität, die sich über Ästhetik und Rhythmus erschließen lässt. Selbstverständlich
bleibt die narzisstischen Pose des Stars, der jedoch seine Trash-Rolle nicht
nur nutzt, um sich im Mittelpunkt seiner Inszenierung destruktiv und mächtig
herzuzeigen, sondern um eigenständig und gestaltend in der Medienwelt Verbindungen
herzuzeigen.[27]
[1] Hurrelmann, Klaus: Einführung in die Sozialisationstheorie.
Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeit. Weinheim (Belz
Verlag) 1998 (6. Auflage). S. 62: „Sozialisation als produktive Verarbeitung
der inneren und der äußeren Realität“
[2] von Gottberg, Joachim: Jugendschutz in den Medien.
Herausgegeben von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (FSF). Berlin
(FSF) 1995, S. 153
[3] Medienpädagogischer Forschungsverbundes Südwest/
Peter Behrens, Sabine Feierabend, Thomas Schmid: Ergebnisbericht: Jugend-
und Jugendmedienschutz. Baden-Baden und Ludwigshafen. Juli 1998
[4] Hurrelmann, Bettina, Hammer, Michael, Stelberg,
Klaus: Familienmitglied Fernsehen. Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt
für Rundfunk Nordrhein-Westfalen. Band 20. Opladen (Leske + Budrich) 1996
[5] Six, Ulrike, Frey, Christoph, Gimmler, Roland: Medienerziehung
im Kindergarten. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde. Schriftenreihe
Medienforschung der Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen. Band 28.
Opladen (Leske + Budrich) 1998, S. 439
[6] Frey, Christoph, Six, Ulrike: Kriterien zur Bewertung
des „Kinder-Fernsehens“. In: Erlinger, H.-D. (Hrsg.) Kinder und
der Medienmarkt der 90er Jahre. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1997, S. 177-196
[7] Der Bewertungsrahmen von Eltern, vermutlich auch
der von Erzieherinnen oder Grundschullehrerinnen, bleibt nicht ohne Folgen
dafür, wie Kinder beispielsweise gewalthaltige Medienangebote interpretieren.
So berichtet Sandra Caviola von Ängsten von Müttern in Bezug auf Gewalt im
Fernsehen, die sich auf Kinder übertrugen (S. 297). Sandra Caviola: Vorschulkinder
und Gewalt im Kinderprogramm. Eine qualitative Untersuchung zur Rezeption
gewalthaltiger Fernsehinhalte durch Vorschulkinder. Münster (LIT Verlag) 2000
[8] Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation.
Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. 2 Bände. Frankfurt a.M.
(Suhrkamp) 1979, 6. Auflage
[9] Ben Bachmair: Fernsehkultur. Subjektivität in einer
Welt bewegter Bilder. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1996, S. 238 ff: 5. Teil:
Subjektkonstitution. Von fiktionalen Erzählungen zu alltagsästhetischen Inszenierungen.
[10] Castells, Manuel: Das Informationszeitalter I.
Die Netzwerkgesellschaft: Opladen (Leske + Budrich) 2001
[11] Peter Berger, Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche
Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt
a. M. (S. Fischer) 1. Auflage 1970
[12] Alfred Schütz: Der sinnhafte Aufbau der sozialen
Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie. Frankfurt a.M. (Suhrkamp)
1974 (englische Originalausgabe 1932)
[13] Stefan Müller-Doohm, Klaus Neumann-Braun (Hrsg.):
Kulturinszenierungen. Frankfurt (Suhrkamp) 1995
[14]
Vgl. dazu Gunther Kress, Theo van Leeuwen:
Reading Images. Geelong
(Deakin University Press) 1990, S. 159 ff.
[15] Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie
der Gegenwart. Frankfurt a.M. (Campus) 1992, 2. Auflage, S. 34 ff.
[16] Ein Versuch, zu „WWW-Wrestling“ ein
Begleitprogramm in der Verantwortung des Fernsehsenders in die Sendung mit
dem Ziel zu integrieren, Kindern die Darstellungsweisen und Themen von „WWW-Wrestling“
durchschaubar zumachen, ist in der Auseinandersetzung um die jugendschutzrelevante
Sendezeit gescheitert. Ben Bachmair, Gunter Kress: Begleitprogramm für eine
Höllen-Inszenierung. In: Ben Bachmair, Gunther Kress (Hrsg.): Höllen-Inszenierung
Wrestling. Beiträge zur pädagogischen Genre-Forschung. Opladen (Leske + Budrich)
1996, 197-218
[17] Im Kontext der britischen Cultural Studies ist
dazu eine Fülle von anschaulichen Anregungen entstanden, z.B. John Fiske:
Reading the Popular. London (Routledge) 1992.
[18] Pierre Bourdieu: Zur Soziologie der symbolischen
Formen. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1991, 4. Auflage (französische Originalausgabe
1970
[19] Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Frankfurt
a.M. (Suhrkamp) 1989, 3. Auflage
[20] Stuart Hall: Encodung/ Decoding. In:
Stuart Hall, D. Hobson, A. Lowe, Paul Willis (eds.): Culture, Media, Language.
London (Hutchinson) 1980, S. 128-138
[21] Vgl. Andreas Dörner: Medienkultur und politische
Öffentlichkeit: Perspektiven und Probleme der Cultural Studies aus politikwissenschaftlicher
Sicht. In: Rainer Winter, Andreas Hepp (Hrsg.) Kultur - Medien - Macht. Cultural
Studies und Medienanalyse. Opladen/ Wiesbaden (Westdeutscher Verlag) 1999,
2. Auflage
[22] Maja Götz: Individuelle Aneignung - zwei Fälle.
In: Ben Bachmair, Gunther Kress (Hrsg.): Höllen-Inszenierung Wrestling. Beiträge
zur pädagogischen Genre-Forschung. Opladen (Leske + Budrich) 1996, S. 148
- 167
[23] Ben Bachmair: Fernsehkultur. Subjektivität in einer
Welt bewegter Bilder. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1996, S. 268 ff.
[24] Anthony Giddens: Modernity and Self-Identity. Self and Society in
the Late Modern Age. Cambridge, Oxford (Polity Press, Blackwell Publishers)
1991
[25] Judith Seipold: Medien- und Genrekompetenz. Auf:
Ben Bachmair: www.kinderfernsehforschung.de. Website des Forschungsprojektes
„Bestandsaufnahmen zum Kinderfernsehen 2000“
[26] Ben Bachmair: Abenteuer Fernsehen. Ein Begleitbuch
für Eltern. München (dtv) 2001, S. 202 ff.
[27] Zwischen den Teletubbies und Stephan Raabs Rap
auf dem Bildschirm liegt weniger Distanz als zur medienpädagogischen Praxis.
Warum muss bei einem Praxismodell wie dem „Klangtonland von Ulk van
Bulk“ didaktisch so traditionell vorgegangen werden; traditionell im
Sinne eines fehlenden Bezugs zur Massenkommunikation, dafür mit um so mehr
Didaktisierung in der theoretischen Begründung? Warum die Gliederung in „Gehörbildung/
Sprechen und Singen/ Bewegung und Tanz/ Instrumentenkunde/ elementares Instrumentalspiel/
Erfahrungen mit Inhalten der Musiklehre“? Neteler, Simone: Hast du Töne?!
Im Klangland von Ulk von Bulk entdecken Kinder musikalische Welten und machen
selbst Musik. In: tv diskurs. Verantwortung in audioviduellen Medien. Ausgabe
20. April 2002, S. 78 - 81
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