Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen
 
 
Ergebnisse im Überblick
Zusammenfassende Texte

Editorial Bachmair
Jahrbuch5: Methode
Text Raabe Rummler Seipold

Persönlichkeitsentwicklung der Kinder

Was Kinder Überfordert
Familien vor dem Bildschirm
Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen
Eine kritische Debatte tut Not!
Jugendschutz und Medienmacht

Orientierung in der Alltags- und Lebenswelt

Angebot zu ethnisch-kulturellen Lebensweisen
Soziale Orientierung - 2001
Soziale Orientierung - 2000
Dissertation Claudia Raabe (PDF)
Magisterarbeit Klaus Rummler (PDF)
Kindliche Alltagswelt

Die Welt der Dinge und Ereignisse

Beim Optimismus der Sesame Street...
Medien und Lesekompetenz nach PISA
Lernen mit dem Fernsehen? - 2002
Lernorientierte Programme - 2000

Die Welt der Kultur und der Medien

Was Kinderfernsehen Lustiges zu bieten hat (PDF)
Ordnungs- und Klärungsmöglichkeiten
Medien- und Genrekompetenz
Magisterarbeit Judith Seipold (PDF)

Programm in der Angebotsperspektive

2004
2003
2002
2001
2000

Programm in der Nutzungsperspektive

2004
2003
2002
2001
2000

Texte zum Downloaden
Veröffentlichungen
Systematik der Arbeitsbereiche
Konzept der Bestandsaufnahme
Methodik der Bestandsaufnahme (PDF)
Forschungsgruppe

 

Startseite · Impressum
Kontakt · Webmaster
drucken
letzte Aktualisierung:
08. November 2008


Webstatistiken zu www.kinderfernsehforschung.de seit dem 06.08.2003

Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen 2000, 2001, 2002, 2003
Claudia Raabe

Fernsehprogrammangebote für Kinder als Interpretations- und Orientierungsmuster in der Alltagswelt  - Angebot zu typisch ethnisch-kulturellen Lebensweisen

Kinder wachsen heute in einer zunehmend differenzierten Gesellschaft auf. Das bedeutet unter anderem, dass sie im Vergleich zu früheren Jahrzehnten nicht mehr in tradierten Bindungen wie der traditionellen Kleinfamilie („Mutter-Vater-Kind“) leben. Hinzu kommt, dass vermehrt beide Elternteile berufstätig sind und der Kindergarten, neben anderen Institutionen zu ihrer alltäglichen Umgebung gehört. In den Kindergärten und Schulen sind sie nicht mehr nur von deutschen Kindern umgeben, die ethnische Vielfalt ist für sie alltäglich. Im Zuge der Differenzierung von Gesellschaft wachsen Kinder in sozialen Feldern auf, die sich in ihren Lebensvorstellungen und -formen stark voneinander unterscheiden. Dabei haben diese Felder den Charakter eigener und unterschiedlicher Lebenswelten und Alltagskulturen, die auch eine jeweils eigene und individuelle Lebensgestaltung fordern.
Für die Beziehung der Menschen in unserer individualisierten, fragmentierten und verdichteten Gesellschaft ist heute ein hohes Maß an Verständnis für die Eigenart anderer Menschen und für deren Leben ebenso notwendig, wie für die jeweilige eigene Logik der Dinge und Ereignisse. Medial vermittelte Sozialisation hat eine besondere Chance, Kinder anzuziehen, sich die vielfältige dingliche, soziale und kulturelle Welt anzusehen. Fernsehen mit seinem Sender- und Programmaufbau sowie mit seiner Sendungsdramaturgie gelingt es, Kinder leichter zu gewinnen als z.B. der Schule. Mit welchen Deutungsmustern Fernsehen dies schafft, hat jedoch auch Konsequenzen für die kindliche Weltsicht und Persönlichkeitsentwicklung.

Das Forschungsinteresse dieser Arbeit richtet sich in diesem Zusammenhang auf das Programmangebot als medialem Text, sowie auf die Nutzungspräferenzen als Indikatoren für mögliche Themen der lebensweltlichen Aneignung. Im Zentrum der Dissertation steht die Frage, welche Interpretations- und Orientierungsmuster Fernsehen Kindern bei ihrer Verortung bzw. dieser „Sozialisation in eigener Regie“[1] bietet. Haben Kinder unterschiedliche inhaltliche Orientierungsangebote im Bereich Gesellschaft und Kultur zur Auswahl? In welche Muster der Differenzierung passen diese Angebote?
Einen Schwerpunkt der Arbeit bildet das Angebot und die Darstellung der ethnisch-kulturellen Differenzierung. Themen wie Integration und Fremdenfeindlichkeit tauchen in unterschiedlichen Zusammenhängen in den Medien auf. Sendungen, die diese Themen explizit bearbeiten und Kindern helfen könnten die ethnisch-kulturelle Differenzierung der Gesellschaft und entsprechende unterschiedliche Lebensweisen zu verstehen, sind jedoch selten. In den Stichproben der Jahre 2001, 2002 und 2003 konnten dennoch immer wieder Sendungen und Angebote der Öffentlich-Rechtlichen gefunden werden, die sich explizit mit dem Thema Ausländer, Fremdenfeindlichkeit und Toleranz auseinandersetzen. Ein Blick auf die Sehbeteiligung der Kinder zeigt jedoch, dass diese Programme kaum von Kindern wahrgenommen werden. Betrachtet man hingegen die „Hits der Kinder“ so tauchen hier im Genre Unterhaltung Sendungen auf, die sich auf implizite Weise (im Erzählstrang verflochten) mit Ausländern in Deutschland beschäftigen. Zu diesen Angeboten zählen Soaps und Serien, wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten (RTL) oder Alarm für Cobra 11 (RTL) und in den letzten Jahren auch Comedy-Shows wie z.B. Was guckst Du?! (Sat1) und headnut-tv (Pro7). Auch wenn die Inhalte und die Präsentation dieser Sendungen von Erwachsenen häufig als oberflächlich und „leer“ bezeichnet werden, können Interviews mit Kindern die Verurteilungen nicht widerspiegeln. In der Folgekommunikation mit Freunden und Geschwistern werden die in der Sendung angesprochenen Themen häufig weiter diskutiert und besprochen[2].

Ergebnis 1: Explizite Beispiele für die ethnisch-kulturelle Differenzierung finden sich nur bei den öffentlich-rechtlichen Sendern
Die öffentlich-rechtlichen Sender wie ARD, ZDF und der Ki.Ka bemühen sich immer wieder Kindern ein Programm zu bieten, dass die ethnische Vielfalt in ihrem Alltag berücksichtigt. So finden sich in den Stichproben von 2000 bis 2003 immer wieder Sendungen, in denen es um ausländische Kinder in Deutschland geht oder in denen die Kultur bzw. der Alltag ausländischer Kinder dargestellt und erläutert wird.
Zu letzteren Sendungen gehören Angebote wie der Kinderweltspiegel (ARD), KIK-KinderInfoKiste (ARD), Logo (Ki.Ka), die Aktiv-Boxx (Ki.Ka) oder einzelne Programmelemente von Kinderflächen des Tigerentenclubs (Länder der Welt, Ki.Ka.) und Tabaluga-TV (Kabuera in Tabalua-tivi, ZDF). Diese Sendungen erreichten im Jahr 2000 eine Sehbeteiligung von 290.000 (Länder der Welt) und 210.000 (Kabuera in Tabaluga-tivi) bei den 3-13jährigen Kindern und gehörten zu den Hits der Kids.

Gi’me 5
Aktiv Boxx
Logo

Die Stichprobe des Jahres 2003 fiel in den Zeitraum des Irak-Krieges. Am Wochenende der Aufzeichnung bot die Kooperation von ARD, ZDF und Ki.Ka mit der Aktion „Gi’me 5“ einen Thementag für Toleranz und gegen Ausgrenzung. Zwischen einzelnen Kindersendungen wie Fabrixx und Schloss Einstein[3]  berichteten Schulklassen von ihren Projekten und Aktionen zu diesem Thema. Im Studio sind u.a. auch eine Frau aus Ghana und andere Kinder, die ihre Freunde aus verschiedenen Ländern vorstellen. Auch die „Kinder-Magazine“ PuR (Ki.Ka) und ReläXX (Ki.Ka) schließen sich der Aktion an und beantworten Fragen wie „Was heißt hier fremd?“ und haben internationale (Kinder-)Gäste zu Besuch.

Neues aus Schloss Einstein
Die Pfefferkörner
Fabrixx

Leider erreichen die meisten Sendungen dieser Art, bis auf wenige Ausnahmen, nicht die Sehbeteiligung wie andere Unterhaltungsprogramme (insbesondere die der privaten Sender).
Die Serie Die Pfefferkörner (Ki.Ka, ARD) bietet Kindern in Form einer Detektivgeschichte einen Einblick in das Leben von Kindern in Hamburg, ihren türkischen Mitbürgern und Freunden. Neben der Abenteuergeschichte, die hier erzählt wird, versucht die Sendung durch Dialoge und eine differenzierte Darstellung der Charaktere, bestehende Klischees zu verschieben bzw. aufzubrechen. Sendungen wie diese sind eine Ausnahme. Auch Soaps wie Schloss Einstein (Ki.Ka), Fabrixx (ARD) oder Marienhof (ARD) berücksichtigen Themen von ausländischen Mitbürgern und ihrer Lebensform hin und wieder, die damit verbundenen Konflikte werden allerdings selten angesprochen.

Ergebnis 2: Im Angebot der privaten Sender finden Kinder in den Geschichten Beispiele zum Leben mit Ausländern in Deutschland
Die Hits der 3-13jährigen Kids liegen im Abendprogramm, was u.a. an ihrer Alltagsorganisation liegen mag. Viele Kinder sind tagsüber nicht zu Hause, weil sie in bestimmten Freizeitaktivitäten eingebunden sind und haben demnach erst gegen Abend die Chance, vorm Fernseher zu entspannen[4].
In der Gruppe der 3-13jährigen Kinder erreichen Sendungen der Öffentlich-Rechtlichen wie ReläXX (150.000 in 2000), PuR (130.000, in 2000), Logo (90.000, in 2001), die Aktiv-Boxx (50.000 in 2001) oder auch der Kinderweltspiegel (40.000 in 2001), die in der Woche nachmittags ausgestrahlt werden, nicht annähernd so viele Kinder wie die Sendungen des Abendprogramms. Im Vergleich dazu erreichte GZSZ  (RTL) mit 830.000 zuschauenden Kindern einen der ersten Plätze bei den 3-13-Jährigen (im Jahr 2001). Auch Alarm für Cobra 11[5] (470.000 in 2001, RTL) konnte eine wesentlich höhere Sehbeteiligung als die Sendungen aus dem expliziten Kinderprogramm verzeichnen.

GZSZ
Alarm für Cobra 11
Unter uns

Während die 3-9-Jährigen noch viele Sendungen aus dem expliziten Kinderfernsehen sehen, orientieren sich die 10- 13-Jährigen fast ausschließlich am Programm der Erwachsenen[6]. Auch hier favorisieren Kinder Soaps und Serien: GZSZ (610.000 in 2001), Alarm für Cobra 11 (360.000 in 2001). Es gibt auch geschlechterspezifische Genre- und Themenpräferenzen. Während Mädchen eher Alltagsgeschichten bevorzugen, widmen sich Jungen den actionreichen und wettbewerborientierten Genres. So sehen die Mädchen beispielsweise besonders gerne GZSZ (RTL), die Jungen eher Alarm für Cobra 11 (RTL). Dennoch tauchen beide Sendungen bei Mädchen wie Jungen unter den ersten 20 meist gesehenen Sendungen auf.

Ergebnis 3: In Sachen Darstellungsweisen können die öffentlich-rechtlichen noch von den privaten Sendern lernen
Die Beispiele zum Angebot von ethnisch-kulturellen Lebensweisen, die ein Verständnis für fremde bzw. ausländische Kulturen fördern könnten, stammen aus dem öffentlich-rechtlichen Programm. Offensichtlich bemühen sich die Sender, eine explizite Auseinandersetzung mit diesem Thema in das alltägliche Programm zu integrieren. Dennoch geschieht dies in den meisten Fällen immer noch in einer Form, die sehr an Schule erinnert. Wenn Kinder nach Schule, Hausaufgaben und Freizeitaktivitäten im Verein oder anderswo dann „endlich“ vor dem Bildschirm sitzen, wollen sie auch unterhalten und nicht schon wieder nur belehrt werden. Um in den Kategorien der Studie „Kinderwelten 2000“ von SuperRTL zu sprechen, werden mit dieser Art Programm hauptsächlich die „Intellektuellen“[7] angesprochen. Diese Gruppe ist vermutlich von ihrer Grundeinstellung her Kindern mit ausländischer Herkunft gegenüber positiv eingestellt. Eine „problematische“ Zielgruppe wird mit dieser Art Sendung kaum erreicht. Insofern sollten die Redaktionen solcher Sendungen sich stärker an Beispielen wie den Pfefferkörnern oder spielerischen Formaten wie dem Tigerenten-Club orientieren bzw. Wahrnehmungsweisen und Unterhaltungsbedürfnisse der Kinder noch stärker berücksichtigen.
Für die Kinder aus Migrantenfamilien konnte bisher leider kein geeignetes Programm gefunden werden, das ihnen in angemessener Weise zur Orientierung in ihrem Alltag in Deutschland dienen könnte.


[1] Hengst 1991, S. 22.

[2] Vgl. Eva Vocke: „Wir reden über die spannenden Storys meiner Lieblingssoap, über alles, was so passiert ist“ – Folgekommunikation und interaktive Funktionen. In: Maya Götz (Hrsg.): Alles Seifenblasen? Die Bedeutung von Daily Soaps im Alltag von Kindern und Jugendlichen. München 2002, S. 89 – 97.

Daniel Hajok: Daily Soaps: Kommerz mit Moraldiskurs?! Charakteristika eines populären Formats und seine Bedeutung für Anbieter und Nutzer. In: tv diksurs Juli 2003, S. 72 – 77.

[3] In den Folgen von Fabrixx und Schloss Einstein geht es auch um das Leben mit ausländischen Kindern und damit verbundene Konflikte, die während der Folgen aufgelöst werden.

[4] „Ab 17.30 Uhr steigt die Fernsehnutzung der Kinder dann kontinuierlich an und verdoppelt sich in den folgenden zwei Stunden, so dass zwischen 18.45 und 20.00 Uhr fast jedes fünfte Kind vor dem Fernseher angetroffen werden kann. Erst ab 22.00 Uhr geht der Anteil der fernsehenden Kinder wieder auf unter 10 Prozent zurück. Der Verlauf ist bei allen drei dargestellten Kinder-Altergruppen [3-5, 6-9 und 10-13 Jahre] gleich, es gilt allerdings: Je älter die Kinder sind, desto später wird der Nutzungshöhepunkt am Tag erreicht, gleichzeitig erhöht sich der jeweilige Anteil der zusehenden Kinder...“. Sabine Feierabend und Walter Klingler: Was Kinder sehen. Eine Analyse der Fernsehnutzung von Drei- bis 13-Jährigen 2001. In: Media Perspektiven 5/2002.
Ausführlichere Informationen zur Lebenswelt der Kinder und ihren Freizeitaktivitäten und -präferenzen bietet u.a. die Studie „Kinderwelten 2000“ von SuperRTL.

[5] Semir, einer der Autobahnpolizisten, ist türkischer Abstammung und einer der Hauptdarsteller und der Sympathieträger der Sendung.

[6] „Ab 12 Jahren sind Kinderprogramme kaum noch gefragt.“ Sabine Feierabend und Erk Simon: Was Kinder sehen. Eine Analyse der Fernsehnutzung 2000 von Drei- bis 13-Jährigen. In: Media Perspektiven 4/2001, S. 182.

[7] Auszug aus der Beschreibung der „Intellektuellen“ aus der Studie „Kinderwelten 2000“ von SuperRTL, S.63:
„Bei der Nutzung des Fernsehens werden die „Intellektuellen“ ihrem Namen gerecht. Obwohl auch bei ihnen die lustigen Elemente in Form von Comedy und Slapstick im Vordergrund stehen, haben sie zusätzlich ein ausgeprägtes Interesse an Ratesendungen, Dokumentationen und Alltagsgeschichten. Man kann das große Bedürfnis nach Information und Orientierungswissen bei diesen Kindern förmlich spüren. Action und Abenteuer meiden sie dagegen häufiger als die Gleichaltrigen anderer Gruppen.“

© Copyright Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen