| Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen 2000,
2001, 2002, 2003 |
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| Claudia Raabe |
Fernsehprogrammangebote für Kinder als Interpretations- und Orientierungsmuster
in der Alltagswelt - Angebot zu typisch ethnisch-kulturellen Lebensweisen
Kinder wachsen heute in einer zunehmend differenzierten Gesellschaft auf. Das
bedeutet unter anderem, dass sie im Vergleich zu früheren Jahrzehnten nicht
mehr in tradierten Bindungen wie der traditionellen Kleinfamilie („Mutter-Vater-Kind“)
leben. Hinzu kommt, dass vermehrt beide Elternteile berufstätig sind und der
Kindergarten, neben anderen Institutionen zu ihrer alltäglichen Umgebung gehört.
In den Kindergärten und Schulen sind sie nicht mehr nur von deutschen Kindern
umgeben, die ethnische Vielfalt ist für sie alltäglich. Im Zuge der Differenzierung
von Gesellschaft wachsen Kinder in sozialen Feldern auf, die sich in ihren Lebensvorstellungen
und -formen stark voneinander unterscheiden. Dabei haben diese Felder den Charakter
eigener und unterschiedlicher Lebenswelten und Alltagskulturen, die auch eine
jeweils eigene und individuelle Lebensgestaltung fordern.
Für die Beziehung der Menschen in unserer individualisierten, fragmentierten
und verdichteten Gesellschaft ist heute ein hohes Maß an Verständnis für die
Eigenart anderer Menschen und für deren Leben ebenso notwendig, wie für die
jeweilige eigene Logik der Dinge und Ereignisse. Medial vermittelte Sozialisation
hat eine besondere Chance, Kinder anzuziehen, sich die vielfältige dingliche,
soziale und kulturelle Welt anzusehen. Fernsehen mit seinem Sender- und Programmaufbau
sowie mit seiner Sendungsdramaturgie gelingt es, Kinder leichter zu gewinnen
als z.B. der Schule. Mit welchen Deutungsmustern Fernsehen dies schafft, hat
jedoch auch Konsequenzen für die kindliche Weltsicht und Persönlichkeitsentwicklung.
Das Forschungsinteresse dieser Arbeit richtet sich in diesem Zusammenhang auf
das Programmangebot als medialem Text, sowie auf die Nutzungspräferenzen als
Indikatoren für mögliche Themen der lebensweltlichen Aneignung. Im Zentrum der
Dissertation steht die Frage, welche Interpretations- und Orientierungsmuster
Fernsehen Kindern bei ihrer Verortung bzw. dieser „Sozialisation in eigener
Regie“[1] bietet. Haben Kinder unterschiedliche inhaltliche
Orientierungsangebote im Bereich Gesellschaft und Kultur zur Auswahl? In welche
Muster der Differenzierung passen diese Angebote?
Einen Schwerpunkt der Arbeit bildet das Angebot und die Darstellung der ethnisch-kulturellen
Differenzierung. Themen wie Integration und Fremdenfeindlichkeit tauchen in
unterschiedlichen Zusammenhängen in den Medien auf. Sendungen, die diese Themen
explizit bearbeiten und Kindern helfen könnten die ethnisch-kulturelle Differenzierung
der Gesellschaft und entsprechende unterschiedliche Lebensweisen zu verstehen,
sind jedoch selten. In den Stichproben der Jahre 2001, 2002 und 2003 konnten
dennoch immer wieder Sendungen und Angebote der Öffentlich-Rechtlichen gefunden
werden, die sich explizit mit dem Thema Ausländer, Fremdenfeindlichkeit und
Toleranz auseinandersetzen. Ein Blick auf die Sehbeteiligung der Kinder zeigt
jedoch, dass diese Programme kaum von Kindern wahrgenommen werden. Betrachtet
man hingegen die „Hits der Kinder“ so tauchen hier im Genre Unterhaltung
Sendungen auf, die sich auf implizite Weise (im Erzählstrang verflochten) mit
Ausländern in Deutschland beschäftigen. Zu diesen Angeboten zählen Soaps und
Serien, wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten (RTL) oder Alarm für Cobra
11 (RTL) und in den letzten Jahren auch Comedy-Shows wie z.B. Was guckst
Du?! (Sat1) und headnut-tv (Pro7). Auch wenn die Inhalte und die
Präsentation dieser Sendungen von Erwachsenen häufig als oberflächlich und „leer“
bezeichnet werden, können Interviews mit Kindern die Verurteilungen nicht widerspiegeln.
In der Folgekommunikation mit Freunden und Geschwistern werden die in der Sendung
angesprochenen Themen häufig weiter diskutiert und besprochen[2].
Ergebnis 1: Explizite Beispiele für die ethnisch-kulturelle Differenzierung
finden sich nur bei den öffentlich-rechtlichen Sendern
Die öffentlich-rechtlichen Sender wie ARD, ZDF und der Ki.Ka bemühen
sich immer wieder Kindern ein Programm zu bieten, dass die ethnische Vielfalt
in ihrem Alltag berücksichtigt. So finden sich in den Stichproben von 2000 bis
2003 immer wieder Sendungen, in denen es um ausländische Kinder in Deutschland
geht oder in denen die Kultur bzw. der Alltag ausländischer Kinder dargestellt
und erläutert wird.
Zu letzteren Sendungen gehören Angebote wie der Kinderweltspiegel (ARD),
KIK-KinderInfoKiste (ARD), Logo (Ki.Ka), die Aktiv-Boxx
(Ki.Ka) oder einzelne Programmelemente von Kinderflächen des Tigerentenclubs
(Länder der Welt, Ki.Ka.) und Tabaluga-TV (Kabuera in Tabalua-tivi,
ZDF). Diese Sendungen erreichten im Jahr 2000 eine Sehbeteiligung von 290.000
(Länder der Welt) und 210.000 (Kabuera in Tabaluga-tivi) bei den
3-13jährigen Kindern und gehörten zu den Hits der Kids.
Die Stichprobe des Jahres 2003 fiel in den Zeitraum des Irak-Krieges. Am Wochenende
der Aufzeichnung bot die Kooperation von ARD, ZDF und Ki.Ka mit der Aktion „Gi’me
5“ einen Thementag für Toleranz und gegen Ausgrenzung. Zwischen einzelnen
Kindersendungen wie Fabrixx und Schloss Einstein[3]
berichteten Schulklassen von ihren Projekten und Aktionen zu diesem Thema.
Im Studio sind u.a. auch eine Frau aus Ghana und andere Kinder, die ihre Freunde
aus verschiedenen Ländern vorstellen. Auch die „Kinder-Magazine“
PuR (Ki.Ka) und ReläXX (Ki.Ka) schließen sich der Aktion an und
beantworten Fragen wie „Was heißt hier fremd?“ und haben internationale
(Kinder-)Gäste zu Besuch.
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| Neues aus Schloss Einstein |
Die Pfefferkörner |
Fabrixx |
Leider erreichen die meisten Sendungen dieser Art, bis auf wenige Ausnahmen,
nicht die Sehbeteiligung wie andere Unterhaltungsprogramme (insbesondere die
der privaten Sender).
Die Serie Die Pfefferkörner (Ki.Ka, ARD) bietet Kindern in Form einer
Detektivgeschichte einen Einblick in das Leben von Kindern in Hamburg, ihren
türkischen Mitbürgern und Freunden. Neben der Abenteuergeschichte, die hier
erzählt wird, versucht die Sendung durch Dialoge und eine differenzierte Darstellung
der Charaktere, bestehende Klischees zu verschieben bzw. aufzubrechen. Sendungen
wie diese sind eine Ausnahme. Auch Soaps wie Schloss Einstein (Ki.Ka),
Fabrixx (ARD) oder Marienhof (ARD) berücksichtigen Themen von
ausländischen Mitbürgern und ihrer Lebensform hin und wieder, die damit verbundenen
Konflikte werden allerdings selten angesprochen.
Ergebnis 2: Im Angebot der privaten Sender finden Kinder in den Geschichten
Beispiele zum Leben mit Ausländern in Deutschland
Die Hits der 3-13jährigen Kids liegen im Abendprogramm, was u.a. an
ihrer Alltagsorganisation liegen mag. Viele Kinder sind tagsüber nicht zu Hause,
weil sie in bestimmten Freizeitaktivitäten eingebunden sind und haben demnach
erst gegen Abend die Chance, vorm Fernseher zu entspannen[4].
In der Gruppe der 3-13jährigen Kinder erreichen Sendungen der Öffentlich-Rechtlichen
wie ReläXX (150.000 in 2000), PuR (130.000, in 2000), Logo
(90.000, in 2001), die Aktiv-Boxx (50.000 in 2001) oder auch der Kinderweltspiegel
(40.000 in 2001), die in der Woche nachmittags ausgestrahlt werden, nicht annähernd
so viele Kinder wie die Sendungen des Abendprogramms. Im Vergleich dazu erreichte
GZSZ (RTL) mit 830.000 zuschauenden Kindern einen der ersten Plätze
bei den 3-13-Jährigen (im Jahr 2001). Auch Alarm für Cobra 11[5] (470.000 in 2001, RTL) konnte eine wesentlich höhere Sehbeteiligung
als die Sendungen aus dem expliziten Kinderprogramm verzeichnen.
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| GZSZ |
Alarm für Cobra 11 |
Unter uns |
Während die 3-9-Jährigen noch viele Sendungen aus dem expliziten Kinderfernsehen
sehen, orientieren sich die 10- 13-Jährigen fast ausschließlich am Programm
der Erwachsenen[6]. Auch hier favorisieren Kinder
Soaps und Serien: GZSZ (610.000 in 2001), Alarm für Cobra 11 (360.000
in 2001). Es gibt auch geschlechterspezifische Genre- und Themenpräferenzen.
Während Mädchen eher Alltagsgeschichten bevorzugen, widmen sich Jungen den actionreichen
und wettbewerborientierten Genres. So sehen die Mädchen beispielsweise besonders
gerne GZSZ (RTL), die Jungen eher Alarm für Cobra 11 (RTL). Dennoch
tauchen beide Sendungen bei Mädchen wie Jungen unter den ersten 20 meist gesehenen
Sendungen auf.
Ergebnis 3: In Sachen Darstellungsweisen können die öffentlich-rechtlichen
noch von den privaten Sendern lernen
Die Beispiele zum Angebot von ethnisch-kulturellen Lebensweisen, die ein
Verständnis für fremde bzw. ausländische Kulturen fördern könnten, stammen aus
dem öffentlich-rechtlichen Programm. Offensichtlich bemühen sich die Sender,
eine explizite Auseinandersetzung mit diesem Thema in das alltägliche Programm
zu integrieren. Dennoch geschieht dies in den meisten Fällen immer noch in einer
Form, die sehr an Schule erinnert. Wenn Kinder nach Schule, Hausaufgaben und
Freizeitaktivitäten im Verein oder anderswo dann „endlich“ vor dem
Bildschirm sitzen, wollen sie auch unterhalten und nicht schon wieder nur belehrt
werden. Um in den Kategorien der Studie „Kinderwelten 2000“ von
SuperRTL zu sprechen, werden mit dieser Art Programm hauptsächlich die „Intellektuellen“[7] angesprochen. Diese Gruppe ist vermutlich von
ihrer Grundeinstellung her Kindern mit ausländischer Herkunft gegenüber positiv
eingestellt. Eine „problematische“ Zielgruppe wird mit dieser Art
Sendung kaum erreicht. Insofern sollten die Redaktionen solcher Sendungen sich
stärker an Beispielen wie den Pfefferkörnern oder spielerischen Formaten
wie dem Tigerenten-Club orientieren bzw. Wahrnehmungsweisen und Unterhaltungsbedürfnisse
der Kinder noch stärker berücksichtigen.
Für die Kinder aus Migrantenfamilien konnte bisher leider kein geeignetes Programm
gefunden werden, das ihnen in angemessener Weise zur Orientierung in ihrem Alltag
in Deutschland dienen könnte.
[2] Vgl. Eva Vocke: „Wir reden über die spannenden
Storys meiner Lieblingssoap, über alles, was so passiert ist“ – Folgekommunikation
und interaktive Funktionen. In: Maya Götz (Hrsg.): Alles Seifenblasen? Die
Bedeutung von Daily Soaps im Alltag von Kindern und Jugendlichen. München
2002, S. 89 – 97.
Daniel
Hajok: Daily Soaps: Kommerz mit Moraldiskurs?! Charakteristika eines populären
Formats und seine Bedeutung für Anbieter und Nutzer. In: tv diksurs Juli 2003,
S. 72 – 77.
[3] In den Folgen von Fabrixx und Schloss
Einstein geht es auch um das Leben mit ausländischen Kindern und damit
verbundene Konflikte, die während der Folgen aufgelöst werden.
[4] „Ab 17.30 Uhr steigt die Fernsehnutzung der Kinder
dann kontinuierlich an und verdoppelt sich in den folgenden zwei Stunden,
so dass zwischen 18.45 und 20.00 Uhr fast jedes fünfte Kind vor dem Fernseher
angetroffen werden kann. Erst ab 22.00 Uhr geht der Anteil der fernsehenden
Kinder wieder auf unter 10 Prozent zurück. Der Verlauf ist bei allen drei
dargestellten Kinder-Altergruppen [3-5, 6-9 und 10-13 Jahre] gleich, es gilt
allerdings: Je älter die Kinder sind, desto später wird der Nutzungshöhepunkt
am Tag erreicht, gleichzeitig erhöht sich der jeweilige Anteil der zusehenden
Kinder...“. Sabine Feierabend und Walter Klingler: Was Kinder sehen. Eine
Analyse der Fernsehnutzung von Drei- bis 13-Jährigen 2001. In: Media Perspektiven
5/2002.
Ausführlichere Informationen zur Lebenswelt der Kinder und ihren Freizeitaktivitäten
und -präferenzen bietet u.a. die Studie „Kinderwelten 2000“ von SuperRTL.
[5] Semir, einer der Autobahnpolizisten, ist
türkischer Abstammung und einer der Hauptdarsteller und der Sympathieträger
der Sendung.
[6] „Ab 12 Jahren sind Kinderprogramme kaum noch gefragt.“
Sabine Feierabend und Erk Simon: Was Kinder sehen. Eine Analyse der Fernsehnutzung
2000 von Drei- bis 13-Jährigen. In: Media Perspektiven 4/2001, S. 182.
[7] Auszug aus der Beschreibung der „Intellektuellen“
aus der Studie „Kinderwelten 2000“ von SuperRTL, S.63:
„Bei der Nutzung des Fernsehens werden die „Intellektuellen“ ihrem Namen gerecht.
Obwohl auch bei ihnen die lustigen Elemente in Form von Comedy und Slapstick
im Vordergrund stehen, haben sie zusätzlich ein ausgeprägtes Interesse an Ratesendungen,
Dokumentationen und Alltagsgeschichten. Man kann das große Bedürfnis nach Information
und Orientierungswissen bei diesen Kindern förmlich spüren. Action und Abenteuer
meiden sie dagegen häufiger als die Gleichaltrigen anderer Gruppen.“
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