| Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen
2000 |
|
| Claudia Topp |
Hilft Fernsehen Kindern, sich in ihrer Welt und in
ihrem Sozialleben zu orientieren?
Wo finden Kinder erklärende Angebote im Kinderprogramm, um die aktuelle
Entwicklung der Gesellschaft und der Kultur zu verstehen, um Weltanschauungen
und Meinungen einordnen zu können?
Betrachtet man das Kinderprogramm im engeren und wahrscheinlich eher
pädagogischen Sinne nach orientierenden Angeboten, so stößt man auf Sendungen
wie Logo, KIK-KinderInfoKiste (Ki.Ka), auf einzelne Elemente des
Tigerenten-Clubs und von Tabaluga-tivi (ZDF und Ki.Ka) oder
auf die Aktiv-Boxx (Ki.Ka). Das sind alles Sendungen des öffentlich-rechtlichen
Kinderfernsehens.
 |
|
|
|
|
|
Greenteam
|
Während Logo Kinder durch erklärende Grafiken und eine klare und
einfach zu verstehende Wortwahl über die aktuelle Tagespolitik informiert,
erläutert KIK-KinderInfoKiste mit vereinfachter, aber sachlicher
Sprache die Zusammenhänge eines der Leitthemen der Tagesschau und vertieft
sie mit Hintergrundinformation. KIK läßt hier auch immer wieder
Kinder zu Wort kommen und präsentiert Ereignisse in der Perspektive und
auf dem Erfahrungshintergrund von Kindern. Nicht zu unterschätzen sind
weiterhin Einzelsendungen des Tigerenten-Clubs (ARD und Ki.Ka)
wie Greenteam oder Länder der Welt, die zwar nur einen kurzen
Beitrag innerhalb dieser Kinderfläche bilden, die von Kindern gern gesehen
werden (siehe unten: Die Hits der Kids bei Angeboten zur sozialen Orientierung).
Beim Greenteam besuchen Kinder Mitarbeiter von Greenpeace, berichten
über Umweltaktionen und die damit verfolgten Ziele. Länder der Welt
bietet Kindern in unterhaltsamer Art und Weise einen Blick in die große
weite Welt, indem die Moderatoren des Tigerenten-Clubs unterschiedliche
Länder der Welt besuchen und hier Aufregendes erleben. Zum Beispiel erleben
sie in Ägypten eine Fata Morgana.
Die Aktiv-Boxx vom Kinderkanal verbindet aktuelle Themen aus der
Gesellschaft mit Themen der Kinder. Sie berichtet unter anderem über das
Expo-Maskottchen, seine Herkunft und Funktion als Glücksbringer für die
Expo. Im Anschluss daran werden Kinder aufgefordert, über ihre eigenen
Glücksbringer zu erzählen. Sie können während der Sendung anrufen, mailen
oder faxen. Der Moderator spricht mit anrufenden Kindern und liest vor,
was einzelne Kinder zu diesem Thema zu berichten haben.
Angebot zu typischen ethnisch-kulturelle Lebensweisen
Das Thema Integration und Fremdenfeindlichkeit taucht immer wieder in
unterschiedlichen Zusammenhängen in den Medien auf. Doch wie sieht es
damit im expliziten Kinderprogramm aus? Finden Kinder hier Beispiele für
die ethnisch-kulturelle Differenzierung der Gesellschaft und entsprechende
unterschiedliche Lebensweisen, z.B. deutsch im Vergleich zu türkisch,
das Leben von Asylbewerbern oder Dialekte und Sprachen?
 |
|
|
|
|
Kabuera in tabaluga
|
Länder der Welt
|
Im Bereich ethnisch-kulturelle Differenzierung finden sich im expliziten
Kinderfernsehen wenig spezifische Beispiele. Dafür gibt es im impliziten
Kinderprogramm mehrere Sitcoms, in denen farbige Protagonisten die Hauptrolle
spielen, z.B. Der Prinz von Bel-Air (RTL2) und Alle unter
einem Dach (PRO7). Diese Sitcoms und auch Sendungen wie House Party
(PRO7) zeigen am Beispiel von Orientierungsmöglichkeiten für junge, farbige
Amerikaner, welche Angebote z.B. für Kinder türkischer Abstammung in Deutschland
fehlen. Ein Ansatz dafür findet sich in der Kinderserie Die Pfefferkörner,
die unter anderem von einem türkischen Jungen und seinem türkischem Onkel
handelt, die sicherlich nicht „typisch türkisch“ sozialisiert sind. Aber
gerade deshalb bietet es Kindern ein differenziertes Bild und die Möglichkeit,
sich von üblichen Klischees zu distanzieren. Einzelne Programmbeiträge
von Magazin-Sendungen wie z.B. des Tigerenten-Clubs oder Tabaluga-tivi
berichten von fremden Kulturen. So reisen die Moderatoren des Tigerenten-Clubs
für Länder der Welt in unterschiedliche Länder und berichten von
ihren Erlebnissen und Eindrücken. Ähnliches gilt für Kabuera in tabaluga,
ein Programmelement innerhalb von Tabaluga-tivi, das sich eher
in die Perspektive von Kinder begibt. So berichten Kinder von einer brasilianischen
Kampfsportart mit Tanzelementen. Sie werden beim Kabuera-Unterricht gefilmt
und von Tabaluga, dem kleinen Drachen, zu Herkunft und Bedeutung dieser
seltenen Kampfsportart interviewt. Bilder von Kindern aus Brasilien, die
Kabuera auf der Straße praktizieren, visualisieren die Berichte. In diesem
Zusammenhang befragt Tabaluga die deutschen Kinder, ob sie Unterschiede
zwischen Deutschland und Brasilien sehen.
Angebote mit unterschiedlichen Stilausprägungen
Im Zuge der Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft, die sich in einer
Vielzahl von Lebensstilen, sozialen Milieus, Subkulturen und Lebenswelten
ausdrückt, stehen Kinder vor einem Berg unterschiedlicher Möglichkeiten
und haben die Qual der Wahl, sich hier zu verorten. Bietet ihnen das explizite
Kinderfernsehen Angebote, die ihnen als Stütze beim „Basteln“ ihrer Identität
dienen?
Hierzu gibt es vor allem zwei Formate, Magazin-Sendungen zu Lifestyle
und Soaps. Bei den Magazin-Sendungen handelt es sich um die sogenannten
Trend-Magazine, die im expliziten Kinderfernsehen nur bei öffentlich-rechtlichen
Sendern zu finden sind.
In den Bereich Lifestyle gehören Sendungen wie Reläxx (Ki.Ka)
und Pur (ZDF und Ki.Ka). Sie bringen Berichte aus dem Bereich Freizeit
und Kultur, behandeln Themen wie Mode- und Musik-Trends, ungewöhnliche
Sportarten und präsentieren Stars aus der Musik-, Film- und Fernsehbranche.
Sendungen wie Pur, Startaxxi (Ki.Ka), beatz per minute (Ki.Ka)
und Reläxx beziehen dabei auch die Lebenswelt der Kinder mit ein,
indem Kinder schon im Vorfeld über Telefon oder Internet inhaltlich Einfluss
auf das Thema der Sendung nehmen können oder die aktuelle Sendung kommentieren.
In den meisten dieser Sendungen verweisen die Moderatoren auf die Internet-Adresse
der Sendung und fordern Kinder dazu auf, sich zu gewünschten Themen zu
äußern oder an Gewinnspielen teilzunehmen.
 |
|
|
| Schloss Einstein |
Marienhof
|
Verbotene Liebe
|
 |
|
|
| |
Gute Zeiten - Schlechte Zeiten
|
|
In Soaps wie Schloss Einstein (Ki.Ka) finden Kinder und
Jugendliche zusätzlich zu Orientierungsangeboten zu sozialen Themen auch
solche zu alltagsästhetische Formen wie Kleidungs-, Wohn- und Musikstilen.
So werden die unterschiedlichen Soaps, hier insbesondere die aus dem nicht-expliziten
Kinderprogramm wie GZSZ (RTL), Marienhof (ARD), Verbotene
Liebe (ARD) und Unter Uns (RTL) auch genutzt, um sich bestimmten
Gruppen stilistisch zuzuordnen. Die Kinder „finden sich mit ihrem jeweiligen
(Lebens-)Stil wieder und orientieren sich explizit an Trends, Mode und
Styling der Soap.“[i]
Die Hits der Kids bei Angeboten zur sozialen Orientierung
Wie nehmen die Kinder das Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender an?
Betrachtet man die Sendungen, die mehr als 200.000 Kindern im Alter zwischen
3 und 13 Jahren sehen, so finden sich aus den oben genannten Sendungen
nur noch Die Pfefferkörner (Teil 2: 400.000, Teil 1: 380.000),
Greenteam (380.000), Länder der Welt (290.000), Schloss
Einstein (250.000) und Kabuera in tabaluga tivi (210.000).
Diese Real-Sendungen erreichen nicht die ersten Plätze der Hitliste der
Kinder. Dort stehen statt dessen fiktionale Angebote wie z.B. Zeichentrickfilme.
Insbesondere Pokémon erreicht mit der Folge aus der Stichprobe
930.000 Kinder. Das ist mehr als die Hälfte der zuschauenden Kinder (Marktanteil
65%). Des weiteren finden sich Sendungen wie Immer Ärger mit Newton
(SuperRTL, 540.000), Wickie (Ki.Ka, 430.000), Sailor Moon
(RTL2, 330.000), Rockos modernes Leben (SuperRTL, 330.000), Norman
Normal (SuperRTL, 270.000) und andere mehr. Das sind alles fiktionale
Sendungen, die Formen sozialer Orientierung implizit in der „Geschichte“
eingeflochten behandeln.
 |
|
|
| Pokémon |
Norman Normal
|
Immer Ärger mit Newton
|
Pokémon als herausragender Favorit vermittelt Kindern auch eine bestimmte
Sicht von der Welt. Beispielsweise indem Ash und seine Freunde sich mit
den Pokémons ständig auf Wettbewerben messen und gegen das Böse, das Team
Rocket, kämpfen, bietet die Sendung Kindern indirekt ein Spiegelbild der
heutigen Gesellschaft, in der sich der einzelne auch weiterentwickeln
muss, um sich zu behaupten. Wettbewerb und Macht sind sicher ein aktuelles
Thema, das auch Kinder beschäftigt.
Ob diese Zeichentricksendungen Kindern eher als die Realfilme helfen,
sich in ihrer Welt und in ihrem Sozialleben zurechtzufinden, bleibt offen
und wäre mittels qualitativer Interviews zu untersuchen. Nachdenklich
macht, warum prämierte Sendungen wie beatz per minute und Reläxx
nur 20.000 bzw. 60.000 Kinder im Alter zwischen 3 und 13 Jahren erreichen.
Liegt dies eher an der Aufmachung der Sendung oder ist die Diskrepanz
zu den Interessen der Kinder zu hoch? Verwunderlich ist dies schon, wenn
man es mit den der Ergebnissen der qualitativen Studie von Theunert und
Eggert [ii] vergleicht, nach der Kinder und Jugendliche sich
mehr Sendungen wünschen, die ihre soziale Umwelt zum Thema haben.
[i]
Götz, Maja: Die Bedeutung von Daily Soaps im Alltag von
10 - 15 Jährigen. In: Televizion: „...Wenn die Soap läuft, habe ich für
niemanden Zeit. Da bin nur ich und die Soap...“, 13/2000/2, S. 54; vgl.
auch Göttlich, Udo, Nieland, Jörg-Uwe: Daily Soaps als Umfeld von Marken,
Moden und Trends: Von Seifenopern zu Lifestyle-Inszenierungen. In: Jäckel,
Michael (Hrsg.): Die umworbene Gesellschaft. Analyse zur Entwicklung der
Werbekommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag 1998, S. 179 - 208).
[ii] Theunert, Helga,
Eggert, Susanne.: Was wollen Kinder wissen? Angebot und Nachfrage auf dem
Markt der Informationsprogramme. In: Media Perspektiven 12/ 2000, S. 582f.
 |
| © Copyright Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen |
|