| Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen 2002 |
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| Ben Bachmair |
Dieser Text wurde teilweise in "Medienpraktisch"
abgedruckt:
medienpraktisch, Zeitschrift für Medienpädagogik, 4/2002, Gemeinschaftswerk
der Evang. Publizistik GmbH (GEP), 2002
Kulturelle Ressourcen – Medien und Lesekompetenz nach PISA
1. Lesen auch im Fernsehen?
Erkan, 11 Jahre alt, Nationalität Türkisch, ist in der Bundesrepublik geboren
und aufgewachsen. Seine Schulkarriere ist sowohl in einem politisch schwarzen
Süd-Bundesland, als auch in einem roten West-Bundesland weitgehend gescheitert.
Seine Eltern sprechen sehr gut deutsch, haben sich voll auf Deutschland eingelassen,
unterstützen auch alle schulbezogenen Aktivitäten ihrer Kinder, z.B. indem sie
ihre Wohnung mit Bezug auf die Schule ausgewählt haben. Jedoch ein Bildungsbündnis
mit der Schule zu knüpfen, ist nicht gelungen: Erkan soll mit Zwang in die Sonderschule,
weil er in der Regelschule nicht mehr mitkommt. Erkan ist vermutlich nie in
das deutsche Bildungssystem „eingestiegen“. Er lässt auch keine Alternative
zur Idee aufkommen, etwas anderes als sein Großvater sein zu wollen, nämlich
ein Türke. Was wundert es, dass er kein deutsches Wort mit einem redet, auch
wenn man bei ihm zu Hause im Wohnzimmer sitzt. Statt dessen konzentriert er
sich auf den Fernseher. Es läuft „Formel I“, das Autorennen auf RTL. Sie ist
eine der von Jungen dieses Alters favorisierten TV-Sendungen. Als der Papa von
der Arbeit nach Hause kommt, fasst Erkan in Windeseile die Ergebnisse von „Formel
I“ zusammen. Papa ist sehr interessiert, denn für Autos wendet er generell viel
Zeit auf, kann sie selber reparieren und spricht ebenso gern wie kompetent darüber.
Erkan hat bei „Formel I“ offensichtlich genau zugesehen und sich die Ergebnislisten
gemerkt, die er für seinen Vater versprachlicht und interpretiert, selbstverständlich
auf Deutsch.
Haben sich Deutschdidaktiker und Medienpädagogen schon einmal
die diskontinuierlichen Texte in Sportsendungen des Fernsehens angesehen?
Es gibt davon eine Fülle.
Zu finden sind Namenslisten, in denen Schreibweise und Aussprache
weit auseinander klaffen. Den Namen sind Abkürzungen für Länder der Rennfahrer
sowie Zeiten und Geschwindigkeiten zugeordnet. Selbstverständlich ist für
Sportberichterstattung die Ausgangssprache Englisch, der Kommentar dagegen
kommt auf Deutsch.
Es gibt nicht nur diese Ergebnislisten, sondern auch schriftliche
Erläuterungen mit den Stilmitteln der Liste. Sie gehören zu dem hinter der
Schrift liegenden Bild, hier der Ferrari mit dem Gewinner M. Schumacher in
der Box.
Es gibt dann noch zusätzlich verbale Werbung (Allianz), die
graphisch strukturiert den Bildhintergrund bildet. Dem Podest mit den Siegern
entspricht die Zuordnung von Zahlen und Namen.
2. Diskontinuierliche Texte im Fernsehen: die Verbindung von Bilder-
und Lesekompetenz
2.1 Erkans Lesekompetenz in Anlehnung an den Text- und Kompetenzbegriff
von PISA[1]
Mit Vergnügen folgt man als Medienpädagoge dem Lese- und Text-Konzept der PISA-Untersuchung:
„Lesen ist eine universelle Kulturtechnik und ermöglicht die Teilhabe am
sozialen und kulturellen Leben einer modernen Gesellschaft. Eine erfolgreiche
Lesesozialisation beginnt bereits im Vorschulalter in der Familie. Im Einklang
mit der Forschungsliteratur wird Lesen in PISA als aktive Auseinandersetzung
mit Texten gesehen. Die Verstehensleistung stellt eine Konstruktionsleistung
des Lesers bzw. der Leserin dar, bei der der Inhalt des Textes aktiv mit bereits
vorhandenem Wissen in Beziehung gesetzt wird.“ (PISA 2000, BASISKOMPETENZEN
..., S. 78)
Weil es um den „verstehenden Umgang mit Texten“(S. 80 ff.)
und um die Vielfalt des sozialen und kulturellen Lebens geht, sollen Jugendliche
sich auch kompetent mit der Vielzahl relevanter Texttypen umgehen.
„In PISA wurde deshalb eine große Bandbreite von Texttypen, die für Jugendliche
als praktisch relevant eingeschätzt wurden, verwendet. Neben fortlaufend geschriebenen
Texten (kontinuierliche Texte) werden dabei auch bildhafte Darstellungen wie
Diagramme, Bilder, Karten, Tabellen und Grafiken einbezogen (nicht-kontinuierliche
Texte).“ (PISA 2000, BASISKOMPETENZEN ..., S. 80)
Worauf sich Erkan in seinem Bericht an seinen Vater bezieht,
sind „nicht-kontinuierliche Texte“, die immerhin 38 Prozent der PISA-Texte
ausmachen. (PISA 2000, BASISKOMPETENZEN ..., Tabelle 2.1, S.
81):
Was darf man sich unter diskontinuierlichen Texten vorstellen, denen sich Erkan
mit seiner Lesekompetenz aus „Formel I“ annähert? Dazu gehört in der Lesekompetenzuntersuchung
das für 15-Jährige gedachte Baumdiagramm der „Struktur der erwerbstätigen Bevölkerung“
(PISA 2000, BASISKOMPETENZEN ..., S. 527) und ein Schema, das „Felsmalerein
aus der Sahara“ mit der „Veränderung in der Struktur der Tierwelt“ in Beziehung
setzt (PISA 2000, BASISKOMPETENZEN ..., S. 529). Schemata, Diagramme oder, im
Fall von Formel I, Ergebnislisten lassen sich kompetent einsetzen bei einem
verstehenden Umgang, beispielsweise um einem Dritten etwas zu erklären, oder
daraus etwas zu lernen, z.B. um Ergebnisse zu überprüfen oder um den eigenen
Wissensstand zu „Formel I“ auf den laufenden zu halten. Um dem Vater, der ja
Experte in Sachen Auto ist, kompetent zu berichten, muss Erkan die Fernseh-Listen
verstanden haben. In wie weit er sie verwendet hat, um sein Wissen zu erweitern,
lässt sich nicht sagen, denn dazu war die Beobachtungssituation zu kurz und
zu beiläufig.
PISA differenziert die Kompetenz in drei Dimensionen: „Informationen ermitteln“,
„textbezogenes Interpretieren“ und „Reflektieren und Bewerten“ (PISA 2000, BASISKOMPETENZEN
..., S. 89), in denen jeweils fünf Kompetenzstufen erreichbar sind. Möglicherweise
geht der 11jährige Sonderschüler Erkan mit den Formel I-Listen auf folgenden
Kompetenzstufen um:
„Informationen ermitteln“ (PISA 2000, BASISKOMPETENZEN ..., S. 89)
Kompetenzstufe II: „... eine oder mehrere Informationen zu lokalisieren, die
beispielsweise aus dem Text geschlussfolgert werden müssen und die mehrere
Voraussetzungen erfüllen müssen. Die Auswahl wird durch einige konkurrierende
Informationen erschwert“
„Textbezogenes Interpretieren“ (S. 89)
Kompetenzstufe I: „... das Erkennen des Hauptgedankens des Textes oder der
Intention des Autors bei Texten über bekannte Themen. Der Hauptgedanke ist
dabei entweder durch Wiederholung oder durch früheres Erscheinen im Text auffallend
formuliert.“
„Reflektieren und Bewerten“ (S. 89)
„... z.B. eine einfache Verbindung zwischen Information aus dem Text und weit
verbreitetem Alltagswissen herzustellen. Der Leser wird ausdrücklich angewiesen,
relevante Faktoren in der Aufgabe und im Text zu beachten“
2.2 Medienkompetenz als Textkompetenz – eine interessante Chance für Medienpädagogik
Als Exkurs sei an die in der Medienpädagogik übliche Kategorisierung von
Medienkompetenz im Sinne Dieter Baackes erinnert, die leider nicht auf einem
erweiterten Text-Begriff aufbaut, die statt dessen von der für Medien wenig
ergiebig Theoretisierung Noam Chomskis zur Entfaltung einer den Menschen inne
wohnenden Sprachfähigkeit (Kompetenz) im Handeln (Performanz) ausgeht. Auf diese
Weise ist die nur auf den ersten Blick überzeugende Kompetenz-Beschreibung entstanden:
Medien-Kritik, Medien-Kunde, Medien-Nutzung, Medien-Gestaltung[2] Mit der Definition von Medien als Texte lassen
sich zum einen unterschiedlichen Darstellungsmodi“[3]
im Leben von Menschen zusammenschauen, also Fernseh-Texte, Buch-Texte, Internet-Texte,
CDRom-Texte auf ihre Gemeinsamkeit hin betrachten. Diese Definition ist zum
anderen ergiebig, um die notwendigen oder hilfreichen Einstellungen, Fähigkeiten
usw. der Menschen als Kompetenzen zu beschreiben, mit Texten unterschiedlicher
medialer Ausprägungsformen umzugehen. Sicherlich sind die PISA-Kategorien „Informationen
ermitteln“, „Textbezogenes Interpretieren“ sowie „Reflektieren und Bewerten“
ebenfalls nur heuristisch entwickelt, bekommen jedoch im dynamischen Strukturmodell
der textbezogenen Kompetenzen einen hohen Grad an Komplexität, die Praxisnähe
nicht nur für die schulische Leistungsmessung verspricht (Abbildung 2.1, S.
82):
In diesem dynamischen Model des Umgangs mit Texten lokalisiert
PISA lernzielbezogene Kompetenzstufen.
(PISA 2002 Basiskompetenzen, S. 89, Tabelle 2.3) Beschreibung
der typischen Anforderungen pro Kompetenzstufe und Subskala
| |
Subskala „Informationen ermitteln“ |
Subskala „Textbezogenes Interpretieren“ |
Subskala „Reflektieren und Bewerten“ |
|
Aufgaben auf der jeweiligen Kompetenzstufe
erfordern vom Leser... |
|
Stufe V |
... verschiedene, tief eingebettete
Informationen zu lokalisieren und geordnet wiederzugeben.
Üblicherweise ist der Inhalt und die Form des Textes unbekannt, und der
Leser muss entnehmen, welche Information im Text für die Aufgabe relevant
ist. |
...
ein vollständiges und detailliertes Verstehen eines Textes, dessen
Format und Thema unbekannt sind. |
... die kritische Bewertung oder das Bilden von Hypothesen, unter Zuhilfenahme
von speziellem Wissen. Typischerweise verlangen Aufgaben dieses Niveaus
vom Leser den Umgang mit Konzepten, die der Erwartung widersprechen. |
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Stufe IV |
...
mehrere eingebettete Informationen zu lokalisieren. Üblicherweise
ist der Inhalt und die Form des Textes unbekannt. |
...
z.B. das Auslegen der Bedeutung von Sprachnuancen in Teilen des Textes,
die unter Berücksichtigung des Textes als Ganzes interpretiert werden
müssen. Andere Aufgaben erfordern das Verstehen und Anwenden von Kategorien
in einem unbekannten Kontext. |
...
z.B. die kritische Bewertung eines Textes oder das Formulieren von
Hypothesen über Information im Text, unter Zuhilfenahme von formalem
oder allgemeinem Wissen. Leser müssen ein akkurates Verstehen von
langen und komplexen Texten unter Beweis stellen. |
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Stufe III |
...
Einzelinformationen herauszusuchen und dabei z.T. auch die Beziehungen
dieser Einzelinformationen untereinander zu beachten, die mehrere
Voraussetzungen erfüllen. Die Auswahl wird durch auffallende und konkurrierende
Informationen erschwert. |
...
die in verschiedenen Teilen des Textes enthaltenen Aussagen zu berücksichtigen
und zu integrieren, um eine Hauptidee zu erkennen, eine Beziehung
zu verstehen oder die Bedeutung eines Wortes oder eines Satzes zu
schlussfolgern. Beim Vergleichen, Kontrastieren oder Kategorisieren
müssen viele Merkmale berücksichtigt werden. Oft ist die erforderliche
Information nicht auffallend oder es gibt andere Textschikanen, wie
z.B. Ideen, die das Gegenteil zu einer Annahme ausdrücken oder negativ
formuliert sind. |
... entweder Verbindungen, Vergleiche
und Erklärungen, oder sie erfordern vom Leser, bestimmte Merkmale des
Textes zu bewerten. Einige Aufgaben erfordern vom Leser ein genaues Verständnis
des Textes im Verhältnis zu bekanntem Alltagswissen.
Andere Aufgaben verlangen kein detailliertes Textverständnis, aber erfordern
vom Leser, auf wenig verbreitetes Wissen Bezug zu nehmen. Der Leser muss
die relevanten Faktoren teilweise selber ableiten.
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Stufe II |
...
eine oder mehrere Informationen zu lokalisieren, die beispielsweise
aus dem Text geschlussfolgert werden müssen und die mehrere Voraussetzungen
erfüllen müssen. Die Auswahl wird durch einige konkurrierende Informationen
erschwert. |
... z.B. das Erkennen eines wenig auffallend formulierten Hauptgedankens
eines Textes. Andere Aufgaben erfordern das Verstehen von Beziehungen
oder das Erfassen einer Bedeutung innerhalb eines Textteils auf der Basis
von einfachen Schlussfolgerungen. Aufgaben auf diesem Niveau, die analoges
Denken beinhalten, erfordern üblicherweise Vergleiche oder Kontraste,
die auf nur einem Merkmal des Textes basieren.
|
...
z.B. einen Vergleich von mehreren Verbindungen zwischen dem
Text und über den Text hinausgehendem, Wissen. Bei anderen Aufgaben
müssen Leser auf ihre persönlichen Erfahrungen und Einstellungen Bezug
nehmen, um bestimmte Merkmale des Textes zu erklären. Die Aufgaben
erfordern ein breites Textverständnis. |
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Stufe I |
...
eine oder mehrere unabhängige, aber ausdrücklich angegebene Informationen
zu lokalisieren. Üblicherweise gibt es eine einzige Voraussetzung,
die von der betreffenden Information „erfüllt sein muss, und es gibt,
wenn überhaupt, nur wenig konkurrierende Informationen im Text. |
...
das Erkennen des Hauptgedankens des Textes oder der Intention des
Autors bei Texten über bekannte Themen. Der Hauptgedanke ist dabei
entweder durch Wiederholung oder durch früheres Erscheinen im Text
auffallend formuliert. |
...
z.B. eine einfache Verbindung zwischen Information aus dem
Text und weit verbreitetem Alltagswissen herzustellen. Der Leser wird
ausdrücklich angewiesen, relevante Faktoren in der Aufgabe und im
Text zu beachten. |
Ob die PISA-Profis der weiter oben vorgenommenen Zuordnung
zu Kompetenzstufen zustimmen, wenn Erkan im Alltagsgespräch mit seinem Vater
Listen aus dem Fernsehen verwendet, sei dahin gestellt. Medienpädagogisch
interessant sind die PISA-Kategorien im Lichte diskontinuierlicher Texte auf
dem Bildschirm jedoch auf alle Fälle. So gelingt ein argumentativer Brückenschlag
zwischen Alltagsmediennutzung und der Bewertung schulischer Leistungen, die
Erkans Lehrern während dessen bisherigen Schullaufbahn nicht möglich war.
3. Wie kommt Erkan zu der Form von Lesen, das gedruckte Texte definieren?
Der diskontinuierliche Text auf dem Fernsehbildschirm im Rahmen von RTL
ist der Institution Schule natürlich entgangen, weil der schulisch und auch
kulturell relevante, weil mit sozialer Prägekraft ausgestattete Text der gedruckte
Text ist. Der mediale Darstellungsmodus ist also mitentscheidend für kulturellen
Wert eines Textes. Dem diskontinuierlichen Text auf dem Bildschirm im Kontext
der Sportsendung kommt kulturell wenig bis kein Wert zu. Da mag Erkan kompetent
mit Bildschirmlisten umgehen oder nicht.
3.1 Lesen: unbedingt! Jedoch woraus?
Es gibt nicht nur Unterschiede, wie nahe Menschen an Lesen als Schlüsselkompetenz
mit sozialerer Prägekraft herankommen. Die Schule hat hierbei eine wichtige
Brücken- und auch Kontrollfunktion. Nebenbei existieren auch noch die feinen
Unterschiede, „woraus“ Menschen lesen. Möglicherweise verschieben sich jetzt
die feinen Unterschiede zugunsten Erkans, da PISA mit der Operationalisierung
von Lesekompetenz der Schule auch dringend nahe legt, diskontinuierliche Texte
didaktisch ernst zu nehmen und in den Lesekatalog der Schule aufzunehmen. Damit
gelangen auch andere „Trägermedien“ als die des gedruckten Textes in den didaktischen
Horizont.
Die öffentliche Debatte der PISA-Ergebnisse hatte sich auch auf die Bildungsungleichheit
bezogen, die in der Bundesrepublik mit dem Erwerb der Lesekompetenz verbunden
ist. Erkans Schulprobleme sind eben kein Einzelfall. Sie haben etwas mit der
Bildungsbeteiligung und der sozialen Lage der Familie eines Kindes bzw. Jugendlichen
zu tun.[4] Die PISA-Daten legen nahe, den
„Löwenanteil der ungleichen Bildungsbeteiligung“ dem „gemeinsamen Einfluss von
kognitiven Grundfähigkeiten, Lesekompetenz und Sozialschichtzugehörigkeit“ zuzuschreiben
(Pisa 2000, Die Länder ... im Vergleich, S. 168). In diesem Gefüge sind Erkans
Karten schlecht gemischt, insbesondere weil die Bildungsbeteiligung für ein
Migrationskind von deren Sprachkompetenz abhängt:
„Für Kinder aus Zuwandererfamilien ist die Sprachkompetenz die entscheidende
Hürde in ihrer Bildungskarriere. Bei gleicher Lesekompetenz machen Kinder
aus Zuwandererfamilien vom Übergang in einen mittleren oder höheren Bildungsgang
tendenziell häufiger Gebrauch als die Altersgleichen, die aus deutschsprachigen
Familien stammen.“ (Baumert, Schümer S. 199)
Die Sprache ist offensichtlich das „kulturelle Kapital“ (Pierre
Bourdieu), das für eine aufwärtsführende Bildungskarriere unabdingbar ist,
was alles andere als eine neue Erkenntnis ist, denn Pierre Bourdieu hat diesen
Zusammenhang schon in den 60er Jahren empirisch aufgezeigt.[5]
In den 70er Jahren war sich die Pädagogik der Schulrelevanz der von Basil
Bernstein beschriebenen elaborierten und restringierten Codes wohl bewusst.
In dieser Gemengelage gibt es, wie gesagt, die „feinen Unterschiede“. So beschäftigt
sich Erkan zwar kompetent mit einer kleinen Auswahl diskontinuierlicher Texte,
jedoch nicht mit gedruckten. Noch wichtiger ist, ihnen fehlt der Darstellungsmodus
des Buches. Dem Buch wird Erkan jedoch viel Abwehrenergie entgegen setzen.
Wenn der Bildschirm mit dem Unterhaltungsprogramm des Fernsehens oder der
Bildschirm der Spielkonsole nicht kompatibel mit Schule ist, dann bricht auch
dieses Verbindungsbrücke zum Lesen diskontinuierlicher Texte weg. Mediale
Alltagskompetenz auch in der Schule zuzulassen und in den Erwerb der Lesekompetenz
einzubinden, kommt dann hohe Bedeutung zu, was Hans-Dieter Kübler[6]
fordert:
„Außerdem müsste endlich stärker und präziser registriert werden, was Kinder
von sich aus lernen, selbst wenn es mancher Norm widerspricht oder gar manches
ideale Erziehungsziel konterkariert. Dies gilt nicht zuletzt für das Lernen
der Kinder von, mit und durch Medien, ohne dies sogleich als neuerliche emanzipatorische
Selbstsozialisation zu verklären ...“ (S. 4)
Die Selbsttätigkeit des Lesens außerhalb der Schule trägt
erheblich zur „Habitualisierung der Lesetätigkeit“ und zum „Erwerb von Leseexpertise“
(Baumert, Schümer S. 174) bei, weshalb die selbstverständliche Lesekompetenz
und nicht-didaktische Leseförderung des Alltagslebens einerseits wichtige
kulturellen Ressource sein kann, andererseits die Bildungsbeteiligung erheblich
zu stören in der Lage ist. Wichtig wird hier sein, Texte in den verschiedenen
medialen Darstellungsmodi in die Förderung der Lesekompetenz aufzunehmen.
Diskontinuierliche Text in die Prüfung schulischer Lesekompetenz einzubeziehen,
hilft schon, um einen der feinen kulturellen Unterschiede in der alltäglichen
Lesepraxis von Kindern und Jugendlichen zu entschärfen. Die heute üblichen
medialen Darstellungsmodi von Texten, vom Fernsehbildschirm bis zum Internet,
neben den gedruckten Text zu stellen, fällt den mit dem Buch professionalisierten
Pädagoginnen und Pädagogen sicher schwer. Die persönlich erworbene und geschätzte
eigene Literalität zu relativieren, ist auch kein einfacher Prozess.
3.2 Wie lesen? Das Muster des „Experten“ und andere medienrelevante Handlungsmuster
Eine wichtige Voraussetzung für den Erwerb von Lesekompetenz darf man heute
nicht vergessen. Es sind die Handlungsmuster, in die Lesekompetenz eingebettet
ist. So hat Erkan die Ergebnislisten eines Sportwettbewerbs verfügbar, weil
er als Experte im Gespräch unter Experten auftritt. Ohne den Papa, der Fachmann
für alles ist, was mit dem Auto zusammenhängt, wären die Listen im Fluss der
Fernsehbilder verschwunden. Für die Versprachlichung der Listen in einer Phase,
die zwischen Rezeption und dem Berichten liegt, muss viel Motivation und viel
eingeübte Vertrautheit vorhanden sein. Dieser Erfolg gelingt nicht, weil er
schulische Lernmuster auf die Aneignung von Fernsehprogrammen überträgt. Vermutlich
hat er vom Vater, vom Großvater oder ähnlichen Bezugspersonen das Handlungsmuster
des Experten übernommen. Persönlich wichtige und das Alltagshandeln regulierende
und generierende Muster entstehen heute auch im Zusammenspiel mit Medien. Literalität
ist also in Muster der Aneignung und des Handelns eingebettet, was z.B. für
das Marketing, die Fernsehnutzungsforschung, natürlich auch für die Kultursoziologie
klar ist.[7] So hat der Fernsehsender
SuperRTL[8] solche Muster in Form von Erlebnisdimensionen
empirisch erhoben. In diesen Erlebnisdimensionen entsteht Lesekompetenz und
ist in ihnen wirksam.
|
Erlebnisdimension I:
Familiäre Geborgenheit und Zuwendung
Diese Erlebnisdimension beschreibt die emotionale Einbindung des
Kindes in seine Familie, Zuwendung, die es bekommt (emotional, aber
auch materiell) - ebenso aber auch das Bedürfnis nach sozialen Kontakten.
Erlebnisdimension II:
Selbstbestimmter Rückzug
Das mehr oder weniger ausgeprägte Bedürfnis der befragten Kinder,
sich zurückzuziehen, weil sie nicht immer Lust haben, mit anderen zusammen
zu sein oder weil sie Dinge gerne für sich ganz alleine machen wollen.
Erlebnisdimension III:
Freunde
Neben der eigenen Familie spielen Freunde eine sehr wichtige Rolle.
Die Bedeutung von Freunden ist jedoch unterschiedlich: Für die einen
sind Freunde möglicherweise Elternersatz, weil sie sich besser verstanden
fühlen. Andere Kinder fühlen sich stark, weil Freunde ihnen helfen.
Wiederum sind für zahlreiche Kinder Freunde der Garant dafür, dass sie
sich nicht langweilen müssen.
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Erlebnisdimension IV:
Positive Spannung und Überraschungen
In dieser Dimension unterscheiden sich die Kinder darin, in welchem
Ausmaß sie angenehme und positive Spannung und Überraschungen lieben.
Dazu gehört auch das angenehme Gefühl, einen neuen Freund oder eine
neue Freundin gefunden zu haben oder bei den älteren Kindern das Gefühl
des Verliebtseins.
Erlebnisdimension V:
Lern- und Wissbegierde
Die Affinität der Kinder zu allem, was mit Lernen und Wissen zu
tun hat - einschließlich ihres Interesses für die Schule - wird in dieser
Dimension erfasst. Hier gibt es auffallend große Unterschiede zwischen
den einzelnen Kindertypen.
Erlebnisdimension VI:
Neugier auf andere
Diese Erlebnisdimension beschreibt die Intensität, mit der Kinder
Neuigkeiten aus ihrer Umwelt beziehen. Sie ist besonders stark ausgeprägt,
wenn sich die Kinder für andere Menschen interessieren und diese beobachten,
z. B. wenn sie draußen spielen oder mit ihren Eltern einen Ausflug machen.
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Erlebnisdimension VII:
Rückzug, Desinteresse und Langeweile
Die Ausprägung des Aktivitätsniveaus der Kinder wird in dieser Dimension
ausdifferenziert, d.h. ob die Kinder in ihrem Alltag eher viel oder
wenig unternehmen, eher lustlos sind oder „immer gut drauf“. Kinder,
die sich leicht langweilen oder antriebsarm sind, erzielen in dieser
Dimension hohe Skalenwerte.
Erlebnisdimension VIII:
Dramatische Spannungssuche
Kinder, die hier hohe Werte erzielen, mögen Spannungssituationen,
die risikoreich sein können, z. B. reale Streit- und Konfliktfälle,
Unglücke sowie unbehagliche Situationen. Im Gegensatz zur Erlebnisdimension
IV, der angenehmen, überraschungsorientierten, positiven Spannung, haben
wir es hier mit einem Spannungsbegriff zu tun, der eher in Richtung
Gefahr, Konflikt und reales Risiko geht.
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Treumann u.a.[9] haben über eine Clusteranalyse
und qualitative Interviews die Medienkompetenz von Menschen über 35 Jahre
mit Persönlichkeitstypen verbunden. In diesen Typen erscheinen zwar nicht
unmittelbar Handlungsmuster, sie zeigen jedoch die Einbindung von Medienkompetenz
in ein von den Nutzern strukturiertes Alltagsleben. Medienkompetenz, definiert
mit den Baackeschen Kategorien der Medien-Kritik, Medien-Kunde, Medien-Nutzung,
Medien-Gestaltung, sind in die Handlungsmuster von Persönlichkeitstypen der
„Tüftler“, „Avangardisten“, „Durchschnittlichen“, „Optimisten“, „Desinteressierten“,
„Zögerlichen“ eingebettet, so das Untersuchungsergebnis.
Leider ist es ein Defizit einer Lesekompetenz-Erhebung vom
Rang der PISA-Studie, nicht die Muster zu erheben, in die Text-Aneignung und
deren Generalisierung als Lesekompetenz, eingebunden sind. Ohne es zu thematisieren,
werden deshalb didaktisch inszenierten Muster schulischen Lernens und der
international definierter Schulerfolg zum Bezugsrahmen von Literalität. Außen
vor bleibt, welche Literalität innerhalb medial geprägter Handlungs- oder
Erlebnismuster entsteht, mit welchen Defiziten und welchen Chancen. Die Defizite,
auf die die PISA-Studie deutlich hinweist, brauchen die flankierende Frage,
welche Kompetenz die Schule für die traditionelle Lesekompetenz nutzbar machen
kann.
4. Mediennutzung – ein ärgerliches Defizit der PISA-Studie
Natürlich fragt die Pisa-Studie auch nach dem Alltagskontext von Lesekompetenz[10] und befragte die 15-Jährigen zum Komplex „Freunde,
Freizeit, Medien“ (PISA 2000, BASISKOMPETENZEN ..., S. 481). Medienpädagogische
gesehen geht es um die Aufgabe, die Welt der Bildung und die Welt der Unterhaltung
zu verknüpfen. Dazu ist es notwendig, sich der Durchdringung von Massenkommunikation
und Alltagsleben bewusst zu sein. Die PISA-Methodologie geht jedoch von einer
schlichten, eher additiven Verbindung von Bildungserfahrungen mit Sozial- und
Unterhaltungselementen aus und fragt die Jugendlichen nach ihren „Freizeitaktivitäten“
(S. 485ff)
„Diese Aktivitäten lassen sich als „typisch“ für die Befragten 15-jährigen
bezeichnen, weil sie von etwa Dreiviertel der Jugendlichen regelmäßig, (d.h.
mit wöchentlich mindestens einer Stunde) betrieben werden.
Musikhören
Fernsehen und Videoschauen
Zeitungen und Zeitschriften lesen
Sport treiben
Veranstaltungen besuchen
Etwas mit Freunden oder Freundinnen unternehmen.“ (S. 485)
Ergebnis: „Schülerinnen und Schüler, die in ihrer Freizeit besonders aktiv
sind, zeigen auch die besseren Leseleistungen. Entsprechende korrelative Zusammenhänge
finden sich in allen Schulformen außer dem Gymnasium“ ... (S. 486)
Bei der „Mediennutzung“ (S. 487ff) wird die Frage etwas komplexer. So „wird
nicht nur nach der Medienausstattung und der Zeitverwendung, sondern auch nach
den Inhalten des Fernseh- und Videokonsums gefragt.“
Hier ist eine methodologische Anmerkung notwendig. Die Validität
von Selbsteinschätzungen der Fernsehnutzungshäufigkeit ist problematisch.
Die folgende Liste ist zudem methodisch schlampig gemacht, weil z.B. kein
Gesamtmittelwert angegeben ist, der einen schnellen Vergleich mit anderen
Studien zuließe, die zudem in der Veröffentlichung nicht erwähnt werden. Die
durchschnittliche Fernsehmenge 15-Jähriger liegt 133 Minuten, was der Kategorie:
Mäßigseher (1-3 Stunden) entspricht, in der bei Pisa 47,5 % der Jugendlichen
liegen. Nach Normalverteilung müssten das 66% sein entsprechend den Daten
des Bayrischen. Rundfunks.
(PISA 2000, BASISKOMPETENZEN ..., , S. 487, Tabelle 9.24)
Die Daten, die sich aus den Einschaltquoten ergeben, zeigen,
dass Schülerinnen und Schüler ihre tägliche Fernsehzeit überschätzen.
Entwicklung der täglichen Sehdauer der 10- bis 15-Jährigen
in Deutschland, 1988 – 1. Halbjahr 2000 (in Minuten)[11]
| |
1992 |
1995 |
1999 |
01-06/2000 |
| Gesamt |
109 |
117 |
118 |
118 |
| Westdeutschland |
100 |
114 |
112 |
110 |
| Ostdeutschland |
138 |
125 |
134 |
139 |
| 10- bis 11-Jährige |
104 |
112 |
102 |
102 |
| 12- bis 13-Jährige |
117 |
115 |
126 |
117 |
| 14- bis 15-Jährige |
108 |
124 |
128 |
133 |
| Mädchen |
109 |
113 |
114 |
119 |
| Jungen |
110 |
121 |
122 |
117 |
Was soll man dann vom im folgenden mutig formulierten Ergebnis
halten, gilt doch nur, dass die Selbsteinschätzung nicht mit der Lesekompetenz
korreliert:
„Es zeigt sich somit erneut, dass die Nutzungszeiten allein in keinem Zusammenhang
mit dem Kompetenzerwerb stehen. Nicht die Zeit vor dem Bildschirm, sondern
die konsumierten Inhalte sind hier von Bedeutung. Besonders große schulform-,
aber insbesondere geschlechtsspezifische Unterschiede finden sich bei zwei
Filmsparten: bei Porno-, Horror- und Gewaltfilmen einerseits, bei informativen
Sendungen andererseits. Ein Blick auf die Häufigkeit des Konsums von Porno-,
Horror- und Gewaltfilmen zeigt vor allem die massiven geschlechtsspezifischen
Differenzen. ... Mädchen konsumieren diese Filme in allen Schulformen extrem
viel seltener als ihre männlichen Klassenkameraden.“ (PISA 2002, BASISKOMPETENZEN
..., S. 487/ 488)
Die Frage nach den Fernseh- bzw. Videoinhalten auf „Porno-,
Horror- und Gewaltfilme“ zu beziehen, ist die blanke Ideologie und methodologisch
äußerst fragwürdig. Wie definiert PISA „Porno-, Horror- und Gewaltfilme“?
Auf welche Bilder, Geschichten, Medienerfahrungen, Sekundärmedien, Skandalberichterstattung
beziehen sich die antwortenden Jugendlichen? Im internationalen Vergleich
ist der Bezug auf Porno, Horror, Gewalt problematisch, weil kulturell sehr
unterschiedlich definiert.
Für die Fernsehnutzungsforschung ist es eine abwegige Idee,
Horror, Porno, Gewalt mit den Medienpräferenzen von Jugendlichen gleichzusetzen.
Wie sehen die tatsächliche Präferenzen von Jugendlichen aus? Hier drei Beispieltage
aus dem April 2002.
Überblick Gesamt
| Rang |
Sender |
Titel |
Datum |
Start |
Dauer |
G 14-19 Anzahl |
G 14-19 MA |
| 1 |
RTL |
Formel 1 - San Marino, das Rennen |
14. Apr. 02 |
14:45:45 |
0:17:05 |
470.000 |
50,9% |
| 2 |
RTL |
Gute Zeiten, schlechte Zeiten |
11. Apr. 02 |
20:10:37 |
0:03:18 |
440.000 |
38,3% |
| 3 |
RTL |
Alarm für Cobra 11 - die Autobahnpolizei |
11. Apr. 02 |
20:45:19 |
0:17:32 |
420.000 |
34,1% |
| 4 |
PRO7 |
Die Rückkehr der Jedi-Ritter |
14. Apr. 02 |
22:17:52 |
0:24:01 |
400.000 |
39,8% |
| 5 |
RTL |
Formel 1 - San Marino, Siegerehrung |
14. Apr. 02 |
15:33:48 |
0:16:05 |
390.000 |
51,7% |
| 6 |
ZDF |
Notting Hill |
14. Apr. 02 |
20:14:28 |
1:54:56 |
370.000 |
25,8% |
| 7 |
RTL |
Formel 1 - San Marino, vor dem Rennen |
14. Apr. 02 |
13:55:48 |
0:04:12 |
330.000 |
44,0% |
| 8 |
RTL |
Die 80er Show |
13. Apr. 02 |
22:20:56 |
0:05:18 |
330.000 |
41,4% |
| 9 |
RTL2 |
Dragon Ball Z |
11. Apr. 02 |
19:47:28 |
0:12:03 |
320.000 |
28,4% |
| 10 |
RTL |
Zwei Engel auf Streife |
11. Apr. 02 |
21:37:57 |
0:24:23 |
320.000 |
31,3% |
| 11 |
RTL |
The Rock - Fels der Entscheidung |
14. Apr. 02 |
22:00:41 |
0:29:13 |
300.000 |
25,2% |
| 12 |
RTL2 |
Dragon Ball Z |
11. Apr. 02 |
19:17:15 |
0:12:38 |
290.000 |
30,0% |
| 13 |
RTL |
Krüger sieht alles |
13. Apr. 02 |
22:26:14 |
0:17:17 |
290.000 |
37,1% |
| 14 |
PRO7 |
Sabrina - total verhext |
13. Apr. 02 |
17:22:29 |
0:08:55 |
290.000 |
45,6% |
| 15 |
PRO7 |
Malcolm mittendrin |
13. Apr. 02 |
17:31:38 |
0:14:54 |
280.000 |
44,9% |
| 16 |
RTL2 |
Schlagzeilen |
11. Apr. 02 |
19:45:28 |
0:00:20 |
280.000 |
25,3% |
| 17 |
RTL |
Formel 1 - San Marino, Highlights |
14. Apr. 02 |
15:49:53 |
0:00:28 |
270.000 |
36,6% |
| 18 |
PRO7 |
Friends |
13. Apr. 02 |
14:35:21 |
0:08:11 |
250.000 |
42,7% |
| 19 |
PRO7 |
Sabrina - total verhext |
13. Apr. 02 |
17:02:50 |
0:12:43 |
250.000 |
43,4% |
| 20 |
ZDF |
ZDF SPORTextra: Moderation |
11. Apr. 02 |
21:36:05 |
0:00:45 |
240.000 |
21,3% |
Quelle: Bestandsaufnahme Kinderfernsehen 2001, AGF/ GfK PC#TV 2002
Porno und Horror – Fehlanzeige. Oder sollte „Sabrina - total verhext“ in pädagogischer
Sicht Horror sein? Ist Action wie „Alarm für Cobra 11 - die Autobahnpolizei“
das was PISA mit Gewalt meint?
Van Eimeren (2000) stellt für den Fernsehkonsum der 10- bis
15Jährigen folgendes Ergebnis heraus, das ganz und gar nicht mit den Vermutung
von PISA auf der Basis von Selbsteinschätzungen Jungendlicher zusammenpasst:
„Entsprechend der zeitlichen Verteilung der Fernsehnutzung handelt es sich
bei den meistgesehenen Sendungen nahezu ausschließlich um Sendungen, die ab
19.30 Uhr ausgestrahlt werden. In den Top 50 der meistgesehenen Sendungen
der 10- bis 15-Jährigen im 1. Halbjahr 2000 rangieren ganz oben Unterhaltungsshows
("Wetten dass...?", "Wer wird Millionär?"), Spielfilme
("Der verrückte Professor") und besonders prominent vertreten die
Daily Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" von RTL. Innerhalb der
Top 50 ist "GZSZ" allein 30 Mal vertreten.“
Was ist vom folgenden PISA-Ergebnis zur Korrelation von Mediennutzung
und Literalität halten?
„... deutet sich an, dass ein bestimmtes inhaltliches Interesse – nämlich
das an Horror, Porno und Gewalt – mit den Leseleistungen im Zusammenhang steht,
während dies für die reinen Fernsehzeiten nicht gilt.“ (PISA 2002, S. 489).
Vielleicht wäre es interessant zu fragen, wofür die Korrelation zwischen den
Äußerungen Jugendlicher und ihrer Leseleistung steht, mit Sicherheit nicht
für ein Interesse an diesen Genres:
Auch nur kopfschüttelnd lässt sich die folgende Vermengung
der Genres „Nachrichten“, „Sportsendungen“ und „politische Magazine“ bei der
PISA-Untersuchung zur Kenntnis nehmen. Zudem sind Nachrichten sind für Jugendliche
irrelevant, wie übrigens auch für das gesamte Fernsehpublikum, von denen auch
nur ein sehr kleiner Teil Nachrichten sieht.
| Reportagen/Dokumentationen/Magazine |
1,6 % Marktanteil
der 10 – 15Jährigen
|
| Nachrichten |
1,4% Marktanteil
der 10 – 15Jährigen
|
Was soll dann die Korrelation eine irrelevanten Fernsehgenres
mit der Leseleistung von Schülerinnen und Schülern?
„Ein vergleichbares Muster der schulform- und geschlechtsspezifischen Unterschiede
zeigt sich beim Konsumieren von informativen Sendungen. Dazu wurden hier „Nachrichten“,
„Sportsendungen“ und „politische Magazine“ gerechnet. Solche Sendungen werden
von Jungen signifikant häufiger gesehen als von Mädchen, von Gymnasialschülerinnen
und Gymnasialschülern häufiger als von Hauptschülerinnen und Hauptschülern.
Der erwartete korrelative Zusammenhang zu den fachlichen Kompetenzen findet
sich hier jedoch nicht: Ein informationsorientiertes Fernsehverhalten steht
weder in Beziehung zur Lese- noch zur Mathematikleistung.“ (PISA 2002, BASISKOMPETENZEN
..., S. 489)
Will man geschlechtsspezifische Unterschied empirisch erfassen
und diskutieren, dann ist „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ das relevante Programm:
„Die RTL-Serie kommt besonders gut bei den 10- bis 15-jährigen
Mädchen an. Nicht nur erzielte die Soap 1999 einen durchschnittlichen Marktanteil
bei den jüngeren Zuschauerinnen von 56,6% - bei den Jungen waren es "nur"
34,1%. Gleichzeitig ist die Top 50 der Mädchen aus dem 1. Halbjahr 200 fast
ausschließlich durch Folgen von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"
belegt. Lediglich vier der 50 meistgesehenen Sendungen waren keine Serienfolgen.
Dagegen taucht "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" in der Hitliste
der Jungen zwischen 10 und 15 Jahren nicht einmal auf. Ihre Top 50 deckt ein
wesentlich breiteres Angebotsspektrum ab – von Sport-Live-Übertragungen über
Unterhaltungsshows bis hin zu Spielfilmen. (Van Eimeren 2000)
Tabelle 8: Marktanteil ausgewählter Daily Soaps bei den 10- bis 15-Jährigen
(in %, Ø 1999)
| |
10- bis 15-Jährige gesamt |
10- bis 15-jährige Jungen |
10- bis 15-jährige Mädchen |
| "Gute Zeiten, schlechte
Zeiten"
(RTL, 19.45 Uhr) |
45,4 |
34,1 |
56,6 |
| "Verbotene Liebe"
(ARD, 18.00 Uhr) |
21,2 |
10,6 |
31,2 |
| "Marienhof"
(ARD, 18.30 Uhr) |
22,2 |
12,1 |
32,1 |
5. Brückenschlag zwischen der Welt der Bildung und der Welt der Medien
Die PISA-Studie zeigt mit den Defiziten, auch die Chancen. Für Migrationskinder
wie Erkan öffnet sich mit dem Begriff der diskontinuierliche Texte eine Tür,
seine Lesekompetenz auch für die Schule zu öffnen. Mit der an einem offenen
Text-Konzept ausgerichteten Konzept von Literalität bekommt die Medienpädagogik
die Chance auch ihre Vorstellung von Medienkompetenz zu modernisieren und die
Medienwissenschaft auf deren Erkenntnisse zu Texten und Darstellungsmodi zu
befragen. Diese Erkenntnisse in die Schule getragen, beinhaltet die Möglichkeit,
die mit spezifischen Medien verbundenen kulturellen Wertvorstellungen zu relativieren
und könnten helfen, die verborgenen kulturelle Ressource alltäglicher Medienkompetenz
auch für den Erwerb traditioneller Literalität mit dem gedruckten Buchtext zu
Tage zu fördern. Der Blick der Schulpädagogen auf Medienpädagogik und ihre Wissensbestände
wäre in der Lage, methodologischen Unfug und Unwissenheit zur Mediennutzung
von Jugendlichen zu vermeiden. Der medienwissenschaftliche Blick auf die Medienentwicklung
sensibilisiert für das Literalitätspotential pädagogisch unerschätzter Medien.
So lohnt sich der Blick auf das neue Design von Nachrichtensendern, die ihre
wenig geschätzten Programme mit geschriebener Sprache garnieren. Vielleicht
zeigt sich dabei auch eine neue Gestaltungsform.
Gleiches gilt für die übersehenen Tailer im Fernsehen, die
als simple Werbung begannen, zunehmend mehr wichtige Orientierungsfunktion
bekommen, auch, indem sie Sprache und Bilder überlagern. Hier entstehen neuen
Zeichenformen.
Die Überlagerung von Bildern und Schrift taucht auch in Musiksendrn
für Jugendliche auf.
Diese neuen Textsorten haben den Vorteil, sozial noch nicht
definitionsmächtig aufgeladen zu sein wie die etablierten Texte.
[1] PISA steht für „Programme
for International Student Assessment“. Veröffentlichungen: Deutsches PISA-Konsortium
(Hrsg.) PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen
Vergleich. Opladen (Leske+Budrich) 2001; Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.)
PISA 2000 - die Länder der Bundesrepublik Deutschland im Vergleich. Opladen
(Leske+Budrich) 2002
[2] Vgl. dazu Baacke, Dieter:
Medienkompetenz - Begrifflichkeit und sozialer Wandel. In: Rein, A. von (Hrsg.):
Medienkompetenz als Schlüsselbegriff. Bad Heilbrunn 1996,
S. 112-124. Zur empirischen Validierung liegt die folgende Arbeit vor:
Treumann, K.P., Baacke, D., Baacke, K., Hugger, K.U., Vollbrecht, R. : Medienkompetenz
im digitalen Zeitalter. Wie die neuen Medien das Leben und Lernen Erwachsener
verändern. Opladen (Leske + Budrich) 2002. Die weitere Validierung soll das
folgende DFG-Projekt leisten: Klaus Peter Treumann, Uwe Sander und Dorothee
Meister „Eine Untersuchung zum Mediennutzungsverhalten 13-18jähriger und zur
Entwicklung von Medienkompetenz im Jugendalter“.
[3] Die Semiotik hat hierzu
den Begriff der Modalität entwickelt, um die medienspezifischen Ausformungen
von Texten zu erfassen, die selber ein definierender Teil eines Textes sind.
Die folgende Arbeit ist hier informativ: Kress, Gunther, Van Leeuwen, Theo:
Multimodal Discourses. The Modes and Media of Contemporary
Communication. London (Arnold) 2001
[4] Baumert, Jürgen, Schümer,
Gundel: Familiäre Lebensverhältnisse, Bildungsbeteiligung und Kompetenzerwerb
im nationalen Vergleich. In: Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.) PISA 2000 -
die Länder der Bundesrepublik Deutschland im Vergleich. Opladen (Leske+Budrich)
2002, S. 159 – 202.
[5]
Bourdieu, Pierre:
Die feinen Unterschiede. Frankfurt a.M. (Suhrkamp) 1989, 3. Auflage, S. 34
ff. und Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfurt a.M. (Suhrkamp)
1991, 4. Auflage
[6] Hans-Dieter Kübler:
PISA und die Medienkompetenz: Warum empirische Begründungen mehr als dringlich
sind. In: Medien praktisch, Heft 2002, S. 4-7.
[7] Schulze, Gerhard: Die
Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt a.M. (Campus)
1992, 2. Auflage.
[8] Super RTL Medienforschung:
Kinderwelten 2002. Freizeit und Medien im alltäglichen Erleben von Kindern.
RTL Disney Fernsehen GmbH & Co. KG
[9] Treumann, K.P., Baacke,
D., Baacke, K., Hugger, K.U., Vollbrecht, R. : Medienkompetenz im digitalen
Zeitalter. Wie die neuen Medien das Leben und Lernen Erwachsener verändern.
Opladen (Leske + Budrich) 2002, S. 247 ff.
[10] Tillmann, Klaus-Jürgen,
Meier, Ulrich: Schule, Familie und Freunde – Erfahrungen von Schülerinnen
und Schülern in Deutschland. In: Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.) PISA 2000.
Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich.
Opladen (Leske+Budrich) 2001, S. 468 - 509
[11] Nutzungsdaten, die sich ausschließlich auf die
Altersgruppe der 15-Jährigen beziehen, liegen veröffentlicht nicht vor, weshalb
hier hilfsweise die Nutzungsdaten der 10- bis 15Jährigen herangezogen werden.
Quelle: Birgit van Eimeren: Mediennutzung und Fernsehpräferenzen der 10- bis
15-Jährigen. In: Televizion. Internationales Zentralinstitut für das Jugend-
und Bildungsfernsehen (IZI) Heft 13/2000/2
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