| Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen 2000,
2001, 2002 |
|
| Judith Seipold |
Das Fernsehprogrammangebot zur Medien- und Genrekompetenz
„Da kannst du ruhig zuschauen, das ist ein Witzfilm.“ Der 6jährige Junge sitzt
zusammen mit seiner 2 Jahre älteren Nachbarin vor dem Fernseher und schaut Darkwing
Duck, eine Zeichentrickserie, auf „11“ an. SuperRTL liegt auf dem Programmplatz
11 und diesen Sender schaltet Tim jedes Mal ein oder zappt dort hin, wenn er
mich besucht. Er weiß, dass dort Sendungen kommen, die er ohne Bedenken anschauen
kann. Seine Freundin hat nicht so viel Fernseherfahrung wie er. Sie ist sich
nicht sicher, ob die Sendung, die sie noch nie vorher gesehen hat, etwas für
sie ist. Tim versucht, ihr die Unsicherheit zu nehmen, indem er die Sendung
als witzig kategorisiert. Zeichentrick ist für ihn immer witzig, also können
Kinder das anschauen, so seine Logik. Dass der „Film“ eigentlich eine Serie
ist, spielt dabei keine Rolle. Wesentlicher ist die Zuordnung zu einem Genre,
das seiner Erfahrung nach auf jeden Fall was für Kinder ist. Mit seiner Aussage
beweist er: er geht mit dem Medium Fernsehen und einigen seiner Inhalte eigenständig
und sicher um. Tim ist in seinem Rahmen medienkompetent. Er kann selbständig
den Fernseher bedienen, kennt Sender und Genres, die relevant für ihn sind und
weiß diese auch einzuordnen. Auch die soziale Komponente, gemeinsames Fernsehen,
findet dabei seinen Platz. Tims Erfahrungen mit und sein Wissen über das Medium
Fernsehen, seine Sender und seine Genres lassen ihn, und schließlich auch seine
Freundin, mit Sicherheit das Programm genießen[1].
Aus pädagogischer Sichtweise ist der kompetente Umgang mit Medien ein
wesentlicher Teil der Sozialisation
In der Pädagogik wurde das Feld der Kompetenzen, die Teil von Medienkompetenz
sind, umfangreich beschrieben. Auf das Individuum im umfassenden gesellschaftlichen
Kontext konzentriert, fordert die Pädagogik von den Menschen und leitet sie
auch dazu an, über die eigene Mediennutzung, Kompetenzen und Vorlieben nachzudenken,
sich der eigenen Rolle gegenüber den Medien und Stellung zu den Medien klar
zu werden.[2]
Medienkompetenz ist nach Dieter Baacke Teil der kommunikativen Kompetenz. Sie
soll u.a. im praktischen Umgang mit Medien und der kritischen Auseinandersetzung
mit ihnen erlernt, erprobt und eingesetzt werden. Medien können so den Mediennutzern
nicht nur zur Unterhaltung dienen, sondern von ihnen auch und vor allem als
Ausdrucksmittel, als Mittel zur aktiven Gestaltung der eigenen Umgebung, des
eigenen Lebens genutzt werden. Darüber können sich Mediennutzer dann in der
Gesellschaft verorten. Ein wesentlicher Teil von Medienkompetenz ist also immer
die reflexive Auseinandersetzung des Individuums mit Medien, ihren Inhalten
und der Gesellschaft.
Pädagogische Einrichtungen, Eltern und Peers als Instanzen für medienpädagogische
Erziehung
Von wem lernt man, kompetent mit Medien umzugehen? In erster Linie werden
Pädagogen für die Vermittlung von Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen
herangezogen. Auch Eltern spielen bei der medienpädagogischen Erziehung eine
wichtige Rolle. Die Präferenzen von Kindern und Jugendlichen, die in Peer-Groups
abgehandelt werden, scheinen Eltern und Pädagogen oft suspekt, machen aber für
die Kinder und Jugendlichen in ihrem Rahmen Sinn. Obwohl Medien längst Teil
unseres Alltags und neben Schule und Familie zu einer relevanten Sozialisationsinstanz
geworden sind, wird v.a. dem Fernsehen wenig medien-erzieherische Funktion unterstellt,
eher noch möchte man Kinder und Jugendliche vor vielen seiner Inhalte beschützen
und fernhalten. So fordert man vom Fernsehen vorneweg Verantwortlichkeit in
Form von Inhaltskontrollen.[3] Programmanbieter sind dazu angehalten, ihr Programm im kinder- und
jugendmedienschutzrechtlichen Sinn zu prüfen und Kinder und Jugendliche so vor
sie möglicherweise überfordernden Darstellungen zu schützen. Diese Art von Verantwortung,
die in Restriktionen, Beschränkungen und Warnungen resultiert, ist eine der
gängigsten Forderungen an das Fernsehen.
Erziehung zur Medienkompetenz ist – und jeder, der im Bereich der Medienerziehung
arbeitet weiß das – mehr, als nur zu verbieten. Es reicht nicht, medienethische
und Qualitätsdiskussionen zu führen und als Konsequenz Kinder vor problematischen
Inhalten zu schützen. Kinder müssen nicht nur lernen wegzuschauen, sondern auch
mit den (u.U. problematischen) Inhalten umzugehen, mit denen sie konfrontiert
werden. Auch müssen sie in ihrem Umgang mit Medien unter Berücksichtigung ihrer
ästhetischen Präferenzen (z.B. TV-Total, Headnut TV, Dragonball
Z, Ranma 1/2) gefördert werden.
Genrekompetenz als relevante Unterkategorie von Medienkompetenz
Medienrezeption impliziert für die Mediennutzer nicht nur die reflexive
und diskursive Auseinandersetzung mit persönlichen, gesellschaftlichen und kulturellen
Themen, sondern immer auch die Notwendigkeit, mit unterschiedlichen Genres umzugehen.
Genrekompetenz kann in diesem Sinn als ein Teil von Medienkompetenz verstanden
werden, als Handwerkszeug zu medienkompetentem Handeln.
Laut G. Rusch sind „Genres bzw. Gattungen: Typen inhaltlicher und formaler Gestaltung
von Texten in spezifischen Verwendungsweisen.“[4] Handeln und Kommunizieren basiert
immer auf einem minimalen Konsens von einer gemeinsamen Vorstellung von Wirklichkeit
und einem bestimmten Umgang mit ihr. Auch bei der Genreproduktion und -Rezeption
werden Übereinkommen bezüglich der Wirklichkeiten von Produzenten und Rezipienten
und dem Umgang mit ihr zwischen den beiden Kommunikationspartnern getroffen.
Diese Übereinstimmungen müssen Kinder finden können. Wo Kinder sich beim Entschlüsseln
der Medientexte eben nicht auf ihren Erfahrungshorizont verlassen können, wird
die Förderung von Genrekompetenzen besonders wichtig. Das kann bei Sendungen
der Fall sein, die sich dem persönlichen, gesellschaftlichen oder kulturellen
Bezugsrahmen entziehen, bei denen also „Wirklichkeiten“ nicht übereinstimmen,
wie z.B. bei den japanischen Animés wie Dragonball Z, Pokémon
oder Ranma 1/2. In dem Fall muss Fernsehen die Metaebene beschreiten
und sich selbst durchschaubar machen, sich selbst (kritisch) kommentieren und
die Zuschauer orientieren; es muss also die Orientierungsabsicht, die es mit
einer Sendung verfolgt, deutlich machen.
Kinder und Jugendliche gehen bei der Medienproduktion mit den unterschiedlichsten
Genres wie selbstverständlich um: ein Horrorstreifen muss gruselig sein und
schocken, Nachrichten werden informativ und seriös im Stil der ARD Tagesschau
inszeniert. Auch bei der Rezeption legen Kinder und Jugendliche hohe Kompetenzen
an den Tag[5]. Sie
sind in der Lage, die Kommunikationssituation, die über ein bestimmtes Genre
hergestellt wird, formal und inhaltlich zu entschlüsseln und die Orientierungsabsicht,
die der „Gesprächspartner“ Fernsehen verfolgt, adäquat zu verstehen. Dabei müssen
sie sich auf ihre bisherigen Fernseherfahrungen genauso wie auf ihre Erfahrungen
im weiteren alltäglichen Leben verlassen können, da sie nur über dieses Wissen
das Genre mit seinen Inhalten reflektieren und überprüfen können. Das wird auch
am Beispiel von Tim deutlich.
Im Fernsehen wird erklärt, diskutiert, reflektiert, zitiert, parodiert
und zum selber machen aufgefordert. Dabei thematisieren die Sendungen nicht
nur das Medium Fernsehen
Im medienpädagogischen Bereich scheint bei der Vermittlung von Medienkompetenz
die praktische Medienarbeit, also die technische Handhabung von Geräten und
das eigenständige Gestalten von Medienproduktionen im Vordergrund zu stehen;
im Gestalten und Handeln, so die Absicht, werden Kompetenzen im Umgang mit Medien
erlangt und für weitere Bereiche der Medienkompetenz sensibilisiert. Diese praktische
Seite kann natürlich nicht vom Fernsehen übernommen werden. Der Beitrag, den
das Fernsehen jedoch leisten kann und auch – in quantitativ nicht zu unterschätzendem
Masse – leistet, liegt im Bereich der Diskurse über Medien und der Erklärungen
von meist medien-technischen Sachverhalten. Im Fernsehen wird erklärt, diskutiert,
reflektiert, zitiert, parodiert, zum selber machen angeleitet. Dabei thematisieren
die Sendungen nicht nur das Medium Fernsehen. Es geht z.B. auch darum, wie die
Musik auf CDs gelangt, um gewalthaltige Videospiele und Internetnutzung. Kindheitsvorstellungen
und ästhetischen Präferenzen von Kindern und Jugendlichen werden dabei angesprochen
und diskutiert, Generationenkonflikte über Ethik, Ästhetik und Kultur ausgetragen,
Argumente geliefert, Gestaltungsbeispiele gegeben. Aus dieser Sichtweise kann
das Fernsehen durchaus als eine relevante Instanz bei der Vermittlung von Medienkompetenz
verstanden werden.
Arbeitsteilige Erziehung zur Medienkompetenz mit den jeweils möglichen
Mitteln
Kinder brauchen Anleitung, um zu lernen, Medien sinnstiftend in ihr
Leben zu integrieren – sei es zur Unterhaltung, um sich zu informieren, soziale
Kontakte zu pflegen oder ihren Alltag zu gestalten. Deshalb sollte Fernsehen
sich und andere Medien so weit es geht durchschaubar machen. Und wo es das nicht
leistet, müssen Eltern und Pädagogen erläuternd eingreifen. Sie können für Sendungen
und Mediendiskurse im Fernsehen sensibilisieren, sie thematisieren oder darauf
aufmerksam machen, ebenso Raum zur praktischen Anwendung von im Fernsehen Rezipiertem
geben. So lernen Kinder, Medien für sich zu nutzen, Medien-Texte zu decodieren,
(mit) Medien zu gestalten. Kurz: einen reflexiven und diskursiven Umgang mit
Medien, ihren Gestaltungsmitteln und ihren ästhetischen Ausdrucksformen.
1. Sendungen mit Relevanz zur Medien- und Genrekompetenz geben Lernangebote,
Argumentationshilfen und Gestaltungsbeispiele
Die Ausgangsfrage war, ob es im Fernsehen Angebote gibt, die ihre eigenen
Darstellungsformen oder die Darstellung anderer Programme durchschaubar machen
und so die Entwicklung von Medien- und Genrekompetenz fördern. Der Gedanke der
Durchschaubarkeit schließt medienpädagogische Programme ebenso ein wie Angebote,
die als Medientext ihre Interpretationsweisen offen legen. Dazu gehören auch
Angebote von Sendern, ihr Programm so zu präsentieren, dass Kinder es durchschauen.
Von den Rezipienten aus gedacht, entspricht der Gedanke der Durchschaubarkeit
eines Medien-Textes dem der Medien- und Genrekompetenz zuschauender Kinder.
Diese Fragestellung wurde erweitert um diskursive und kreative Programmangebote,
da auch solche Elemente bei der Vermittlung von Medien- und Genrekompetenz ein
Rolle spielen.
Um von den Programmangeboten[6] aus auf einen möglichen Beitrag zur Medien- und
Genrekompetenz zu schließen, geht es also in einem weiten Sinne darum, ob eine
Art von Reflexivität bzw. reflexiver Spannung zu Medien oder Mediennutzung im
Angebot erkennbar wird. Dabei lassen sich drei Dimensionen mit Unterdimensionen
unterscheiden:[7]
(1) Sendungen, die Lernangebote machen
(2) Sendungen, die exemplarisch Diskurse führen und Argumentationshilfen
geben
- Die Pfefferkörner
- Norman Normal
- Disney’s Pepper Ann
- Die Simpsons
(3) Sendungen, die Gestaltungsbeispiele geben
1.1 Sendungen, die Lernangebote machen
Der Lernbegriff ist hier weiter zu fassen als im schulischen Sinne. Es geht
dabei nicht nur um Sendungen, die physikalische Phänomene und technische
Sachverhalte erklären und hinterfragen oder Angebote, die Regeln aufzeigen.
Beispiele hierfür wären Wie funktioniert eine CD? innerhalb
der Sendung mit der Maus, Reläxx oder die ARD Programmansage.
In einem weiteren Sinn sind auch schlichte isolierte Hinweise wie Jugendschutzhinweise,
Kinderflächen und Kinderkanäle, Programm-Trailer und Werbung lernrelevant;
ebenso Programme oder Elemente, die sich aus sich heraus unkritisch dekonstruieren,
also wie z.B. bei Bugs Bunny ihre Machart durchschaubar machen, ohne das zu
kommentieren oder zu bewerten. Die Eigeninterpretation wird im Fall des Langnese-Werbespots
zu den „Langnese Family Fun Packungen“ zu einem Mittel, um Witz zu erzeugen.
Die Sendungen öffnen sich mit dieser Charakterisierung über sich selbst
einem möglichen Dialog mit den Zuschauern. Hinweisende und werbende Angebote
verlangen von Zuschauern Kompetenzen, um als Werbung erkannt und genutzt zu
werden, können aber auch den Blick für z.B. Medien- und Ereignisarrangements,
Programmabläufe oder Kinder- und Jugendmedien-schutz öffnen.
1.1.1 Erklärende und hinterfragende Programmangebote
Im Programmangebot der Fernsehsender finden sich Sendungen, die Medien vom
physikalisch-technischen, produktions- oder anwendungsbezogenen Standpunkt aus
erklären. Dies geschieht vorwiegend in Formaten wie Dokumentationen, Making
Ofs und Magazinen. Solche Angebote sind tendenziell normativ, da sie Sachverhalte
erklären, die von Natur aus so sind und nicht anders, Regeln zur Erstellung
von Genres oder Programm zeigen oder in unserer Gesellschaft gängige Normen
wiedergeben. Auf Letzteres bezogene Sendungen, z.B. Reläxx, tasten sich
diskursiv an ein Thema heran und präsentieren dann gemeinsam erarbeitete mögliche
Lösungen.
Wie funktioniert eine CD?
ARD Programmansage
Reläxx
Wie funktioniert eine CD?
Tabelle 1[8]
| Die Sendung mit
der Maus (ARD, Sonntag, 28.05.2000, 11.31 Uhr, Länge ca. 28 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
1.330.000 |
380.000 |
140.000 |
160.000 |
80.000 |
| Marktanteil in % |
15,0 |
30,8 |
44,0 |
30,7 |
20,3 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Tabelle 2
| Die Sendung mit
der Maus (KiKa, Sonntag, 28.5.2000, 11.30 Uhr, Länge ca. 28 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
490.000 |
310.000 |
60.000 |
150.000 |
100.000 |
| Marktanteil in % |
5,5 |
24,8 |
19,3 |
28,0 |
25,2 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Innerhalb der Sendung mit der Maus wird in einer Sachgeschichte erklärt,
wie Musik auf eine CD kommt und warum man diese Musik hören kann, wenn die CD
abgespielt wird.
Zunächst einmal, so erklärt Ralph, benötigt man einen CD Player, um eine
CD abzuspielen. Die Musik, die man dann hört, besteht aus Tönen. Diese Töne
sind Schallwellen, also bewegte Luft. Verdeutlicht wird das am Beispiel einer
Basstrommel, deren Schallwellen eine Kerze ausblasen. Mikrophone, so Ralph,
können über eine Membran Schallwellen aufnehmen. Die Membran wandelt die Schallwellen
in elektrische Wellen um, die man mit Hilfe eines Oszillographen sogar sehen
kann.
Im nächsten Schritt werden die elektrischen Wellen in Computersprache
übersetzt. Diese Computersprache besteht aus „Nullen“ und „Einsen“. Ein CD-Brenner
brennt die Nullen und Einsen auf einen Rohling, das ist die leere CD. Ein mit
einer Folie beklebter Spiegel und eine Taschenlampe, die einen Laser darstellten,
dienen als Modell eines CD-Brenners. Jedes mal, wenn der CD-Brenner eine „Eins“
empfängt, brennt der Laser eine Markierung, also ein Loch in die CD. Die Löcher
auf der CD sind so klein, dass man sie mit bloßem Auge nicht sehen kann. Bei
einem Besuch in der Technischen Hochschule in Aachen wird eine CD aufgeschnitten
und unter dem Elektronenmikroskop 1000-fach vergrößert. Nun lassen sich die
vielen winzig kleinen Löcher auf der CD erkennen.
Wie aber kann man die Markierungen und Löcher hören? Dazu dreht sich
die CD im CD-Player. Ein Laser strahlt auf die CD. Trifft der Strahl auf ein
Loch, wird er reflektiert. Der CD-Player weiß: das ist eine „Eins“. Er übersetzt
die 16stelligen Zahlen in Punkte, die Punkte bilden aneinandergereiht eine Welle,
die man, in eine Luftbewegung umgesetzt, hören und als graphische Welle im Oszillographen
sehen kann. Wenn die elektrische Welle zum Lautsprecher gelangt und auf den
Lautsprecher trifft, formt dieser die elektrische Welle in eine Schallwelle
um, die man dann hört. So können die Musiker der WDR-Bigband sich auch dann
spielen hören, wenn sie gar keine Musik machen.
In dieser knapp achtminütigen Sachgeschichte innerhalb der Sendung mit der
Maus erklärt eine junge Männerstimme den Zuschauern die Funktionsweise einer
CD und die Entstehung von Musik und Tönen. Selbstgebastelte Modelle veranschaulichen
und erklären komplexe physikalische und mathematische Vorgänge. Das Lern-Angebot,
das in dieser Sendung gemacht wird, bietet Zuschauern an, sich Wissen aus dem
Bereich der Medientechnik anzueignen.
ARD Programmansage
Programmansager Martin Wirsing steht vor einer in Blau gehaltenen
Wand, links von ihm ist das ARD-Logo eingeblendet. Er wendet sich an die Zuschauer:
„Hallo im Ersten. Drei Monate lang hat uns immer donnerstags der Fahnder
mit spannenden Fällen unterhalten. Heute zeigen wir Euch die vorerst letzte
Folge – und mich interessiert ganz besonders, wie Tom Welz und seine Kollegin
Katharina ihren letzten Abend verbringen. [Einspieler] Heute vorerst zum letzten
Mal der Fahnder in einer Stunde hier im Ersten und ab nächster Woche begleiten
wir dann immer donnerstags die Kommissarin bei der Verbrecherjagd. Und Leute
wie mich nennt man auch Fernsehverführer. Wenn wir Fernsehverführer unsere Opfer
erst einmal mit einer Folge unserer täglichen Serien angefüttert haben, lassen
wir sie an der spannendsten Stelle, dem sogenannten Cliffhanger, im Ungewissen
zurück. Dann müssen sie bis zum nächsten Tag auf die Fortsetzung warten. Hmhm.
Gut, nicht? Wie es also in der Verbotenen Liebe und im Marienhof weitergeht,
das zeigen wir Euch gleich nach der Werbung.“
Dieses unscheinbare Element lief kurz vor 18.00 Uhr am Donnerstag, 05. April
2001 in der ARD. Der Ansager Martin Wirsing weist seine Zuschauer fast nebenbei
auf einen Wechsel in der bereits seit drei Monaten festen Struktur im Programmablauf
hin, gibt eine Eigeninterpretation seiner Berufsgattung und erläutert darüber,
was es mit „der spannendsten Stelle, dem sogenannten Cliffhanger“ in einer
Soap auf sich hat.
Reläxx
Tabelle 3
| Reläxx
(ARD, Sonntag, 28.05.2000, 11.36 Uhr, Länge ca. 8 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
170.000 |
70.000 |
20.000 |
30.000 |
20.000 |
| Marktanteil in % |
1,4 |
7,8 |
12,1 |
11,5 |
4,1 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
In dieser Folge von Reläxx dreht sich alles um das Thema Internet.
Der junge Moderator Karsten Blumenthal befragt Kinder und Jugendliche
als Experten zum Internet und fasst am Ende der Sendung die Aussagen der Kids
zu Leitlinien, Regeln und Tipps zum Umgang mit dem World Wide Web zusammen.
Knappe Informationen zum Projekt „Schulen ans Netz“ und die Darstellung
einer Zukunftsvision von Schulen im Jahr 2020 leiten zu Gesprächen mit Kindern
über. Sie geben Infos darüber, von wo aus man ins Internet gehen kann, wozu
man das Internet nutzt und wie man über das Internet kommuniziert.
Viele Kinder und Jugendliche, so berichten sie, haben das Internet dazu
entdeckt, um Leute kennen zu lernen, Freundschaften zu schließen oder alte Freunde
wiederzufinden. Dabei verdeutlicht Karsten den Unterschied zwischen „Plaudern“,
Telefonieren und Chatten, weist darauf hin, wie man sich beim Chatten seinen
Gesprächspartner gegenüber verhalten sollte und zeigt, wie Symbole dabei helfen,
Gefühle auszudrücken, ohne viel zu schreiben.
Danach geht es um das Thema Homepage. Der Moderator verweist auf die
neue Homepage von Reläxx und erklärt dann, wie eine Homepage entsteht
und was man benötigt, um selber eine anzufertigen. Zwei Frauen erläutern ihm,
wie Photos auf eine Website kommen und geben danach einen kurzen Einblick in
die Arbeit eines Webgrafikers und eines Webdesigners.
Es folgen Hinweise auf die notwendige Hard- und Software und auf die
Frage nach kostengünstigen Zugangsanbietern. Zum Schluss gibt es noch eine kleine
Einführung in das Navigieren mit einem der gängigen Browser.
Reläxx ist ein Trend-Magazin, in dem die Kompetenzen der Kinder gefragt
sind. In diesem Magazin sind sie die Experten und erzählen, wie sie das Internet
nutzen und wozu. Der Moderator Karsten Blumenthal übernimmt während der Sendung
die Rolle des unkundigen Erwachsenen, der die jungen Experten befragt, um mehr
über das Internet zu lernen. Obwohl er locker mit den Kindern und Jugendlichen
umgeht, nimmt er sie ernst. All ihre Tipps und Tricks fasst er immer wieder
zusammen und macht sie zu Leitlinien für den Umgang mit dem Internet. Diese
Zusammenfassungen strukturieren die Sendung.
Wie sich herausstellt, nutzen die Kids das Internet nicht nur zur Unterhaltung
oder zum Zeitvertreib, sondern auch, um sich zu informieren und zu kommunizieren.
Ganz hoch im Kurs steht bei ihnen „Chatten“. Chatten bedeutet aber nicht, sinnlos
auf die Tastatur einzuhacken, sondern zu kommunizieren, um neue Freunde zu gewinnen
und alte wieder zufinden. Chat- oder Email-Freundschaften ergänzen Brieffreundschaften.
Web-User finden im Internet also ein Forum, um zwischenmenschliche, soziale
Kontakte zu pflegen. Diesen für die Kinder doch wohl wichtigen Punkt nimmt Karsten
auf und setzt mit Erläuterungen zu Chat-Regeln und zur Chat-Sprache einen deutlichen
Schwerpunkt der Sendung. Mit Hilfe der Kinder und Jugendlichen stellt er Benimm-Regeln
zusammen. Diese Regeln stecken einen eindeutigen Handlungs- und Orientierungsrahmen
für den Aufenthalt in einem Chatroom ab. Dazu gehört der Tipp, nicht alles ernst
zu nehmen, was Chat-Partner schreiben, und im Internet als Kommunikationsplattform
keine persönlichen Daten preis zu geben. Zu bedenken sei, dass aufgrund der
Anonymität, die Phantasienamen ermöglichen, auch die Hemmschwelle im Umgang
miteinander sinken kann.
Eindeutig definierte Symbole können ein Mittel sein, eigene Gefühle auszudrücken
(„Emoticons“). Sie verringern nicht nur den Schreibumfang und sind international
verständlich, sondern machen u. U. verletzende Wörter oder lange Sätze überflüssig.
Dieser Symbole zeigen auch, dass man beim Chatten kompetent ist und für Außenstehende
sinnlos erscheinende Zeichenkombinationen definieren bzw. „lesen“ kann. So entsteht
auch ein Zugehörigkeitsgefühl zur Chat-Gemeinde und gleichzeitig eine Abgrenzung
zu Externen oder Nichtfachleuten. Mögliche negative Auswirkungen wie die, sich
von der Umwelt abzukapseln, thematisieren weder die Experten-Kids noch Karsten.
Vermutlich sehen sie im Internet eher eine offene Plattform als einen geschlossenen
Raum und setzen Chatten gleich mit dem face-to-face-Gespräch oder einem Telefongespräch.
Die Sendung sieht in Jugendlichen in erster Linie User, also Nutzer des Internets.
Dagegen erstellen in der Regel Erwachsene die Websites, die Kinder besuchen,
so ist jedenfalls der Eindruck.
Das Thema Internet ist Anlass, den Zuschauern zum Abschluss einen Blick hinter
die Kulissen von Reläxx zu bieten, wo gerade an der neuen Reläxx-Homepage
gearbeitet wird. Mit dem Hinweis darauf, welche Komponenten notwendig sind,
um ins Internet zu gelangen, schließt die Sendung.
Die Sendung Reläxx befasst sich mit den Kommunikationsmöglichkeiten,
die das Internet bietet sowie den Kommunikationsregeln, die wie beim Gespräch
oder Telefonat einzuhalten sind. Durch den Hinweis auf die technische Ausstattung,
die zur Nutzung des Internets nötig ist, wird die technische Seite der Mediennutzung
verbunden mit der individuellen Nutzung und Gestaltung. Medienkompetenz verbindet
also technische und soziale Kompetenz ebenso, wie selbständig angeeignetes Wissen
und Nutzung des Internets zur Unterhaltung. Somit schlägt Reläxx eine Brücke
zwischen einem neuen Medium und dem Alltag, indem es z.B. neue Formen aufzeigt,
Gefühle mittels einfacher Zeichen ("Emoticons") mitzuteilen.
1.1.2 Programmelemente mit Momenten von Dekonstruktion und Eigeninterpretation
Elemente, die mit Dekonstruktion oder Eigeninterpretation arbeiten, machen
Genres und Fernsehen selbstbezüglich durchschaubar und bieten Zuschauern so
die Möglichkeit, die Interpretationsweise des Programms zu durchschauen. Dekonstruktion
ist im Rahmen der unten behandelten Beispiele als intrinsisch unkritisch zu
begreifen. Solche Elemente erscheinen als selbstverständlicher Teil der Handlung
und werden nicht kommentiert. Bei Bugs Bunny ist das zu finden. Mit der
Eigeninterpretation, die als intrinsisch reflexiv zu verstehen ist, geben Sendungen
einen „Lesehinweis“, der Zuschauern verdeutlichen will, wie sie das Programm
aufzufassen haben. Gleichzeitig öffnen sie sich den Zuschauern, die dann die
Möglichkeit haben, selbstreflexiv zu diesem Lesevorschlag Stellung zu beziehen.
Der Langnese-Werbespot und der RTL2-Mitarbeiter-Trailer arbeiten so. Beides,
Angebote mit Momenten von Dekonstruktion und Eigeninterpretation, erscheint
oft als humoristisches Element.
Bugs Bunny
Langnese-Werbespot
RTL2-Imagetrailer
Bugs Bunny
Tabelle 4
| Bugs Bunny
(Sat1, Samstag, 27.05.2000, 11.34 Uhr, Länge ca. 23 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
640.000 |
190.000 |
40.000 |
70.000 |
80.000 |
| Marktanteil in % |
13,5 |
26,0 |
27,5 |
25,5 |
25,6 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Die Zeichentickfigur Bugs Bunny sitzt an einem Zeichentisch und zeichnet
eine kleine Animation vom Protagonisten des nächsten Cartoons, dem Vogel Tweety.
Die Ente Duffy Duck schaut ihm über die Schulter. Während er zeichnet, leitet
Bugs Bunny eine knappe Inhaltsangabe mit den Worten „Und jetzt kommt Tweety“
ein und gestaltet damit den Übergang zum nächsten Cartoon.
Zeichentrickfiguren können natürlich nicht zeichnen. Trotzdem wird bei dieser
Szene auf witzige Art und Weise gezeigt, wie Zeichentrickfiguren und Animationen
entstehen. Nebenbei machen die Bilder deutlich, wie der Arbeitsplatz eines Zeichners
aussieht bzw. zur Entstehungszeit dieses Cartoons aussah. Dieser Teil der Sendung
macht die Entstehung von animierten Zeichnungen durchschaubar, benennt das aber
nicht explizit sondern benutzt es als selbstverständlichen Teil des Handlungsverlaufs.
Langnese Family Fun Packungen[9] Eine Familie tanzt fröhlich in ihrer Küche, weil sie sich über die
Family Fun Packung von Langnese freut. Eine männliche Stimme kommentiert die
Bilder: „Diese Familie hat Spaß. Liegt es an den neuen Family Fun Packungen
von Langnese? Den vielen verschiedenen Langnese Minis? Nein, die haben so viel
Spaß, weil sie Schauspieler sind, die für diesen Werbespot bezahlt werden. Aber
ihre Familie wird viel Spaß mit den Family Fun Packungen von Langnese haben.
Nur wird sie dabei nicht so bescheuert aussehen. Die neuen Family Fun Packungen
von Langnese. Die machen wirklich Spaß! Wirklich.“
Diese Form von Eigeninterpretation, die seine eigenen Produktionsbedingungen
persifliert, ist eine witzige Form der Dekonstruktion. Die Zuschauer bekommen
den Inszenierungscharakter gezeigt und dabei vermittelt, dass nicht das beworbene
Produkt so viel Spaß erzeugt. Der Spot gibt nicht vor, eine echte Familie zu
zeigen, sondern eine Gruppe von Leuten, die sich vorher wahrscheinlich nicht
einmal kannten. Diese Leute bekommen Geld dafür, dass sie sich freuen und dabei
lustig („bescheuert“) aussehen. Gleichzeitig bleibt die Botschaft bestehen,
mit der Eispackung auch „Family Fun“ zu erwerben. Aus diesem Paradoxon bezieht
der Spot einen Teil seines Witzes, den zu verstehen bei zuschauenden Kindern
Genrekompetenz voraussetzt.
RTL2-Mitarbeiter-Trailer
In diesem Spot treten RTL2-Mitarbeiter auf. Sie haben große quadratische
Schilder umgehängt, die mit dem RTL2-Logo bedruckt sind. Daniela A., Archivmitarbeiterin
und ihre Kollegin erzählen den Zuschauern: „Die ganz großen Filme, die ganz
großen Stars – RTL2 macht einfach Spaß.“
Spaß macht RTL2 offensichtlich auch seinen Mitarbeitern. Sie verkleiden sich
mit dem Senderlogo und werben mit „großen Filmen“ und „großen Stars“. Die Zuschauer
erkennen sofort: bei RTL2 ist Spaß Programm, und die Qualität ist dabei auf
jeden Fall gewährleistet. Diese Botschaft über den Spaß, den ein Sender macht,
ist auch dekonstruktiv angelegt. Die üblicherweise nie auf dem Bildschirm erscheinenden
Mitarbeiter eines Senders sind weder „die ganz großen Stars“, noch werden sie
als große Stars präsentiert. „Trash“ als Stilmittel dominiert den Spot und bildet
einen Referenzrahmen, zu dem auch ein Spiel von Inszenierung und Wirklichkeit
eines Senders, gekennzeichnet als Arbeitsort, hinzukommt.
1.1.3 Hinweisende und werbende Programmangebote
Medienkompetent fernsehen heißt auch, die formalen Ordnungs- und Orientierungsmöglichkeit,
die das Fernsehen bietet, entschlüsseln und für sich nutzen zu können. Unter
hinweisenden und werbenden Programmangeboten werden solche Elemente verstanden,
die ohne kritische Absicht Hinweise auf Programmverbindungen und Nutzungsmöglichkeiten
geben, wie z.B. Programm-Trailer und Trailer zu Medien- und Ereignisarrangements,
Jugendschutzhinweise, Kinderflächen und Kinderkanäle, Sender- oder Sendungs-Logos.
Elemente mit Programm-Eigenwerbung und Hinweisen auf Medien- und Ereignisarrangements
verweisen auf andere Programmangebote oder auf Konsumartikel im Sinne von "Bleib
bei diesem Programm"/ "Kauf mich". Solange es sich nicht um Produktwerbung
in entsprechend ausgewiesenen Werbeflächen dreht, fordern sie zum Handeln im
Rahmen des Fernsehangebotes auf oder doch zumindest zum Handeln im Rahmen eines
Medien- und Ereignisarrangements, das mit einem Fernsehangebot in Zusammenhang
steht. Sie zeigen so den Zuschauern, dass es Verknüpfungen innerhalb des Mediums
Fernsehen und zwischen dem Fernsehen und anderen Medien gibt. Zuschauer können
diese Handlungsaufforderungen aufgreifen und sich mit den Angeboten ihr ganz
persönliches Medien- und Ereignisarrangement gestalten.
Angebote zu Medien- und Ereignisarrangements
Programm-Trailer
Jugendschutzhinweise
Angebote zu Medien- und Ereignisarrangements
Programme zu Medien- und Ereignisarrangements werben für Produkte,
die in Zusammenhang mit einer Fernsehsendung auf den Markt gebracht werden.
Das kann z.B. das Buch zur Serie sein, die CD zum Film oder die Bettwäsche zur
Soap. Als „Träger“ dieser Information werden Trailer genutzt, in denen Produkte
beworben werden, aber auch ganze Sendungen, die auf aktuelle Kaufangebote oder
ergänzende Sendungen hinweisen.[10]
Big Brother – Die Woche
Tabelle 5
| Big Brother –
Die Woche Teil 1 (RTL2, Sonntag, 28.05.2000, 20.15 Uhr, Länge
ca. 10 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
2.560.000 |
280.000 |
40.000 |
60.000 |
170.000 |
| Marktanteil in % |
8,2 |
17,9 |
15,4 |
16,1 |
19,4 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Tabelle 6
| Big Brother –
Die Woche Teil 2 (RTL2, Sonntag, 28.05.2000, 20.32 Uhr, Länge ca.
20 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
3.290.000 |
340.000 |
60.000 |
80.000 |
200.000 |
| Marktanteil in % |
10,0 |
23,9 |
24,7 |
23,2 |
24,0 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Tabelle 7
| Big Brother –
Die Woche Teil 3 (RTL2, Sonntag, 28.05.2000, 20.59 Uhr, Länge ca.
16 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
3.500.000 |
290.000 |
50.000 |
70.000 |
180.000 |
| Marktanteil in % |
10,4 |
22,9 |
31,2 |
22,4 |
21,7 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Die Sendung Big Brother – Die Woche ist ein Zusammenschnitt prägnanter
Szenen aus der Big Brother-WG, die aus der vorausgegangenen Woche stammen. Sie
wird in einem Studio von einem jungen Mann moderiert. Er präsentiert Filmausschnitte
aus der Fernseh-WG und interviewt Gäste.
Die Sendung Big Brother – Die Woche ist ein Zusammenschnitt prägnanter
Szenen aus der Big Brother-WG, die aus der vorausgegangenen Woche stammen.
Während dieses 6-Tage-Rückblicks (hier: Tag 83 bis Tag 88) fallen besonders
die zwei Tage ins Auge, die in direktem Zusammenhang mit dem Medienarrangement
um Big Brother stehen:
Am Tag 86 ihres Aufenthaltes in der Big Brother-WG haben die vier Bewohner
im Sprechzimmer des Wohncontainers, das zu einem Tonstudio umfunktioniert wurde,
den Gesang für eine CD geliefert, die kurze Zeit später im Handel erhältlich
sein würde. Neben der Tatsache, dass hier die Entstehung einer Musik-CD ansatzweise
gezeigt wird, handelt es sich bei der CD auch noch um ein Produkt, das zu dem
Medienarrangement um Big Brother gehört und für das bereits mit seiner
eigenen Entstehung geworben wird.
Tag 88. „Die Tagesaufgabe heute: Beim Big Brother-Computerspiel drei
Millionen Punkte holen.“ Die Bewohnern, die seit ihrem Einzug in das Big
Brother-Haus von allen Medien abgeschnitten waren, bekommen einen PC mit
dem neuen Computerspiel zur Sendung. Das Spiel ist ebenso wie die CD im Handel
erhältlich. Also hat diese Szene den Charakter von Werbung. Innerhalb einer
Stunde wurden den Zuschauern integriert in den Programmkontext zwei Produkte
von Big Brother präsentiert.
Daneben liefen in den Werbepausen der Sendung Big Brother – Die Woche
Werbespots und Trailer, die Zuschauer mit zahlreichen Kauf- und Teilnahmeangeboten
ansprechen. So wurden neben einer Big Brother-CD die Bücher „Zlatko –
the brain“ und „Big Brother-Halbzeit“ sowie das Big Brother-Magazin angepriesen.
Wer hinter die Kulissen von Big Brother schauen möchte, wird auf Exclusiv
– Die Reportage verwiesen. Und die Gesangskünste der Ex-Bewohner kann der
interessierte Zuschauer bei der Sendung The Dome (entweder live vor Ort
oder auf dem Bildschirm) bewundern.
Natürlich können die Zuschauer auch aktiv in die Handlung von Big Brother
eingreifen, indem sie an der Nominierung[11] der Bewohner der Big Brother-WG teilnehmen. Zusätzlich
bekommen sie den Hinweis auf die Sendung Call TV, in der sich Wissen
über die Geschehnisse im Big Brother-Haus in einen Gewinn umsetzen lässt.
An dieser Stelle zeigt sich ein dichtes Geflecht von Verweisen, Programmangeboten
und nicht rezeptiven Nutzungsformen wie per Telefon in Handlungen und Entscheidungen
einzugreifen. Im Sinne des Medien- und Ereignisarrangements kompetente Zuschauer
haben die Möglichkeit, sich aktiv an den Ereignissen einer Fernsehsendung, z.B.
der sog. Nominierung von Kandidaten, zu beteiligen oder mit dem Wissen über
die Sendung in einer anderen Sendung (Call TV) Geld und Sachpreise zu
gewinnen. Explizites Wissen über die Produktion und Hintergründe im Sinne von
„Making of“ bietet die Sendung Exclusiv – die Reportage.
Programm-Trailer
Programm-Trailer werben innerhalb eines Senders für das Programm des Senders.
Sie haben verweisenden Charakter und möchten Zuschauer über das eigene Programm
informieren, sie an den Sender binden und zum Zuschauen auffordern. Diese Art
von Programmwerbung gibt Zuschauern schon lange vor Beginn einer Sendung Hinweise
auf ihren Inhalt und den Ausstrahlungszeitpunkt. Unabhängig von Fernsehzeitungen,
Videotext u.ä. bieten Sender ihren Zuschauern so die Möglichkeit, ihren Fernsehtag
zu gestalten.[12]
Jugendschutzhinweise
Zu den explizit hinweisenden (nicht werbenden!) Programmangeboten zählen auch
Jugendschutz-Trailer, die vor Sendungen platziert sind, die nicht für Zuschauer
unter 16 Jahren bzw. nur für Zuschauer ab 18 Jahren geeignet sind. Diese Trailer
vermitteln, werden sie isoliert betrachtet, sicherlich kaum Genrekompetenz,
da Zuschauern lediglich der Hinweis gegeben wird, die folgende Sendung sei für
eine bestimmte Altersgruppe nicht geeignet. Während herkömmliche Trailer durch
die Bilder und den gesprochenen Text Zuschauern vorab eine Reflexion ermöglichen,
bietet der Jugendschutztrailer genau diese Reflexionsmöglichkeit nicht. Er enthält
weder Bilder noch einen Kommentar zu der auf ihn folgenden Sendung.
Jugendschutztrailer stecken zwar einen eindeutigen Bezugsrahmen ab, wecken aber
bei Kindern möglicherweise das Interesse für etwas, das nicht für sie bestimmt
ist, weil sie noch zu jung sind. Weil Kinder aber groß werden wollen, ist der
Blick in ein Programm, das für die nächste Altersstufe gemacht ist, doch eher
verlockend. Erst ein altersangemessenes Reflexionsangebot über das, was sich
hinter der Altersbarriere verbirgt, könnte Kindern eventuell eine Hilfe bieten.
Kinderflächen und Kinderkanäle
Kinderflächen sind und beinhalten Programmangebote, die als für Kinder unbedenklich
angesehen werden. Schon der Name einer Fläche, z.B. „Junior TV“, „K-RTL“ oder
„Ravensburger TV“, gibt Kindern einen Einordnungsmaßstab, auf den sie vertrauen
und nach dem sie sich orientieren können. Eltern wie Kinder können sich darauf
verlassen, innerhalb solcher Kinderflächen nur Sendungen zu finden, die sich
auch für Kinder eignen. Eltern können ihren Kindern also innerhalb der Fläche
freie Programmauswahl gewähren und sie ohne Bedenken fernsehen lassen. Das gleiche
gilt für das Programmangebot des Kinderkanals Ki.Ka.[13] Die Benennung einer Fläche bietet Kindern manchmal auch einen
einfachen Rahmen für die Abgrenzung von Genres. So z.B. teilt der Name der Pro7
Fläche „Action-Trix“ den Zuschauern mit, dass sie Trickfilme zu sehen bekommen,
die mit Action-Elementen angereichert sind.
1.2 Sendungen, die exemplarisch Diskurse führen und Argumentationshilfen
geben
Nach den Angeboten, die sich mit dem Faktenwissen um technische Aspekte,
Produktion und Anwendung von Medien befassen, gibt es Lernangebote zum Erwerb
von Medienkompetenz, die medienrelevante Themen diskursiv behandeln. Dort werden
nicht mehr nur natürliche Gegebenheiten erklärt oder gängige Normen und Werte
vermittelt. In vielen Sendungen, vor allem im fiktionalen Bereich, werden unterschiedliche
Standpunkte zu verschiedenen Bereichen der Medien präsentiert. Meistens sind
sie in Diskussionen eingebettet, die von Kindern auf der einen und von Eltern
auf der anderen Seite vertreten und geführt werden.
Diese Programmangebote begreifen Medien als Teil des Alltags. In diesem Alltag
stehen sich zwei Parteien gegenüber: die Kinder- und die Elterngeneration. Beide
haben unterschiedliche Vorstellungen von zunächst einmal Mediennutzung, bezogen
auf die Präferenzen von Präsentationsform und Inhalt. Diese Divergenz in den
ästhetischen Präferenzen ist Ausgangspunkt für Qualitätsdiskussionen, die sich
um Lebensentwürfe mit großen Anteilen von Populärkultur (diese Seite vertreten
die Kinder sicher und kompetent) und Hochkultur (von den Eltern vertreten) drehen.
Welche sind die besseren? Welche werden sich durchsetzen? In den betrachteten
Sendungen werden immer Kompromisslösungen gefunden, bei denen beide Parteien
als Sieger hervorgehen. So diskutieren Lehrerin und Schüler in Die Pfefferkörner
darüber, ob man anstelle eines Buches auch einen Film oder ein Computerspiel
vorstellen und besprechen kann. Bei Norman Normal steht der Untergang
der Welt bevor, weil im Fernsehen nur noch Dokumentationen ausgestrahlt werden,
Pepper Anns Tante Janie lässt sich in den Bann gewalttätiger Videospiele ziehen
und in Die Simpsons geht es um gewalthaltige Cartoons im Kinderprogramm.
Zuschauenden Kindern werden in solchen Programmen Argumentationshilfen gegeben
und Kompromisslösungen geboten, die sie nutzen können, um ihre eigenen Medien-
oder Fernsehpräferenzen ihren Eltern gegenüber durchzusetzen und sich so ihren
Medienalltag im eigenen Rahmen sinnvoll zu gestalten.
Die Pfefferkörner
Norman Normal
Disney’s Pepper Ann
Die Simpsons
Die Pfefferkörner[14]
Folge:
Tabelle 8
| Die Pfefferkörner
(ARD, Samstag, 27.05.2000, 11.47 Uhr, Länge ca. 27 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
360.000 |
130.000 |
10.000 |
70.000 |
50.000 |
| Marktanteil in % |
7,5 |
17,4 |
8,6 |
23,1 |
16,1 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Tabelle 9
| Die Pfefferkörner
(KiKa, Samstag, 27.05.2000, 16.14 Uhr, Länge ca. 27 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
350.000 |
210.000 |
60.000 |
90.000 |
60.000 |
| Marktanteil in % |
3,4 |
25,8 |
52,4 |
30,2 |
14,5 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Tabelle 10
| Die Pfefferkörner
(ARD, Sonntag, 28.05.2000, 9.44 Uhr, Länge ca. 27 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
640.000 |
340.000 |
110.000 |
150.000 |
90.000 |
| Marktanteil in % |
11,5 |
31,7 |
41,2 |
34,0 |
23,2 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Tabelle 11
| Die Pfefferkörner
(WDR, Sonntag, 28.05.2000, 13.14 Uhr, Länge ca. 27 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
190.000 |
90.000 |
30.000 |
30.000 |
30.000 |
| Marktanteil in % |
1,9 |
8,9 |
15,2 |
7,7 |
6,9 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Fiete soll im Unterricht ein Buch vorstellen. Er steht auf, hat aber statt
eines Buches den Videofilm „Hard to Kill 2“ dabei, über den er berichten möchte.
Die Lehrerin ist erstaunt: „Fiete, Du solltest ein Buch vorstellen, und keinen
Film.“ Fiete: „Es ist viel geiler als ein Buch.“ Nach einer kleineren Auseinandersetzung
zwischen dem „harten“ Actionfilm-Liebhaber Fiete und dem „Weichei“ Cem, der
Astrid Lindgren bevorzugt, möchte die Lehrerin den Unterricht fortsetzen: „Würdet
Ihr bitte mit Eurer Buchvorstellung weitermachen? Vorausgesetzt es handelt sich
um ein Buch, das ihr vorstellen wollt und nicht vielleicht um ein Computerspiel
oder um eine abwaschbare Tischdecke.“ Die Szene wird durch einen Fahrraddiebstahl
auf dem Schulhof unterbrochen, das Gespräch ist damit beendet.
Für die Lehrerin gibt es nur eine Art von Text, nämlich den, den Bücher enthalten.
Sie setzt Filme und Computerspiele, also alle Nicht-Printmedien, mit einer Plastiktischdecke
gleich. Für sie sind nur Bücher Medien. Fiete ist da aber ganz anderer Meinung.
Er ist in der Lage, auch Filmtexte oder in Computerspielen angelegte Texte zu
lesen. Diese Kompetenz besitzt die Lehrerin offensichtlich nicht, was für Fiete
unverständlich ist. Leider ist er nicht wirklich in der Lage, der Lehrerin seinen
Standpunkt zu vermitteln. Er kann nur werten und emotional reagieren. Somit
hat die Lehrerin die Definitionsmacht. Da sich eine Diskussion erübrigt, endet
die Szene auch völlig außerhalb des Themas Medien mit einem Fahrraddiebstahl.
Obwohl der Dialog offen ausgeht, bekommen Zuschauern doch eine Idee vermittelt,
alle Medien ließen sich als Text behandeln, den man „lesen“ können muss.
Fiete „liest“ den Text nicht nur, er versucht auch, Handlungselemente aus seinem
Lieblingsfilm und Handlungsmuster des Helden in sein eigenes Handeln einzuflechten.
Also plant er, einigen Gangstern, die mit Koks dealen, eine Falle zu stellen.
Cem meint spöttisch: „Hard to Kill Teil zwei, was?“ und betitelt seinen Freund
kurz darauf als „Fiete, der Terminator“. Cem ist klar, dass man nicht ohne weiteres
und gefahrlos Charakterzüge oder Handlungsmuster seiner Actionhelden adaptieren
darf, besonders dann nicht, wenn es sich um einen Film handelt, der mit Sicherheit
nicht für Kinder ihres Alters gedacht ist. Das muss auch Fiete einsehen, nachdem
er den Gangstern in die Falle gegangen ist. Fiete ist an die Grenze zwischen
Realität und Fiktion gestoßen. Nach der Festnahme der Verbrecher und seiner
Befreiung durch die Polizei zieht er das entsprechende Fazit: „Im Film sah das
irgendwie immer cooler aus.“ Damit hat er den Genre-Kompetenzstand in Bezug
auf Action-Filme erlangt, den sein Freund Cem schon lange hat, obwohl Cem Astrid
Lindgrens Geschichten Action-Filmen vorzieht.
Norman Normal
Folge:
Tabelle 12
| Norman Normal
(SuperRTL, Dienstag, 30.05.2000, 17.23 Uhr, Länge ca. 23 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
400.000 |
270.000 |
40.000 |
140.000 |
80.000 |
| Marktanteil in % |
3,4 |
33,4 |
34,1 |
53,7 |
20,0 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Norman Normal plant, am Wochenende zusammen mit einem Mädchen, deren Freund
er gerne wäre, den Film „Alien Canibalen“ anzuschauen. Doch der Bösewicht Zehnmalklug
scheint Norman einen Strich durch die Rechnung zu machen. Er schaltet sich weltweit
in alle Fernsehkanäle und strahlt ausschließlich Dokumentationen aus. Zehnmalklugs
Verhalten hat einen Grund: Seine Eltern waren „Intelligenzbestien“, „hassten
Fernsehen“ und ließen ihren Sohn nur „Dokumentationen, meistens Tier- und Naturfilme“
anschauen. Als Zehnmalklug irgendwann etwas anderes ansah, bekam er Fernsehverbot.
Norman Normal kommentiert diese Maßnahme mit „Kein Wunder, dass er durchdrehte.“
Zehnmalklug beschloss, sich zu rächen, und aller Welt Lernprogramme zu zeigen.
„Eines Tages werdet ihr es mir danken.“ Aber die Menschen waren nicht dankbar.
Sie waren stinksauer. Norman Normal berichtet, dass Leute ohne Werbung plötzlich
Probleme beim Einkaufen hatten; „Stubenhocker“ starrten aus lauter Verzweiflung
auf die Waschmaschine.
Mit einem Mal stand der Weltfrieden auf dem Spiel, woraufhin die Weltbevölkerung
versuchte, „etwas zu unternehmen, wie man das aus alten Science Fiction Filmen
kennt“.
Um zu Zehnmalklug Kontakt zu knüpfen und ihm das Handwerk zu legen, gibt
sich Norman Normal als interessierter Dokumentationsseher aus. Während ihm dieser
Plan Zugang zu Zehnmalklug verschafft, verliert er durch ihn seine Angebetete,
die keinerlei Interesse an Lernprogrammen hat. Doch zeigt prompt ein anderes
Mädchen, Pamela, Interesse an Norman. Sie hat vor, mit ihm die „Gefahr der Massenmedien“
zu diskutieren und vertritt die Ansicht: „Fernsehen verdirbt uns.“ Für sie scheint,
im Gegensatz zu anderen, Norman kein „irrer Freak, der Fernsehen ablehnt“ zu
sein.
Nachdem Zehnmalklug schließlich ausgeschaltet wurde, nimmt das Fernsehprogramm
und somit das Leben wieder seinen gewohnten Lauf. Norman kann, wie geplant,
den Film „Alien Canibalen“ ansehen, zusammen mit Pamela. Obwohl sie sich während
des Films ein Kissen vor das Gesicht hält, hat ihr der Fernsehnachmittag mit
Norman doch sehr gut gefallen. Sie küsst Norman auf die Wange und schlägt vor,
mal wieder gemeinsam zu „glotzen“.
In Norman Normal wird die Diskussion geführt, ob Fernsehen nur als Lehrmittel
eingesetzt werden sollte oder ob jeder all das ansehen darf, was er sehen möchte.
Nachdem beide Standpunkte diskutiert wurden, kommt Norman Normal zu dem Schluss,
dass es nicht gut ist, wenn Eltern Fernsehen nur als Lehr- und Restriktionsmittel
einzusetzen, sondern dass ein wesentliches Merkmal von Fernsehen sein soziales
Moment ist. Innerhalb dieser Diskussion wird auch dargestellt, dass Fernsehen
alltägliche Kompetenzen vermitteln kann. Der Begriff Kompetenz ist nicht nur
auf die gezielte Aneignung von theoretischem Wissen zu beziehen, sondern auch
auf die Fähigkeit, sein Leben zu meistern. Als Beispiel führt Norman die Werbung
an: Ohne Werbung bekämen die Leute plötzlich Probleme beim Einkaufen. Es fiele
ihnen schwer, sich in der Konsumwelt zu orientieren. Somit sind nicht nur Lernprogramme
wichtig. Auch so scheinbar unwesentliche Elemente wie die Werbung machen Sinn
und geben eine Orientierungsmöglichkeit für den Alltag.
Doch grundsätzlich ist Fernsehen für Norman ein Mittel, um zwischenmenschliche
Beziehungen zu knüpfen. Es bietet einen gemeinsamen Bezugspunkt. Für Norman
und Zehnmalklug bildet ein Lernprogramm den gemeinsamer Bezugspunkt, für Norman
und Pamela der Alien-Film. Norman Normal hat also das Fernsehen in sein Leben
integriert, es ist Teil seiner Lebenswelt. Er nutzt es, um Beziehungen aufzubauen
und sein Leben zu gestalten. Medien werden hier im engeren Wortsinn als Vermittler
zwischen zwei Menschen eingesetzt und als ein Mittel, ein Ziel zu erreichen.
Einen weiteren Aspekt von Medien- und Genrekompetenz bringt Pamela ins Spiel.
Sie scheint nicht sehr fernseherfahren zu sein und war bisher wohl eher selten
mit „Alien“-Filmen konfrontiert. Sie hat, im Gegensatz zu Norman, keine Genrekompetenz,
was Alien-Filme betrifft. Pamela hält sich also während des Films das Kissen
vor das Gesicht und nimmt es erst wieder herunter, als der Film zu Ende ist
und der Abspann beginnt. Diese Szene ermutigt Kinder, Angst zu zeigen und sich
zu erlauben wegzuschauen. Mit diesen Möglichkeiten gefällt Pamela der Fernsehnachmittag,
insbesondere weil sie das gemeinsame Fernsehen für sich entdeckt.
Disney’s Pepper Ann
Folge: „Soldat Janie“
Tabelle 13
| Disney’s Pepper
Ann (RTL, Samstag, 27.05.2000, 8.22 Uhr, Länge ca. 22 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
270.000 |
190.000 |
10.000 |
60.000 |
130.000 |
| Marktanteil in % |
8,9 |
19,6 |
5,0 |
12,7 |
36,0 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Tabelle 14
| Disney’s Pepper
Ann (RTL, Sonntag, 28.05.2000, 6.11 Uhr, Länge ca. 22 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
80.000 |
10.000 |
0 |
0 |
10.000 |
| Marktanteil in % |
8,0 |
19,2 |
1,3 |
5,8 |
35,6 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Pepper Anns Tante Janie möchte eine Studie über Gewalt in Videospielen machen,
um „die Jugend von heute zu retten“. Zu diesem Zweck besorgt sie sich eine Spielekonsole.
Pepper Ann ist begeistert, dass sie nun „128 Megabytes knallharte, hirnzellenfressende
Action“ zu Hause stehen hat. Pepper Ann kennt sich gut mit diesen Dingen aus,
da sie sie fast jeden Tag bei ihrem Freund Dieter spielt. Sie berät ihre Tante
Janie, welches der Spiele, die sie mitgebracht hat, am besten sei. „Cuba Libre“
und „Anschlag der Profikiller“ können neben „Kampfmaschine“ nicht bestehen.
Die Beschreibung verspricht Action: „Ein knallharter Exelitesoldat setzt sich
über die UN-Friedensinitiative weg und führt einen Einmann-Krieg gegen den finsteren
General Zohn.“
Tante Janie ist erstaunt: „So etwas spielen Kinder?“ Pepper Ann versucht,
sie zu beschwichtigen: „Reg dich ab, Tante Janie, das sind doch alles nur Spiele.
Es passiert nicht wirklich.“ Doch die Tante ist der Ansicht, dass die ganze
Gewalt „... zwangsläufig einen schlechten Einfluss auf die Jugend von heute
ausüben ...“ muss. Pepper Ann zeigt sich mit dieser Vermutung nicht einverstanden:
„Ich weiß nur, dass ich mir schon seit meiner Geburt solche Videospiele reinziehe.
Und findest du etwa nicht, dass ich eine normale, wohlgeratene Jugendliche bin?“
Während Pepper Ann versucht, zum letzten Level zu gelangen und den Endkampf
gegen General Zohn zu führen, verfolgt Tante Janie aufmerksam vom Sofa aus das
Spiel und macht sich Notizen. Sie erkundigt sich nach der Zahl der Toten. Pepper
Ann kann sie ihr noch nicht nennen, da die biologischen Kampfwaffen gerade erst
abgefeuert wurden und der Wind das Giftgas erst verteilen muss.
Pepper Ann fordert ihre Tante auf, mitzuspielen, da sie keine Studie
über Gewaltspiele machen könne, ohne selbst gespielt zu haben. Tante Janie zögert,
da sie fast ihr ganzes Leben damit verbracht hat, gegen „sinnlose Gewalt wie
diese“ zu demonstrieren. Ihre Generation wollte Liebe, Frieden und Güte verbreiten.
Pepper Ann entgegnet: „Güte ist was für Schwächlinge“, und die beiden beginnen
zu spielen.
Tante Janie ist sofort hingerissen von dem Spiel und schießt mit möglichst
wirkungsvollen Waffen auf ihre virtuellen Gegner: „Ich werde diesen Kerlen den
Hintern grillen!“ Als ihre Schwester sie auffordert, nach Hause zu ihrer Familie
zu gehen, entgegnet Janie: „Gleich, wenn ich auf Level 8 aufgeräumt – äh, recherchiert
habe.“
Am nächsten Tag trifft Pepper Ann sich mit einer Freundin und erzählt
ihr, dass Tante Janie die ganze Nacht „durchgeballert“ hat. Ihre Freundin erklärt
Pepper Ann: „Es gibt Untersuchungen die nahe legen, dass selbst fiktive Gewalthandlungen
desensibilisierend wirken können ... Das heißt, wenn man ihnen vermehrt ausgesetzt
ist, kann einen das unempfindlich gegenüber tatsächlicher Gewalt machen. Die
Grenze zwischen Phantasie und Realität wird verschwommen.“
Wieder zu Hause wird Pepper Ann von ihrer Tante sofort wieder in das
Spiel eingebunden: „Wir streichen dieses Dorf in meiner Lieblingsfarbe an, Feuersturm
Rot.“ Einige Zeit später schlägt Pepper Ann ihrer Tante Janie vor, eine Pause
einzulegen und frische Luft zu schnappen. Tante Janie stimmt zu und beschließt,
einen „Versorgungseinsatz“ zu machen.
Beim Einkaufen verhält Tante Janie sich anderen Leuten gegenüber sehr
schroff und droht, sie „umzunieten“. Nachdem Proviant eingekauft ist und die
„Truppe“ durch Pepper Anns Freund Milow verstärkt wurde, will Tante Janie die
„Feuerkraft verstärken“ und kauft drei Computergewehre.
Nach weiteren Stunden mit dem Spiel möchte Milow aufhören, da er das
„Geballer“ nicht mehr aushält. Tante Janie kennt jedoch keine Gnade und lässt
ihn reale Liegestütze machen. Einige Zeit später eliminiert sie kurzerhand die
verletzte Computerfigur von Milow. Pepper Ann (deren Spielfigur im Computer
genauso aussieht wie sie in real) fragt ihre Tante (im Spiel) besorgt: „Gibst
du nichts mehr auf Frieden, Liebe und Güte?“ Diese Frage bleibt unbeantwortet,
da sie kurz vor General Zohns Quartier stehen. Pepper Ann wird verletzt, und
Tante Janie lässt sie trotz Bitten zurück. Doch Pepper Ann schafft es, Tante
Janie kurz vor dem Sieg über den General davon zu überzeugen, dass sie zu weit
gegangen ist, wenn sie nicht mehr in der Lage ist, einer verletzten Person zu
helfen, die ihr nahe steht – worauf hin Tante Janie einlenkt und das Spiel beiseite
legt.
Der Vortrag über Gewaltspiele ist gut besucht. Tante Janie berichtet:
„Gewalt in Videospielen mag fiktiv sein, es sind nur Piepser und Punkte auf
dem Bildschirm, aber wenn wir uns in diese Gewalt zu sehr hineinsteigern, kann
sie auf unser Alltagsleben übergreifen und darin zur Realität werden.“
Nach dem Vortrag tritt eine ältere Frau an Tante Janie heran und möchte
sie für ihr nächstes Projekt begeistern: „Gewalt in Zeichentrickfilmen. Hach,
das ist ja so fürchterlich! Bomben sprengen niedliche Häschen in die Luft, Dampfwalzen
machen kleine Entchen platt.“ Doch Tante Janie und die anderen am Gewaltprojekt
beteiligten wollen davon nichts mehr wissen.
In dieser Folge von Disney’s Pepper Ann wird grundsätzlich eine aktive,
differenzierte Medienaneignung der Rezipienten unterstellt, gleichzeitig aber
das Gegenmodell – Tante Janie hat diese Rolle – einer mimetischen, einer passiven
Rezeption dargestellt: Tante Janie wird vor dem Videospiel zum virtuell mordenden
Monster, dessen höchstes Ziel es ist, möglichst effektiv seine Computergegner
zu beseitigen. Für Pepper Ann, die jahrelange Erfahrung mit solchen Spielen
hat, gestaltet sich die Lage anders. Sie hat den Ehrgeiz, zum höchsten Level
zu gelangen (was bis dorthin noch keiner ihrer Freunde und Bekannten geschafft
hat) und mit dem Sieg über General Zohn das Spiel erfolgreich zu beenden. Dabei
die virtuellen Gegner zu töten ist für sie lediglich Mittel zum Zweck, und der
Ausdruck „hirnzellenfressende Action“ ist eher ironisch gemeint, erfordert es
doch eine enorme Denkleistung, solch ein Spiel erfolgreich zu beenden.
Tante Janie hat dagegen relativ schnell damit begonnen, die virtuelle Computerwelt
mit der realen Welt zu vermischen. Daraus entstehen Situationen wie Übergriffe
auf andere Leute beim Einkaufen und Milow muss reale Liegestützen machen, weil
er im Computerspiel versagt. Das Wohnzimmer wird nach und nach zum verwüsteten
Kampfschauplatz, wobei Milow wegen des „Geballers“, das er nicht mehr ertragen
kann, nach eigener Aussage fast ein Kriegstrauma bekommt.
Diese Folge spiegelt den Diskurs um Gewaltspiele wieder, bei dem auch ein Generationenunterschied
thematisiert wird. Tante Janie als Vertreterin der 68er-Bewegung mit einer grundlegenden
Skepsis gegenüber Technik und gewalttätigen Videospielen steht gegen Pepper
Ann, ein Kind der 90er, das mit Medien aufgewachsen ist und die entsprechende
Medien- und Genrekompetenz besitzt, zwischen virtueller und realer Gewalt zu
unterscheiden. Letztendlich durchläuft auch Tante Janie einen „Crashkurs“ zur
Genrekompetenz in Sachen gewalthaltiger Videospiele, ein Lernprozess, für den
Pepper Ann ihr Leben lang Zeit hatte.
Das Gespräch zwischen Pepper Ann und ihrer Freundin, die als Protagonistin einer
wissenschaftlichen Argumentation auftritt, will die doch recht skurrile Situation
um Tante Janie ansatzweise theoretisch erläutern, indem mit Bezug auf Wissenschaft
eine einleuchtende Position zum Thema Gewalt in Computerspielen präsentiert
wird. Damit bekommen die Zuschauer die Thematik der Folge deutlich erläutert,
ja fast aufgedrängt. Entsprechend ist auch das Fazit aus Tante Janies Vortrag
angelegt: „Gewalt in Videospielen mag fiktiv sein, es sind nur Piepser und Punkte
auf dem Bildschirm. Aber wenn wir uns in diese Gewalt zu sehr hineinsteigern,
kann sie auf unser Alltagsleben übergreifen und darin zur Realität werden.“
Diese Feststellung ist für Kinder sicher akzeptabel. Allerdings wird diese optimistische
Betrachtung relativiert durch das anschließende Verhalten der Protagonisten,
die sich doch lieber nicht auf eine Studie über Gewalt in Zeichentrickfilmen
einlassen wollen. Letztlich bietet die Sendung als Fazit an, Medien seien als
solches nicht schlecht, böse oder gewalttätig, vielmehr entscheidet die Art
der Nutzung und damit die Nutzer (mit ihrer Genrekompetenz) darüber, wie Medien
wirken.
Die Simpsons
Folge: „Das Fernsehen ist an allem Schuld“[15]
Tabelle 15
| Die Simpsons (Pro
7, Sonntag, 08.04.2001, 10.41 Uhr, Länge ca. 22 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
770.000 |
170.000 |
20.000 |
60.000 |
90.000 |
| Marktanteil in % |
11,6 |
18,7 |
19,6 |
14,6 |
22,9 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2001
Maggie, das Baby der Familie Simpson, überrascht ihren Vater Homer im Keller
und schlägt ihn von hinten mit einem Holzhammer nieder. Mutter Marge fragt sich
zunächst ratlos, wie ein unschuldiges Kind auf den Gedanken kommt, seinen Vater
mit einem Hammer nieder zu schlagen. An dem „irren Blick“ der Tochter und dem
Versuch, ihren Vater beim Sehen eines gewalthaltigen Cartoons im Fernsehen mit
einem Bleistift zu stechen, ist nach Erkenntnis der Mutter das Fernsehen schuld.
Marge schaltet den Fernseher ab und verbietet ihren Kindern, weiterhin Zeichentrickfilme
anzuschauen. Die Tochter Lisa argumentiert: „Wenn du uns die Trickfilme
verbietest, wachsen wir ohne Sinn für Humor auf und werden zu Robotern.“ Doch
vergeblich.
Die Kinder in der Schule bekommen schnell von dem Cartoonverbot mit und
sprechen Bart wirklich ernst gemeint ihr Beileid aus. Als Ausweichstrategie
biete Millhouse seinem Freund Bart an, bei ihm zu Hause „Die Itchy & Scratchy-Show“,
Anlass des Verbots, anzuschauen. Lisa macht das gleiche bei ihrer Freundin und
Marge wundert sich, warum ihre Kinder in letzter Zeit so spät aus der Schule
kommen.
Währenddessen schaut sich Marge Trickfilme an. „Ich katalogisiere die
Grausamkeiten in diesen Cartoons. Es hat sich wohl noch kein Erwachsener die
Mühe gemacht, sich die Dinger mal genau anzusehen.“ Blutige Szenen kommentiert
sie mit: „Wie abartig muss ein Mensch sein, um so was komisch zu finden?“. Homer
lacht im Hintergrund. Sie fragt sich, ob das wirklich angemessene Unterhaltung
für junge, noch leicht zu beeinflussende Menschen sei und schreibt an die „Produzenten
von sinnloser Gewalt“, dass derartige Zeichentrickfilme das Verhalten der Kinder
auf sehr negative Weise beeinflussen. „Bitte versuchen sie, diese psychotische
Gewalt zu verhindern.“
Marge initiiert Demonstrationen vor dem Produktionsstudio von Itchy &
Scratchy. „Mein Kreuzzug gegen die Verherrlichung von Gewaltszenen im Trickfilm.“
Der Zulauf von „betroffenen“ Eltern ist groß. Die Produzenten wollen Marge beseitigen.
Die Vorschläge sind cartoonreif: „Einen Amboss werfen.“, „Ihr ein Klavier über
den Kopf hauen.“, „Vollstopfen mit TNT, ein Streichholz dranhalten und weglaufen.“
Ein Zeichner schaut aus dem Fenster und sieht Marge, die ruft: „Wir alle wollen
wesentlich weniger Gewalt im Kinderprogramm!“ Er meint dazu: „Die Frau ist komisch.“
und fängt an, Marge zu zeichnen. In der nächsten Folge von „Itchy & Scratchy“
spielt dann auch prompt ein Eichhörnchen mit, das die gleiche Frisur wie Marge
trägt. Ihm wird von Itchy und Scratchy der Kopf abgeschlagen und Marge kommentiert
die Szene mit den Worten: „So viel unnötige Brutalität.“
Marge ist Gast in einer Talkshow, das Thema lautet „Sind Trickfilme zu
gewalttätig für Kinder?“ Bei Recherchen ist der Produzent der Zeichentrickserie
darauf gestoßen, dass es Gewalt schon lange vor Zeichentrickprogrammen gab,
z.B. Kreuzzüge – über lange Zeit hinweg und mit vielen Toten. Selbst der Psychiater,
der als Experte zugeschaltet ist, vergnügt sich mit Zeichentrickfilmen und hat
wissenschaftlich nichts gegen sie einzuwenden. Die engagierte Mutter nutzt die
Gelegenheit einer großen Öffentlichkeit und ruft die Eltern dazu auf, den Produzenten
schriftlich ihre Bendenken gewalthaltigen Cartoons gegenüber mitzuteilen.
Sehr viele Menschen folgen Marges Aufruf, und dank Marge ist Gewalt nun
„moralisch verwerflich“. Itchy und Scratchy müssen nun Kuchen miteinander teilen
und sich gegenseitig Limonade anbieten, anstatt sich gegenseitig niederzumetzeln.
Lisa kommentiert: „Tja, die Sache hat ja wohl jeden Biss verloren.“ Marge meint,
dass die Sendung in ihrem neuen Design jetzt eine sehr menschenfreundliche Botschaft
rüberbringen würde – und Maggie bietet ihrem Vater prompt ein Glas Limo an.
Bart und Lisa wollen nicht mehr sehen. „Vielleicht gibt es auf diesem Planeten
was Besseres zu tun.“
Alle Kinder gehen aus den Häuser, reiben sich die Augen, treffen sich
auf den Straßen und Wiesen und spielen miteinander. Im Hintergrund läuft klassische
Musik, der Anfang der 6. Symphonie von Beethoven. Die Kinder fangen Fische,
beobachten Vögel, machen ihre Seifenkisten startklar Zu Hause sind sie höflich
und räumen nach dem Essen ihr Geschirr weg. Homer ist fasziniert von den artigen
Kindern und begrüßt das „Goldene Zeitalter“. Das alles würden die Eltern Marge
verdanken, sie habe die Welt verbessert.
Zur gleichen Zeit wird in Florenz Michelangelos „David“ verpackt, um
u.a. nach Springfield gebracht zu werden. Doch die Bürger dort protestieren
gegen dieses Kunstwerk: „Nieder mit David!“ Sie wollen auch Marge zum Protest
bewegen: „Marge, du musst unseren Protestzug anführen gegen diesen Schweinkram.“
Marge entgegnet: „Aber das ist Michelangelos David, das ist ein Meisterwerk.“
„Eine Schweinerei! Stellt plastisch Teile des menschlichen Körpers dar, die,
so praktisch sie auch sein mögen, böse sind.“ Marge: „Aber ich mag diese Statue.“
„Hab ich doch gesagt: bei einem nackten Mann wird sie schwach.“
„Ist es ein Meisterwerk oder nur ein Kerl, der die Hosen runterlässt?“
ist das Thema der nächsten Talkshow, in die auch Marge eingeladen wurde. Sie
persönlich hat gegen dieses Kunstwerk keinerlei Einwände. Wie aber kann Marge
für eine Form der künstlerischen Freiheit sein wie bei David und gegen eine
andere wie bei Itchy und Scratchy? Marge findet keine Argumente und gibt sich
geschlagen.
Die Kinder sitzen wieder vor dem Fernseher und wieder macht Maggie nach,
was sie dort sieht. Was die Eltern nun stört ist nicht mehr der Fernsehkonsum,
sondern die Tatsache, dass die Kinder lieber zusehen, wie Katz und Maus sich
die Bäuche aufschlitzen, anstatt ein großes Kunstwerk anzuschauen. Doch zum
Glück, und das macht Marge und Homer wieder froh, „zwingt“ die Springfielder
Grundschule die Kinder in den nächsten Tagen, ins Museum zu gehen.[16]
Die Folge der Simpsons „Das Fernsehen ist an allem Schuld“ führt in drei Stufen
einen Diskurs über Populär- und Hochkultur. Ausgehend von gewalthaltigen Cartoons
im Kinderprogramm gelangt er über die Darstellung von Kindheitskonzepten zu
der Gegenüberstellung von Populärkultur und Hochkultur. Gewaltdarstellungen
in den Medien dienen als Aufhänger für eine Diskussion um Kindheit, Ästhetik
und Kultur.
Zunächst wird das Baby Maggie als Beispiel für ein mimetisches Rezeptionsmodell
hingestellt. Sie imitiert, was sie im Fernsehen sieht, ohne über ihr Handeln
nachzudenken – in diesem Alter sowieso unwahrscheinlich. Marge geht entschlossen
gegen „diese psychotische Gewalt“ vor und nutzt in ihrem Aktivismus wie selbstverständlich
Medien (Plakate, Briefe), startet sogar mit Erfolg einen Aufruf über das Fernsehen.
Sie erreicht zahlreiche Eltern, die, so scheint es, das Fernsehen ebenso wie
diverse Printmedien zur Information und darüber hinaus zur Kommunikation, zur
Mitteilung von Interessen nutzen, zur Beteiligung an der öffentlichen Diskussion
– im Gegensatz zu ihren Kindern, die sich bevorzugt gewalthaltige Cartoons zur
Unterhaltung reinziehen. Weil die Eltern nicht mit diesem Programm umgehen können,
verbieten sie es ihren Schützlingen. Ganz im Sinne von Kinder- und Jugendmedienschutz.
Die Kinder hingegen besitzen ein hohes Maß an Genrekompetenz und wissen, dass
diese Art von Gewaltdarstellungen nicht zu Gewalttaten auffordert oder führt,
sondern der Unterhaltung und darüber, so Lisa, der Ausbildung eines heiteren
menschlichen Charakters dient. Gewalt in Cartoons stumpft nach Lisas Ansicht
eben nicht ab oder macht zu gefühllosen Robotern: „Wenn du uns die Trickfilme
verbietest, wachsen wir ohne Sinn für Humor auf und werden zu Robotern.“
Welche möglichen Konzepte von Kindheit existieren und wie Eltern sich eine Kindheit
gerne wünschen, auch das wird behandelt. Für die Kinder um Bart und Lisa herum
gehört es zum Alltag, sich nach der Schule Cartoons anzuschauen. Sie sind sich
einig, dass ein Cartoon-Verbot nicht in Ordnung ist und entwickeln gemeinsam
erfolgreich Strategien, um doch noch zu ihrer täglichen Folge von Itchy und
Scratchy[17] zu
kommen. Nachdem „Die Itchy & Scratchy-Show“ zu einem Programm geworden ist,
das nun eine menschenfreundliche Botschaft vermittelt, es nach Lisas Ansicht
jedoch jeglichen Biss verloren hat, erwachen die Kinder aus ihrem Fernseh-Tran
und treten hinaus in die freie Natur. Wie hypnotisiert („... und werden zu Robotern.“)
gehen sie Aktivitäten nach, die zusammen mit der klassischen Musik im Hintergrund
schon antiquiert scheinen. Filmzitate aus „Huckleberry Finn“ unterstreichen
diesen Eindruck. Der elterliche Wunsch nach einer behüteten, friedvollen und
medienfreien Kindheit in der Natur, Beethovens 6. markiert das deutlich, scheint
in Erfüllung gegangen zu sein. Zudem entwickeln sich die lieben Kleinen zu höflichen
und hilfsbereiten Kindern.
Mit Michelangelos „David“ wird der Diskurs auf die nächste Ebene gehoben: Populär-/
Massenkultur, vertreten vom Fernsehen, steht der Hochkultur in Form von Michelangelos
„David“ gegenüber. Niemand kann schlagkräftige Argumente für die schönen Künste
der Hochkultur und gegen gewalthaltige und ordinäre massenkulturelle Cartoons
vorbringen, womit Cartoons-Sehen wieder gestattet wäre. Das scheint sicherlich
nicht die schlechteste Lösung zu sein. Zumindest nutzen die Eltern ihre Machtposition
nicht aus und beharren auf das Verbot. An dieser Stelle zeichnet sich ab, dass
Genrekompetenzen – sowohl das Wissen um den Umgang mit gewalthaltigen Cartoons
als auch um den mit „David“ – Gegenstand eines Qualitätsdiskurses sind, der
letztlich von ungleichen Gegnern mit ungleichen Waffen geschlagen wird: Zwei
Generationen mit unterschiedlichen ästhetischen Präferenzen und Lebensentwürfen.
Die Kinder haben Fernsehvorlieben und Genrekompetenzen, mit denen sich gewalthaltigen
Fernsehangebote arrangieren lassen. Diese ästhetischen Präferenzen spiegeln
sich in ihren kindlichen Lebensentwürfen wieder. Hier ist es ein Lebensentwurf,
der mit den Angeboten der Massenmedien erfolgreich, oder für die Kinder zumindest
doch zufriedenstellend, organisiert wird. Bei den Simpsons haben die Eltern
das verstanden. Und zudem schaffen sie es doch noch, ihren Kindern im Rahmen
eines Schulausfluges einen Teil ihres Lebens- und Kulturkonzeptes, das Kompetenzen
im Umgang mit den Angeboten der sog. Hochkultur verlangt, nahe zu bringen und
sie von der Glotze weg in ein Museum zu führen – zum „Sehen“ und nicht zum „Zusehen“.
Kinder werden als medien- und genrekompetente Teilnehmer an gesellschaftlichen
Diskursen gezeigt
In allen vier Sendungen wird deutlich, dass, bezogen auf Medien, Qualitätsdiskussionen
ihren Ursprung in den Genrekompetenzen der Kinder und den nicht vorhandenen
Genrekompetenzen der Eltern haben. Was die Pfefferkörner nur erahnen lassen,
diskutieren die Simpsons voll aus: Die ästhetische Präferenzen der beiden Generationen
Eltern und Kinder stimmen nicht überein. An ihnen hängen Konzepte von Kindheit,
Lebensgestaltung, Kultur. Die Kinder schaffen es in den betrachteten Sendungen
meistens, sich ihrer Elterngeneration gegenüber durch selbstbezogene und reflektierte
Argumente und Aussagen zu behaupten. Sie sind in der Lage, massenmediale Angebote
sinnstiftend in ihr Leben und ihren Alltag zu integrieren und zeigen den Erwachsenen
auf diese Art, dass v.a. Fernsehen nicht zwangsläufig schlecht, bösartig und
gewalttätig macht. Und die Eltern führen ihre Kinder über die Schule an ihre
Vorstellungen von Kultur, die der Hochkultur entsprechen, heran. Den Zuschauern
werden also Diskussionen geboten, bei denen sich die Kinder und Jugendlichen
als medien- und genrekompetent erweisen und diese Kompetenzen auch nutzen, um
an gesellschaftlichen Teildiskursen teilzunehmen und ihr Leben zu gestalten.
1.3 Sendungen, die Gestaltungsbeispiele geben
Neben den Angeboten, die im weiteren Sinne als explizite Lernangebote bezeichnet
werden können und denen, die diskursiv angelegt sind, gibt es eine weitere Gruppe
von Sendungen, in der Angebote zum Erwerb von Medien- und Genrekompetenz gemacht
werden. Elemente, die dieser Gruppe zugeordnet werden können, bauen auf den
Kompetenzen und Erfahrungen bzgl. Mediennutzung und Fernsehprogramm von Zuschauern
auf. Sie spielen mit Intertextualität und gehen teilweise kreativ mit Medienzitaten
um. In ihnen wird deutlich, wie massenmediale Angebote aufgegriffen und auch
umgestaltet werden können: In einer Folge von Renaade werden unkritisch
Medienzitate eingeflochten, indem unterschiedliche Gameshows aufgegriffen werden,
bei Donald Duck wird der Umgang mit und der Nutzen von PCs und parodiert, in
Die Wochenshow macht man sich über Politiker lustig, Moderatoren kommentieren
in eigenen Formaten Sendungsausschnitte und Stefan Raab gestaltet in TV Total
eine Wetteransage zu einem Rap um.
Renaade
Donald zwischen Bits und Bytes
Clip Mix
TV Total – Der Maxi Beaver Rap
Medienzitate sind unkritisch in die Sendung eingeflochten
Einige Sendungen bauen Medienzitate in die Handlung ein. Unkritisch sind
diese Zitate oder auch intertextuellen Verweise, wenn sie als Teil der Sendung
nicht kommentiert oder parodiert werden, sondern „wörtlich“ zitiert und gleichbedeutend
eingesetzt sind.
Renaade
Tabelle 16
| Renaade
(SWR, Dienstag, 30.05.2000, 14.17 Uhr, Länge ca. 10 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
50.000 |
20.000 |
0 |
20.000 |
0 |
| Marktanteil in % |
0,6 |
2,0 |
0,3 |
4,2 |
0,8 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2000
Deutsche Zeichentrickserie um eine Gruppe von Kindern im Grundschulalter.
In ihrem Alltag erleben sie kleinere Abenteuer. Die Hauptfigur ist Renaade Albers,
ein pfiffiges Mädchen. Ihr bester Freund ist der zurückhaltende und kluge Peter
„Pelle“ Pellemann und ihre „Rivalen“ sind die feine Vera Sanders und der grobschlächtige,
dümmliche Wilhelm „Bully“ Bull.
In dieser Folge sind die vier Kinder Kandidaten in der Gameshow „Der
Fisch zappelt im Netz“. Die Kinder müssen Fragen beantworten, Geschicklichkeitsspiele
bestehen und Sportaufgaben bewerkstelligen. Bei ihrem Parcours durch das Studio
und durch die Kulissen legen die Kids das Studio in Schutt und Asche. Trotz
ihres energischen Einsatzes bekommt keine der beiden Gruppen die erhofften 100.00
DM, sondern sie werden mit Trostpreisen beschenkt.
Die Gameshow „Der Fisch zappelt im Netz“, in der Renaade und ihre Freunde Kandidaten
sind, setzt sich aus mehreren Gameshow-Konzepten zusammen. Im Rahmen dieser
Show ist die für den jeweiligen Typ von Gameshow charakteristische Komponente
auf ein Spiel innerhalb von „Der Fisch zappelt im Netz“ verdichtet. Zuschauer,
die mit möglichen Spielarten von Gameshows vertraut sind, erkennen, dass in
Renaade Gameshow-Konzepte (z.B. sportlicher Wettbewerb, Denkaufgaben,
Geschicklichkeitsspiele) zusammengefasst sind. Diese Folge von Renaade
baut so Medienzitate in die Handlung ein, kommentiert sie dabei aber nicht,
sondern nutzt sie im Sinne der Zitate.
Medienzitate und Medien werden parodiert
Programme, die Medienzitate parodieren, sind meistens im Bereich der Humorsendungen
zu finden. Sie nehmen Zitate und bearbeiten sie. Dabei gibt es zahlreiche Formen.
Die Wochenshow (Sat.1) z.B. greift sich aus dem Fernsehangebot Berichte
oder Interviews von Politikern heraus und legt eine neue Tonspur darüber, Switch
(Pro7) spielt Szenen nach und verändert sie dabei. Sendungen, die Medien parodieren,
machen z.B. Anspielungen auf eine PC-Maus oder ein Betriebssystem für PCs. Diese
Elemente sind in die Handlung eingebaut und werden ins Lächerliche gezogen.
Die Sendungen spielen so mit dem Programmwissen der Zuschauer oder den Erfahrungen,
die Mediennutzer vielleicht selbst schon einmal im Zusammenhang mit Medien gemacht
haben.
Disney’s neue Micky Maus Geschichten - Donald zwischen Bits und Bytes
Tabelle 17
| Disney’s neue
Micky Maus Geschichten (RTL, Sonntag, 08.04.2001, 7.07 Uhr, Länge
ca. 22 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
140.000 |
60.000 |
0 |
10.000 |
50.000 |
| Marktanteil in % |
8,5 |
26,6 |
0 |
10,1 |
53,6 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2001
Donald Duck beschließt, sich einen Computer zu kaufen, da ihn jeder als
„Hinterweltler“ bezeichnet. Seine Freundin Daisy droht sogar damit, sich einen
„moderneren“ Freund zu suchen, schafft Donald sich nicht bald einen PC an.
Als Donald Duck das Paket mit den Computerteilen bekommt und es öffnet,
fliegen ihm die einzelnen Festplatten als Bauklötze mit aufgedruckten Buchstaben
entgegen, und statt einer Computer-Maus steigt Micky Maus aus dem Karton. Stunden
lang mit dem Aufbau des Rechners beschäftigt und doch nicht erfolgreich, schmeißt
Donald den PC Wut entbrannt in die Mülltonne.
Daisy ruft an und fordert eine Email und ein gescanntes Foto von Donald.
Er macht also noch einen Aufbauversuch und ist nach vielen Mühen endlich erfolgreich.
Der Computer mit dem Betriebssystem „doors“ braucht ewig zum Hochfahren. Als
er sein Foto einscannen will, wird er durch den Scanner in den Computer gezogen
und erscheint als computergenerierte Ente auf dem Monitor. Eine Jagd über den
Bildschirm beginnt. Donald wird vom Mauszeiger gehetzt und angestoßen von dem
Cursor verändert sich Donalds Oberflächenfarbe und -beschaffenheit, dann landet
er im Papierkorb, anschließend im Ordner „Eigene Dateien“. Über den Drucker
kommt Donald endlich wieder frei, kann die Mail und das Foto verschicken und
hat so die Beziehung zu seiner Freundin Daisy gerettet..
Der Witz entfaltet sich vollständig nur Zuschauern, die sich selbst schon einmal
mit dem Aufbau eines Computers abgemüht haben und mit den Benennungen der Teile
und den Eigenheiten des gemeinten Betriebssystems vertraut sind.
Die Sendung spielt mit Möglichkeiten von Bildbearbeitung und Animation (als
Donald von der Mouse über den Bildschirm gejagt wird und sich dabei seine Oberflächenstruktur
und Farbgebung verändert), der Handhabung von Ordnern (Papierkorb, Eigene Dateien)
und den Anwendung, die zur Kommunikation (e-Mails schreiben und verschicken,
scannen, drucken, homepages erstellen) genutzt werden. Aus der Parodie über
diese Bereiche schöpft die Sendung ihren Witz.
Sicherlich sind in dieser Folge auch kritische Momente zu finden, z.B. der Vorwurf
an Donald, er sei ein „Hinterweltler“ oder Daisy’s Hinweis, sie suche sich einen
„moderneren“ Freund. Leider geht der trottelige Donald darauf ein und gibt nach
in der Hoffnung, nun nicht mehr als „Hinterweltler“, sondern als „modern“ angesehen
zu werden. Wäre dies keine Parodie (ob Kinder das schon verstehen?), hätte vielleicht
an dieser Stelle eine Lösungsmöglichkeit gezeigt werden können, bei der Donald
sich auch ohne PC als Freund etabliert.
Medienzitate werden in eigenen Formaten kommentiert
In Sendungen, die in eigenen Formaten Medienzitate kommentieren, werden
Ausschnitte beispielsweise aus Talkshows, dem Fernsehprogramm allgemein oder
auch Werbespots in eigenen Formaten präsentiert, die mit der ursprünglichen
Sendungsform der präsentierten Ausschnitte nichts zu tun haben. Im Rahmen der
Ankündigung kommentieren die Moderatoren die Programmausschnitte. Dabei wird
oft nicht ganz political correct auf Eigenschaften der Akteure hingewiesen und
so ihre Persönlichkeit angegriffen – nur zur Unterhaltung ... In gewisser Weise
lassen sich diese Angebote auch dem folgenden Bereich, der „Umgestaltung zu
anderen Genres“, zuordnen, da z.B. Werbung aus ihrem ursprünglichen Kontext,
nämlich dem der Kaufaufforderungen, herausgenommen und zur puren Unterhaltung
genutzt wird (Die Witzigsten Werbespots der Welt, Sat.1). Die Sendung
Talk Talk Talk (Pro7) präsentiert Ausschnitte aus Talkshows in einem
eigenen Magazinformat, Clip Mix (Pro7) arbeitet ähnlich.
Medienzitate werden zu anderen Genres umgestaltet
Es gibt auch Programmelemente, die nicht im herkömmlich lehrenden Sinn Aneignungs-
und Handlungsangebote von Medien oder Alltag zeigen, indem sie einen bestimmten
Sachverhalt oder eine Thematik aufgreifen und sie erklären oder ein Thema diskursiv
behandeln. „Traditionelle“ Angebote geben nach dieser Auffassung gängige und
gesellschaftlich erprobte Meinungen über und Handhabungsweisen von Medien wider.
Beispiele für „traditionelle“ Angebote wären in dem Sinne z.B. im Bereich der
Vermittlung von Medienkompetenz Episoden aus Die Sendung mit der Maus,
Norman Normal oder Disney’s Pepper Ann. Doch welche Elemente des
Programmangebotes kommen als „nicht-traditionelle“ Angebote in Frage? Vermutlich
sind es solche, die augenscheinlich „anders“ als „gewöhnlich“, kreativ sind,
indem sie mit der potentiellen „Offenheit“ von Angeboten spielen; Elemente,
die individuell unterschiedliche Lesarten von Fernseh-Text herausstellen und
nicht, wie bei Lehr- oder Lernsendungen, normativ sind und thematisch selbstbezüglich
keinen oder nur einen beschränkten (in Form von schlichter Infragestellung)
Diskurs zulassen. „Nicht-traditionellen“ Angeboten könnte beispielsweise das
Prinzip des „gestaltenden Rezipienten“ zugrunde liegen. Sie liefern keine Antworten
oder Argumente, sondern machen ein Stück weit neugierig. „Es ist weder so noch
so, sondern ganz anders.“ Die Faszination solcher Elemente entsteht möglicherweise
aus der Spannung zwischen der eigentlichen Orientierungsabsicht der Sendung
und ihrem absichtlichen anders-Verstehen durch die Rezipienten. Dabei wird Zuschauern
sicherlich eine Menge an Genrekompetenz abverlangt, ein Mangel daran kann aber,
wie Stefan Raab es ansatzweise versucht, durch z.B. Dekonstruktion aufgefangen
werden.
Dass nun tatsächlich alle Genres prinzipiell so offen sind und individuell unterschiedliche
Lesarten zulassen, dass aus ihrer Reproduktion ein völlig anderes Genre entstehen
kann, zeigt Stefan Raab. Sein Maxi Beaver Rap soll hier exemplarisch
für die Umgestaltung zu anderen Genres stehen, obwohl auch zahlreiche andere
Sendungen wie z.B. Die Wochenshow ähnlich arbeiten.
Der Maxi Beaver Rap
Tabelle 19
| TV Total (Pro
7, Donnerstag, 05.04.2001, 22.20 Uhr, Länge ca. 60 Minuten) |
| Zuschauergruppe |
Z 3+ |
Z 3-13 |
Z 3-5 |
Z 6-9 |
Z 10-13 |
| Sehbeteiligung |
2.180.000 |
100.000 |
0 |
10.000 |
90.000 |
| Marktanteil in % |
10,5 |
32,7 |
0 |
14,6 |
42,5 |
Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV
2001
Stefan Raab weist seine Zuschauer darauf hin, dass ihm im Fernsehprogramm
öfter einmal Worte oder kurze Sätze auffallen, die rhythmisch gesprochen sind.
Um zu untermalen, was er meint, führt er als Beispiele das Wort „Maschen-Draht-Zaun“
(rhythmisch gesprochen) und den Satz „Hol’ mir mal ‚ne Flasche Bier“ (ebenfalls
rhythmisiert) an. Nun habe er aber etwas entdeckt, das schon einer „Rede“ nahe
komme: „Jetzt hab ich was gesehen im Fernsehen, da is es nicht nur ein Wort
oder äh ein Satz, es ist, ja, es ist eine komplette, ja es ist ’ne komplette
Rede, ja. Die äh einen ja sagen wir mal rhythmischen Anhaltspunkt für mich geboten
hat. Ich zeig Ihnen das erst mal so. Schauen sie mal.“
Es folgt ein ca. 25 Sekunden langer Ausschnitt aus einer Wetteransage,
die innerhalb des Morgenprogramms Punkt 6 bei RTL lief, gesprochen von Wettersprecherin
Maxi Biewer. Sie steht im Studio vor einer großen Wand, auf der ein Stiefmütterchen
in Nahaufnahme zu sehen ist, bevor das ganze Beet gezeigt wird, und kommentiert
die Bilder wie folgt: „Guten Morgen, liebe Zuschauer. Wir sehen, hier passiert
so einiges im Hintergrund. Das ist ein großes Stiefmütterchen. Gehen Sie spazieren
machen Sie unanständige Dinge der Frühling ist da wie zum Beispiel Eisessen
im Freien oder Frühjahrsputz – genießen Sie den Tag, es wird nämlich der schönste
der Woche.“
Mit dem Ende dieses kurzen Filmchens beginnt Stefan Raab nun, sich über
den „Rap-Flow“ von Maxi Biewer auszulassen und ihn mit dem Flow weltberühmter
Rapper zu vergleichen. Er geht immer noch davon aus, dass nur wenige seiner
Zuschauer verstanden haben, worum es ihm geht und gesteht ein, dass auch er
sich den Film zweimal anschauen musste, bevor er die „rhythmische Zuordnung“
verstanden hatte. Dann möchte er den Film noch mal zeigen, diesmal mit rhythmischer
Untermalung: „So, ich zeig’s Ihnen jetzt noch mal und ich shake Ihnen dazu mal
den Takt, ja, damit Sie 'n bisschen näher an die Sache rankommen. Passen se
mal auf.“
Stefan Raab ist in der linken Bildschirmhälfte zu sehen, in der rechten
Bildhälfte steht ein Monitor, auf dem die eben gezeigte Wetteransage eingespielt
wird. Stefan Raab sitzt auf seinem Stuhl und schlägt und schüttelt mit einem
Rhythmusinstrument den Takt, während er gleichzeitig den Text der Wetteransage
mitspricht.
Raab meint, es sei noch schwierig zu erkennen, worauf er abzielt. „Um das
für Sie etwas transparenter zu machen, ja, habe ich mal eine, ja ein Stück Musik
dazu produziert und mich mit in das Video reingebeamt. Schauen Sie mal, wie’s
dann aussieht. Man muss - passen Sie genau auf. Hören Sie hin. Achtung jetzt.“
Links vorne im Bild steht Stefan Raab hinter einem Tisch mit Mischpult
und Plattenteller, wie bei DJs üblich, gekleidet in einem Outfit, das ihn schnell
dieser Gruppe zuordnen lässt. Maxi Biewer steht rechts schräg hinter ihm oder
in der Mitte neben ihm (sie bewegt sich). Oben rechts im Bild ist die Uhrzeit
zu sehen, zu der die Wetteransage bei RTL ausgestrahlt wurde (6:10:07, das RTL-Logo
wurde ausretuschiert). Stefan Raab begrüßt Maxi Biewer mit den Worten: „Guten
Morgen Maxi Biewer. Kick it!“, woraufhin sie die Zuschauer begrüßt: „Guten Morgen,
liebe Zuschauer!“ Stefan Raab beginnt, die Musik laufen zu lassen, Maxi Biewer
trägt ihren Text vor, Raab spricht immer wieder einzelne Wörter mit. Dabei bewegt
er sich und gestikuliert synchron zu Maxi Biewer, klatscht sie auch ab. Der
Filmausschnitt wird zurückgespult und kurz angehalten, währenddessen rapt Stefan
Raab weiter. Der Filmausschnitt wird nochmal gezeigt, in der Musik findet kein
Bruch statt. Am Schluss, die Textpassage vorbei, geht Maxi Biewer rückwärts
auf die Wetterkarte zu und schwenkt ihren rechten Arm, Stefan Raab macht Maxi
Biewers Gesten mit.
Stefan Raab: „Verstanden? So wird’s klar, oder? (Applaus) Maxi Biewer in
the house, check it out! ... am Ende der Sendung zeigen wir’s Ihnen noch mal,
damit Sie kapieren (lacht) wie das alles rhythmisch zusammengeht.“
Rhythmus als Beispiel für subjektive Themen und individuelle Aneignungs-
und Handlungsmuster
Stefan Raabs Sinn für alltägliche Rhythmen, besonders für die der Sprache,
ist bemerkenswert. Es scheint, als seien Musik und Rhythmus zwei seiner „Themen“,
mit denen er ständig zu tun hat, die er sich immer wieder herausgreift und mit
denen er seine Sendung gestaltet (Anzeichen für seine Vorliebe ist auch die
Aufforderung an sein Publikum „Passen Sie genau auf. Hören Sie hin.“, nicht:
„Sehen Sie hin.“). In seiner Rolle als Rezipient und Produzent ist Raab in der
Lage, seinen Medienerlebnissen mit Medien in den Medien Ausdruck zu verleihen.
Bei dieser seiner Art, Mediendiskurse zu führen, bedient er sich alltagsästhetischer
und populärkultureller Mittel wie z.B. Rap-Musik. Dabei entstehen Lieder wie
„Maschendrahtzaun“ und „Hol’ mir mal 'ne Flasche Bier“. Innerhalb der Sendung
TV-Total zeigte Raab Anfang April 2001 eine weitere multimediale Komposition:
Den Maxi Beaver Rap[18]. Wie früher schon bei anderen Szenen identifiziert Raab auch
bei der Wetteransage auf RTL einen Rhythmus in der Sprache und hebt ihn mittels
Taktschlag und Musik hervor. Mit dem Rap zeigt er mögliche Aneignungs- und Umgangsweisen
von alltäglichen Rhythmen und darüber von Fernsehprogramm. Er gibt quasi die
Anleitung zur individuellen Rezeption von Fernsehprogramm und stellt herkömmliche
Möglichkeiten von Rezeption und Nutzung von Medientexten und bestimmten Genres
in Frage, indem er sie kreativ nutzt. Er bietet neue Auffassungsmöglichkeiten
von Fernsehen und fördert dabei in seiner Rolle als Lehrer die Medien- und Genrekompetenz
seiner Zuschauer.
„Give it to me one more time” – vom einmaligen Wetterbericht zum seriellen
und wiederholbaren Musikvideo
Gerade bei Wetterberichten ist es eher ungewöhnlich, sie auch schon
am nächsten Tag noch mal zu verwenden. Doch beim Maxi Beaver Rap verarbeitet
Raab einen einige Tage zurückliegenden Wetterbericht und nutzt ihn dabei auf
recht unkonventionelle Art nach.
Die Umgestaltung des Wetterberichts zu einem Musik-Video geschieht über eine
Ort-Zeit-Verschiebung, die Verdichtungen zum Ergebnis hat. Maxi Biewer und Stefan
Raab stehen gemeinsam auf der Bühne und treten scheinbar miteinander in Interaktion.
Mit dem Zusammentreffen der zwei Protagonisten in Raabs Inszenierung findet
eine Verdichtung statt, die sich auf eine mediale, eine virtuell räumliche,
zeitliche und interpersonelle Ebene erstreckt.
Umgestaltung von Genres über die Variablen Ort und Zeit
Kommunikationssituationen sind abhängig von Ort und Zeit: Bei einem
face-to-face-Gespräch befinden sich die Kommunikationspartner zur gleichen Zeit
am gleichen Ort, bei einem Telefongespräch bspw. sind die Gesprächspartner zur
gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten und bei Brief- oder Emailverkehr zu
unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten. Wird also eine der Variablen
Raum oder Zeit verändert, ändert sich auch die Gattung der Gesprächssituation.
Genau das macht Raab mit Fernsehgenres. Er verändert das Raum- und Zeitverhältnis
in einem Element und schafft damit eine neue Kommunikationssituation. Mit dieser
Verschiebung ändert sich auch das Fernsehgenre. Der einmalig sinnvoll brauchbare
Zwecktext Wetterbericht (Informationsgenre) wird zu einem Format eines Unterhaltungsgenres,
einem oft (sinnvoll) wiederholbaren Musikvideo.[19] Ein „einmaliges“ Produkt wird zu einem „seriellen“ Produkt.
Durch Raum-Zeit-Inszenierungen wird bei Zuschauern Bedeutung konstituiert.[20] Vor diesem Hintergrund können Genres als Kommunikationssituationen
begriffen werden, die spezifischen Raum-Inszenierungen unterliegen, einem bestimmten
Timing, einem Rhythmus oder einer Wiederholbarkeit. Ein Teil von Genrekompetenz
wäre in diesem Sinne, auch zwischen der Raum-Inszenierungen und den dazugehörigen
Zeitabläufen bei unterschiedlichen Genres unterscheiden zu können und sie zu
entschlüsseln, sowohl betreffend die Kommunikation der Gesprächspartner in den
Sendungen als auch die Kommunikationssituationen zwischen Fernseh-Produzenten
und Fernseh-Rezipienten.
Mediale Verdichtung
Raab nimmt sich aus dem Wetterbericht nicht die typischen Informationen
heraus, sondern legt sein Augenmerk auf die Sprache, also auf akustisch Wahrnehmbares.
Er isoliert zunächst den Sprachtext und nimmt ihn aus seinem ursprünglichen
Sinnzusammenhang heraus. Dieses Element verbindet er mit einem Genre aus dem
Musikbereich, das mit Sprechgesang arbeitet, dem Rap. Ihm kam es sicherlich
entgegen, dass Maxi Biewer sich im Takt ihres Gesprochenen bewegt, der Schritt
von einem einfachen Lied hin zu einem Musikvideo bot sich an. Aus Bildern und
Sprache entsteht zusammen mit Rhythmus und Musik ein Musikvideo.
Räumliche Verdichtung
Zwei Personen, die ursprünglich in unterschiedlichen Räumen (Studios) standen
und dort ihre Sendungen gestalteten, die auf unterschiedlichen Sendern zu sehen
waren, begegnen sich im Film auf einer gemeinsamen Bühne. Zwei Bühnen, Räume
oder Programmausschnitte werden in einem Film zusammengeführt.
Zeitliche Verdichtung
Im Maxi Beaver Rap erscheinen Elemente, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten
entstanden, zusammen in einem neuen Werk.
Interpersonelle Verdichtung
Die Verdichtung auf der personellen Ebene ergibt sich aus der Verdichtung
der medialen, zeitlichen und der räumlichen Ebene. Raab stellt Situationen her,
die ursprünglich nicht so gedacht waren und gestaltet dabei Beziehungen – wenn
auch nur fiktiv. Raab macht aus der Wetteransagerin kurzerhand eine Rap-Sängerin,
er selbst tritt als DJ auf. Das zwischenzeitliche „Abklatschen“ und synchrone
Bewegungsabläufe machen die Inszenierung perfekt.
Ob gewollt oder nicht – auch die Teile, in denen Raab die Entstehung des Maxi
Beaver Raps schrittweise erklärt, machen diese Verdichtung oder Vermischung
deutlich: Anfangs wird die Wetteransage im RTL Morgenmagazin im Vollbild gezeigt.
Danach ist Raab zu sehen, wie er den Rhythmus shaket, neben ihm steht ein Monitor,
auf dem parallel dazu die Wetteransage läuft. Im letzten Schritt stehen Stefan
Raab und Maxi Biewer gemeinsam auf der Bühne und performen einen Rap.
Dekonstruktion als Hilfestellung
Werden Genres dekodiert, geht es auch immer um die sendungsinternen
Kommunikationssituationen, die zu entschlüsseln sind. Es dreht sich aber auch
um die Kommunikationssituation, die darüber zwischen Zuschauern und Fernsehakteuren
hergestellt wird. Die Rezipienten erzeugen mit ihrem persönlichen Wissenshintergrund
und Kompetenzen beim Rezipieren Bedeutung. Wo diese Kompetenzen oder Hintergründe
nicht vorhanden sind oder nicht eingesetzt werden können, wird es notwendig,
Hilfestellung zu geben. Eine mögliche Hilfestellung kann sein, die Orientierungsabsichten
des Programms für die Zuschauer in Form von Dekonstruktion oder Selbsterklärung
durchschaubar zu machen. Das ist besonders für Kinder wichtig, weil bei der
Nutzung von Massenmedien eben nicht zwei orientierende Kommunikationspartner
aufeinander einwirken und sie deshalb das Gelingen oder Misslingen von Orientierungsabsichten
nicht direkt bestätigen können. In solchen Situationen werden dann Showmaster
wie Raab schon mal zum Lehrer.
Das Zusammentreffen von Raab und Biewer ist auf den ersten Blick nicht zu durchschauen.
Genaues Hinsehen und die nötigen Medien- und Genrekompetenzen sind Voraussetzung
für das Verstehen dieser Begegnung. Raab lässt seine Zuschauer jedoch nicht
alleine und erklärt ihnen vorher, wie es zur Entstehung des Maxi Beaver Raps
kam und wieso er aus einer Wetteransage ein Musikvideo gemacht hat. Er führt
seine Zuschauer also Schritt für Schritt an seine audio-visuelle Konstruktion,
den Rap, heran und dekonstruiert ihn damit, in erster Linie sicherlich, um den
Witz verständlich zu machen und um Lacher zu garantieren. Durch diese Dekonstruktion
der Medien-Texte Wetteransage und Rapmusik und seines Arrangements Maxi Beaver
Rap hat er also Sprachrhythmus-Unerfahrenen genau wie nicht so sehr medien-
und genrekompetenten Zuschauern eine Hilfestellung zum Verstehen dieses komplexen
Arrangements gegeben. Medienkompetenz wird vermittelt (im Rahmen der Dekonstruktion),
Genrekompetenz wird aber auch vorausgesetzt (im isolierten Werk Rap).
Neue Formen von Fernseh-Text-Literalität entstehen durch die Medien-
und Genrekompetenzen von gestaltenden Rezipienten und fordern von Zuschauern
Empathie
Obwohl teilweise eine Menge an Vorwissen vom Publikum mitgebracht werden
muss, zeigen diese Programme, wie man mit Medien-Bruchstücken Formate und Genres
gestalten kann. In diesen Programmen, vor allem in Stefan Raabs Maxi Beaver
Rap, ist eine Veränderung von Aneignung und Gestaltung angelegt, die der
Individualisierung und Erlebnisorientierung im Umgang mit Medienangeboten entgegenkommt.
Dabei verarbeiten Mediennutzer ihre eigenen Themen und Präferenzen. Zuschauer
wie Raab nutzen ihre Lesekompetenz von Medien-Texten, indem sie ursprünglich
„kontinuierliche“ (als „Werk“ verstandene) Angebote im Sinne von „diskontinuierlichen“
Texten gebrauchen. Sie brechen die für sich relevanten (Kleinst-)Stücke aus
dem massenmedialen Angebot heraus und integrieren sie mit Mitteln der Massenmedien
in ihr Leben, konstruieren darüber ihre individuellen Ereignisarrangements.
Fragmentierung der Leseweise bei der „anders-Nutzung“ von ursprünglich kontinuierlichen
Medien-Texten geschieht also im Sinne diskontinuierlicher Textnutzung. Ebenso
wird deutlich, wie hoch mittlerweile der Medienkompetenzstand einiger Mediennutzer
ist, wenn sie einen langweiligen Wetterbericht zu einem perfekt produzierten,
unterhaltsamen Musikvideo machen können. Für Programmmacher liegt darin die
Chance, neue Formate hervorzubringen oder Elemente, die nicht dem herkömmlichen
Angebot entsprechen sondern sich durch Kreativität abheben. Solche Entwicklungen
könnten im engeren Rahmen medienkulturelle Veränderungen mit sich bringen, die
einer Individualisierung, Fragmentierung und hohen Erlebnisorientierung der
Mediennutzung von „gestaltenden Rezipienten“ entsprächen. Rezipienten für ihren
Teil müssen neue Lesekompetenzen entwickeln, die auf Medien- und Genrekompetenzen
aufbauen, in denen aber eine Art von Reflexivität gefordert ist, die für das
Fernsehen eher ungewöhnlich ist: das absichtliche „falsch“-Verstehen[21]. Voraussetzung dafür ist zunächst die Genrekompetenz, die Fähigkeit,
„richtig“ zu verstehen. So wird dann auch der Witz verständlich, der sich in
der Spannung zwischen „richtig“ und „anders“ entfaltet. Das anders-Verstehen
ist bei dieser Form von Lesekompetenz zentral und verlangt von Zuschauern Empathie,
sich also auf die unterschiedlichsten Sichtweisen von „Welt“ der Fernsehmacher
einzulassen und verstehen zu wollen, auch wenn sie sich von den eigenen stark
unterscheiden.
Das Angebot des Fernsehens an Programmen und Elementen, die Medien-
und Genrekompetenzen von Kindern fördern, ist groß
Und die Nutzungsdaten dieser Programme zeigen, dass Kinder solche Angebote
auch annehmen. Die betrachteten Sendungen arbeiten mit Doku-Formaten, Werbeelementen
und mit fiktionalen Geschichten, vermutlich, weil sie Themen, Sichtweisen und
Alltagsleben der Adressaten zum Ausgangspunkt für Medien- und Genrekompetenz
machen. Ihnen liegt explizit kein mimetisches Rezeptionsmodell mit Medien zugrunde.
Mediennutzung wird vielmehr als etwas präsentiert, bei dem es um die Kompetenz
geht, sich im Alltag zurecht zu finden. Medienkompetenz reicht in diesem Rahmen
von der Handhabung technischer Geräte bis zum Umgang mit Kulturkonzepten. Zentral
ist dabei immer das reflexive Moment, das Mediennutzern ermöglicht, mit dem,
was das Fernsehen ihnen bietet, ihr Leben nach den eigenen Erfahrungen, Wünschen
und Möglichkeiten zu gestalten.
[1] Tims Erfahrung
kann ihn aber auch täuschen: Später nimmt er die Videokassette „Fritz the Cat
– Teil 2“, ein Zeichentrickfilm, aus dem Regal und möchte ihn sehen. Tim ist
noch nicht verständlich, dass es auch Zeichentricksendungen gibt, die in erster
Linie für Erwachsene konzipiert und gemacht sind, er hat so etwas noch nie gesehen.
Aus seiner Sicht sind alle Zeichentrickfilme für Kinder. Deshalb kann er auch
nicht verstehen, dass er den Film nicht anschauen darf.
[2] Einen umfassenden
Überblick über den aktuellen Diskurs bietet Fred Schell, Elke Stolzenburg, Helga
Teunert (Hrsg.): Medienkompetenz: Grundlagen und pädagogisches Handeln. Kopäd
Verlag, München 1999.
[3] Aktuell zu Kinder-
und Jugendmedienschutz siehe: Ben Bachmair: Kinder- und Jugendmedienschutz.
Auf:
http://www.uni-kassel.de/fb1/mediafb1/texte/Jugendmedienschutz.htm.
Juni 2002.
[4] Gebhard Rusch:
Kommunikation und Verstehen. In: Merten, K., Schmidt, S.J., Weischenberg, S.
(Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1994, S.
76.
[5] Siehe dazu u.a.
Untersuchungen von Ben Bachmair zu Wrestling (Bachmair, Ben, Kress, Gunther
(Hrsg.): Höllen-Inszenierung Wrestling. Beiträge zur pädagogischen Genreforschung.
Opladen (Leske + Budrich) 1996) und von Maya Götz zur Rezeption von Soap-Operas
(Götz, Maya (Hrsg.): Alles Seifenblasen? Die Bedeutung von Daily Soaps im Alltag
von Kindern und Jugendlichen. München (KoPäd) 2002).
[6] Um Programmelemente
mit Relevanz zur Medien- und Genrekompetenz zu finden, wurden die Schlagwortlisten
aus den Datenbanken der „Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen“ aus den Jahren
2000, 2001 und 2002 nach Begriffen durchsucht, die, auch im weiteren Sinne,
mit Medien in Verbindung stehen könnten. Sendungen der daraus resultierenden
Listen werden nun stichprobenartig und exemplarisch untersucht. Hinzu kommen
Angebote, die trotz einer Sehbeteiligung von unter 100.000 Zuschauern im Alter
von 3 bis 13 Jahren für die Thematik inhaltlich relevant scheinen.
[7] Die folgenden
Angebote mit Relevanz zur Medien- und Genrekompetenz stammen aus Programmstichproben
im Umfang von je drei Tagen, die jeweils im Frühjahr der Jahre 2000, 2001 und
2002 aufgezeichnet wurden. Siehe dazu auch www.kinderfernsehforschung.de. Das
Forschungsprojekt „Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen“ untersucht die Schnittlinie
der Massenkommunikation zwischen den Angeboten der Sender und der Nutzung der
Rezipienten. Dazu wird jährlich eine Stichprobe im Umfang von je drei Tagen
einer Kalenderwoche von je ca. 500 Stunden Programm der für Kinder relevanten,
in Deutschland lizenzierten Fernsehsender erhoben und mit den standardisierten
Fernsehnutzungsdaten in einer Datenbank verbunden.
[8] Die Sendung
Wie funktioniert eine CD? läuft innerhalb der Sendung mit der Maus.
Die angegebenen Sehbeteiligungen und Marktanteile in Tabelle 1 und 2 beziehen
sich deshalb auf Die Sendung mit der Maus.
[9] Dieser Werbespot
lief im Jahr 2000.
[10] Daneben gibt
es auch Produkte, die intermedial, aber nicht in Zusammenhang mit Fernsehangeboten
beworben werden, sondern z.B. das PC-Spiel zum Hörspiel. Solche Verweise finden
sich in der herkömmlichen Werbung.
[11] Der Big Brother-Kandidat,
der die meisten Stimmen bei der sog. Nominierung durch seine Mitbewohner und
die Zuschauer bekommt, muss den Big Brother-Container verlassen.
[12] Mehr dazu in: Judith Seipold: Trailer
als Orientierungsangebote und Logos als Ordnungs- und Klärungsmöglichkeiten.
Auf www.kinderfernsehforschung.de,
3., überarbeitete und erweiterte Version März 2002.
[13] Die Partagierung
mit ARTE, der im Stichprobenzeitraum kurz vor Sendungsbeginn des Ki.Ka höchst
problematisches Programm sendet, gefährdet jedoch dieses zu unterstellende Vertrauen.
Siehe dazu Judith Seipold: Eine kritische Debatte tut Not! Was ARTE den Frühsehern
des Kinderkanals beschert. Auf www.kinderfernsehforschung.de,
März 2001.
[14] Die Pfefferkörner
sind Teil des Tigerenten Club. Die Sehbeteiligung und die Marktanteile
in Tabelle 8 bis 11 beziehen sich auf den Tigerenten Club.
[15] Im Vorspann
wird der Titel „Das Fernsehen ist an allem Schuld“ angezeigt, in Matt Groening:
Die Simpsons – Der ultimative Serienguide. Dino entertainment AG, 2001, S. 43
sowie in Gruteser, Klein, Rauscher (Hrsg.): Subversion zur Prime-Time – Die
Simpsons und die Mythen der Gesellschaft. Schüren Verlag (Marburg), 2002, S.
42ff ist der englische Folgentitel „Itchy & Scratchy & Marge“ angegeben.
[16] Eine weitere
Folgenbeschreibung auch in: Matt Groening: Die Simpsons – Der ultimative Serienguide.
Stuttgart (Dino entertainment AG), 2001, S. 43. Siehe auch: Gruteser, Klein,
Rauscher (Hrsg.): Subversion zur Prime-Time – Die Simpsons und die Mythen der
Gesellschaft. Schüren Verlag (Marburg), 2002, S. 42ff.
[17] „Die Itchy
& Scratchy-Show“ ist eine Zeichentick-Serie, die in der Serie Die Simpsons
als Nachmittagsprogramm ausgestrahlt wird. Die Darsteller sind eine Maus und
eine Katze, die sich ständig auf die nur denkbar grausamste Art und Weise gegenseitig
ermorden. Die Serie wird in Springfield während des Kinderprogramms ausgestrahlt,
das von Krusty dem Clown gestaltet wird. „Die Itchy & Scratchy-Show“ ist
innerhalb der Simpsons also als Kinderprogramm angelegt.
[18] Der Maxi Beaver Rap lief am
Donnerstag, 05. April 2001 zwischen 22.20 Uhr und 23.20 Uhr in der Sendung TV
Total auf Pro 7. Ein Ausschnitt (Real Media-Format) kann im Internet unter
folgender Webadresse angesehen werden:
http://lsd.newmedia.tiscali-business.com/bb/redirect.lsc?content=content&media=rm&stream=etvgmbh/tvtotal/neue_sendungen/2001-14/video/s042-02.rm
[19] In diesem
Zusammenhang wäre es interessant, Michail Bachtins Überlegungen zum „Chronotopos“
mit einzubeziehen.
[20] Zu bestimmten
Genres gehört eine bestimmte Art der Raum-Inszenierung. Diese Raum-Inszenierungen
begünstigen bestimmte Sozialsysteme und Kommunikationssituationen. Über die
Gesprächssituationen im Fernsehen wird die Orientierungsabsicht definiert, die
das Fernsehen den Zuschauern gegenüber hat. Ein Beispiel: Bei der Sendung „Volle
Kanne“ im ZDF unterhält sich die Moderatorin mit ihrem Gast, während die beiden
an einem gedeckten Frühstückstisch sitzen und neben ihrem Gespräch auch essen.
Zwischen den beiden entsteht eine recht entspannte Atmosphäre in gemütlicher
Umgebung, die einen relativ vertrauten Umgang miteinander hervorbringt. Fernsehzuschauer
sehen also eine ruhige und integrierende Unterhaltung in einer möglicherweise
vertrauten Umgebung und sind Zuhörer eines „zwanglosen“ Gesprächs unter „guten
Bekannten“. Ähnlich funktioniert das z.B. in Talkshows oder Dauerwerbesendungen
wie dem „RTL-Shop“.
[21] „Falsch“ im Sinn von: nicht entsprechend
der Orientierungsabsicht.
Judith Seipold
Erstveröffentlichung Juli 2001
Zweite, überarbeitete und erweiterte Version November 2002
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