Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen
 
 
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Editorial Bachmair
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Text Raabe Rummler Seipold

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Was Kinder Überfordert
Familien vor dem Bildschirm
Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen
Eine kritische Debatte tut Not!
Jugendschutz und Medienmacht

Orientierung in der Alltags- und Lebenswelt

Angebot zu ethnisch-kulturellen Lebensweisen
Soziale Orientierung - 2001
Soziale Orientierung - 2000
Dissertation Claudia Raabe (PDF)
Magisterarbeit Klaus Rummler (PDF)
Kindliche Alltagswelt

Die Welt der Dinge und Ereignisse

Beim Optimismus der Sesame Street...
Medien und Lesekompetenz nach PISA
Lernen mit dem Fernsehen? - 2002
Lernorientierte Programme - 2000

Die Welt der Kultur und der Medien

Was Kinderfernsehen Lustiges zu bieten hat (PDF)
Ordnungs- und Klärungsmöglichkeiten
Medien- und Genrekompetenz
Magisterarbeit Judith Seipold (PDF)

Programm in der Angebotsperspektive

2004
2003
2002
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2000

Programm in der Nutzungsperspektive

2004
2003
2002
2001
2000

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Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen 2000, 2001, 2002
Judith Seipold

Das Fernsehprogrammangebot zur Medien- und Genrekompetenz

„Da kannst du ruhig zuschauen, das ist ein Witzfilm.“ Der 6jährige Junge sitzt zusammen mit seiner 2 Jahre älteren Nachbarin vor dem Fernseher und schaut Darkwing Duck, eine Zeichentrickserie, auf „11“ an. SuperRTL liegt auf dem Programmplatz 11 und diesen Sender schaltet Tim jedes Mal ein oder zappt dort hin, wenn er mich besucht. Er weiß, dass dort Sendungen kommen, die er ohne Bedenken anschauen kann. Seine Freundin hat nicht so viel Fernseherfahrung wie er. Sie ist sich nicht sicher, ob die Sendung, die sie noch nie vorher gesehen hat, etwas für sie ist. Tim versucht, ihr die Unsicherheit zu nehmen, indem er die Sendung als witzig kategorisiert. Zeichentrick ist für ihn immer witzig, also können Kinder das anschauen, so seine Logik. Dass der „Film“ eigentlich eine Serie ist, spielt dabei keine Rolle. Wesentlicher ist die Zuordnung zu einem Genre, das seiner Erfahrung nach auf jeden Fall was für Kinder ist. Mit seiner Aussage beweist er: er geht mit dem Medium Fernsehen und einigen seiner Inhalte eigenständig und sicher um. Tim ist in seinem Rahmen medienkompetent. Er kann selbständig den Fernseher bedienen, kennt Sender und Genres, die relevant für ihn sind und weiß diese auch einzuordnen. Auch die soziale Komponente, gemeinsames Fernsehen, findet dabei seinen Platz. Tims Erfahrungen mit und sein Wissen über das Medium Fernsehen, seine Sender und seine Genres lassen ihn, und schließlich auch seine Freundin, mit Sicherheit das Programm genießen[1].

Aus pädagogischer Sichtweise ist der kompetente Umgang mit Medien ein wesentlicher Teil der Sozialisation
In der Pädagogik wurde das Feld der Kompetenzen, die Teil von Medienkompetenz sind, umfangreich beschrieben. Auf das Individuum im umfassenden gesellschaftlichen Kontext konzentriert, fordert die Pädagogik von den Menschen und leitet sie auch dazu an, über die eigene Mediennutzung, Kompetenzen und Vorlieben nachzudenken, sich der eigenen Rolle gegenüber den Medien und Stellung zu den Medien klar zu werden.[2]
Medienkompetenz ist nach Dieter Baacke Teil der kommunikativen Kompetenz. Sie soll u.a. im praktischen Umgang mit Medien und der kritischen Auseinandersetzung mit ihnen erlernt, erprobt und eingesetzt werden. Medien können so den Mediennutzern nicht nur zur Unterhaltung dienen, sondern von ihnen auch und vor allem als Ausdrucksmittel, als Mittel zur aktiven Gestaltung der eigenen Umgebung, des eigenen Lebens genutzt werden. Darüber können sich Mediennutzer dann in der Gesellschaft verorten. Ein wesentlicher Teil von Medienkompetenz ist also immer die reflexive Auseinandersetzung des Individuums mit Medien, ihren Inhalten und der Gesellschaft.

Pädagogische Einrichtungen, Eltern und Peers als Instanzen für medienpädagogische Erziehung
Von wem lernt man, kompetent mit Medien umzugehen? In erster Linie werden Pädagogen für die Vermittlung von Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen herangezogen. Auch Eltern spielen bei der medienpädagogischen Erziehung eine wichtige Rolle. Die Präferenzen von Kindern und Jugendlichen, die in Peer-Groups abgehandelt werden, scheinen Eltern und Pädagogen oft suspekt, machen aber für die Kinder und Jugendlichen in ihrem Rahmen Sinn. Obwohl Medien längst Teil unseres Alltags und neben Schule und Familie zu einer relevanten Sozialisationsinstanz geworden sind, wird v.a. dem Fernsehen wenig medien-erzieherische Funktion unterstellt, eher noch möchte man Kinder und Jugendliche vor vielen seiner Inhalte beschützen und fernhalten. So fordert man vom Fernsehen vorneweg Verantwortlichkeit in Form von Inhaltskontrollen.[3] Programmanbieter sind dazu angehalten, ihr Programm im kinder- und jugendmedienschutzrechtlichen Sinn zu prüfen und Kinder und Jugendliche so vor sie möglicherweise überfordernden Darstellungen zu schützen. Diese Art von Verantwortung, die in Restriktionen, Beschränkungen und Warnungen resultiert, ist eine der gängigsten Forderungen an das Fernsehen.
Erziehung zur Medienkompetenz ist – und jeder, der im Bereich der Medienerziehung arbeitet weiß das – mehr, als nur zu verbieten. Es reicht nicht, medienethische und Qualitätsdiskussionen zu führen und als Konsequenz Kinder vor problematischen Inhalten zu schützen. Kinder müssen nicht nur lernen wegzuschauen, sondern auch mit den (u.U. problematischen) Inhalten umzugehen, mit denen sie konfrontiert werden. Auch müssen sie in ihrem Umgang mit Medien unter Berücksichtigung ihrer ästhetischen Präferenzen (z.B. TV-Total, Headnut TV, Dragonball Z, Ranma 1/2) gefördert werden.

Genrekompetenz als relevante Unterkategorie von Medienkompetenz
Medienrezeption impliziert für die Mediennutzer nicht nur die reflexive und diskursive Auseinandersetzung mit persönlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Themen, sondern immer auch die Notwendigkeit, mit unterschiedlichen Genres umzugehen. Genrekompetenz kann in diesem Sinn als ein Teil von Medienkompetenz verstanden werden, als Handwerkszeug zu medienkompetentem Handeln.
Laut G. Rusch sind „Genres bzw. Gattungen: Typen inhaltlicher und formaler Gestaltung von Texten in spezifischen Verwendungsweisen.“[4] Handeln und Kommunizieren basiert immer auf einem minimalen Konsens von einer gemeinsamen Vorstellung von Wirklichkeit und einem bestimmten Umgang mit ihr. Auch bei der Genreproduktion und -Rezeption werden Übereinkommen bezüglich der Wirklichkeiten von Produzenten und Rezipienten und dem Umgang mit ihr zwischen den beiden Kommunikationspartnern getroffen. Diese Übereinstimmungen müssen Kinder finden können. Wo Kinder sich beim Entschlüsseln der Medientexte eben nicht auf ihren Erfahrungshorizont verlassen können, wird die Förderung von Genrekompetenzen besonders wichtig. Das kann bei Sendungen der Fall sein, die sich dem persönlichen, gesellschaftlichen oder kulturellen Bezugsrahmen entziehen, bei denen also „Wirklichkeiten“ nicht übereinstimmen, wie z.B. bei den japanischen Animés wie Dragonball Z, Pokémon oder Ranma 1/2. In dem Fall muss Fernsehen die Metaebene beschreiten und sich selbst durchschaubar machen, sich selbst (kritisch) kommentieren und die Zuschauer orientieren; es muss also die Orientierungsabsicht, die es mit einer Sendung verfolgt, deutlich machen.
Kinder und Jugendliche gehen bei der Medienproduktion mit den unterschiedlichsten Genres wie selbstverständlich um: ein Horrorstreifen muss gruselig sein und schocken, Nachrichten werden informativ und seriös im Stil der ARD Tagesschau inszeniert. Auch bei der Rezeption legen Kinder und Jugendliche hohe Kompetenzen an den Tag[5]. Sie sind in der Lage, die Kommunikationssituation, die über ein bestimmtes Genre hergestellt wird, formal und inhaltlich zu entschlüsseln und die Orientierungsabsicht, die der „Gesprächspartner“ Fernsehen verfolgt, adäquat zu verstehen. Dabei müssen sie sich auf ihre bisherigen Fernseherfahrungen genauso wie auf ihre Erfahrungen im weiteren alltäglichen Leben verlassen können, da sie nur über dieses Wissen das Genre mit seinen Inhalten reflektieren und überprüfen können. Das wird auch am Beispiel von Tim deutlich.

Im Fernsehen wird erklärt, diskutiert, reflektiert, zitiert, parodiert und zum selber machen aufgefordert. Dabei thematisieren die Sendungen nicht nur das Medium Fernsehen
Im medienpädagogischen Bereich scheint bei der Vermittlung von Medienkompetenz die praktische Medienarbeit, also die technische Handhabung von Geräten und das eigenständige Gestalten von Medienproduktionen im Vordergrund zu stehen; im Gestalten und Handeln, so die Absicht, werden Kompetenzen im Umgang mit Medien erlangt und für weitere Bereiche der Medienkompetenz sensibilisiert. Diese praktische Seite kann natürlich nicht vom Fernsehen übernommen werden. Der Beitrag, den das Fernsehen jedoch leisten kann und auch – in quantitativ nicht zu unterschätzendem Masse – leistet, liegt im Bereich der Diskurse über Medien und der Erklärungen von meist medien-technischen Sachverhalten. Im Fernsehen wird erklärt, diskutiert, reflektiert, zitiert, parodiert, zum selber machen angeleitet. Dabei thematisieren die Sendungen nicht nur das Medium Fernsehen. Es geht z.B. auch darum, wie die Musik auf CDs gelangt, um gewalthaltige Videospiele und Internetnutzung. Kindheitsvorstellungen und ästhetischen Präferenzen von Kindern und Jugendlichen werden dabei angesprochen und diskutiert, Generationenkonflikte über Ethik, Ästhetik und Kultur ausgetragen, Argumente geliefert, Gestaltungsbeispiele gegeben. Aus dieser Sichtweise kann das Fernsehen durchaus als eine relevante Instanz bei der Vermittlung von Medienkompetenz verstanden werden.

Arbeitsteilige Erziehung zur Medienkompetenz mit den jeweils möglichen Mitteln
Kinder brauchen Anleitung, um zu lernen, Medien sinnstiftend in ihr Leben zu integrieren – sei es zur Unterhaltung, um sich zu informieren, soziale Kontakte zu pflegen oder ihren Alltag zu gestalten. Deshalb sollte Fernsehen sich und andere Medien so weit es geht durchschaubar machen. Und wo es das nicht leistet, müssen Eltern und Pädagogen erläuternd eingreifen. Sie können für Sendungen und Mediendiskurse im Fernsehen sensibilisieren, sie thematisieren oder darauf aufmerksam machen, ebenso Raum zur praktischen Anwendung von im Fernsehen Rezipiertem geben. So lernen Kinder, Medien für sich zu nutzen, Medien-Texte zu decodieren, (mit) Medien zu gestalten. Kurz: einen reflexiven und diskursiven Umgang mit Medien, ihren Gestaltungsmitteln und ihren ästhetischen Ausdrucksformen.

 

1. Sendungen mit Relevanz zur Medien- und Genrekompetenz geben Lernangebote, Argumentationshilfen und Gestaltungsbeispiele
Die Ausgangsfrage war, ob es im Fernsehen Angebote gibt, die ihre eigenen Darstellungsformen oder die Darstellung anderer Programme durchschaubar machen und so die Entwicklung von Medien- und Genrekompetenz fördern. Der Gedanke der Durchschaubarkeit schließt medienpädagogische Programme ebenso ein wie Angebote, die als Medientext ihre Interpretationsweisen offen legen. Dazu gehören auch Angebote von Sendern, ihr Programm so zu präsentieren, dass Kinder es durchschauen. Von den Rezipienten aus gedacht, entspricht der Gedanke der Durchschaubarkeit eines Medien-Textes dem der Medien- und Genrekompetenz zuschauender Kinder. Diese Fragestellung wurde erweitert um diskursive und kreative Programmangebote, da auch solche Elemente bei der Vermittlung von Medien- und Genrekompetenz ein Rolle spielen.
Um von den Programmangeboten[6] aus auf einen möglichen Beitrag zur Medien- und Genrekompetenz zu schließen, geht es also in einem weiten Sinne darum, ob eine Art von Reflexivität bzw. reflexiver Spannung zu Medien oder Mediennutzung im Angebot erkennbar wird. Dabei lassen sich drei Dimensionen mit Unterdimensionen unterscheiden:[7]

(1) Sendungen, die Lernangebote machen

 (2) Sendungen, die exemplarisch Diskurse führen und Argumentationshilfen geben

- Die Pfefferkörner
- Norman Normal
- Disney’s Pepper Ann
- Die Simpsons

(3) Sendungen, die Gestaltungsbeispiele geben

 

1.1 Sendungen, die Lernangebote machen
Der Lernbegriff ist hier weiter zu fassen als im schulischen Sinne. Es geht dabei nicht nur um Sendungen, die physikalische Phänomene und technische Sachverhalte erklären und hinterfragen oder Angebote, die Regeln aufzeigen. Beispiele hierfür wären Wie funktioniert eine CD? innerhalb der Sendung mit der Maus, Reläxx oder die ARD Programmansage. In einem weiteren Sinn sind auch schlichte isolierte Hinweise wie Jugendschutzhinweise, Kinderflächen und Kinderkanäle, Programm-Trailer und Werbung lernrelevant; ebenso Programme oder Elemente, die sich aus sich heraus unkritisch dekonstruieren, also wie z.B. bei Bugs Bunny ihre Machart durchschaubar machen, ohne das zu kommentieren oder zu bewerten. Die Eigeninterpretation wird im Fall des Langnese-Werbespots zu den „Langnese Family Fun Packungen“ zu einem Mittel, um Witz zu erzeugen. Die Sendungen öffnen sich mit dieser Charakterisierung über sich selbst einem möglichen Dialog mit den Zuschauern. Hinweisende und werbende Angebote verlangen von Zuschauern Kompetenzen, um als Werbung erkannt und genutzt zu werden, können aber auch den Blick für z.B. Medien- und Ereignisarrangements, Programmabläufe oder Kinder- und Jugendmedien-schutz öffnen.

1.1.1 Erklärende und hinterfragende Programmangebote
Im Programmangebot der Fernsehsender finden sich Sendungen, die Medien vom physikalisch-technischen, produktions- oder anwendungsbezogenen Standpunkt aus erklären. Dies geschieht vorwiegend in Formaten wie Dokumentationen, Making Ofs und Magazinen. Solche Angebote sind tendenziell normativ, da sie Sachverhalte erklären, die von Natur aus so sind und nicht anders, Regeln zur Erstellung von Genres oder Programm zeigen oder in unserer Gesellschaft gängige Normen wiedergeben. Auf Letzteres bezogene Sendungen, z.B. Reläxx, tasten sich diskursiv an ein Thema heran und präsentieren dann gemeinsam erarbeitete mögliche Lösungen.

Wie funktioniert eine CD?
ARD Programmansage
Reläxx

Wie funktioniert eine CD?

Tabelle 1[8]

Die Sendung mit der Maus (ARD, Sonntag, 28.05.2000, 11.31 Uhr, Länge ca. 28 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 1.330.000 380.000 140.000 160.000 80.000
Marktanteil in % 15,0 30,8 44,0 30,7 20,3

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Tabelle 2

Die Sendung mit der Maus (KiKa, Sonntag, 28.5.2000, 11.30 Uhr, Länge ca. 28 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 490.000 310.000 60.000 150.000 100.000
Marktanteil in % 5,5 24,8 19,3 28,0 25,2

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Innerhalb der Sendung mit der Maus wird in einer Sachgeschichte erklärt, wie Musik auf eine CD kommt und warum man diese Musik hören kann, wenn die CD abgespielt wird.
Zunächst einmal, so erklärt Ralph, benötigt man einen CD Player, um eine CD abzuspielen. Die Musik, die man dann hört, besteht aus Tönen. Diese Töne sind Schallwellen, also bewegte Luft. Verdeutlicht wird das am Beispiel einer Basstrommel, deren Schallwellen eine Kerze ausblasen. Mikrophone, so Ralph, können über eine Membran Schallwellen aufnehmen. Die Membran wandelt die Schallwellen in elektrische Wellen um, die man mit Hilfe eines Oszillographen sogar sehen kann.
Im nächsten Schritt werden die elektrischen Wellen in Computersprache übersetzt. Diese Computersprache besteht aus „Nullen“ und „Einsen“. Ein CD-Brenner brennt die Nullen und Einsen auf einen Rohling, das ist die leere CD. Ein mit einer Folie beklebter Spiegel und eine Taschenlampe, die einen Laser darstellten, dienen als Modell eines CD-Brenners. Jedes mal, wenn der CD-Brenner eine „Eins“ empfängt, brennt der Laser eine Markierung, also ein Loch in die CD. Die Löcher auf der CD sind so klein, dass man sie mit bloßem Auge nicht sehen kann. Bei einem Besuch in der Technischen Hochschule in Aachen wird eine CD aufgeschnitten und unter dem Elektronenmikroskop 1000-fach vergrößert. Nun lassen sich die vielen winzig kleinen Löcher auf der CD erkennen.
Wie aber kann man die Markierungen und Löcher hören? Dazu dreht sich die CD im CD-Player. Ein Laser strahlt auf die CD. Trifft der Strahl auf ein Loch, wird er reflektiert. Der CD-Player weiß: das ist eine „Eins“. Er übersetzt die 16stelligen Zahlen in Punkte, die Punkte bilden aneinandergereiht eine Welle, die man, in eine Luftbewegung umgesetzt, hören und als graphische Welle im Oszillographen sehen kann. Wenn die elektrische Welle zum Lautsprecher gelangt und auf den Lautsprecher trifft, formt dieser die elektrische Welle in eine Schallwelle um, die man dann hört. So können die Musiker der WDR-Bigband sich auch dann spielen hören, wenn sie gar keine Musik machen.

In dieser knapp achtminütigen Sachgeschichte innerhalb der Sendung mit der Maus erklärt eine junge Männerstimme den Zuschauern die Funktionsweise einer CD und die Entstehung von Musik und Tönen. Selbstgebastelte Modelle veranschaulichen und erklären komplexe physikalische und mathematische Vorgänge. Das Lern-Angebot, das in dieser Sendung gemacht wird, bietet Zuschauern an, sich Wissen aus dem Bereich der Medientechnik anzueignen.

ARD Programmansage
Programmansager Martin Wirsing steht vor einer in Blau gehaltenen Wand, links von ihm ist das ARD-Logo eingeblendet. Er wendet sich an die Zuschauer:
„Hallo im Ersten. Drei Monate lang hat uns immer donnerstags der Fahnder mit spannenden Fällen unterhalten. Heute zeigen wir Euch die vorerst letzte Folge – und mich interessiert ganz besonders, wie Tom Welz und seine Kollegin Katharina ihren letzten Abend verbringen. [Einspieler] Heute vorerst zum letzten Mal der Fahnder in einer Stunde hier im Ersten und ab nächster Woche begleiten wir dann immer donnerstags die Kommissarin bei der Verbrecherjagd. Und Leute wie mich nennt man auch Fernsehverführer. Wenn wir Fernsehverführer unsere Opfer erst einmal mit einer Folge unserer täglichen Serien angefüttert haben, lassen wir sie an der spannendsten Stelle, dem sogenannten Cliffhanger, im Ungewissen zurück. Dann müssen sie bis zum nächsten Tag auf die Fortsetzung warten. Hmhm. Gut, nicht? Wie es also in der Verbotenen Liebe und im Marienhof weitergeht, das zeigen wir Euch gleich nach der Werbung.“

Dieses unscheinbare Element lief kurz vor 18.00 Uhr am Donnerstag, 05. April 2001 in der ARD. Der Ansager Martin Wirsing weist seine Zuschauer fast nebenbei auf einen Wechsel in der bereits seit drei Monaten festen Struktur im Programmablauf hin, gibt eine Eigeninterpretation seiner Berufsgattung und erläutert darüber, was es mit „der  spannendsten Stelle, dem sogenannten Cliffhanger“ in einer Soap auf sich hat.

Reläxx

Tabelle 3

Reläxx (ARD, Sonntag, 28.05.2000, 11.36 Uhr, Länge ca. 8 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 170.000 70.000 20.000 30.000 20.000
Marktanteil in % 1,4 7,8 12,1 11,5 4,1

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

In dieser Folge von Reläxx dreht sich alles um das Thema Internet.
Der junge Moderator Karsten Blumenthal befragt Kinder und Jugendliche als Experten zum Internet und fasst am Ende der Sendung die Aussagen der Kids zu Leitlinien, Regeln und Tipps zum Umgang mit dem World Wide Web zusammen.
Knappe Informationen zum Projekt „Schulen ans Netz“ und die Darstellung einer Zukunftsvision von Schulen im Jahr 2020 leiten zu Gesprächen mit Kindern über. Sie geben Infos darüber, von wo aus man ins Internet gehen kann, wozu man das Internet nutzt und wie man über das Internet kommuniziert.
Viele Kinder und Jugendliche, so berichten sie, haben das Internet dazu entdeckt, um Leute kennen zu lernen, Freundschaften zu schließen oder alte Freunde wiederzufinden. Dabei verdeutlicht Karsten den Unterschied zwischen „Plaudern“, Telefonieren und Chatten, weist darauf hin, wie man sich beim Chatten seinen Gesprächspartner gegenüber verhalten sollte und zeigt, wie Symbole dabei helfen, Gefühle auszudrücken, ohne viel zu schreiben.
Danach geht es um das Thema Homepage. Der Moderator verweist auf die neue Homepage von Reläxx und erklärt dann, wie eine Homepage entsteht und was man benötigt, um selber eine anzufertigen. Zwei Frauen erläutern ihm, wie Photos auf eine Website kommen und geben danach einen kurzen Einblick in die Arbeit eines Webgrafikers und eines Webdesigners.
Es folgen Hinweise auf die notwendige Hard- und Software und auf die Frage nach kostengünstigen Zugangsanbietern. Zum Schluss gibt es noch eine kleine Einführung in das Navigieren mit einem der gängigen Browser.

Reläxx ist ein Trend-Magazin, in dem die Kompetenzen der Kinder gefragt sind. In diesem Magazin sind sie die Experten und erzählen, wie sie das Internet nutzen und wozu. Der Moderator Karsten Blumenthal übernimmt während der Sendung die Rolle des unkundigen Erwachsenen, der die jungen Experten befragt, um mehr über das Internet zu lernen. Obwohl er locker mit den Kindern und Jugendlichen umgeht, nimmt er sie ernst. All ihre Tipps und Tricks fasst er immer wieder zusammen und macht sie zu Leitlinien für den Umgang mit dem Internet. Diese Zusammenfassungen strukturieren die Sendung.
Wie sich herausstellt, nutzen die Kids das Internet nicht nur zur Unterhaltung oder zum Zeitvertreib, sondern auch, um sich zu informieren und zu kommunizieren. Ganz hoch im Kurs steht bei ihnen „Chatten“. Chatten bedeutet aber nicht, sinnlos auf die Tastatur einzuhacken, sondern zu kommunizieren, um neue Freunde zu gewinnen und alte wieder zufinden. Chat- oder Email-Freundschaften ergänzen Brieffreundschaften. Web-User finden im Internet also ein Forum, um zwischenmenschliche, soziale Kontakte zu pflegen. Diesen für die Kinder doch wohl wichtigen Punkt nimmt Karsten auf und setzt mit Erläuterungen zu Chat-Regeln und zur Chat-Sprache einen deutlichen Schwerpunkt der Sendung. Mit Hilfe der Kinder und Jugendlichen stellt er Benimm-Regeln zusammen. Diese Regeln stecken einen eindeutigen Handlungs- und Orientierungsrahmen für den Aufenthalt in einem Chatroom ab. Dazu gehört der Tipp, nicht alles ernst zu nehmen, was Chat-Partner schreiben, und im Internet als Kommunikationsplattform keine persönlichen Daten preis zu geben. Zu bedenken sei, dass aufgrund der Anonymität, die Phantasienamen ermöglichen, auch die Hemmschwelle im Umgang miteinander sinken kann.
Eindeutig definierte Symbole können ein Mittel sein, eigene Gefühle auszudrücken  („Emoticons“). Sie verringern nicht nur den Schreibumfang und sind international verständlich, sondern machen u. U. verletzende Wörter oder lange Sätze überflüssig. Dieser Symbole zeigen auch, dass man beim Chatten kompetent ist und für Außenstehende sinnlos erscheinende Zeichenkombinationen definieren bzw. „lesen“ kann. So entsteht auch ein Zugehörigkeitsgefühl zur Chat-Gemeinde und gleichzeitig eine Abgrenzung zu Externen oder Nichtfachleuten. Mögliche negative Auswirkungen wie die, sich von der Umwelt abzukapseln, thematisieren weder die Experten-Kids noch Karsten. Vermutlich sehen sie im Internet eher eine offene Plattform als einen geschlossenen Raum und setzen Chatten gleich mit dem face-to-face-Gespräch oder einem Telefongespräch.
Die Sendung sieht in Jugendlichen in erster Linie User, also Nutzer des Internets. Dagegen erstellen in der Regel Erwachsene die Websites, die Kinder besuchen, so ist jedenfalls der Eindruck.
Das Thema Internet ist Anlass, den Zuschauern zum Abschluss einen Blick hinter die Kulissen von Reläxx zu bieten, wo gerade an der neuen Reläxx-Homepage gearbeitet wird. Mit dem Hinweis darauf, welche Komponenten notwendig sind, um ins Internet zu gelangen, schließt die Sendung.
Die Sendung Reläxx befasst sich mit den Kommunikationsmöglichkeiten, die das Internet bietet sowie den Kommunikationsregeln, die wie beim Gespräch oder Telefonat einzuhalten sind. Durch den Hinweis auf die technische Ausstattung, die zur Nutzung des Internets nötig ist, wird die technische Seite der Mediennutzung verbunden mit der individuellen Nutzung und Gestaltung. Medienkompetenz verbindet also technische und soziale Kompetenz ebenso, wie selbständig angeeignetes Wissen und Nutzung des Internets zur Unterhaltung. Somit schlägt Reläxx eine Brücke zwischen einem neuen Medium und dem Alltag, indem es z.B. neue Formen aufzeigt, Gefühle mittels einfacher Zeichen ("Emoticons") mitzuteilen.

1.1.2 Programmelemente mit Momenten von Dekonstruktion und Eigeninterpretation
Elemente, die mit Dekonstruktion oder Eigeninterpretation arbeiten, machen Genres und Fernsehen selbstbezüglich durchschaubar und bieten Zuschauern so die Möglichkeit, die Interpretationsweise des Programms zu durchschauen. Dekonstruktion ist im Rahmen der unten behandelten Beispiele als intrinsisch unkritisch zu begreifen. Solche Elemente erscheinen als selbstverständlicher Teil der Handlung und werden nicht kommentiert. Bei Bugs Bunny ist das zu finden. Mit der Eigeninterpretation, die als intrinsisch reflexiv zu verstehen ist, geben Sendungen einen „Lesehinweis“, der Zuschauern verdeutlichen will, wie sie das Programm aufzufassen haben. Gleichzeitig öffnen sie sich den Zuschauern, die dann die Möglichkeit haben, selbstreflexiv zu diesem Lesevorschlag Stellung zu beziehen. Der Langnese-Werbespot und der RTL2-Mitarbeiter-Trailer arbeiten so. Beides, Angebote mit Momenten von Dekonstruktion und Eigeninterpretation, erscheint oft als humoristisches Element.

Bugs Bunny
Langnese-Werbespot
RTL2-Imagetrailer

Bugs Bunny

Tabelle 4

Bugs Bunny (Sat1, Samstag, 27.05.2000, 11.34 Uhr, Länge ca. 23 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 640.000 190.000 40.000 70.000 80.000
Marktanteil in % 13,5 26,0 27,5 25,5 25,6

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Die Zeichentickfigur Bugs Bunny sitzt an einem Zeichentisch und zeichnet eine kleine Animation vom Protagonisten des nächsten Cartoons, dem Vogel Tweety. Die Ente Duffy Duck schaut ihm über die Schulter. Während er zeichnet, leitet Bugs Bunny eine knappe Inhaltsangabe mit den Worten „Und jetzt kommt Tweety“ ein und gestaltet damit den Übergang zum nächsten Cartoon.

Zeichentrickfiguren können natürlich nicht zeichnen. Trotzdem wird bei dieser Szene auf witzige Art und Weise gezeigt, wie Zeichentrickfiguren und Animationen entstehen. Nebenbei machen die Bilder deutlich, wie der Arbeitsplatz eines Zeichners aussieht bzw. zur Entstehungszeit dieses Cartoons aussah. Dieser Teil der Sendung macht die Entstehung von animierten Zeichnungen durchschaubar, benennt das aber nicht explizit sondern benutzt es als selbstverständlichen Teil des Handlungsverlaufs.

Langnese Family Fun Packungen[9]
Eine Familie tanzt fröhlich in ihrer Küche, weil sie sich über die Family Fun Packung von Langnese freut. Eine männliche Stimme kommentiert die Bilder: „Diese Familie hat Spaß. Liegt es an den neuen Family Fun Packungen von Langnese? Den vielen verschiedenen Langnese Minis? Nein, die haben so viel Spaß, weil sie Schauspieler sind, die für diesen Werbespot bezahlt werden. Aber ihre Familie wird viel Spaß mit den Family Fun Packungen von Langnese haben. Nur wird sie dabei nicht so bescheuert aussehen. Die neuen Family Fun Packungen von Langnese. Die machen wirklich Spaß! Wirklich.“

Diese Form von Eigeninterpretation, die seine eigenen Produktionsbedingungen persifliert, ist eine witzige Form der Dekonstruktion. Die Zuschauer bekommen den Inszenierungscharakter gezeigt und dabei vermittelt, dass nicht das beworbene Produkt so viel Spaß erzeugt. Der Spot gibt nicht vor, eine echte Familie zu zeigen, sondern eine Gruppe von Leuten, die sich vorher wahrscheinlich nicht einmal kannten. Diese Leute bekommen Geld dafür, dass sie sich freuen und dabei lustig („bescheuert“) aussehen. Gleichzeitig bleibt die Botschaft bestehen, mit der Eispackung auch „Family Fun“ zu erwerben. Aus diesem Paradoxon bezieht der Spot einen Teil seines Witzes, den zu verstehen bei zuschauenden Kindern Genrekompetenz voraussetzt.

RTL2-Mitarbeiter-Trailer
In diesem Spot treten RTL2-Mitarbeiter auf. Sie haben große quadratische Schilder umgehängt, die mit dem RTL2-Logo bedruckt sind. Daniela A., Archivmitarbeiterin und ihre Kollegin erzählen den Zuschauern: „Die ganz großen Filme, die ganz großen Stars – RTL2 macht einfach Spaß.“

Spaß macht RTL2 offensichtlich auch seinen Mitarbeitern. Sie verkleiden sich mit dem Senderlogo und werben mit „großen Filmen“ und „großen Stars“. Die Zuschauer erkennen sofort: bei RTL2 ist Spaß Programm, und die Qualität ist dabei auf jeden Fall gewährleistet. Diese Botschaft über den Spaß, den ein Sender macht, ist auch dekonstruktiv angelegt. Die üblicherweise nie auf dem Bildschirm erscheinenden Mitarbeiter eines Senders sind weder „die ganz großen Stars“, noch werden sie als große Stars präsentiert. „Trash“ als Stilmittel dominiert den Spot und bildet einen Referenzrahmen, zu dem auch ein Spiel von Inszenierung und Wirklichkeit eines Senders, gekennzeichnet als Arbeitsort, hinzukommt.

1.1.3 Hinweisende und werbende Programmangebote
Medienkompetent fernsehen heißt auch, die formalen Ordnungs- und Orientierungsmöglichkeit, die das Fernsehen bietet, entschlüsseln und für sich nutzen zu können. Unter hinweisenden und werbenden Programmangeboten werden solche Elemente verstanden, die ohne kritische Absicht Hinweise auf Programmverbindungen und Nutzungsmöglichkeiten geben, wie z.B. Programm-Trailer und Trailer zu Medien- und Ereignisarrangements, Jugendschutzhinweise, Kinderflächen und Kinderkanäle, Sender- oder Sendungs-Logos.
Elemente mit Programm-Eigenwerbung und Hinweisen auf Medien- und Ereignisarrangements verweisen auf andere Programmangebote oder auf Konsumartikel im Sinne von "Bleib bei diesem Programm"/ "Kauf mich". Solange es sich nicht um Produktwerbung in entsprechend ausgewiesenen Werbeflächen dreht, fordern sie zum Handeln im Rahmen des Fernsehangebotes auf oder doch zumindest zum Handeln im Rahmen eines Medien- und Ereignisarrangements, das mit einem Fernsehangebot in Zusammenhang steht. Sie zeigen so den Zuschauern, dass es Verknüpfungen innerhalb des Mediums Fernsehen und zwischen dem Fernsehen und anderen Medien gibt. Zuschauer können diese Handlungsaufforderungen aufgreifen und sich mit den Angeboten ihr ganz persönliches Medien- und Ereignisarrangement gestalten.

Angebote zu Medien- und Ereignisarrangements
Programm-Trailer
Jugendschutzhinweise

Angebote zu Medien- und Ereignisarrangements
Programme zu Medien- und Ereignisarrangements werben für Produkte, die in Zusammenhang mit einer Fernsehsendung auf den Markt gebracht werden. Das kann z.B. das Buch zur Serie sein, die CD zum Film oder die Bettwäsche zur Soap. Als „Träger“ dieser Information werden Trailer genutzt, in denen Produkte beworben werden, aber auch ganze Sendungen, die auf aktuelle Kaufangebote oder ergänzende Sendungen hinweisen.[10]

Big Brother – Die Woche

Tabelle 5

Big Brother – Die Woche Teil 1 (RTL2, Sonntag, 28.05.2000, 20.15 Uhr, Länge ca. 10 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 2.560.000 280.000 40.000 60.000 170.000
Marktanteil in % 8,2 17,9 15,4 16,1 19,4

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Tabelle 6

Big Brother – Die Woche Teil 2 (RTL2, Sonntag, 28.05.2000, 20.32 Uhr, Länge ca. 20 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 3.290.000 340.000 60.000 80.000 200.000
Marktanteil in % 10,0 23,9 24,7 23,2 24,0

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Tabelle 7

Big Brother – Die Woche Teil 3 (RTL2, Sonntag, 28.05.2000, 20.59 Uhr, Länge ca. 16 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 3.500.000 290.000 50.000 70.000 180.000
Marktanteil in % 10,4 22,9 31,2 22,4 21,7

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Die Sendung Big Brother – Die Woche ist ein Zusammenschnitt prägnanter Szenen aus der Big Brother-WG, die aus der vorausgegangenen Woche stammen. Sie wird in einem Studio von einem jungen Mann moderiert. Er präsentiert Filmausschnitte aus der Fernseh-WG und interviewt Gäste.

Die Sendung Big Brother – Die Woche ist ein Zusammenschnitt prägnanter Szenen aus der Big Brother-WG, die aus der vorausgegangenen Woche stammen. Während dieses 6-Tage-Rückblicks (hier: Tag 83 bis Tag 88) fallen besonders die zwei Tage ins Auge, die in direktem Zusammenhang mit dem Medienarrangement um Big Brother stehen:
Am Tag 86 ihres Aufenthaltes in der Big Brother-WG haben die vier Bewohner im Sprechzimmer des Wohncontainers, das zu einem Tonstudio umfunktioniert wurde, den Gesang für eine CD geliefert, die kurze Zeit später im Handel erhältlich sein würde. Neben der Tatsache, dass hier die Entstehung einer Musik-CD ansatzweise gezeigt wird, handelt es sich bei der CD auch noch um ein Produkt, das zu dem Medienarrangement um Big Brother gehört und für das bereits mit seiner eigenen Entstehung geworben wird.
Tag 88. „Die Tagesaufgabe heute: Beim Big Brother-Computerspiel drei Millionen Punkte holen.“ Die Bewohnern, die seit ihrem Einzug in das Big Brother-Haus von allen Medien abgeschnitten waren, bekommen einen PC mit dem neuen Computerspiel zur Sendung. Das Spiel ist ebenso wie die CD im Handel erhältlich. Also hat diese Szene den Charakter von Werbung. Innerhalb einer Stunde wurden den Zuschauern integriert in den Programmkontext zwei Produkte von Big Brother präsentiert.
Daneben liefen in den Werbepausen der Sendung Big Brother – Die Woche Werbespots und Trailer, die Zuschauer mit zahlreichen Kauf- und Teilnahmeangeboten ansprechen. So wurden neben einer Big Brother-CD die Bücher „Zlatko – the brain“ und „Big Brother-Halbzeit“ sowie das Big Brother-Magazin angepriesen.
Wer hinter die Kulissen von Big Brother schauen möchte, wird auf Exclusiv – Die Reportage verwiesen. Und die Gesangskünste der Ex-Bewohner kann der interessierte Zuschauer bei der Sendung The Dome (entweder live vor Ort oder auf dem Bildschirm) bewundern.
Natürlich können die Zuschauer auch aktiv in die Handlung von Big Brother eingreifen, indem sie an der Nominierung[11] der Bewohner der Big Brother-WG teilnehmen. Zusätzlich bekommen sie den Hinweis auf die Sendung Call TV, in der sich Wissen über die Geschehnisse im Big Brother-Haus in einen Gewinn umsetzen lässt.
An dieser Stelle zeigt sich ein dichtes Geflecht von Verweisen, Programmangeboten und nicht rezeptiven Nutzungsformen wie per Telefon in Handlungen und Entscheidungen einzugreifen. Im Sinne des Medien- und Ereignisarrangements kompetente Zuschauer haben die Möglichkeit, sich aktiv an den Ereignissen einer Fernsehsendung, z.B. der sog. Nominierung von Kandidaten, zu beteiligen oder mit dem Wissen über die Sendung in einer anderen Sendung (Call TV) Geld und Sachpreise zu gewinnen. Explizites Wissen über die Produktion und Hintergründe im Sinne von „Making of“  bietet die Sendung Exclusiv – die Reportage.

Programm-Trailer
Programm-Trailer werben innerhalb eines Senders für das Programm des Senders. Sie haben verweisenden Charakter und möchten Zuschauer über das eigene Programm informieren, sie an den Sender binden und zum Zuschauen auffordern. Diese Art von Programmwerbung gibt Zuschauern schon lange vor Beginn einer Sendung Hinweise auf ihren Inhalt und den Ausstrahlungszeitpunkt. Unabhängig von Fernsehzeitungen, Videotext u.ä. bieten Sender ihren Zuschauern so die Möglichkeit, ihren Fernsehtag zu gestalten.[12]

Jugendschutzhinweise
Zu den explizit hinweisenden (nicht werbenden!) Programmangeboten zählen auch Jugendschutz-Trailer, die vor Sendungen platziert sind, die nicht für Zuschauer unter 16 Jahren bzw. nur für Zuschauer ab 18 Jahren geeignet sind. Diese Trailer vermitteln, werden sie isoliert betrachtet, sicherlich kaum Genrekompetenz, da Zuschauern lediglich der Hinweis gegeben wird, die folgende Sendung sei für eine bestimmte Altersgruppe nicht geeignet. Während herkömmliche Trailer durch die Bilder und den gesprochenen Text Zuschauern vorab eine Reflexion ermöglichen, bietet der Jugendschutztrailer genau diese Reflexionsmöglichkeit nicht. Er enthält weder Bilder noch einen Kommentar zu der auf ihn folgenden Sendung.
Jugendschutztrailer stecken zwar einen eindeutigen Bezugsrahmen ab, wecken aber bei Kindern möglicherweise das Interesse für etwas, das nicht für sie bestimmt ist, weil sie noch zu jung sind. Weil Kinder aber groß werden wollen, ist der Blick in ein Programm, das für die nächste Altersstufe gemacht ist, doch eher verlockend. Erst ein altersangemessenes Reflexionsangebot über das, was sich hinter der Altersbarriere verbirgt, könnte Kindern eventuell eine Hilfe bieten.

Kinderflächen und Kinderkanäle
Kinderflächen sind und beinhalten Programmangebote, die als für Kinder unbedenklich angesehen werden. Schon der Name einer Fläche, z.B. „Junior TV“, „K-RTL“ oder „Ravensburger TV“, gibt Kindern einen Einordnungsmaßstab, auf den sie vertrauen und nach dem sie sich orientieren können. Eltern wie Kinder können sich darauf verlassen, innerhalb solcher Kinderflächen nur Sendungen zu finden, die sich auch für Kinder eignen. Eltern können ihren Kindern also innerhalb der Fläche freie Programmauswahl gewähren und sie ohne Bedenken fernsehen lassen. Das gleiche gilt für das Programmangebot des Kinderkanals Ki.Ka.[13] Die Benennung einer Fläche bietet Kindern manchmal auch einen einfachen Rahmen für die Abgrenzung von Genres. So z.B. teilt der Name der Pro7 Fläche „Action-Trix“ den Zuschauern mit, dass sie Trickfilme zu sehen bekommen, die mit Action-Elementen angereichert sind.

 

1.2 Sendungen, die exemplarisch Diskurse führen und Argumentationshilfen geben
Nach den Angeboten, die sich mit dem Faktenwissen um technische Aspekte, Produktion und Anwendung von Medien befassen, gibt es Lernangebote zum Erwerb von Medienkompetenz, die medienrelevante Themen diskursiv behandeln. Dort werden nicht mehr nur natürliche Gegebenheiten erklärt oder gängige Normen und Werte vermittelt. In vielen Sendungen, vor allem im fiktionalen Bereich, werden unterschiedliche Standpunkte zu verschiedenen Bereichen der Medien präsentiert. Meistens sind sie in Diskussionen eingebettet, die von Kindern auf der einen und von Eltern auf der anderen Seite vertreten und geführt werden.
Diese Programmangebote begreifen Medien als Teil des Alltags. In diesem Alltag stehen sich zwei Parteien gegenüber: die Kinder- und die Elterngeneration. Beide haben unterschiedliche Vorstellungen von zunächst einmal Mediennutzung, bezogen auf die Präferenzen von Präsentationsform und Inhalt. Diese Divergenz in den ästhetischen Präferenzen ist Ausgangspunkt für Qualitätsdiskussionen, die sich um Lebensentwürfe mit großen Anteilen von Populärkultur (diese Seite vertreten die Kinder sicher und kompetent) und Hochkultur (von den Eltern vertreten) drehen. Welche sind die besseren? Welche werden sich durchsetzen? In den betrachteten Sendungen werden immer Kompromisslösungen gefunden, bei denen beide Parteien als Sieger hervorgehen. So diskutieren Lehrerin und Schüler in Die Pfefferkörner darüber, ob man anstelle eines Buches auch einen Film oder ein Computerspiel vorstellen und besprechen kann. Bei Norman Normal steht der Untergang der Welt bevor, weil im Fernsehen nur noch Dokumentationen ausgestrahlt werden, Pepper Anns Tante Janie lässt sich in den Bann gewalttätiger Videospiele ziehen und in Die Simpsons geht es um gewalthaltige Cartoons im Kinderprogramm.
Zuschauenden Kindern werden in solchen Programmen Argumentationshilfen gegeben und Kompromisslösungen geboten, die sie nutzen können, um ihre eigenen Medien- oder Fernsehpräferenzen ihren Eltern gegenüber durchzusetzen und sich so ihren Medienalltag im eigenen Rahmen sinnvoll zu gestalten.

Die Pfefferkörner
Norman Normal
Disney’s Pepper Ann
Die Simpsons

Die Pfefferkörner[14]

Folge:

Tabelle 8

Die Pfefferkörner (ARD, Samstag, 27.05.2000, 11.47 Uhr, Länge ca. 27 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 360.000 130.000 10.000 70.000 50.000
Marktanteil in % 7,5 17,4 8,6 23,1 16,1

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Tabelle 9

Die Pfefferkörner (KiKa, Samstag, 27.05.2000, 16.14 Uhr, Länge ca. 27 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 350.000 210.000 60.000 90.000 60.000
Marktanteil in % 3,4 25,8 52,4 30,2 14,5

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Tabelle 10

Die Pfefferkörner (ARD, Sonntag, 28.05.2000, 9.44 Uhr, Länge ca. 27 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 640.000 340.000 110.000 150.000 90.000
Marktanteil in % 11,5 31,7 41,2 34,0 23,2

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Tabelle 11

Die Pfefferkörner (WDR, Sonntag, 28.05.2000, 13.14 Uhr, Länge ca. 27 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 190.000 90.000 30.000 30.000 30.000
Marktanteil in % 1,9 8,9 15,2 7,7 6,9

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Fiete soll im Unterricht ein Buch vorstellen. Er steht auf, hat aber statt eines Buches den Videofilm „Hard to Kill 2“ dabei, über den er berichten möchte. Die Lehrerin ist erstaunt: „Fiete, Du solltest ein Buch vorstellen, und keinen Film.“ Fiete: „Es ist viel geiler als ein Buch.“ Nach einer kleineren Auseinandersetzung zwischen dem „harten“ Actionfilm-Liebhaber Fiete und dem „Weichei“ Cem, der Astrid Lindgren bevorzugt, möchte die Lehrerin den Unterricht fortsetzen: „Würdet Ihr bitte mit Eurer Buchvorstellung weitermachen? Vorausgesetzt es handelt sich um ein Buch, das ihr vorstellen wollt und nicht vielleicht um ein Computerspiel oder um eine abwaschbare Tischdecke.“ Die Szene wird durch einen Fahrraddiebstahl auf dem Schulhof unterbrochen, das Gespräch ist damit beendet.

Für die Lehrerin gibt es nur eine Art von Text, nämlich den, den Bücher enthalten. Sie setzt Filme und Computerspiele, also alle Nicht-Printmedien, mit einer Plastiktischdecke gleich. Für sie sind nur Bücher Medien. Fiete ist da aber ganz anderer Meinung. Er ist in der Lage, auch Filmtexte oder in Computerspielen angelegte Texte zu lesen. Diese Kompetenz besitzt die Lehrerin offensichtlich nicht, was für Fiete unverständlich ist. Leider ist er nicht wirklich in der Lage, der Lehrerin seinen Standpunkt zu vermitteln. Er kann nur werten und emotional reagieren. Somit hat die Lehrerin die Definitionsmacht. Da sich eine Diskussion erübrigt, endet die Szene auch völlig außerhalb des Themas Medien mit einem Fahrraddiebstahl. Obwohl der Dialog offen ausgeht, bekommen Zuschauern doch eine Idee vermittelt, alle Medien ließen sich als Text behandeln, den man „lesen“ können muss.
Fiete „liest“ den Text nicht nur, er versucht auch, Handlungselemente aus seinem Lieblingsfilm und Handlungsmuster des Helden in sein eigenes Handeln einzuflechten. Also plant er, einigen Gangstern, die mit Koks dealen, eine Falle zu stellen. Cem meint spöttisch: „Hard to Kill Teil zwei, was?“ und betitelt seinen Freund kurz darauf als „Fiete, der Terminator“. Cem ist klar, dass man nicht ohne weiteres und gefahrlos Charakterzüge oder Handlungsmuster seiner Actionhelden adaptieren darf, besonders dann nicht, wenn es sich um einen Film handelt, der mit Sicherheit nicht für Kinder ihres Alters gedacht ist. Das muss auch Fiete einsehen, nachdem er den Gangstern in die Falle gegangen ist. Fiete ist an die Grenze zwischen Realität und Fiktion gestoßen. Nach der Festnahme der Verbrecher und seiner Befreiung durch die Polizei zieht er das entsprechende Fazit: „Im Film sah das irgendwie immer cooler aus.“ Damit hat er den Genre-Kompetenzstand in Bezug auf Action-Filme erlangt, den sein Freund Cem schon lange hat, obwohl Cem Astrid Lindgrens Geschichten Action-Filmen vorzieht.

Norman Normal

Folge:

Tabelle 12

Norman Normal (SuperRTL, Dienstag, 30.05.2000, 17.23 Uhr, Länge ca. 23 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 400.000 270.000 40.000 140.000 80.000
Marktanteil in % 3,4 33,4 34,1 53,7 20,0

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Norman Normal plant, am Wochenende zusammen mit einem Mädchen, deren Freund er gerne wäre, den Film „Alien Canibalen“ anzuschauen. Doch der Bösewicht Zehnmalklug scheint Norman einen Strich durch die Rechnung zu machen. Er schaltet sich weltweit in alle Fernsehkanäle und strahlt ausschließlich Dokumentationen aus. Zehnmalklugs Verhalten hat einen Grund: Seine Eltern waren „Intelligenzbestien“, „hassten Fernsehen“ und ließen ihren Sohn nur „Dokumentationen, meistens Tier- und Naturfilme“ anschauen. Als Zehnmalklug irgendwann etwas anderes ansah, bekam er Fernsehverbot. Norman Normal kommentiert diese Maßnahme mit „Kein Wunder, dass er durchdrehte.“ Zehnmalklug beschloss, sich zu rächen, und aller Welt Lernprogramme zu zeigen. „Eines Tages werdet ihr es mir danken.“ Aber die Menschen waren nicht dankbar. Sie waren stinksauer. Norman Normal berichtet, dass Leute ohne Werbung plötzlich Probleme beim Einkaufen hatten; „Stubenhocker“ starrten aus lauter Verzweiflung auf die Waschmaschine.
Mit einem Mal stand der Weltfrieden auf dem Spiel, woraufhin die Weltbevölkerung versuchte, „etwas zu unternehmen, wie man das aus alten Science Fiction Filmen kennt“.
Um zu Zehnmalklug Kontakt zu knüpfen und ihm das Handwerk zu legen, gibt sich Norman Normal als interessierter Dokumentationsseher aus. Während ihm dieser Plan Zugang zu Zehnmalklug verschafft, verliert er durch ihn seine Angebetete, die keinerlei Interesse an Lernprogrammen hat. Doch zeigt prompt ein anderes Mädchen, Pamela, Interesse an Norman. Sie hat vor, mit ihm die „Gefahr der Massenmedien“ zu diskutieren und vertritt die Ansicht: „Fernsehen verdirbt uns.“ Für sie scheint, im Gegensatz zu anderen, Norman kein „irrer Freak, der Fernsehen ablehnt“ zu sein.
Nachdem Zehnmalklug schließlich ausgeschaltet wurde, nimmt das Fernsehprogramm und somit das Leben wieder seinen gewohnten Lauf. Norman kann, wie geplant, den Film „Alien Canibalen“ ansehen, zusammen mit Pamela. Obwohl sie sich während des Films ein Kissen vor das Gesicht hält, hat ihr der Fernsehnachmittag mit Norman doch sehr gut gefallen. Sie küsst Norman auf die Wange und schlägt vor, mal wieder gemeinsam zu „glotzen“.

In Norman Normal wird die Diskussion geführt, ob Fernsehen nur als Lehrmittel eingesetzt werden sollte oder ob jeder all das ansehen darf, was er sehen möchte. Nachdem beide Standpunkte diskutiert wurden, kommt Norman Normal zu dem Schluss, dass es nicht gut ist, wenn Eltern Fernsehen nur als Lehr- und Restriktionsmittel einzusetzen, sondern dass ein wesentliches Merkmal von Fernsehen sein soziales Moment ist. Innerhalb dieser Diskussion wird auch dargestellt, dass Fernsehen alltägliche Kompetenzen vermitteln kann. Der Begriff Kompetenz ist nicht nur auf die gezielte Aneignung von theoretischem Wissen zu beziehen, sondern auch auf die Fähigkeit, sein Leben zu meistern. Als Beispiel führt Norman die Werbung an: Ohne Werbung bekämen die Leute plötzlich Probleme beim Einkaufen. Es fiele ihnen schwer, sich in der Konsumwelt zu orientieren. Somit sind nicht nur Lernprogramme wichtig. Auch so scheinbar unwesentliche Elemente wie die Werbung machen Sinn und geben eine Orientierungsmöglichkeit für den Alltag.
Doch grundsätzlich ist Fernsehen für Norman ein Mittel, um zwischenmenschliche Beziehungen zu knüpfen. Es bietet einen gemeinsamen Bezugspunkt. Für Norman und Zehnmalklug bildet ein Lernprogramm den gemeinsamer Bezugspunkt, für Norman und Pamela der Alien-Film. Norman Normal hat also das Fernsehen in sein Leben integriert, es ist Teil seiner Lebenswelt. Er nutzt es, um Beziehungen aufzubauen und sein Leben zu gestalten. Medien werden hier im engeren Wortsinn als Vermittler zwischen zwei Menschen eingesetzt und als ein Mittel, ein Ziel zu erreichen.
Einen weiteren Aspekt von Medien- und Genrekompetenz bringt Pamela ins Spiel. Sie scheint nicht sehr fernseherfahren zu sein und war bisher wohl eher selten mit „Alien“-Filmen konfrontiert. Sie hat, im Gegensatz zu Norman, keine Genrekompetenz, was Alien-Filme betrifft. Pamela hält sich also während des Films das Kissen vor das Gesicht und nimmt es erst wieder herunter, als der Film zu Ende ist und der Abspann beginnt. Diese Szene ermutigt Kinder, Angst zu zeigen und sich zu erlauben wegzuschauen. Mit diesen Möglichkeiten gefällt Pamela der Fernsehnachmittag, insbesondere weil sie das gemeinsame Fernsehen für sich entdeckt.

Disney’s Pepper Ann

Folge: „Soldat Janie“

Tabelle 13

Disney’s Pepper Ann (RTL, Samstag, 27.05.2000, 8.22 Uhr, Länge ca. 22 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 270.000 190.000 10.000 60.000 130.000
Marktanteil in % 8,9 19,6 5,0 12,7 36,0

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Tabelle 14

Disney’s Pepper Ann (RTL, Sonntag, 28.05.2000, 6.11 Uhr, Länge ca. 22 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 80.000 10.000 0 0 10.000
Marktanteil in % 8,0 19,2 1,3 5,8 35,6

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Pepper Anns Tante Janie möchte eine Studie über Gewalt in Videospielen machen, um „die Jugend von heute zu retten“. Zu diesem Zweck besorgt sie sich eine Spielekonsole. Pepper Ann ist begeistert, dass sie nun „128 Megabytes knallharte, hirnzellenfressende Action“ zu Hause stehen hat. Pepper Ann kennt sich gut mit diesen Dingen aus, da sie sie fast jeden Tag bei ihrem Freund Dieter spielt. Sie berät ihre Tante Janie, welches der Spiele, die sie mitgebracht hat, am besten sei. „Cuba Libre“ und „Anschlag der Profikiller“ können neben „Kampfmaschine“ nicht bestehen. Die Beschreibung verspricht Action: „Ein knallharter Exelitesoldat setzt sich über die UN-Friedensinitiative weg und führt einen Einmann-Krieg gegen den finsteren General Zohn.“
Tante Janie ist erstaunt: „So etwas spielen Kinder?“ Pepper Ann versucht, sie zu beschwichtigen: „Reg dich ab, Tante Janie, das sind doch alles nur Spiele. Es passiert nicht wirklich.“ Doch die Tante ist der Ansicht, dass die ganze Gewalt „... zwangsläufig einen schlechten Einfluss auf die Jugend von heute ausüben ...“ muss. Pepper Ann zeigt sich mit dieser Vermutung nicht einverstanden: „Ich weiß nur, dass ich mir schon seit meiner Geburt solche Videospiele reinziehe. Und findest du etwa nicht, dass ich eine normale, wohlgeratene Jugendliche bin?“
Während Pepper Ann versucht, zum letzten Level zu gelangen und den Endkampf gegen General Zohn zu führen, verfolgt Tante Janie aufmerksam vom Sofa aus das Spiel und macht sich Notizen. Sie erkundigt sich nach der Zahl der Toten. Pepper Ann kann sie ihr noch nicht nennen, da die biologischen Kampfwaffen gerade erst abgefeuert wurden und der Wind das Giftgas erst verteilen muss.
Pepper Ann fordert ihre Tante auf, mitzuspielen, da sie keine Studie über Gewaltspiele machen könne, ohne selbst gespielt zu haben. Tante Janie zögert, da sie fast ihr ganzes Leben damit verbracht hat, gegen „sinnlose Gewalt wie diese“ zu demonstrieren. Ihre Generation wollte Liebe, Frieden und Güte verbreiten. Pepper Ann entgegnet: „Güte ist was für Schwächlinge“, und die beiden beginnen zu spielen.
Tante Janie ist sofort hingerissen von dem Spiel und schießt mit möglichst wirkungsvollen Waffen auf ihre virtuellen Gegner: „Ich werde diesen Kerlen den Hintern grillen!“ Als ihre Schwester sie auffordert, nach Hause zu ihrer Familie zu gehen, entgegnet Janie: „Gleich, wenn ich auf Level 8 aufgeräumt – äh, recherchiert habe.“
Am nächsten Tag trifft Pepper Ann sich mit einer Freundin und erzählt ihr, dass Tante Janie die ganze Nacht „durchgeballert“ hat. Ihre Freundin erklärt Pepper Ann: „Es gibt Untersuchungen die nahe legen, dass selbst fiktive Gewalthandlungen desensibilisierend wirken können ... Das heißt, wenn man ihnen vermehrt ausgesetzt ist, kann einen das unempfindlich gegenüber tatsächlicher Gewalt machen. Die Grenze zwischen Phantasie und Realität wird verschwommen.“
Wieder zu Hause wird Pepper Ann von ihrer Tante sofort wieder in das Spiel eingebunden: „Wir streichen dieses Dorf in meiner Lieblingsfarbe an, Feuersturm Rot.“ Einige Zeit später schlägt Pepper Ann ihrer Tante Janie vor, eine Pause einzulegen und frische Luft zu schnappen. Tante Janie stimmt zu und beschließt, einen „Versorgungseinsatz“ zu machen.
Beim Einkaufen verhält Tante Janie sich anderen Leuten gegenüber sehr schroff und droht, sie „umzunieten“. Nachdem Proviant eingekauft ist und die „Truppe“ durch Pepper Anns Freund Milow verstärkt wurde, will Tante Janie die „Feuerkraft verstärken“ und kauft drei Computergewehre.
Nach weiteren Stunden mit dem Spiel möchte Milow aufhören, da er das „Geballer“ nicht mehr aushält. Tante Janie kennt jedoch keine Gnade und lässt ihn reale Liegestütze machen. Einige Zeit später eliminiert sie kurzerhand die verletzte Computerfigur von Milow. Pepper Ann (deren Spielfigur im Computer genauso aussieht wie sie in real) fragt ihre Tante (im Spiel) besorgt: „Gibst du nichts mehr auf Frieden, Liebe und Güte?“ Diese Frage bleibt unbeantwortet, da sie kurz vor General Zohns Quartier stehen. Pepper Ann wird verletzt, und Tante Janie lässt sie trotz Bitten zurück. Doch Pepper Ann schafft es, Tante Janie kurz vor dem Sieg über den General davon zu überzeugen, dass sie zu weit gegangen ist, wenn sie nicht mehr in der Lage ist, einer verletzten Person zu helfen, die ihr nahe steht – worauf hin Tante Janie einlenkt und das Spiel beiseite legt.
Der Vortrag über Gewaltspiele ist gut besucht. Tante Janie berichtet: „Gewalt in Videospielen mag fiktiv sein, es sind nur Piepser und Punkte auf dem Bildschirm, aber wenn wir uns in diese Gewalt zu sehr hineinsteigern, kann sie auf unser Alltagsleben übergreifen und darin zur Realität werden.“
Nach dem Vortrag tritt eine ältere Frau an Tante Janie heran und möchte sie für ihr nächstes Projekt begeistern: „Gewalt in Zeichentrickfilmen. Hach, das ist ja so fürchterlich! Bomben sprengen niedliche Häschen in die Luft, Dampfwalzen machen kleine Entchen platt.“ Doch Tante Janie und die anderen am Gewaltprojekt beteiligten wollen davon nichts mehr wissen.

In dieser Folge von Disney’s Pepper Ann wird grundsätzlich eine aktive, differenzierte Medienaneignung der Rezipienten unterstellt, gleichzeitig aber das Gegenmodell – Tante Janie hat diese Rolle – einer mimetischen, einer passiven Rezeption dargestellt: Tante Janie wird vor dem Videospiel zum virtuell mordenden Monster, dessen höchstes Ziel es ist, möglichst effektiv seine Computergegner zu beseitigen. Für Pepper Ann, die jahrelange Erfahrung mit solchen Spielen hat, gestaltet sich die Lage anders. Sie hat den Ehrgeiz, zum höchsten Level zu gelangen (was bis dorthin noch keiner ihrer Freunde und Bekannten geschafft hat) und mit dem Sieg über General Zohn das Spiel erfolgreich zu beenden. Dabei die virtuellen Gegner zu töten ist für sie lediglich Mittel zum Zweck, und der Ausdruck „hirnzellenfressende Action“ ist eher ironisch gemeint, erfordert es doch eine enorme Denkleistung, solch ein Spiel erfolgreich zu beenden.
Tante Janie hat dagegen relativ schnell damit begonnen, die virtuelle Computerwelt mit der realen Welt zu vermischen. Daraus entstehen Situationen wie Übergriffe auf andere Leute beim Einkaufen und Milow muss reale Liegestützen machen, weil er im Computerspiel versagt. Das Wohnzimmer wird nach und nach zum verwüsteten Kampfschauplatz, wobei Milow wegen des „Geballers“, das er nicht mehr ertragen kann, nach eigener Aussage fast ein Kriegstrauma bekommt.
Diese Folge spiegelt den Diskurs um Gewaltspiele wieder, bei dem auch ein Generationenunterschied thematisiert wird. Tante Janie als Vertreterin der 68er-Bewegung mit einer grundlegenden Skepsis gegenüber Technik und gewalttätigen Videospielen steht gegen Pepper Ann, ein Kind der 90er, das mit Medien aufgewachsen ist und die entsprechende Medien- und Genrekompetenz besitzt, zwischen virtueller und realer Gewalt zu unterscheiden. Letztendlich durchläuft auch Tante Janie einen „Crashkurs“ zur Genrekompetenz in Sachen gewalthaltiger Videospiele, ein Lernprozess, für den Pepper Ann ihr Leben lang Zeit hatte.
Das Gespräch zwischen Pepper Ann und ihrer Freundin, die als Protagonistin einer wissenschaftlichen Argumentation auftritt, will die doch recht skurrile Situation um Tante Janie ansatzweise theoretisch erläutern, indem mit Bezug auf Wissenschaft eine einleuchtende Position zum Thema Gewalt in Computerspielen präsentiert wird. Damit bekommen die Zuschauer die Thematik der Folge deutlich erläutert, ja fast aufgedrängt. Entsprechend ist auch das Fazit aus Tante Janies Vortrag angelegt: „Gewalt in Videospielen mag fiktiv sein, es sind nur Piepser und Punkte auf dem Bildschirm. Aber wenn wir uns in diese Gewalt zu sehr hineinsteigern, kann sie auf unser Alltagsleben übergreifen und darin zur Realität werden.“ Diese Feststellung ist für Kinder sicher akzeptabel. Allerdings wird diese optimistische Betrachtung relativiert durch das anschließende Verhalten der Protagonisten, die sich doch lieber nicht auf eine Studie über Gewalt in Zeichentrickfilmen einlassen wollen. Letztlich bietet die Sendung als Fazit an, Medien seien als solches nicht schlecht, böse oder gewalttätig, vielmehr entscheidet die Art der Nutzung und damit die Nutzer (mit ihrer Genrekompetenz) darüber, wie Medien wirken.

Die Simpsons

Folge: „Das Fernsehen ist an allem Schuld“[15]

Tabelle 15

Die Simpsons (Pro 7, Sonntag, 08.04.2001, 10.41 Uhr, Länge ca. 22 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 770.000 170.000 20.000 60.000 90.000
Marktanteil in % 11,6 18,7 19,6 14,6 22,9

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2001

Maggie, das Baby der Familie Simpson, überrascht ihren Vater Homer im Keller und schlägt ihn von hinten mit einem Holzhammer nieder. Mutter Marge fragt sich zunächst ratlos, wie ein unschuldiges Kind auf den Gedanken kommt, seinen Vater mit einem Hammer nieder zu schlagen. An dem „irren Blick“ der Tochter und dem Versuch, ihren Vater beim Sehen eines gewalthaltigen Cartoons im Fernsehen mit einem Bleistift zu stechen, ist nach Erkenntnis der Mutter das Fernsehen schuld. Marge schaltet den Fernseher ab und verbietet ihren Kindern, weiterhin Zeichentrickfilme anzuschauen. Die Tochter Lisa argumentiert: „Wenn du uns die Trickfilme verbietest, wachsen wir ohne Sinn für Humor auf  und werden zu Robotern.“ Doch vergeblich.
Die Kinder in der Schule bekommen schnell von dem Cartoonverbot mit und sprechen Bart wirklich ernst gemeint ihr Beileid aus. Als Ausweichstrategie biete Millhouse seinem Freund Bart an, bei ihm zu Hause „Die Itchy & Scratchy-Show“, Anlass des Verbots, anzuschauen. Lisa macht das gleiche bei ihrer Freundin und Marge wundert sich, warum ihre Kinder in letzter Zeit so spät aus der Schule kommen.
Währenddessen schaut sich Marge Trickfilme an. „Ich katalogisiere die Grausamkeiten in diesen Cartoons. Es hat sich wohl noch kein Erwachsener die Mühe gemacht, sich die Dinger mal genau anzusehen.“ Blutige Szenen kommentiert sie mit: „Wie abartig muss ein Mensch sein, um so was komisch zu finden?“. Homer lacht im Hintergrund. Sie fragt sich, ob das wirklich angemessene Unterhaltung für junge, noch leicht zu beeinflussende Menschen sei und schreibt an die „Produzenten von sinnloser Gewalt“, dass derartige Zeichentrickfilme das Verhalten der Kinder auf sehr negative Weise beeinflussen. „Bitte versuchen sie, diese psychotische Gewalt zu verhindern.“
Marge initiiert Demonstrationen vor dem Produktionsstudio von Itchy & Scratchy. „Mein Kreuzzug gegen die Verherrlichung von Gewaltszenen im Trickfilm.“ Der Zulauf von „betroffenen“ Eltern ist groß. Die Produzenten wollen Marge beseitigen. Die Vorschläge sind cartoonreif: „Einen Amboss werfen.“, „Ihr ein Klavier über den Kopf hauen.“, „Vollstopfen mit TNT, ein Streichholz dranhalten und weglaufen.“ Ein Zeichner schaut aus dem Fenster und sieht Marge, die ruft: „Wir alle wollen wesentlich weniger Gewalt im Kinderprogramm!“ Er meint dazu: „Die Frau ist komisch.“ und fängt an, Marge zu zeichnen. In der nächsten Folge von „Itchy & Scratchy“ spielt dann auch prompt ein Eichhörnchen mit, das die gleiche Frisur wie Marge trägt. Ihm wird von Itchy und Scratchy der Kopf abgeschlagen und Marge kommentiert die Szene mit den Worten: „So viel unnötige Brutalität.“
Marge ist Gast in einer Talkshow, das Thema lautet „Sind Trickfilme zu gewalttätig für Kinder?“ Bei Recherchen ist der Produzent der Zeichentrickserie darauf gestoßen, dass es Gewalt schon lange vor Zeichentrickprogrammen gab, z.B. Kreuzzüge – über lange Zeit hinweg und mit vielen Toten. Selbst der Psychiater, der als Experte zugeschaltet ist, vergnügt sich mit Zeichentrickfilmen und hat wissenschaftlich nichts gegen sie einzuwenden. Die engagierte Mutter nutzt die Gelegenheit einer großen Öffentlichkeit und ruft die Eltern dazu auf, den Produzenten schriftlich ihre Bendenken gewalthaltigen Cartoons gegenüber mitzuteilen.
Sehr viele Menschen folgen Marges Aufruf, und dank Marge ist Gewalt nun „moralisch verwerflich“.  Itchy und Scratchy müssen nun Kuchen miteinander teilen und sich gegenseitig Limonade anbieten, anstatt sich gegenseitig niederzumetzeln. Lisa kommentiert: „Tja, die Sache hat ja wohl jeden Biss verloren.“ Marge meint, dass die Sendung in ihrem neuen Design jetzt eine sehr menschenfreundliche Botschaft rüberbringen würde – und Maggie bietet ihrem Vater prompt ein Glas Limo an. Bart und Lisa wollen nicht mehr sehen. „Vielleicht gibt es auf diesem Planeten was Besseres zu tun.“
Alle Kinder gehen aus den Häuser, reiben sich die Augen, treffen sich auf den Straßen und Wiesen und spielen miteinander. Im Hintergrund läuft klassische Musik, der Anfang der 6. Symphonie von Beethoven. Die Kinder fangen Fische, beobachten Vögel, machen ihre Seifenkisten startklar Zu Hause sind sie höflich und räumen nach dem Essen ihr Geschirr weg. Homer ist fasziniert von den artigen Kindern und begrüßt das „Goldene Zeitalter“. Das alles würden die Eltern Marge verdanken, sie habe die Welt verbessert.
Zur gleichen Zeit wird in Florenz Michelangelos „David“ verpackt, um u.a. nach Springfield gebracht zu werden. Doch die Bürger dort protestieren gegen dieses Kunstwerk: „Nieder mit David!“ Sie wollen auch Marge zum Protest bewegen: „Marge, du musst unseren Protestzug anführen gegen diesen Schweinkram.“ Marge entgegnet: „Aber das ist Michelangelos David, das ist ein Meisterwerk.“ „Eine Schweinerei! Stellt plastisch Teile des menschlichen Körpers dar, die, so praktisch sie auch sein mögen, böse sind.“ Marge: „Aber ich mag diese Statue.“ „Hab ich doch gesagt: bei einem nackten Mann wird sie schwach.“
„Ist es ein Meisterwerk oder nur ein Kerl, der die Hosen runterlässt?“ ist das Thema der nächsten Talkshow, in die auch Marge eingeladen wurde. Sie persönlich hat gegen dieses Kunstwerk keinerlei Einwände. Wie aber kann Marge für eine Form der künstlerischen Freiheit sein wie bei David und gegen eine andere wie bei Itchy und Scratchy? Marge findet keine Argumente und gibt sich geschlagen.
Die Kinder sitzen wieder vor dem Fernseher und wieder macht Maggie nach, was sie dort sieht. Was die Eltern nun stört ist nicht mehr der Fernsehkonsum, sondern die Tatsache, dass die Kinder lieber zusehen, wie Katz und Maus sich die Bäuche aufschlitzen, anstatt ein großes Kunstwerk anzuschauen. Doch zum Glück, und das macht Marge und Homer wieder froh, „zwingt“ die Springfielder Grundschule die Kinder in den nächsten Tagen, ins Museum zu gehen.[16]

Die Folge der Simpsons „Das Fernsehen ist an allem Schuld“ führt in drei Stufen einen Diskurs über Populär- und Hochkultur. Ausgehend von gewalthaltigen Cartoons im Kinderprogramm gelangt er über die Darstellung von Kindheitskonzepten zu der Gegenüberstellung von Populärkultur und Hochkultur. Gewaltdarstellungen in den Medien dienen als Aufhänger für eine Diskussion um Kindheit, Ästhetik und Kultur.
Zunächst wird das Baby Maggie als Beispiel für ein mimetisches Rezeptionsmodell hingestellt. Sie imitiert, was sie im Fernsehen sieht, ohne über ihr Handeln nachzudenken – in diesem Alter sowieso unwahrscheinlich. Marge geht entschlossen gegen „diese psychotische Gewalt“ vor und nutzt in ihrem Aktivismus wie selbstverständlich Medien (Plakate, Briefe), startet sogar mit Erfolg einen Aufruf über das Fernsehen. Sie erreicht zahlreiche Eltern, die, so scheint es, das Fernsehen ebenso wie diverse Printmedien zur Information und darüber hinaus zur Kommunikation, zur Mitteilung von Interessen nutzen, zur Beteiligung an der öffentlichen Diskussion – im Gegensatz zu ihren Kindern, die sich bevorzugt gewalthaltige Cartoons zur Unterhaltung reinziehen. Weil die Eltern nicht mit diesem Programm umgehen können, verbieten sie es ihren Schützlingen. Ganz im Sinne von Kinder- und Jugendmedienschutz. Die Kinder hingegen besitzen ein hohes Maß an Genrekompetenz und wissen, dass diese Art von Gewaltdarstellungen nicht zu Gewalttaten auffordert oder führt, sondern der Unterhaltung und darüber, so Lisa, der Ausbildung eines heiteren menschlichen Charakters dient. Gewalt in Cartoons stumpft nach Lisas Ansicht eben nicht ab oder macht zu gefühllosen Robotern: „Wenn du uns die Trickfilme verbietest, wachsen wir ohne Sinn für Humor auf und werden zu Robotern.“
Welche möglichen Konzepte von Kindheit existieren und wie Eltern sich eine Kindheit gerne wünschen, auch das wird behandelt. Für die Kinder um Bart und Lisa herum gehört es zum Alltag, sich nach der Schule Cartoons anzuschauen. Sie sind sich einig, dass ein Cartoon-Verbot nicht in Ordnung ist und entwickeln gemeinsam erfolgreich Strategien, um doch noch zu ihrer täglichen Folge von Itchy und Scratchy[17] zu kommen. Nachdem „Die Itchy & Scratchy-Show“ zu einem Programm geworden ist, das nun eine menschenfreundliche Botschaft vermittelt, es nach Lisas Ansicht jedoch jeglichen Biss verloren hat, erwachen die Kinder aus ihrem Fernseh-Tran und treten hinaus in die freie Natur. Wie hypnotisiert („... und werden zu Robotern.“) gehen sie Aktivitäten nach, die zusammen mit der klassischen Musik im Hintergrund schon antiquiert scheinen. Filmzitate aus „Huckleberry Finn“ unterstreichen diesen Eindruck. Der elterliche Wunsch nach einer behüteten, friedvollen und medienfreien Kindheit in der Natur, Beethovens 6. markiert das deutlich,  scheint in Erfüllung gegangen zu sein. Zudem entwickeln sich die lieben Kleinen zu höflichen und hilfsbereiten Kindern.
Mit Michelangelos „David“ wird der Diskurs auf die nächste Ebene gehoben: Populär-/ Massenkultur, vertreten vom Fernsehen, steht der Hochkultur in Form von Michelangelos „David“ gegenüber. Niemand kann schlagkräftige Argumente für die schönen Künste der Hochkultur und gegen gewalthaltige und ordinäre massenkulturelle Cartoons vorbringen, womit Cartoons-Sehen wieder gestattet wäre. Das scheint sicherlich nicht die schlechteste Lösung zu sein. Zumindest nutzen die Eltern ihre Machtposition nicht aus und beharren auf das Verbot. An dieser Stelle zeichnet sich ab, dass Genrekompetenzen – sowohl das Wissen um den Umgang mit gewalthaltigen Cartoons als auch um den mit „David“ – Gegenstand eines Qualitätsdiskurses sind, der letztlich von ungleichen Gegnern mit ungleichen Waffen geschlagen wird: Zwei Generationen mit unterschiedlichen ästhetischen Präferenzen und Lebensentwürfen. Die Kinder haben Fernsehvorlieben und Genrekompetenzen, mit denen sich gewalthaltigen Fernsehangebote arrangieren lassen. Diese ästhetischen Präferenzen spiegeln sich in ihren kindlichen Lebensentwürfen wieder. Hier ist es ein Lebensentwurf, der mit den Angeboten der Massenmedien erfolgreich, oder für die Kinder zumindest doch zufriedenstellend, organisiert wird. Bei den Simpsons haben die Eltern das verstanden. Und zudem schaffen sie es doch noch, ihren Kindern im Rahmen eines Schulausfluges einen Teil ihres Lebens- und Kulturkonzeptes, das Kompetenzen im Umgang mit den Angeboten der sog. Hochkultur verlangt, nahe zu bringen und sie von der Glotze weg in ein Museum zu führen – zum „Sehen“ und nicht zum „Zusehen“.

 

Kinder werden als medien- und genrekompetente Teilnehmer an gesellschaftlichen Diskursen gezeigt
In allen vier Sendungen wird deutlich, dass, bezogen auf Medien, Qualitätsdiskussionen ihren Ursprung in den Genrekompetenzen der Kinder und den nicht vorhandenen Genrekompetenzen der Eltern haben. Was die Pfefferkörner nur erahnen lassen, diskutieren die Simpsons voll aus: Die ästhetische Präferenzen der beiden Generationen Eltern und Kinder stimmen nicht überein. An ihnen hängen Konzepte von Kindheit, Lebensgestaltung, Kultur. Die Kinder schaffen es in den betrachteten Sendungen meistens, sich ihrer Elterngeneration gegenüber durch selbstbezogene und reflektierte Argumente und Aussagen zu behaupten. Sie sind in der Lage, massenmediale Angebote sinnstiftend in ihr Leben und ihren Alltag zu integrieren und zeigen den Erwachsenen auf diese Art, dass v.a. Fernsehen nicht zwangsläufig schlecht, bösartig und gewalttätig macht. Und die Eltern führen ihre Kinder über die Schule an ihre Vorstellungen von Kultur, die der Hochkultur entsprechen, heran. Den Zuschauern werden also Diskussionen geboten, bei denen sich die Kinder und Jugendlichen als medien- und genrekompetent erweisen und diese Kompetenzen auch nutzen, um an gesellschaftlichen Teildiskursen teilzunehmen und ihr Leben zu gestalten.

 

1.3 Sendungen, die Gestaltungsbeispiele geben
Neben den Angeboten, die im weiteren Sinne als explizite Lernangebote bezeichnet werden können und denen, die diskursiv angelegt sind, gibt es eine weitere Gruppe von Sendungen, in der Angebote zum Erwerb von Medien- und Genrekompetenz gemacht werden. Elemente, die dieser Gruppe zugeordnet werden können, bauen auf den Kompetenzen und Erfahrungen bzgl. Mediennutzung und Fernsehprogramm von Zuschauern auf. Sie spielen mit Intertextualität und gehen teilweise kreativ mit Medienzitaten um. In ihnen wird deutlich, wie massenmediale Angebote aufgegriffen und auch umgestaltet werden können: In einer Folge von Renaade werden unkritisch Medienzitate eingeflochten, indem unterschiedliche Gameshows aufgegriffen werden, bei Donald Duck wird der Umgang mit und der Nutzen von PCs und parodiert, in Die Wochenshow macht man sich über Politiker lustig, Moderatoren kommentieren in eigenen Formaten Sendungsausschnitte und Stefan Raab gestaltet in TV Total eine Wetteransage zu einem Rap um.

Renaade
Donald zwischen Bits und Bytes
Clip Mix
TV Total – Der Maxi Beaver Rap

Medienzitate sind unkritisch in die Sendung eingeflochten
Einige Sendungen bauen Medienzitate in die Handlung ein. Unkritisch sind diese Zitate oder auch intertextuellen Verweise, wenn sie als Teil der Sendung nicht kommentiert oder parodiert werden, sondern „wörtlich“ zitiert und gleichbedeutend eingesetzt sind.

Renaade

Tabelle 16

Renaade (SWR, Dienstag, 30.05.2000, 14.17 Uhr, Länge ca. 10 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 50.000 20.000 0 20.000 0
Marktanteil in % 0,6 2,0 0,3 4,2 0,8

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2000

Deutsche Zeichentrickserie um eine Gruppe von Kindern im Grundschulalter. In ihrem Alltag erleben sie kleinere Abenteuer. Die Hauptfigur ist Renaade Albers, ein pfiffiges Mädchen. Ihr bester Freund ist der zurückhaltende und kluge Peter „Pelle“ Pellemann und ihre „Rivalen“ sind die feine Vera Sanders und der grobschlächtige, dümmliche Wilhelm „Bully“ Bull.
In dieser Folge sind die vier Kinder Kandidaten in der Gameshow „Der Fisch zappelt im Netz“. Die Kinder müssen Fragen beantworten, Geschicklichkeitsspiele bestehen und Sportaufgaben bewerkstelligen. Bei ihrem Parcours durch das Studio und durch die Kulissen legen die Kids das Studio in Schutt und Asche. Trotz ihres energischen Einsatzes bekommt keine der beiden Gruppen die erhofften 100.00 DM, sondern sie werden mit Trostpreisen beschenkt.

Die Gameshow „Der Fisch zappelt im Netz“, in der Renaade und ihre Freunde Kandidaten sind, setzt sich aus mehreren Gameshow-Konzepten zusammen. Im Rahmen dieser Show ist die für den jeweiligen Typ von Gameshow charakteristische Komponente auf ein Spiel innerhalb von „Der Fisch zappelt im Netz“ verdichtet. Zuschauer, die mit möglichen Spielarten von Gameshows vertraut sind, erkennen, dass in Renaade Gameshow-Konzepte (z.B. sportlicher Wettbewerb, Denkaufgaben, Geschicklichkeitsspiele) zusammengefasst sind. Diese Folge von Renaade baut so Medienzitate in die Handlung ein, kommentiert sie dabei aber nicht, sondern nutzt sie im Sinne der Zitate.

 

Medienzitate und Medien werden parodiert
Programme, die Medienzitate parodieren, sind meistens im Bereich der Humorsendungen zu finden. Sie nehmen Zitate und bearbeiten sie. Dabei gibt es zahlreiche Formen. Die Wochenshow (Sat.1) z.B. greift sich aus dem Fernsehangebot Berichte oder Interviews von Politikern heraus und legt eine neue Tonspur darüber, Switch (Pro7) spielt Szenen nach und verändert sie dabei. Sendungen, die Medien parodieren, machen z.B. Anspielungen auf eine PC-Maus oder ein Betriebssystem für PCs. Diese Elemente sind in die Handlung eingebaut und werden ins Lächerliche gezogen. Die Sendungen spielen so mit dem Programmwissen der Zuschauer oder den Erfahrungen, die Mediennutzer vielleicht selbst schon einmal im Zusammenhang mit Medien gemacht haben.

Disney’s neue Micky Maus Geschichten - Donald zwischen Bits und Bytes

Tabelle 17

Disney’s neue Micky Maus Geschichten (RTL, Sonntag, 08.04.2001, 7.07 Uhr, Länge ca. 22 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 140.000 60.000 0 10.000 50.000
Marktanteil in % 8,5 26,6 0 10,1 53,6

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2001

Donald Duck beschließt, sich einen Computer zu kaufen, da ihn jeder als „Hinterweltler“ bezeichnet. Seine Freundin Daisy droht sogar damit, sich einen „moderneren“ Freund zu suchen, schafft Donald sich nicht bald einen PC an.
Als Donald Duck das Paket mit den Computerteilen bekommt und es öffnet, fliegen ihm die einzelnen Festplatten als Bauklötze mit aufgedruckten Buchstaben entgegen, und statt einer Computer-Maus steigt Micky Maus aus dem Karton. Stunden lang mit dem Aufbau des Rechners beschäftigt und doch nicht erfolgreich, schmeißt Donald den PC Wut entbrannt in die Mülltonne.
Daisy ruft an und fordert eine Email und ein gescanntes Foto von Donald. Er macht also noch einen Aufbauversuch und ist nach vielen Mühen endlich erfolgreich. Der Computer mit dem Betriebssystem „doors“ braucht ewig zum Hochfahren. Als er sein Foto einscannen will, wird er durch den Scanner in den Computer gezogen und erscheint als computergenerierte Ente auf dem Monitor. Eine Jagd über den Bildschirm beginnt. Donald wird vom Mauszeiger gehetzt und angestoßen von dem Cursor verändert sich Donalds Oberflächenfarbe und -beschaffenheit, dann landet er im Papierkorb, anschließend im Ordner „Eigene Dateien“. Über den Drucker kommt Donald endlich wieder frei, kann die Mail und das Foto verschicken und hat so die Beziehung zu seiner Freundin Daisy gerettet..

Der Witz entfaltet sich vollständig nur Zuschauern, die sich selbst schon einmal mit dem Aufbau eines Computers abgemüht haben und mit den Benennungen der Teile und den Eigenheiten des  gemeinten Betriebssystems vertraut sind.
Die Sendung spielt mit Möglichkeiten von Bildbearbeitung und Animation (als Donald von der Mouse über den Bildschirm gejagt wird und sich dabei seine Oberflächenstruktur und Farbgebung verändert), der Handhabung von Ordnern (Papierkorb, Eigene Dateien) und den Anwendung, die zur Kommunikation (e-Mails schreiben und verschicken, scannen, drucken, homepages erstellen) genutzt werden. Aus der Parodie über diese Bereiche schöpft die Sendung ihren Witz.
Sicherlich sind in dieser Folge auch kritische Momente zu finden, z.B. der Vorwurf an Donald, er sei ein „Hinterweltler“ oder Daisy’s Hinweis, sie suche sich einen „moderneren“ Freund. Leider geht der trottelige Donald darauf ein und gibt nach in der Hoffnung, nun nicht mehr als „Hinterweltler“, sondern als „modern“ angesehen zu werden. Wäre dies keine Parodie (ob Kinder das schon verstehen?), hätte vielleicht an dieser Stelle eine Lösungsmöglichkeit gezeigt werden können, bei der Donald sich auch ohne PC als Freund etabliert.

 

Medienzitate werden in eigenen Formaten kommentiert
In Sendungen, die in eigenen Formaten Medienzitate kommentieren, werden Ausschnitte beispielsweise aus Talkshows, dem Fernsehprogramm allgemein oder auch Werbespots in eigenen Formaten präsentiert, die mit der ursprünglichen Sendungsform der präsentierten Ausschnitte nichts zu tun haben. Im Rahmen der Ankündigung kommentieren die Moderatoren die Programmausschnitte. Dabei wird oft nicht ganz political correct auf Eigenschaften der Akteure hingewiesen und so ihre Persönlichkeit angegriffen – nur zur Unterhaltung ... In gewisser Weise lassen sich diese Angebote auch dem folgenden Bereich, der „Umgestaltung zu anderen Genres“, zuordnen, da z.B. Werbung aus ihrem ursprünglichen Kontext, nämlich dem der Kaufaufforderungen, herausgenommen und zur puren Unterhaltung genutzt wird (Die Witzigsten Werbespots der Welt, Sat.1). Die Sendung Talk Talk Talk (Pro7) präsentiert Ausschnitte aus Talkshows in einem eigenen Magazinformat, Clip Mix (Pro7) arbeitet ähnlich.

 

Medienzitate werden zu anderen Genres umgestaltet
Es gibt auch Programmelemente, die nicht im herkömmlich lehrenden Sinn Aneignungs- und Handlungsangebote von Medien oder Alltag zeigen, indem sie einen bestimmten Sachverhalt oder eine Thematik aufgreifen und sie erklären oder ein Thema diskursiv behandeln. „Traditionelle“ Angebote geben nach dieser Auffassung gängige und gesellschaftlich erprobte Meinungen über und Handhabungsweisen von Medien wider. Beispiele für „traditionelle“ Angebote wären in dem Sinne z.B. im Bereich der Vermittlung von Medienkompetenz Episoden aus Die Sendung mit der Maus, Norman Normal oder Disney’s Pepper Ann. Doch welche Elemente des Programmangebotes kommen als „nicht-traditionelle“ Angebote in Frage? Vermutlich sind es solche, die augenscheinlich „anders“ als „gewöhnlich“, kreativ sind, indem sie mit der potentiellen „Offenheit“ von Angeboten spielen; Elemente, die individuell unterschiedliche Lesarten von Fernseh-Text herausstellen und nicht, wie bei Lehr- oder Lernsendungen, normativ sind und thematisch selbstbezüglich keinen oder nur einen beschränkten (in Form von schlichter Infragestellung) Diskurs zulassen. „Nicht-traditionellen“ Angeboten könnte beispielsweise das Prinzip des „gestaltenden Rezipienten“ zugrunde liegen. Sie liefern keine Antworten oder Argumente, sondern machen ein Stück weit neugierig. „Es ist weder so noch so, sondern ganz anders.“ Die Faszination solcher Elemente entsteht möglicherweise aus der Spannung zwischen der eigentlichen Orientierungsabsicht der Sendung und ihrem absichtlichen anders-Verstehen durch die Rezipienten. Dabei wird Zuschauern sicherlich eine Menge an Genrekompetenz abverlangt, ein Mangel daran kann aber, wie Stefan Raab es ansatzweise versucht, durch z.B. Dekonstruktion aufgefangen werden.
Dass nun tatsächlich alle Genres prinzipiell so offen sind und individuell unterschiedliche Lesarten zulassen, dass aus ihrer Reproduktion ein völlig anderes Genre entstehen kann, zeigt Stefan Raab. Sein Maxi Beaver Rap soll hier exemplarisch für die Umgestaltung zu anderen Genres stehen, obwohl auch zahlreiche andere Sendungen wie z.B. Die Wochenshow ähnlich arbeiten.

Der Maxi Beaver Rap

Tabelle 19

TV Total (Pro 7, Donnerstag, 05.04.2001, 22.20 Uhr, Länge ca. 60 Minuten)
Zuschauergruppe Z 3+ Z 3-13 Z 3-5 Z 6-9 Z 10-13
Sehbeteiligung 2.180.000 100.000 0 10.000 90.000
Marktanteil in % 10,5 32,7 0 14,6 42,5

Quelle: BESTANDSAUFNAHME KINDERFERNSEHEN, AGF/ GfK PC#TV 2001

Stefan Raab weist seine Zuschauer darauf hin, dass ihm im Fernsehprogramm öfter einmal Worte oder kurze Sätze auffallen, die rhythmisch gesprochen sind. Um zu untermalen, was er meint, führt er als Beispiele das Wort „Maschen-Draht-Zaun“ (rhythmisch gesprochen) und den Satz „Hol’ mir mal ‚ne Flasche Bier“ (ebenfalls rhythmisiert) an. Nun habe er aber etwas entdeckt, das schon einer „Rede“ nahe komme: „Jetzt hab ich was gesehen im Fernsehen, da is es nicht nur ein Wort oder äh ein Satz, es ist, ja, es ist eine komplette, ja es ist ’ne komplette Rede, ja. Die äh einen ja sagen wir mal rhythmischen Anhaltspunkt für mich geboten hat. Ich zeig Ihnen das erst mal so. Schauen sie mal.“
Es folgt ein ca. 25 Sekunden langer Ausschnitt aus einer Wetteransage, die innerhalb des Morgenprogramms Punkt 6 bei RTL lief, gesprochen von Wettersprecherin Maxi Biewer. Sie steht im Studio vor einer großen Wand, auf der ein Stiefmütterchen in Nahaufnahme zu sehen ist, bevor das ganze Beet gezeigt wird, und kommentiert die Bilder wie folgt: „Guten Morgen, liebe Zuschauer. Wir sehen, hier passiert so einiges im Hintergrund. Das ist ein großes Stiefmütterchen. Gehen Sie spazieren machen Sie unanständige Dinge der Frühling ist da wie zum Beispiel Eisessen im Freien oder Frühjahrsputz – genießen Sie den Tag, es wird nämlich der schönste der Woche.“

Mit dem Ende dieses kurzen Filmchens beginnt Stefan Raab nun, sich über den „Rap-Flow“ von Maxi Biewer auszulassen und ihn mit dem Flow weltberühmter Rapper zu vergleichen. Er geht immer noch davon aus, dass nur wenige seiner Zuschauer verstanden haben, worum es ihm geht und gesteht ein, dass auch er sich den Film zweimal anschauen musste, bevor er die „rhythmische Zuordnung“ verstanden hatte. Dann möchte er den Film noch mal zeigen, diesmal mit rhythmischer Untermalung: „So, ich zeig’s Ihnen jetzt noch mal und ich shake Ihnen dazu mal den Takt, ja, damit Sie 'n bisschen näher an die Sache rankommen. Passen se mal auf.“
Stefan Raab ist in der linken Bildschirmhälfte zu sehen, in der rechten Bildhälfte steht ein Monitor, auf dem die eben gezeigte Wetteransage eingespielt wird. Stefan Raab sitzt auf seinem Stuhl und schlägt und schüttelt mit einem Rhythmusinstrument den Takt, während er gleichzeitig den Text der Wetteransage mitspricht.

Raab meint, es sei noch schwierig zu erkennen, worauf er abzielt. „Um das für Sie etwas transparenter zu machen, ja, habe ich mal eine, ja ein Stück Musik dazu produziert und mich mit in das Video reingebeamt. Schauen Sie mal, wie’s dann aussieht. Man muss - passen Sie genau auf. Hören Sie hin. Achtung jetzt.“
Links vorne im Bild steht Stefan Raab hinter einem Tisch mit Mischpult und Plattenteller, wie bei DJs üblich, gekleidet in einem Outfit, das ihn schnell dieser Gruppe zuordnen lässt. Maxi Biewer steht rechts schräg hinter ihm oder in der Mitte neben ihm (sie bewegt sich). Oben rechts im Bild ist die Uhrzeit zu sehen, zu der die Wetteransage bei RTL ausgestrahlt wurde (6:10:07, das RTL-Logo wurde ausretuschiert). Stefan Raab begrüßt Maxi Biewer mit den Worten: „Guten Morgen Maxi Biewer. Kick it!“, woraufhin sie die Zuschauer begrüßt: „Guten Morgen, liebe Zuschauer!“ Stefan Raab beginnt, die Musik laufen zu lassen, Maxi Biewer trägt ihren Text vor, Raab spricht immer wieder einzelne Wörter mit. Dabei bewegt er sich und gestikuliert synchron zu Maxi Biewer, klatscht sie auch ab. Der Filmausschnitt wird zurückgespult und kurz angehalten, währenddessen rapt Stefan Raab weiter. Der Filmausschnitt wird nochmal gezeigt, in der Musik findet kein Bruch statt. Am Schluss, die Textpassage vorbei, geht Maxi Biewer rückwärts auf die Wetterkarte zu und schwenkt ihren rechten Arm, Stefan Raab macht Maxi Biewers Gesten mit.

Stefan Raab: „Verstanden? So wird’s klar, oder? (Applaus) Maxi Biewer in the house, check it out! ... am Ende der Sendung zeigen wir’s Ihnen noch mal, damit Sie kapieren (lacht) wie das alles rhythmisch zusammengeht.“

Rhythmus als Beispiel für subjektive Themen und individuelle Aneignungs- und Handlungsmuster
Stefan Raabs Sinn für alltägliche Rhythmen, besonders für die der Sprache, ist bemerkenswert. Es scheint, als seien Musik und Rhythmus zwei seiner „Themen“, mit denen er ständig zu tun hat, die er sich immer wieder herausgreift und mit denen er seine Sendung gestaltet (Anzeichen für seine Vorliebe ist auch die Aufforderung an sein Publikum „Passen Sie genau auf. Hören Sie hin.“, nicht: „Sehen Sie hin.“). In seiner Rolle als Rezipient und Produzent ist Raab in der Lage, seinen Medienerlebnissen mit Medien in den Medien Ausdruck zu verleihen. Bei dieser seiner Art, Mediendiskurse zu führen, bedient er sich alltagsästhetischer und populärkultureller Mittel wie z.B. Rap-Musik. Dabei entstehen Lieder wie „Maschendrahtzaun“ und „Hol’ mir mal 'ne Flasche Bier“. Innerhalb der Sendung TV-Total zeigte Raab Anfang April 2001 eine weitere multimediale Komposition: Den Maxi Beaver Rap[18]. Wie früher schon bei anderen Szenen identifiziert Raab auch bei der Wetteransage auf RTL einen Rhythmus in der Sprache und hebt ihn mittels Taktschlag und Musik hervor. Mit dem Rap zeigt er mögliche Aneignungs- und Umgangsweisen von alltäglichen Rhythmen und darüber von Fernsehprogramm. Er gibt quasi die Anleitung zur individuellen Rezeption von Fernsehprogramm und stellt herkömmliche Möglichkeiten von Rezeption und Nutzung von Medientexten und bestimmten Genres in Frage, indem er sie kreativ nutzt. Er bietet neue Auffassungsmöglichkeiten von Fernsehen und fördert dabei in seiner Rolle als Lehrer die Medien- und Genrekompetenz seiner Zuschauer.

„Give it to me one more time” –  vom einmaligen Wetterbericht zum seriellen und wiederholbaren Musikvideo
Gerade bei Wetterberichten ist es eher ungewöhnlich, sie auch schon am nächsten Tag noch mal zu verwenden. Doch beim Maxi Beaver Rap verarbeitet Raab einen einige Tage zurückliegenden Wetterbericht und nutzt ihn dabei auf recht unkonventionelle Art nach.
Die Umgestaltung des Wetterberichts zu einem Musik-Video geschieht über eine Ort-Zeit-Verschiebung, die Verdichtungen zum Ergebnis hat. Maxi Biewer und Stefan Raab stehen gemeinsam auf der Bühne und treten scheinbar miteinander in Interaktion. Mit dem Zusammentreffen der zwei Protagonisten in Raabs Inszenierung findet eine Verdichtung statt, die sich auf eine mediale, eine virtuell räumliche, zeitliche und interpersonelle Ebene erstreckt.

Umgestaltung von Genres über die Variablen Ort und Zeit
Kommunikationssituationen sind abhängig von Ort und Zeit: Bei einem face-to-face-Gespräch befinden sich die Kommunikationspartner zur gleichen Zeit am gleichen Ort, bei einem Telefongespräch bspw. sind die Gesprächspartner zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten und bei Brief- oder Emailverkehr zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten. Wird also eine der Variablen Raum oder Zeit verändert, ändert sich auch die Gattung der Gesprächssituation. Genau das macht Raab mit Fernsehgenres. Er verändert das Raum- und Zeitverhältnis in einem Element und schafft damit eine neue Kommunikationssituation. Mit dieser Verschiebung ändert sich auch das Fernsehgenre. Der einmalig sinnvoll brauchbare Zwecktext Wetterbericht (Informationsgenre) wird zu einem Format eines Unterhaltungsgenres, einem oft (sinnvoll) wiederholbaren Musikvideo.[19] Ein „einmaliges“ Produkt wird zu einem „seriellen“ Produkt.
Durch Raum-Zeit-Inszenierungen wird bei Zuschauern Bedeutung konstituiert.[20] Vor diesem Hintergrund können Genres als Kommunikationssituationen begriffen werden, die spezifischen Raum-Inszenierungen unterliegen, einem bestimmten Timing, einem Rhythmus oder einer Wiederholbarkeit. Ein Teil von Genrekompetenz wäre in diesem Sinne, auch zwischen der Raum-Inszenierungen und den dazugehörigen Zeitabläufen bei unterschiedlichen Genres unterscheiden zu können und sie zu entschlüsseln, sowohl betreffend die Kommunikation der Gesprächspartner in den Sendungen als auch die Kommunikationssituationen zwischen Fernseh-Produzenten und Fernseh-Rezipienten.

Mediale Verdichtung
Raab nimmt sich aus dem Wetterbericht nicht die typischen Informationen heraus, sondern legt sein Augenmerk auf die Sprache, also auf akustisch Wahrnehmbares. Er isoliert zunächst den Sprachtext und nimmt ihn aus seinem ursprünglichen Sinnzusammenhang heraus. Dieses Element verbindet er mit einem Genre aus dem Musikbereich, das mit Sprechgesang arbeitet, dem Rap. Ihm kam es sicherlich entgegen, dass Maxi Biewer sich im Takt ihres Gesprochenen bewegt, der Schritt von einem einfachen Lied hin zu einem Musikvideo bot sich an. Aus Bildern und Sprache entsteht zusammen mit Rhythmus und Musik ein Musikvideo.

Räumliche Verdichtung
Zwei Personen, die ursprünglich in unterschiedlichen Räumen (Studios) standen und dort ihre Sendungen gestalteten, die auf unterschiedlichen Sendern zu sehen waren, begegnen sich im Film auf einer gemeinsamen Bühne. Zwei Bühnen, Räume oder Programmausschnitte werden in einem Film zusammengeführt.

Zeitliche Verdichtung
Im Maxi Beaver Rap erscheinen Elemente, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten entstanden, zusammen in einem neuen Werk.

Interpersonelle Verdichtung
Die Verdichtung auf der personellen Ebene ergibt sich aus der Verdichtung der medialen, zeitlichen und der räumlichen Ebene. Raab stellt Situationen her, die ursprünglich nicht so gedacht waren und gestaltet dabei Beziehungen – wenn auch nur fiktiv. Raab macht aus der Wetteransagerin kurzerhand eine Rap-Sängerin, er selbst tritt als DJ auf. Das zwischenzeitliche „Abklatschen“ und synchrone Bewegungsabläufe machen die Inszenierung perfekt.

Ob gewollt oder nicht – auch die Teile, in denen Raab die Entstehung des Maxi Beaver Raps schrittweise erklärt, machen diese Verdichtung oder Vermischung deutlich: Anfangs wird die Wetteransage im RTL Morgenmagazin im Vollbild gezeigt. Danach ist Raab zu sehen, wie er den Rhythmus shaket, neben ihm steht ein Monitor, auf dem parallel dazu die Wetteransage läuft. Im letzten Schritt stehen Stefan Raab und Maxi Biewer gemeinsam auf der Bühne und performen einen Rap.

Dekonstruktion als Hilfestellung
Werden Genres dekodiert, geht es auch immer um die sendungsinternen Kommunikationssituationen, die zu entschlüsseln sind. Es dreht sich aber auch um die Kommunikationssituation, die darüber zwischen Zuschauern und Fernsehakteuren hergestellt wird. Die Rezipienten erzeugen mit ihrem persönlichen Wissenshintergrund und Kompetenzen beim Rezipieren Bedeutung. Wo diese Kompetenzen oder Hintergründe nicht vorhanden sind oder nicht eingesetzt werden können, wird es notwendig, Hilfestellung zu geben. Eine mögliche Hilfestellung kann sein, die Orientierungsabsichten des Programms für die Zuschauer in  Form von Dekonstruktion oder Selbsterklärung durchschaubar zu machen. Das ist besonders für Kinder wichtig, weil bei der Nutzung von Massenmedien eben nicht zwei orientierende Kommunikationspartner aufeinander einwirken und sie deshalb das Gelingen oder Misslingen von Orientierungsabsichten nicht direkt bestätigen können. In solchen Situationen werden dann Showmaster wie Raab schon mal zum Lehrer.
Das Zusammentreffen von Raab und Biewer ist auf den ersten Blick nicht zu durchschauen. Genaues Hinsehen und die nötigen Medien- und Genrekompetenzen sind Voraussetzung für das Verstehen dieser Begegnung. Raab lässt seine Zuschauer jedoch nicht alleine und erklärt ihnen vorher, wie es zur Entstehung des Maxi Beaver Raps kam und wieso er aus einer Wetteransage ein Musikvideo gemacht hat. Er führt seine Zuschauer also Schritt für Schritt an seine audio-visuelle Konstruktion, den Rap, heran und dekonstruiert ihn damit, in erster Linie sicherlich, um den Witz verständlich zu machen und um Lacher zu garantieren. Durch diese Dekonstruktion der Medien-Texte Wetteransage und Rapmusik und seines Arrangements Maxi Beaver Rap hat er also Sprachrhythmus-Unerfahrenen genau wie nicht so sehr medien- und genrekompetenten Zuschauern eine Hilfestellung zum Verstehen dieses komplexen Arrangements gegeben. Medienkompetenz wird vermittelt (im Rahmen der Dekonstruktion), Genrekompetenz wird aber auch vorausgesetzt (im isolierten Werk Rap).

 

Neue Formen von Fernseh-Text-Literalität entstehen durch die Medien- und Genrekompetenzen von gestaltenden Rezipienten und fordern von Zuschauern Empathie
Obwohl teilweise eine Menge an Vorwissen vom Publikum mitgebracht werden muss, zeigen diese Programme, wie man mit Medien-Bruchstücken Formate und Genres gestalten kann. In diesen Programmen, vor allem in Stefan Raabs Maxi Beaver Rap, ist eine Veränderung von Aneignung und Gestaltung angelegt, die der Individualisierung und Erlebnisorientierung im Umgang mit Medienangeboten entgegenkommt. Dabei verarbeiten Mediennutzer ihre eigenen Themen und Präferenzen. Zuschauer wie Raab nutzen ihre Lesekompetenz von Medien-Texten, indem sie ursprünglich „kontinuierliche“ (als „Werk“ verstandene) Angebote im Sinne von „diskontinuierlichen“ Texten gebrauchen. Sie brechen die für sich relevanten (Kleinst-)Stücke aus dem massenmedialen Angebot heraus und integrieren sie mit Mitteln der Massenmedien in ihr Leben, konstruieren darüber ihre individuellen Ereignisarrangements. Fragmentierung der Leseweise bei der „anders-Nutzung“ von ursprünglich kontinuierlichen Medien-Texten geschieht also im Sinne diskontinuierlicher Textnutzung. Ebenso wird deutlich, wie hoch mittlerweile der Medienkompetenzstand einiger Mediennutzer ist, wenn sie einen langweiligen Wetterbericht zu einem perfekt produzierten, unterhaltsamen Musikvideo machen können. Für Programmmacher liegt darin die Chance, neue Formate hervorzubringen oder Elemente, die nicht dem herkömmlichen Angebot entsprechen sondern sich durch Kreativität abheben. Solche Entwicklungen könnten im engeren Rahmen medienkulturelle Veränderungen mit sich bringen, die einer Individualisierung, Fragmentierung und hohen Erlebnisorientierung der Mediennutzung von „gestaltenden Rezipienten“ entsprächen. Rezipienten für ihren Teil müssen neue Lesekompetenzen entwickeln, die auf Medien- und Genrekompetenzen aufbauen, in denen aber eine Art von Reflexivität gefordert ist, die für das Fernsehen eher ungewöhnlich ist: das absichtliche „falsch“-Verstehen[21]. Voraussetzung dafür ist zunächst die Genrekompetenz, die Fähigkeit, „richtig“ zu verstehen. So wird dann auch der Witz verständlich, der sich in der Spannung zwischen „richtig“ und „anders“ entfaltet. Das anders-Verstehen ist bei dieser Form von Lesekompetenz zentral und verlangt von Zuschauern Empathie, sich also auf die unterschiedlichsten Sichtweisen von „Welt“ der Fernsehmacher einzulassen und verstehen zu wollen, auch wenn sie sich von den eigenen stark unterscheiden.

 

Das Angebot des Fernsehens an Programmen und Elementen, die Medien- und Genrekompetenzen von Kindern fördern, ist groß
Und die Nutzungsdaten dieser Programme zeigen, dass Kinder solche Angebote auch annehmen. Die betrachteten Sendungen arbeiten mit Doku-Formaten, Werbeelementen und mit fiktionalen Geschichten, vermutlich, weil sie Themen, Sichtweisen und Alltagsleben der Adressaten zum Ausgangspunkt für Medien- und Genrekompetenz machen. Ihnen liegt explizit kein mimetisches Rezeptionsmodell mit Medien zugrunde. Mediennutzung wird vielmehr als etwas präsentiert, bei dem es um die Kompetenz geht, sich im Alltag zurecht zu finden. Medienkompetenz reicht in diesem Rahmen von der Handhabung technischer Geräte bis zum Umgang mit Kulturkonzepten. Zentral ist dabei immer das reflexive Moment, das Mediennutzern ermöglicht, mit dem, was das Fernsehen ihnen bietet, ihr Leben nach den eigenen Erfahrungen, Wünschen und Möglichkeiten zu gestalten.

[1] Tims Erfahrung kann ihn aber auch täuschen: Später nimmt er die Videokassette „Fritz the Cat – Teil 2“, ein Zeichentrickfilm, aus dem Regal und möchte ihn sehen. Tim ist noch nicht verständlich, dass es auch Zeichentricksendungen gibt, die in erster Linie für Erwachsene konzipiert und gemacht sind, er hat so etwas noch nie gesehen. Aus seiner Sicht sind alle Zeichentrickfilme für Kinder. Deshalb kann er auch nicht verstehen, dass er den Film nicht anschauen darf.

[2] Einen umfassenden Überblick über den aktuellen Diskurs bietet Fred Schell, Elke Stolzenburg, Helga Teunert (Hrsg.): Medienkompetenz: Grundlagen und pädagogisches Handeln. Kopäd Verlag, München 1999.

[3] Aktuell zu Kinder- und Jugendmedienschutz siehe: Ben Bachmair: Kinder- und Jugendmedienschutz. Auf:
http://www.uni-kassel.de/fb1/mediafb1/texte/Jugendmedienschutz.htm. Juni 2002.

[4] Gebhard Rusch: Kommunikation und Verstehen. In: Merten, K., Schmidt, S.J., Weischenberg, S. (Hrsg.): Die Wirklichkeit der Medien. Opladen (Westdeutscher Verlag) 1994, S. 76.

[5] Siehe dazu u.a. Untersuchungen von Ben Bachmair zu Wrestling (Bachmair, Ben, Kress, Gunther (Hrsg.): Höllen-Inszenierung Wrestling. Beiträge zur pädagogischen Genreforschung. Opladen (Leske + Budrich) 1996) und von Maya Götz zur Rezeption von Soap-Operas (Götz, Maya (Hrsg.): Alles Seifenblasen? Die Bedeutung von Daily Soaps im Alltag von Kindern und Jugendlichen. München (KoPäd) 2002).

[6] Um Programmelemente mit Relevanz zur Medien- und Genrekompetenz zu finden, wurden die Schlagwortlisten aus den Datenbanken der „Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen“ aus den Jahren 2000, 2001 und 2002 nach Begriffen durchsucht, die, auch im weiteren Sinne, mit Medien in Verbindung stehen könnten. Sendungen der daraus resultierenden Listen werden nun stichprobenartig und exemplarisch untersucht. Hinzu kommen Angebote, die trotz einer Sehbeteiligung von unter 100.000 Zuschauern im Alter von 3 bis 13 Jahren für die Thematik inhaltlich relevant scheinen.

[7] Die folgenden Angebote mit Relevanz zur Medien- und Genrekompetenz stammen aus Programmstichproben im Umfang von je drei Tagen, die jeweils im Frühjahr der Jahre 2000, 2001 und 2002 aufgezeichnet wurden. Siehe dazu auch www.kinderfernsehforschung.de. Das Forschungsprojekt „Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen“ untersucht die Schnittlinie der Massenkommunikation zwischen den Angeboten der Sender und der Nutzung der Rezipienten. Dazu wird jährlich eine Stichprobe im Umfang von je drei Tagen einer Kalenderwoche von je ca. 500 Stunden Programm der für Kinder relevanten, in Deutschland lizenzierten Fernsehsender erhoben und mit den standardisierten Fernsehnutzungsdaten in einer Datenbank verbunden.

[8] Die Sendung Wie funktioniert eine CD? läuft innerhalb der Sendung mit der Maus. Die angegebenen Sehbeteiligungen und Marktanteile in Tabelle 1 und 2 beziehen sich deshalb auf Die Sendung mit der Maus.

[9] Dieser Werbespot lief im Jahr 2000.

[10] Daneben gibt es auch Produkte, die intermedial, aber nicht in Zusammenhang mit Fernsehangeboten beworben werden, sondern z.B. das PC-Spiel zum Hörspiel. Solche Verweise finden sich in der herkömmlichen Werbung.

[11] Der Big Brother-Kandidat, der die meisten Stimmen bei der sog. Nominierung durch seine Mitbewohner und die Zuschauer bekommt, muss den Big Brother-Container verlassen.

[12] Mehr dazu in: Judith Seipold: Trailer als Orientierungsangebote und Logos als Ordnungs- und Klärungsmöglichkeiten. Auf www.kinderfernsehforschung.de, 3., überarbeitete und erweiterte Version März 2002.

[13] Die Partagierung mit ARTE, der im Stichprobenzeitraum kurz vor Sendungsbeginn des Ki.Ka höchst problematisches Programm sendet, gefährdet jedoch dieses zu unterstellende Vertrauen. Siehe dazu Judith Seipold: Eine kritische Debatte tut Not! Was ARTE den Frühsehern des Kinderkanals beschert. Auf www.kinderfernsehforschung.de, März 2001.

[14] Die Pfefferkörner sind Teil des Tigerenten Club. Die Sehbeteiligung und die Marktanteile in Tabelle 8 bis 11 beziehen sich auf den Tigerenten Club.

[15] Im Vorspann wird der Titel „Das Fernsehen ist an allem Schuld“ angezeigt, in Matt Groening: Die Simpsons – Der ultimative Serienguide. Dino entertainment AG, 2001, S. 43 sowie in Gruteser, Klein, Rauscher (Hrsg.): Subversion zur Prime-Time – Die Simpsons und die Mythen der Gesellschaft. Schüren Verlag (Marburg), 2002, S. 42ff ist der englische Folgentitel „Itchy & Scratchy & Marge“ angegeben.

[16] Eine weitere Folgenbeschreibung auch in: Matt Groening: Die Simpsons – Der ultimative Serienguide. Stuttgart (Dino entertainment AG), 2001, S. 43. Siehe auch: Gruteser, Klein, Rauscher (Hrsg.): Subversion zur Prime-Time – Die Simpsons und die Mythen der Gesellschaft. Schüren Verlag (Marburg), 2002, S. 42ff.

[17] „Die Itchy & Scratchy-Show“ ist eine Zeichentick-Serie, die in der Serie Die Simpsons als Nachmittagsprogramm ausgestrahlt wird. Die Darsteller sind eine Maus und eine Katze, die sich ständig auf die nur denkbar grausamste Art und Weise gegenseitig ermorden. Die Serie wird in Springfield während des Kinderprogramms ausgestrahlt, das von Krusty dem Clown gestaltet wird. „Die Itchy & Scratchy-Show“ ist innerhalb der Simpsons also als Kinderprogramm angelegt.

[18] Der Maxi Beaver Rap lief am Donnerstag, 05. April 2001 zwischen 22.20 Uhr und 23.20 Uhr in der Sendung TV Total auf Pro 7. Ein Ausschnitt (Real Media-Format) kann im Internet unter folgender Webadresse angesehen werden:
http://lsd.newmedia.tiscali-business.com/bb/redirect.lsc?content=content&media=rm&stream=etvgmbh/tvtotal/neue_sendungen/2001-14/video/s042-02.rm

[19] In diesem Zusammenhang wäre es interessant, Michail Bachtins Überlegungen zum „Chronotopos“ mit einzubeziehen.

[20] Zu bestimmten Genres gehört eine bestimmte Art der Raum-Inszenierung. Diese Raum-Inszenierungen begünstigen bestimmte Sozialsysteme und Kommunikationssituationen. Über die Gesprächssituationen im Fernsehen wird die Orientierungsabsicht definiert, die das Fernsehen den Zuschauern gegenüber hat. Ein Beispiel: Bei der Sendung „Volle Kanne“ im ZDF unterhält sich die Moderatorin mit ihrem Gast, während die beiden an einem gedeckten Frühstückstisch sitzen und neben ihrem Gespräch auch essen. Zwischen den beiden entsteht eine recht entspannte Atmosphäre in gemütlicher Umgebung, die einen relativ vertrauten Umgang miteinander hervorbringt. Fernsehzuschauer sehen also eine ruhige und integrierende Unterhaltung in einer möglicherweise vertrauten Umgebung und sind Zuhörer eines „zwanglosen“ Gesprächs unter „guten Bekannten“. Ähnlich funktioniert das z.B. in Talkshows oder Dauerwerbesendungen wie dem „RTL-Shop“.

[21] „Falsch“ im Sinn von: nicht entsprechend der Orientierungsabsicht.

Judith Seipold
Erstveröffentlichung Juli 2001
Zweite, überarbeitete und erweiterte Version November 2002

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