| Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen 2001 |
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| Clemens Lambrecht |
Programm in der Angebotsperspektive
Nach einer kurzen Einleitung, was explizites Kinderprogramm
überhaupt ist, wird untersucht, welche Sender sich um Angebote für Kinder bemühen.
Diese Angebote werden dann weiter analysiert:
- Wann senden die Sender Kinderprogramm?
- Wer steht in den Sendungen im Vordergrund?
- Welche Machart ist im Kinderfernsehen bevorzugt?
Was ist explizites Kinderprogramm?
Dazu gibt es viele verschiedene Vorstellungen. In den letzten Jahren wurden
mehrere Definitionen auf Umsetzbarkeit überprüft. Die eindeutigste Kennung (Kodierung
nach dem Preis der Werbeblöcke zwischen den Sendungen – Werbung im Kinderfernsehen
ist sehr billig – in Verbindung mit dem Blick auf Programm und die Einhaltung
der Werberichtlinien für Kinderprogramm) ist leider nur im Nachhinein möglich
und daher für die Vorauswahl der aufzuzeichnenden Sendungen der Dritten Programme
der ARD nicht praktikabel. Daher wurde die Definitionsfrage teilweise abgegeben.
Als explizites Kinderprogramm gilt nun von den Sendern speziell für Kinder gekennzeichnetes
Programm (es gibt kinderspezifische Verbindungselemente (Beispiel: Vampy) ,
Logos/ Inserts in der Programmfläche (Beispiel: K-RTL, Toggolino) weisen auf
Kinder hin oder die Sendung wird in „Hörzu“ und/oder „TV Sehen und Hören“ als
Kindersendung ausgewiesen (der gesamte Ki.Ka, fast das komplette Tagesprogramm
von SuperRTL, das mit konkreten Altersangaben für Kinder versehen ist, usw.).
Diese Definition entstand in Anlehnung an die Programmanalyse der Göfag [i] .
5.1 Wer sendet explizites Kinderprogramm
Weil zusätzlich zum Kinderkanal in die Stichprobe 2001 mit FOX-KIDS ein weiteres
Kindervollprogramm in die Programmstichprobe aufgenommen wurde, verschiebt sich
die Verteilung des explizitenKinderfernsehangebots öffentlich-rechtliche versus
private Sender deutlich auf die private Seite. Allerdings sieht auch nur eine
kleine Gruppe von Kindern FOX-KIDS, weil es nur auf der Plattform von Premiere-World
zu empfangen ist. Deshalb empfiehlt es sich, das Programmangebot von FOX-KIDS
nicht beim quantitativen Vergleich der öffentlich-rechtlichen mit den privaten
Sender zu berücksichtigen. In die folgenden quantitative Analyse gehen deshalb
nur die frei empfangbaren Fernsehsender ein.
Während der rund 500 Stunden des aufgezeichneten Programms der Stichprobe wurden
rund 180 Stunden explizites Kinderprogramm (ohne FOX-KIDS rund 130 Stunden)
ausgestrahlt. Davon sendeten die öffentlich-rechtlichen Sendern 83 Stunden und
die privaten 97 Stunden (49 Stunden ohne FOX-KIDS). Damit setzt sich der Trend
einer Verschiebung des Schwerpunktes des expliziten Kinderfernsehens zu den
öffentlich-rechtlichen Sendern, der sich seit 1999 abzeichnet (1999 ca. 50%
- 50%, 2000 52,3% - 47,7%) fort. Die öffentlich-rechtlichen Sender strahlten
in der Stichprobe 2001 (ohne FOX-KIDS) 63% des expliziten Kinderprogramms aus.
Dabei ist allerdings auch der nicht einzuschätzende Einfluss der Redaktionen
der zugrundeliegenden Programmzeitschriften zu beachten. Die Definition von
explizitem Kinderfernsehen hat offensichtlich einen Einfluss auf diese Fragestellung,
allerdings ist dieser geringer als erwartet, Stichproben mit verschiedenen Definitionsgrundlagen
liefern trotzdem vergleichbare Ergebnisse. Wie und ob sich die Ausweisung von
Programm als Kinderprogramm der Sender und der Programmzeitschriften im jahresübergreifenden
Vergleich ändert, wäre eine weiterführende Fragestellung.
5.1.1 Verteilung des expliziten Kinderprogramms
Die rund 130 Stunden aufgezeichneten Kinderprogramms verteilen sich auf die
Sender ARD, ZDF, Ki.Ka, Hessen 3, Bayern 3, SWR, WDR, MDR und Nord 3 auf Seiten
der öffentlich-rechtlichen Sender und auf RTL, RTL II, Super RTL, Pro 7, Sat.1
auf der Seite der privaten Anbieter. Dabei ergibt sich folgendes Bild
Ohne die Berücksichtigung von FOX-KIDS sendeten die privaten Sender 37% (rund
48 Stunden) der 130 Stunden des expliziten Kinderprogramms und die öffentlich-rechtlichen
Sendern 63% (rund 82 Stunden).
Ein weiterer möglicher Grund für die starke Verschiebung der Anteile von Öffentlich-rechtlich
und Privat im Vergleich zum Vorjahr liegt in der Änderung der Senderstruktur
von tm3, die im Jahre 2000 für 7,4% des gesamten expliziten Kinderprogramms
verantwortlich waren.
5.1.2 Gesamtangebot von explizitem Kinderprogramm nach Sendern
Wie in den Jahren zuvor stellt der Kinderkanal mit 39 Stunden (nach FOX-KIDS:
48 Stunden) das meiste Kinderprogramm bereit, wie auch im Vorjahr gefolgt von
Super-RTL mit rund 23 Stunden. ARD (13 Stunden), ZDF (11 Stunden) und RTL II
(6 Stunden) haben ihr Angebot relativ konstant gehalten. Tm3 sendet kein Kinderprogramm
mehr, dafür ist Pro 7 mit fast 7 Stunden erstmalig vertreten.
ARD und ZDF senden fast ausschließlich am Wochenende explizites Kinderprogramm,
RTL II und Super-RTL hingegen strahlen auch während der Woche viel explizites
Kinderprogramm aus. Wenn der Donnerstag als Repräsentant der Werktage 5fach
gewertet wird (dann erhält man eine rein mathematisch „hochgerechnete Woche“
mit 5 Werktagen, für die exemplarisch der Donnerstag steht, und dem Wochenende).
Dann ergibt sich folgendes Bild:
Während sich die Anteile von FOX-KIDS und Ki.Ka, aber auch der Dritten Programme
kaum verändern, zeigen gerade ARD und ZDF, dass sie sich beim Kinderprogramm
hauptsächlich auf das Wochenende konzentrieren. Deutlicher treten nun Super-RTL
und RTL II hervor, die auch während der Woche (hier exemplarisch am Donnerstag)
mit explizitem Kinderprogramm präsent sind.
5.2 Wann wird explizites Kinderprogramm gesendet?
5.2.1 Gesamtangebot an explizitem Kinderprogramm nach Tagen
Wie schon 1999 und 2000 ist der Samstag der Tag, an dem Kinder das meiste explizit
an sie gerichtete Programm finden können. Während der Woche zeigen die Sender
trotz der täglichen Präsenz des Kinderkanals über 20% weniger explizites Kinderprogramm
(ohne FOX-KIDS). Das liegt natürlich auch an den Sehgewohnheiten und dem Zeitbudget
der Kinder, die während der Woche in die Schule müssen.
5.2.2 Differenzierung des Angebotes nach Tageszeiten und Tagen
Angebot am Donnerstag
Abgesehen vom Kinderkanal und FOX-KIDS zeigen sich werktags (hier exemplarisch
am Donnerstag) zwei Schwerpunkte in der zeitlichen Angebotsstruktur der Sender.
Früh morgens vor Schule und Kindergarten von 5.30 Uhr bis 7.30 Uhr senden fast
alle Dritte Programme der ARD sowie RTL II und Super-RTL explizites Kinderfernsehen.
Die meisten Kinder in Deutschland gehen Werktags von 8.00 Uhr bis 12.00 Uhr
in die Schule oder in den Kindergarten. Sender erreichen in dieser Zeit also
nur wenige Kinder, daher ist auch das Interesse der Sendeverantwortlichen an
explizitem Kinderprogramm in diesem Zeitintervall relativ gering. Wenn die Kinder
wieder zu hause zu erreichen sind, bemühen sich die Sender auch Nachmittags
zwischen 13.00 und 17.00 Uhr wieder um sie. Zu diesen Zeiten zeigen Super-RTL
und auch RTL II deutliche Angebotsflächen.
Angebot am Samstag
Am Samstag finden sich den ganzen Vormittag über bei vielen Sendern explizite
Angebote für Kinder. Aus Sicht der Programmgestalter scheint hier der Schwerpunkt
des expliziten Kinderfernsehens zu liegen. Super-RTL sendet als einziger (außer
Ki.Ka und FOX-KIDS) auch nachmittags noch längere zusammenhängende Flächen expliziten
Kinderprogramms. Einzelne Sendungen finden sich nachmittags auch bei RTL II,
der ARD und den Dritten Programmen. Super-RTL bietet auch über den Sendeschluss
des Ki.Ka hinaus um 19.00 Uhr explizite Angebote für Kinder an:
Angebot am Sonntag
Der Sonntag ähnelt dem Samstag von der Angebotsstruktur, nur senden die Sender
insgesamt weniger und kürzer explizites Kinderprogramm. Wie auch am Samstag
finden sich den ganzen Sonntag-Vormittag über bei vielen Sendern explizite Angebote
für Kinder. Super-RTL sendet als einziger (außer Ki.Ka und FOX-KIDS) auch nachmittags
noch längere zusammenhängende Flächen expliziten Kinderprogramms. Einzelne Sendungen
finden sich nachmittags auch bei den Dritten Programmen. Auch am Sonntag bietet
Super-RTL auch über das Ende des Ki.Ka um 19.00 Uhr explizite Angebote für Kinder
an
Fazit:
Morgens (am Wochenende bis um 10.30 Uhr, während der Woche bis um 8.00 Uhr)
ist das Angebot an explizitem Kinderprogramm am größten, nach einer Dursttrecke
am Mittag bieten die Sender Nachmittags wieder mehr Angebote an. Je weiter der
Abend fortschreitet, desto weniger explizite Angebote an Kinder gibt es. Nach
19.00 Uhr bietet nur noch SuperRTL explizites Kinderprogramm an.
5.3 Wer handelt im expliziten Kinderfernsehen?
Gutes Kinderfernsehen bietet Abwechslung in der Art der Inszenierung und ein
breites Spektrum der Rollenbilder. Kann das hier rein formal analysierte Kinderprogramm
dieses leisten?
5.3.1 Geschlechter der Protagonisten im expliziten Kinderfernsehen
Finden Kinder gleichermaßen Angebote mit Mädchen und Jungen als Protagonisten
oder gibt es immer noch eine Verschiebung hin zu mehr männlichen Protagonisten?
Alle Sendungen des expliziten Kinderfernsehens wurden auf die Geschlechter
ihrer Protagonisten hin untersucht. Dabei ergibt sich die folgende Aufteilung:
Nur 11% aller Sendungen im expliziten Kinderfernsehen zeigen weiblich Protagonisten,
während 57% männliche Protagonisten haben. Hier besteht dringender Handlungsbedarf
für die Filmemacher! Mädchen müssen die Möglichkeit bekommen, wie die Jungen
zwischen vielen unterschiedlichen Mädchenbildern wählen zu können, Vorraussetzung
dafür ist allerdings eine stärkere Auseinandersetzung der Kinderfernsehmacher
mit Mädchen als Protagonisten.
5.3.2 Alter der Protagonisten im expliziten Kinderfernsehen
Etwas erfreulicher sieht es beim Alter der Protagonisten im expliziten Kinderfernsehen
aus. In über 40% aller Sendungen des expliziten Kinderfernsehens, in denen eine
Alterseinteilung der Protagonisten möglich ist, spielen Kinder die Hauptrolle.
Bei vielen Sendungen (gerade im Zeichentrickbereich) ist das Alter der Protagonisten
nicht erkennbar. Wo es aber erkennbar ist, spielen zu mehr als 50% Kinder oder
Jugendliche die Hauptrolle. Obwohl die sich Dreharbeiten mit Kindern in Deutschland
durch den gesetzlichen Rahmen sehr schwierig gestalten, wird hier auf eine gute
Repräsentation der Kinder im ihrem Programm geachtet.
5.4 Welche Darstellungsweisen stehen im Vordergrund?
5.4.1 Darstellungsweisen im expliziten Kinderfernsehen
In der öffentlichen Diskussion fallen immer wieder Zeichentrickformate
wie He-Man, Power Rangers, Pokémon, Digimon,
Dragon Ball und Dragon Ball Z auf. Über andere Darstellungsweisen
wird vergleichsweise wenig berichtet (außer bei der Diskussion um die
Teletubbies und den Events um Die Sendung mit der Maus). Wie sieht
es denn wirklich im expliziten Kinderfernsehen aus? Besteht es hauptsächlich
aus Zeichentricksendungen?
Es besteht tatsächlich eine deutlich Dominanz an Zeichentricksendungen (52%),
die vor allem von den kleineren Kindern gerne angenommen werden (siehe „Hits
der Kids“ im Arbeitsbereich 6: Nutzung). Allerdings sind auch fast 30% des expliziten
Kinderfernsehens in der Machart des Realfilm gedreht und noch 17% als Puppenspiel,
so dass es keine Monokultur des Zeichentricks im expliziten Kinderfernsehen
gibt. Computeranimierte Sendungen sind im expliziten Kinderprogramm selten (3%).
5.4.2 Fiction oder Non-Fiction im expliziten Kinderprogramm?
Da die Einteilung in Fiction und Non-Fiction nicht immer exakt zu bestimmen
ist, wurde für Fälle, in denen die Anteile von Fiction und Non-Fiction ungefähr
gleich groß sind, die Variable „Mischform“ eingeführt. Außerdem mussten die
Begriffe zu „typisch Fiction“ und „typisch Non-Fiction“ abgeschwächt werden,
um eine sinnvolle Zuweisung zu ermöglichen. Dieses Problem zeigt sich deutlich
an einem Beispiel außerhalb des expliziten Kinderfernsehens: bei den Talkshows.
Einige Talkshows sind deutlich als "typisch Non-Fiction" zu kodieren,
da dort reale Menschen ihre Lebensweise präsentieren, andere sind eher
Mischformen, bei denen bekannt ist, dass die Talkgäste gecastete Laiendarsteller
sind. TV Kaiser ist ein Beispiel für eine Talkshow, die eindeutig
"typisch Fiction" ist, da sowohl die Gäste als auch die Themen
deutlich erfunden und inszeniert sind.

Im expliziten Kinderprogramm ist fiktionales Programm mit 83% die häufigste
Form, knapp 10% gehören zu einer Mischform und nur 6% des expliziten Kinderprogramms
ist typisch non-fiktionales Programm. An den Hits der kleineren Kinder lässt
sich allerdings das deutlich größere Interesse an fiktionalen Programmen ablesen.
[i] Vgl. Weiss, Trebbe: Fernsehen
in Deutschland 1998 – 1999, Vistas Verlag, 2000
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