| Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen 2002 |
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| Clemens Lambrecht |
5. Programm in der Angebotsperspektive
- Wann senden die Sender Kinderprogramm?
- Wer steht in den Sendungen im Vordergrund?
- Welche Machart ist im Kinderfernsehen bevorzugt?
Was ist explizites Kinderprogramm?
Als explizites Kinderprogramm gilt wie auch schon im Vorjahr von den Sendern
speziell für Kinder gekennzeichnetes Programm, dass den Werberichtlinien des
Rundfunkstaatsvertrags genügt. Oft gibt es kinderspezifische Verbindungselemente
(Beispiel: Vampy) und Logos/ Inserts in den Programmflächen (Beispiel: tivi,
K-RTL, Toggolino), die auf das Kinderprogramm hinweisen. Außerdem gelten solche
Sendungen als explizites Kinderprogramm, die von „Hörzu“, „TV Movie“ und/oder
„TV Sehen und Hören“ als Kindersendung ausgewiesen sind (der gesamte Ki.Ka,
fast das komplette Tagesprogramm von SuperRTL, das mit konkreten Altersangaben
für Kinder versehen ist, usw.). Diese Definition entstand in Anlehnung an die
Programmanalyse der Göfag [i] .
5.1 Wer sendet explizites Kinderprogramm
Nach dieser Definition bieten vor allem der Ki.Ka,
SuperRTL und FOX-KIDS, aber auch die ARD, ZDF, die Dritten der ARD, RTL RTL2,
ProSieben und Sat.1 spezielles Programm für Kinder an. In dieser Stichprobe
(wie auch in der Stichprobe 2001) wurde zusätzlich zum Kinderkanal mit FOX-KIDS
ein weiteres Kindervollprogramm in die Programmstichprobe aufgenommen wurde,
dadurch verschiebt sich die Verteilung des expliziten Kinderfernsehangebots
öffentlich-rechtliche versus private Sender deutlich auf die private Seite.
Allerdings kann nur eine kleine Gruppe von Kindern FOX-KIDS sehen, weil es
nur über das Pay-TV-Angebot Premiere-World empfangbar ist. Deshalb empfiehlt
es sich, das Programmangebot von FOX-KIDS beim quantitativen Vergleich der
öffentlich-rechtlichen mit den privaten Sender nicht zu berücksichtigen. Aus
diesem Grund gehen in die folgenden Betrachtungen nur die frei empfangbaren
Fernsehsender ein.
Während der rund 500 Stunden des aufgezeichneten
Programms der Stichprobe wurden ca. 132 Stunden explizites Kinderprogramm
(mit FOX-KIDS wären es rund 180 Stunden) ausgestrahlt.
5.1.1 Verteilung des expliziten Kinderprogramms
Die rund 132 Stunden aufgezeichneten Kinderprogramms verteilen
sich auf die Sender ARD, ZDF, Ki.Ka, Hessen 3, Bayern 3, SWR, WDR, MDR und
Nord 3 auf Seiten der öffentlich-rechtlichen Sender und auf RTL, RTL II, Super
RTL, ProSieben, Sat.1 auf der Seite der privaten Anbieter. Dabei ergibt sich
folgendes Bild:
Von den 132 Stunden sendeten die öffentlich-rechtlichen
Sendern 83 Stunden und die privaten 49 Stunden. Der Trend einer Verschiebung
des Schwerpunktes des expliziten Kinderfernsehens hin zu den öffentlich-rechtlichen
Sendern, der sich seit 1999 abzeichnet (1999 ca. 50% - 50%, 2000 52,3% - 47,7%,
2001 ca. 63%-37%) ist mit 61%-39% (öffentlich-rechtlich - privat) aber leicht
rückläufig. Nachdem in der Stichprobe 2000 tm3 noch rund 7% des Kinderfernsehens
ausstrahlte, viel das Fehlen dieses Anteils in der Stichprobe 2001 deutlich
ins Gewicht. Mittlerweile hat allerdings SuperRTL seinen Anteil an explizitem
Kinderfernsehen spürbar erhöht, so dass die privaten im Vergleich mit den
öffentlich-rechtlichen Sendern insgesamt wieder etwas besser dastehen. Dabei
ist allerdings auch der nicht einzuschätzende Einfluss der Redaktionen der
zugrundeliegenden Programmzeitschriften zu beachten. Die Definition von explizitem
Kinderfernsehen hat offensichtlich einen Einfluss auf diese Fragestellung,
allerdings ist dieser geringer als erwartet. Stichproben mit verschiedenen
Definitionsgrundlagen (vor 2001, bzw. vor 1999) lieferten trotzdem vergleichbare
Ergebnisse. Wie und ob sich die Ausweisung von Programm als Kinderprogramm
der Sender und der Programmzeitschriften im jahresübergreifenden Vergleich
ändert, ist eine weiterführende Fragestellung, die noch einmal besonders und
jahresübergreifend betrachtet werden soll.
5.1.2 Gesamtangebot von explizitem Kinderprogramm nach Sendern
Wie in den Jahren zuvor, stellt der Kinderkanal mit 39 Stunden den größten
Teil des Kinderprogramms (nach FOX-KIDS: 48 Stunden) bereit, wie auch im Vorjahr
gefolgt von Super-RTL mit rund 23 Stunden. ARD (13 Stunden), ZDF (11 Stunden)
und RTL II (6 Stunden) haben ihr Angebot relativ konstant gehalten.
Zum Ausgleich des durch die Auswahl der Stichprobentage (Donnerstag, Samstag,
Sonntag) zu stark bewerteten Wochenendes soll eine errechnete Wochenverteilung
erstellt werden. ARD und ZDF senden fast ausschließlich am Wochenende explizites
Kinderprogramm, RTL II und Super-RTL hingegen strahlen auch während der Woche
viel explizites Kinderprogramm aus. In der folgenden Grafik wurde (im Gegensatz
zur vorherigen) der Donnerstag als Repräsentant der Werktage 5fach gewertet
wird (dann erhält man eine rein mathematisch „hochgerechnete Woche“ mit 5 Werktagen,
für die exemplarisch der Donnerstag steht, und einem Wochenende).
Während sich die Anteile von FOX-KIDS und Ki.Ka
im Gegensatz zu obiger Darstellung kaum verändern, zeigen gerade ARD und ZDF,
aber auch der Dritten Programme, dass sie sich beim Kinderprogramm hauptsächlich
auf das Wochenende konzentrieren. Super-RTL und RTL II treten nun deutlicher
hervor, da sie auch während der Woche (hier exemplarisch am Donnerstag) mit
explizitem Kinderprogramm präsent sind.
5.2 Wann wird explizites Kinderprogramm gesendet?
5.2.1 Gesamtangebot an explizitem Kinderprogramm nach Tagen
Wie schon in den letzten Jahren ist der Samstag der Tag,
an dem Kinder das meiste explizit an sie gerichtete Programm finden können.
Zum Vergleich sind die Werte des Vorjahrs grau dargestellt. Während der Woche
zeigen die Sender trotz der täglichen Präsenz des Kinderkanals fast 30% weniger
explizites Kinderprogramm (ohne FOX-KIDS) als am Samstag. Das liegt natürlich
auch an den Sehgewohnheiten und dem Zeitbudget der Kinder, die während der
Woche in die Schule oder in den Kindergarten müssen.
5.2.2 Differenzierung des Angebotes nach Tageszeiten und Tagen
Angebot am Donnerstag
Abgesehen vom Kinderkanal und FOX-KIDS zeigen sich an unserem Werktag zwei
Schwerpunkte in der zeitlichen Angebotsstruktur der Sender. Früh morgens, vor
Schule und Kindergarten, von 5.30 Uhr bis 7.30 Uhr senden fast alle Dritten
Programme der ARD sowie RTL II und Super-RTL explizites Kinderfernsehen. Da
die meisten Kinder in Deutschland werktags von 8.00 Uhr bis 12.00 Uhr in die
Schule oder in den Kindergarten gehen, erreichen die Sender in dieser Zeit nur
wenige Kinder, daher ist auch das Interesse der Sendeverantwortlichen an explizitem
Kinderprogramm in diesem Zeitintervall relativ gering. Wenn die Kinder wieder
zu Hause zu erreichen sind, bemühen sich die Sender auch nachmittags zwischen
13.00 und 17.00 Uhr wieder um sie. Zu diesen Zeiten zeigen Super-RTL und auch
RTL II deutliche Angebotsflächen.
Angebot am Samstag
Am Samstag finden sich den ganzen Vormittag über bei vielen Sendern explizite
Angebote für Kinder. Aus Sicht der Programmgestalter scheint hier der Schwerpunkt
des expliziten Kinderfernsehens zu liegen. Super-RTL sendet als einziger (außer
Ki.Ka und FOX-KIDS) auch nachmittags noch längere zusammenhängende Flächen expliziten
Kinderprogramms. Einzelne Sendungen finden sich nachmittags auch bei RTL II,
der ARD und den Dritten Programmen. Super-RTL bietet auch über den Sendeschluss
des Ki.Ka hinaus, ab 19.00 Uhr, explizite Angebote für Kinder an.
Angebot am Sonntag
Der Sonntag ähnelt dem Samstag von der Angebotsstruktur,
nur senden die Sender insgesamt weniger und kürzer explizites Kinderprogramm.
Wie auch am Samstag finden sich den ganzen Sonntagvormittag über bei vielen
Sendern explizite Angebote für Kinder. Super-RTL sendet als einziger (außer
Ki.Ka und FOX-KIDS) zusätzlich nachmittags längere zusammenhängende Flächen
expliziten Kinderprogramms. Einzelne Sendungen finden sich nachmittags auch
bei den Dritten Programmen. Am Sonntag bietet Super-RTL über das Ende des
Ki.Ka hinaus, ab 19.00 Uhr, explizite Angebote für Kinder an
Morgens (am Wochenende bis um 10.30 Uhr, während
der Woche bis um 8.00 Uhr) ist das Angebot an explizitem Kinderprogramm am
größten, nach einer Dursttrecke am Mittag bieten die Sender nachmittags wieder
mehr Angebote an. Je weiter der Abend fortschreitet, desto weniger explizite
Angebote für Kinder gibt es. Nach 19.00 Uhr bieten nur noch SuperRTL (bis
ca. 20.00 Uhr) und Fox-Kids (bis 22.00 Uhr) explizites Kinderprogramm an.
5.3 Wer handelt im expliziten Kinderfernsehen?
Gutes Kinderfernsehen sollte u.a. Abwechslung
in der Art der Inszenierung und ein breites Spektrum an Rollenbildern bieten.
Kann das hier rein formal analysierte Kinderprogramm dieses leisten?
5.3.1 Geschlechter der Protagonisten im
expliziten Kinderfernsehen
Finden Kinder gleichermaßen Angebote mit Mädchen und Jungen als Protagonisten
oder gibt es immer noch die Tendenz zu mehr männlichen Protagonisten?
Alle Sendungen des expliziten Kinderfernsehens
wurden auf die Geschlechter ihrer Protagonisten hin untersucht. Dabei ergibt
sich die folgende Aufteilung:
(Die Werte des Vorjahrs sind grau dargestellt.)
Nur 13% aller Sendungen im expliziten Kinderfernsehen
zeigen weiblich Protagonisten (im Vorjahr waren es 11%), während 55% männliche
Protagonisten aufweisen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf für die Programmmacher!
Den Jungen wird eine Vielzahl von Jungenbildern/Männerbildern angeboten. Doch
auch die Mädchen müssen die Möglichkeit bekommen, zwischen vielen unterschiedlichen
Mädchenbildern/Frauenbildern wählen zu können. Vorraussetzung dafür ist allerdings
eine stärkere Auseinandersetzung der Kinderfernsehmacher mit Mädchen als Protagonisten.
5.3.2 Alter der Protagonisten im expliziten
Kinderfernsehen
Etwas erfreulicher sieht es beim Alter der Protagonisten
im expliziten Kinderfernsehen aus. In über 40% aller Sendungen des expliziten
Kinderfernsehens, in denen eine Alterseinteilung der Protagonisten möglich
ist, spielen Kinder die Hauptrolle.
(Die Werte des Vorjahrs sind grau dargestellt.)
Bei vielen Sendungen des expliziten Kinderfernsehens
(gerade im Zeichentrickbereich) ist das Alter der Protagonisten nicht erkennbar.
Wo es aber erkennbar ist, spielen zu mehr als 50% Kinder oder Jugendliche
die Hauptrolle. Obwohl sich die Dreharbeiten mit Kindern in Deutschland durch
den gesetzlichen Rahmen sehr schwierig gestalten, wird hier auf eine gute
Repräsentation der Kinder im Programm geachtet.
5.4 Welche Darstellungsweisen stehen im Vordergrund?
5.4.1 Darstellungsweisen im expliziten Kinderfernsehen
In der öffentlichen Diskussion fallen immer wieder
Zeichentrickformate wie Pokémon, Digimon, Dragon Ball
und Dragon Ball Z auf. Über andere Darstellungsweisen wird vergleichsweise
wenig berichtet (außer bei der Diskussion um die Teletubbies und den
Events um Die Sendung mit der Maus). Wie sieht es denn wirklich im
expliziten Kinderfernsehen aus? Besteht es hauptsächlich aus Zeichentricksendungen?
(In der Grafik sind die Daten aus der Stichprobe
2001 zum Vergleich als graue Balken dargestellt)
(Die Werte des Vorjahrs sind grau dargestellt.)
Es besteht tatsächlich eine deutlich Dominanz
an Zeichentricksendungen (52%), die vor allem von den kleineren Kindern gerne
angenommen werden (siehe „Hits der Kids“ im Arbeitsbereich 6: Nutzung). Allerdings
sind auch fast 30% des expliziten Kinderfernsehens in der Machart des Realfilm
gedreht und noch 17% als Puppenspiel, so dass es keine Monokultur des Zeichentricks
im expliziten Kinderfernsehen gibt. Computeranimierte Sendungen sind im expliziten
Kinderprogramm (genau wie im restlichen Programm) selten (3%) zu finden. Allerdings
ist dabei zu beachten, dass computeranimierte Sendungen und Puppenspiele häufig
kürzer sind als Zeichentricksendungen und Realfilme. Um dies zu berücksichtigen,
zeigt die folgende Grafik eine zeitlich angepasste Verteilung:
Hier zeigt sich noch deutlicher die Dominanz des Zeichentricks. Jede zweite
ausgestrahlte Minute des expliziten Kinderfernsehens ist Zeichentrick. Allerdings
ist auch jede dritte Minute ein Realfilm. Der Anteil der computeranimierten
Sendungen hat sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, der Prozentsatz der
Puppenspiele ist von 17% auf 23% gestiegen, während Realfilm und Zeichentrick
etwas weniger gezeigt werden.
Eine weitere interessante Frage ist die Verteilung der Zeichentricksendungen
oder der Realfilme auf das Programm der öffentlich-rechtlichen bzw. der privaten
Sender.
Während private Sender deutlich mehr Zeichentrick und computeranimierte Sendungen
anbieten, finden sich Realfilm und Puppenspiel fast ausschließlich bei den öffentlich-rechtlichen.
Das liegt sicherlich zum einen an der einfacheren Adaption von internationalen
Zeichentrickformaten an unser kulturelles Umfeld und an den erschwerten Produktionsbedingungen
für Realfilme mit Kindern in Deutschland (Stichworte: Jugendschutzgesetz, Kinderarbeit).
Allerdings sollte der Schluss von der Darstellungsform auf die Qualität der
Sendungen vermieden werden. Es gibt genauso gute Zeichentricksendungen, wie
es schlechte Realfilme gibt.
5.4.2 Fiction oder Non-Fiction im expliziten
Kinderprogramm?
Da die Einteilung in Fiction und Non-Fiction nicht
immer exakt zu bestimmen ist, wurde für Fälle, in denen die Anteile von Fiction
und Non-Fiction ungefähr gleich groß sind, die Variable „Mischform“ eingeführt.
Außerdem mussten die Begriffe zu „typisch Fiction“ und „typisch Non-Fiction“
abgeschwächt werden, um eine sinnvolle Zuweisung zu ermöglichen. Dieses Problem
zeigt sich deutlich an einem Beispiel außerhalb des expliziten Kinderfernsehens:
bei den Talkshows. Einige Talkshows sind deutlich als "typisch Non-Fiction"
zu kodieren, da dort reale Menschen ihre Lebensweise präsentieren, andere
sind eher Mischformen, bei denen bekannt ist, dass die Talkgäste gecastete
Laiendarsteller sind. TV Kaiser ist ein Beispiel für eine Talkshow
(die nicht im Kinderprogramm liegt und nur zur Verdeutlichung der Kategorien
aufgeführt ist), die eindeutig "typisch Fiction" ist, da sowohl
die Gäste als auch die Themen deutlich erfunden und inszeniert sind.
Im expliziten Kinderprogramm ist fiktionales Programm
mit 83% die häufigste Form, knapp 12% gehören zu einer Mischform und nur 5%
des expliziten Kinderprogramms ist typisch non-fiktionales Programm. An den
Hits der kleineren Kinder lässt sich allerdings auch ein deutlich größeres
Interesse an fiktionalen Programmen ablesen.
Auch hier lassen sich deutliche Unterschiede anhand der Organisationsform des
Senders ablesen.
Die Bereiche „Mischform“ und „Non-Fiction“ sind fast ausschließlich bei den
öffentlich-rechtlichen Sendern zu finden. Die privaten Sender zeigen ein zu
rund 97% fiktionales Programm.
[i] Vgl. Weiss, Trebbe: Fernsehen in Deutschland 1998 – 1999, Vistas Verlag,
2000
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