| Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen |
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| Ben Bachmair |
Das Konzept des Forschungsprojekts
"Jährliche Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen - qualitative und quantitative
Fernsehprogrammanalyse in der Sicht der Kinder"
Kooperationsprojekt der Medienpädagogik der Universität Kassel und des Internationalen
Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen am Bayerischen Rundfunk.
Noch immer ist Fernsehen das Leitmedium der Kinder, das seine Sozialisationsfunktion
in der Spannung vielfältiger redaktioneller Programmabsichten und der Fülle
von Programmangeboten einerseits und unterschiedlicher sowie sich ändernder
Nutzungsvorlieben der Kinder andererseits entfaltet.
Das Forschungsprojekt untersucht die Schnitt- bzw. Verbindungslinie der Massenkommunikation
zwischen den Angeboten der Sender und der Nutzung der Rezipienten am Beispiel
des Fernsehens. Dazu wird jährlich eine Stichprobe im Umfang von je drei Tagen
Programm einer Kalenderwoche der für Kinder relevanten, in Deutschland lizenzierten
Fernsehsender erhoben und mit den standardisierten Fernsehnutzungsdaten in einer
Datenbank verbunden. Die Programmstichprobe von je ca. 500 Stunden im Jahr 2001
und 2002 (in 2000 ca. 400 Stunden) enthält alle deutschen Fernsehsender des
sog. "free-tv", die explizites Kinderprogramm anbieten.
Das ist das für Kinder relevante Tagesprogramm der großen Anbieter ARD, ZDF,
RTL, SAT.1, PRO7, RTL2 und SuperRTL in der Zeit von 5.00 bis 23.00 Uhr, das
gesamte Programm des Kinderkanals Ki.Ka (6.00 bis 19.00 Uhr) und das explizite
Kinderprogramm der Dritten Programme der ARD. Bis 2000 enthielt die Stichprobe
das explizite Kinderprogramm von TM3. Danach sendete TM3, jetzt Neun Live, kein
explizites Kinderprogramm mehr. Um die Entwicklung des sog. "pay-tv"
exemplarisch zu verfolgen, wurde 2001 und 2002 der Sender Fox-Kids in die Stichprobe
aufgenommen, obwohl keine GfK-Nutzungsdaten verfügbar sind.
Die Auswertung geschieht in vier Arbeitsbereichen:
Beitrag des Programmangebotes für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern,
Darstellung der kindlichen Lebenswelt und die Formen sozialer Orientierung,
Darstellung der Welt der Dinge und Ereignisse,
Darstellung der Welt der Kultur und der Medien.
Hinzu kommt die quantitative Bestandsaufnahme des Programmangebots und seiner
Ausdifferenzierung (u.a. explizites Kinderprogramm) und die ebenfalls quantitative
Auswertung der Programmpräferenzen der Kinder.
Die quantitative und qualitative Analyse von Programmangebot und kindlicher
Fernsehnutzung hat die Aufgabe, die mögliche Verbindung von Fernsehangebot und
Lebenswelt der Kinder aufzudecken, um die Sozialisationsfunktion des Fernsehangebots
zu erörtern. Diese Sozialisation ist in die Dynamik der Aneignungsprozesse des
Alltagslebens der Rezipienten und den dafür typischen Formen der Medienkommunikation
und Bedeutungskonstitution eingebettet. Davon lässt sich mit Hilfe der standardisierten
Fernsehnutzungsdaten und der Variablen Alter und Geschlecht nur eine Außensicht
erschließen. Deshalb arbeitet die qualitative Analyse Relationen heraus, wie
Kinder sich die in den Programmangeboten angelegten offensichtlichen bis verborgenen
Themen und Interpretationsmöglichkeiten aneignen und in ihre Lebenswelt einfügen
können.
Anlass der systematischen Bestandsaufnahme von Programmangeboten für Kinder
im Kontext der Präferenzen und Nutzungsgewohnheiten von Kindern war die Qualitätsdebatte,
die der Runde Tisch "Qualitätsfernsehen für Kinder" angeregt hat.
Hierbei stand insbesondere die Überlegung im Mittelpunkt, dass Qualität unter
anderem an der Verbindung von Programmangebot und Nutzung festzumachen sei.
Das komplexe Unterfangen, Programmangebote zu bewerten, wird insbesondere durch
das umfangreiche Angebot für Kinder sowie die zunehmende Ausdifferenzierung
der Genres im Kinderfernsehen erschwert.
Die öffentliche Diskussion umgeht eine komplexe Bewertungsaufgabe und greift
zumeist auf einfache Bewertungsmaßstäbe zurück, die eine Problembeziehung von
Kindern und Fernsehen unterstellt. Entsprechend stehen neben der regelmäßig
wiederkehrenden Gewaltdiskussion Themen wie Sprachprobleme durch die Teletubbies
oder Jugendschutz bei Talk-Shows auf der Agenda der medienpolitischen Diskussion.
Eine Erörterung und Bewertung von Fernsehen als Teil von Kinderkultur und kindlicher
Lebenswelt ist aus dieser vereinfachten Perspektive kaum möglich. Dies gelingt
nur, wenn das vielfältige Programmangebot zusammen mit den Präferenzen der Kinder
untersucht wird. Erst hierdurch entstehen Forschungsverfahren, die der bekannten
Formel von Prof. Gert K. Müntefering gerecht werden, Kinderfernsehen sei, wenn
Kinder fernsehen.
Die Sozialisationsfunktion des Fernsehens als Teil der kindlichen Alltags-
und Lebenswelt für Persönlichkeitsentwicklung und für die Sicht der Kinder auf
die Welt
Für die heutigen Kinder und die Mehrzahl ihrer Eltern ist Fernsehen ein selbstverständlicher
Teil des Alltagslebens und der jeweiligen Lebenswelt, sicherlich mit zum Teil
recht unterschiedlichen Funktionen und Präferenzen bzw. Bewertungen. Zudem ist
Fernsehen immer noch das Leitmedium der Kinder, obwohl erkennbar ist, wie sie
Fernsehnutzung von Kindern in zunehmend mehr Medienverbundsysteme des Alltagslebens,
das sind Medien- und Ereignisarrangements, integrieren. Als integrierter Teil
des kindlichen Alltagslebens hat Fernsehen Sozialisationsfunktion und damit
Relevanz sowohl für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern als auch für
die sich entwickelnde Beziehung von Kindern zur dinglichen, sozialen und kulturellen
Umwelt. In der gleichen Selbstverständlichkeit in der Erziehung generationsübergreifend
in die Beziehung von Eltern und Kindern eingebunden ist, ist Fernsehen Teil
der generationsübergreifenden Sozialisation, die jedoch die Massenkommunikation
mit ihrer typischen Logik prägt.
Zur Logik der Massenkommunikation gehören konstitutiv die subjektiven Aneignungsprozesse
der Kinder, die medienbezogene Sozialisation keinesfalls als prägenden Übernahmeprozess,
sondern zu einem Vermittlungsprozess werden lassen, bei dem Fernsehen die Funktion
symbolischen Materials innerhalb subjektiv sinnhafter Prozesse der Bedeutungskonstitution
bekommt. Wichtig ist hier die Einbindung von Fernsehangeboten in größere Medien-
und Ereignisarrangements, die jedoch das Forschungsprojekt "Bestandsaufnahme
zum Kinderfernsehen" nicht untersucht. Ebenfalls nicht untersucht werden
die über das Programmangebot hinaus gehenden Seiten des Mediums wie beispielsweise
das Verhältnis von Auge und Ohr, Rezeptionssituationen, die Funktion angeeigneter
Fernsehsymbolik im Alltag und deren Funktion für Subjektivität sowie die allgemeine
gesellschaftliche und kulturelle Funktion des Mediensystems Fernsehen wie Verfügbarkeit
oder Öffentlichkeit. Das Forschungsinteresse richtet sich vielmehr auf das Programmangebot
als medialer Text, sowie auf die Nutzungspräferenzen als Indikatoren für die
lebensweltliche Aneignung. Fernsehen entfaltet seine Sozialisationsfunktion
in der subjektiven Aneignung des Programmangebotes durch Kinder, die Subjektivität
mitkonstituiert.
Für unsere aktuelle Situation mit hoher Individualisierung und Fragmentierung,
aber auch mit hoher Verdichtung bei der Bewältigung des Alltagslebens und mit
der individuellen Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Zusammenhänge in Lebenswelten
stellt sich für Erziehung wie für Sozialisation die Aufgabe, Kinder in ihrer
Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und in ihrer Identität zu stärken. Das
geschieht, gelingt oder misslingt, in einer medial geleiteten Sozialisation
zumeist ohne die persönliche und stützende Begleitung der Eltern. Eine medial
geleitete Sozialisation führt Kinder jedoch in einer typischen Weise in die
Wirklichkeit unserer Welt und in unserer Art zu leben ein. Fernsehen repräsentiert
dabei in medientypischer Weise die dingliche, soziale, politische, ökonomische
und kulturelle Welt für Kinder, die jedoch mit der Persönlichkeitsentwicklung
der Kinder unterstützend korrespondieren, mit der sie jedoch auch stören und
in Widerspruch geraten kann.
Für die Beziehung der Menschen in unserer individualisierten, fragmentierten
und verdichteten Gesellschaft ist heute ein hohes Maß an Verständnis für die
Eigenart anderer Menschen und für deren Lebens ebenso notwendig, wie für die
jeweilige eigene Logik der Dinge und Ereignisse. Medial vermittelte Sozialisation
hat eine besondere Chance, Kinder anzuziehen, sich die vielfältige soziale,
dingliche und kulturelle Welt anzusehen. Fernsehen mit seinem Sender- und Programmaufbau
sowie mit seiner Sendungsdramaturgie gelingt es, Kinder leichter zu gewinnen
als z.B. der Schule. Mit welchen Deutungsmustern Fernsehen dies schafft, hat
jedoch auch Konsequenzen für die Weltsicht und die Persönlichkeitsentwicklung
der Kinder.
Das Forschungsprojekt "Bestandsaufnahme zum Kinderfernsehen" ist
ein Kooperations-Projekt der Medienpädagogik der Universität Kassel und des
Internationalen Zentralinstitutes für das Jugend- und Bildungsfernsehen am Bayerischen
Rundfunk. Es wurde von Prof. Dr. Ben Bachmair geplant, der es auch leitet. Projektmitarbeiter
sind Clemens Lambrecht, Dipl. Päd. Claudia Topp, Klaus Rummler und Judith Seipold.
Arbeitsbereiche der Untersuchung
Logik der Arbeitsbereiche
Für Kinder wird das, was im jeweiligen Fernsehtext angelegt ist, relevant,
sobald Kinder sich Aspekte dieses Angebotes in der Sinnperspektive ihres Lebenslaufes
und ihrer subjektiven Themen bezogen auf ihre soziale Umgebung aneignen, wobei
die auf einander bezogenen verschieden kodifizierten Angebote (Medien, Konsumobjekte,
Ereignisse) der Medienverbundsysteme des Alltagslebens den Relevanzrahmen abgeben.
Für unsere aktuelle Situation mit hoher Individualisierung und Fragmentierung,
aber auch mit hoher Verdichtung bei der Bewältigung des Alltagslebens und mit
der individuellen Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Zusammenhänge in Lebenswelten
stellt sich für Erziehung die Frage, wie Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung
zu fördern und in ihrer Identität zu stärken sind. (
1. Arbeitsbereich). Eine medial vermittelte Aneignung führt Kinder in einer
typischen Weise in die Wirklichkeit unserer Welt und in unserer Art zu leben
ein (
2. Arbeitsbereich). Fernsehen repräsentiert dabei in medientypischer Weise die
dingliche, soziale, politische, ökonomische und kulturelle Welt für Kinder (
3. Arbeitsbereich und
4. Arbeitsbereich).
Die Arbeitsbereiche 5 und 6 beschäftigen sich quantitativ mit dem Programmangebot
aus der Sicht der Sender bzw. mit den Nutzungspräferenzen der Kinder. Zur Senderperspektive
gehört die explizite Widmung einer Sendung oder Sendungsfläche an Kinder ("explizites
Kinderprogramm").
Verfahren der Untersuchung
Programmstichprobe
Das Programmangebot unterliegt strukturellen Veränderungen u.a.
- durch schwer kalkulierbare
Verschiebung von Programmrechten z.B. für Fußball, Formel-1,
- durch institutionelle
Veränderungen z.B. der Besitzverhältnisse bei der Filmrechte-Firma EMTV,
- durch neue Senderverbünde
(Sat1/Pro7/Kabel1, RTL-Gruppe) oder
- durch ökonomische Wachstumszyklen,
die die Summe der Werbung im Fernsehen und damit die Finanzierung von Programmen
beeinflussen.
Deswegen reicht eine einmalige Stichprobe nicht aus, um Fernsehprogramm repräsentativ
abzubilden. Die dem Projekt zur Verfügung stehenden vergleichbaren Programmstichproben
seit 2000 helfen zudem, Entwicklungstrends erkennen zu lassen.
Wochentage
Ziel der Stichprobe ist die repräsentative Abbildung des für Kinder
relevanten deutschen Fernsehangebots. Basis ist das Programmangebot von drei
Tagen einer Woche. Die Stichprobe muss die beiden Tage des Wochenendes (Samstag
und Sonntag) einschließen, da sich an diesen beiden Tagen sowohl Programmangebot
als auch Programmnutzung voneinander und von den Werktagen wesentlich unterscheiden.
Die Wochentage Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag ähneln sich sowohl
in Programmangebot als auch in Programmnutzung, weshalb einer dieser Tage exemplarisch
für die anderen stehen kann.
Jahreszeit
Da die Fernsehnutzung jahreszeitlichen Schwankungen unterliegt, ist
eine Stichprobe von nur drei Tagen einer Kalenderwoche mit Verzerrungen belastet.
Die Auswahl der Wochen erfolgt in Absprache mit der Programmstichprobe der "Kontinuierlichen
Fernsehprogrammforschung der Landesmedienanstalten" (vgl. Weiß 1998).
Auswahl der Sender
Die Stichproben enthalten:
- das für Kinder relevante Tagesprogramm der großen Anbietern ARD, ZDF, RTL,
SAT.1, PRO7, RTL2 und SuperRTL in der Zeit von 6.00 bis 23.00 Uhr. Wird explizites
Kinderprogramm vor 6.00 Uhr morgens gesendet, so wird auch dieses aufgezeichnet.
- das gesamte Programm des Kinderkanals "KiKa" (6.00 bis 19.00
Uhr)
- das explizite Kinderprogramm der Dritten Programme der ARD
- das Programm von 6.00 bis 22.00 Uhr des "Pay-TV" Senders Fox-Kids,
der exemplarisch für die neuen Bezahl-Spartenkanäle auf der Premiere-Plattform
ausgewählt wurde
Zeitumfang
Jede Stichprobe umfasst somit rund 500 Stunden Fernsehprogramm. Das
Videomaterial wird in short-play auf rund 170 VHS-Videokassetten aufgezeichnet.
Hierdurch wird eine Bildqualität sichergestellt, die ausreichend ist, um während
der Kodierung Bilder und Videosequenzen aus dem Material zu scannen.
Standardisierte Nutzungsdaten der GfK
Das quantitative Hilfsmittel, um Sendungsangebote in der Nutzungsperspektive
der Kinder zu untersuchen, sind die sogenannten Einschaltquoten der "Arbeitgemeinschaft
Fernsehforschung" (AGF), die die "Gesellschaft für Konsumforschung"
(GfK) kontinuierlich erhebt. Diese Einschaltquoten stehen der Forschung über
die Firma Media Control im Wesentlichen zur Verfügung.
Kindernutzungsflächen als Indikator für Präferenzen eines Publikumanteils
Leitend für die Kategorie der Kindernutzungsfläche ist die Frage nach
neuen Formen einer Ordnung stiftenden Programmorganisation bzw. von Mustern
der Programmordnung, die Kindern eigene Ordnungsmöglichkeiten anbieten, liefern
oder ermöglichen. Es geht deshalb empirisch darum, kollektive Ordnungsleistungen
von Kindern zu entdecken und zu beschreiben, die Programmzusammenhänge herstellen.
Dazu werden solche Programmsequenzen zusammengefasst, bei denen bei einem Sender
100.000 Kinder zuschauen, und zwar über den Zeitraum von 20 Minuten und mehr.
Dieser Grenzwerte wurde empirisch ermittelt.
Datenbank und Variablen
Abbildung des Programmablaufs in einer Datenbank und Kodierung des Materials
Der Programmverlauf wird auf der Grundlage der kleinsten Programmebene
(Sendungsteile, Trailer, Spots, Werbeblöcke usw.) in einer Datenbank (Microsoft
Access) abgebildet. Die Grundinformationen für diese zeitliche Rasterung des
Programmablaufs werden den Sendeprotokollen der GfK-Fernsehforschung entnommen,
in denen die jeweiligen Sender ihren Sendeablauf dokumentieren. Das gesamte
Videomaterial wird gesichtet und auf der Ebene der einzelnen Programmelemente
nach den Variablen des Kodeplans kodiert.
Das methodische Vorgehen der Stichprobenerhebung (Programmauswahl, Kodeplan,
Schulung, Kodierung und Revision) wurde in jährlichen Stichproben seit 1998
entwickelt und erprobt.
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